Ganz schön bissig ...
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Juli 2004
Alltagsgeschichte
von Susanne Schubarsky

Wie jeden Morgen stößt der Wecker um sieben sein gnadenloses Geheul aus und meine Augen öffnen sich genauso langsam wie sonst, vielleicht noch eine Spur widerwilliger. Das rhythmische Schnarchen im Bett neben mir setzt kurz aus, aber nur, um dann noch lauter fortgesetzt zu werden.
Ich würdige meinen Ehegespons keines Blickes - viel zu anstrengend um diese Zeit - und schleppe mich ins Badezimmer.
Was mir dort aus dem Spiegel entgegenstarrt, wirkt wie ein alter, abgedroschener Witz. Make-up und Fönfrisur am frühen Morgen habe ich schon vor Jahren aufgegeben, was aber niemand bemerkt hat, schon gar nicht mein Ehemann. Dem würde allerdings auch nicht auffallen, wenn er plötzlich eine andere Frau hätte, so lange er nur rechtzeitig sein Bier bekommt. Irgendwann haue ich wirklich ab und beginne ein völlig neues Leben ...
Haha. Wem mache ich da etwas vor?
Schnell wasche ich mir Gesicht und Hände, besprühe mich mit Deo und suche die Kleider, die ich gestern auf dem Weg vom Badezimmer durch die Diele verloren habe.
Während ich mich in die Jeans zwänge, höre ich Würgegeräusche aus dem Schlafzimmer.
Verdammt! Der Kaffee ist noch nicht fertig! Es dauert einige Minuten, bis ich in dem Chaos in der Küche die Kaffeemaschine finde und meine zitternden Hände davon überzeugt habe, dass sie bereits jetzt funktionieren sollen. Als die ersten Tropfen durch den Filter laufen, öffnet sich die Küchentür und Joachim schlurft drohend auf mich zu. Ich schließe die Augen und warte auf das Unvermeidliche.
Klatsch! Das wird wieder ein schönes blaues Auge, aber ich bin selbst schuld. Der Kaffee sollte schon längst fertig sein.
Während der Göttergatte sich im Badezimmer erneut übergibt, schnappe ich schnell meine Tasche und schleiche zur Wohnungstür, wobei ich lautstark über eine halbleere Flasche Weinbrand stolpere, deren Inhalt sich über den Teppich ergießt. Im Treppenhaus atme ich tief durch und warte, bis meine Knie nur noch leicht zittern, damit ich die zwei Straßen bis zur U-Bahn schaffe.

Im Büro verkrieche ich mich hinter dem Computer und tue so, als würde ich tatsächlich etwas tippen. Rund um mich dieselben stumpfsinnigen Gesichter wie jeden Tag, seit siebzehn Jahren.
Ich hämmere weiter planlos auf die Tastatur ein und zähle die Minuten bis zwölf. Dann kann ich mir endlich den ersten Schluck genehmigen – vorher trinke ich nie. Jemand, der schon vor dem Mittagessen trinkt, ist stark alkoholgefährdet, habe ich irgendwo gelesen. Auf diese Weise kann ich sicher sein, dass ich mein Trinken unter Kontrolle habe.

Ahh. Meine zitternden Hände beginnen sich zu stabilisieren, meine Laune hebt sich zusehends, und auch mein Gesicht schmerzt deutlich weniger. Ich überlege, was wir heute Abend essen werden, ob noch genügend Weinbrand im Haus ist, und hoffe, dass kein Fußballspiel übertragen wird, denn sonst kann ich mir „Casablanca“ nicht ansehen.
Fünf Minuten vor vier stehe ich startbereit neben meinem Arbeitsplatz. Punkt vier zische ich aus dem Gebäude Richtung Hypermarkt und beschließe, dass wir heute Lasagne essen. Mit zwei Flaschen Weinbrand und einer Stange Zigaretten ist die Abendgestaltung fertig. Und wenn ich nicht irgendetwas vergessen habe, schlägt er mich vielleicht nicht, und ich kann mich auf einen gelungenen Abend mit meinem Lieblingsfilm freuen.

Als ich die Wohnungstür aufsperre, springt mir Jimmi erfreut entgegen und streicht zärtlich um meine Beine. Nachdenklich gehe ich in die makellose Küche. Offensichtlich war die Putzfrau heute schon da. Ich schiebe die Lasagne in die Mikrowelle und füttere die Katze. Mit einem gepflegten Whiskey-on-the-rocks lasse ich mich vor dem Fernsehapparat ins Sofa plumpsen. Während ich hingebungsvoll meine Lasagne löffele, sitzt Jimmi glücklich schnurrend neben mir, und ich heule mir die Augen aus, als Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart den armen Victor Laszlo am Flugplatz zurücklassen. Ich ertappe mich ständig dabei, wie ich einen gehetzten Blick über meine Schulter in Richtung Wohnungstür werfe, als würde ich auf irgendjemanden warten. Vielleicht sollte ich vor dem Schlafengehen doch nur einen Drink nehmen, nicht zwei. Erst kürzlich hat mir Klara erzählt, dass sogar ein einziges Gläschen jeden Abend zur Abhängigkeit führen kann. Möglicherweise hat sie Recht.

Nach dem Film werfe ich noch einen Blick auf die Weltgeschehnisse des Tages, aber die sind auch nicht abwechslungsreicher als mein Leben. Ich sollte vielleicht einmal Urlaub nehmen und eine schöne Reise machen, so richtig aussteigen – aber wer passt dann auf meine Katze auf?
Ich drücke meinem Jimmilein einen Kuss auf die feuchte Schnauze und tapse mit ihm ins Schlafzimmer, wo ich mich erfreut auf das frisch bezogene Bett werfe. Ich muss unbedingt daran denken, meiner Putzfrau eine Gehaltserhöhung zu geben.

Am nächsten Morgen taste ich lüstern nach ihm, aber er ist leider schon aufgestanden. Wahrscheinlich absolviert er sein Tagespensum an Sit-ups und Liegestützen. Ächzend erhebe ich mich – und stelle überrascht fest, dass mir nichts weh tut.
Zu der schwungvollen Morgenmusik von der Videowand tanze ich in die Küche, wo schon ein gedeckter frühstückstisch auf mich wartet.
Es gibt diese Tage, an denen einem alles zu gelingen scheint. So wie heute. Schon beim Frühstück habe ich eine brillante Idee nach der anderen.
Lächelnd begrüße ich Jürgen und lege das filofix beiseite, in dem ich mir meine Notizen gemacht habe. Er kann es nicht leiden, wenn ich schon beim Frühstück arbeite und keine Zeit für ihn habe. Männer können ganz schön kompliziert sein, aber wenn es ihn glücklich macht, blicke ich ihm eben beim Kaffeetrinken tief in die Augen. Er plappert aufgeregt von seinen Plänen für den Tag, von seinem termin beim Stylisten und wie er es geschafft hat, endlich einen Tisch bei Andy’s zu ergattern, wo er heute Mittag mit Roland essen wird. Er ist so gut gelaunt, dass er nicht einmal eine Miene verzieht, als ich mein geschäftsessen am Abend erwähne, bei dem es spät werden könnte. Merkwürdig.

Irgendwie habe ich das Gefühl, als sei etwas nicht in ordnung, kann es aber nicht genau eingrenzen. Während ich in meinen Zweireiher schlüpfe, freue ich mich, dass das verstärkte training der letzten Wochen schon erfolg gezeigt hat und mir die neue, enganliegende Kombination jetzt wirklich gut passt. Beim hinausgehen küsse ich – nein, da ist natürlich niemand, ich bin scheinbar noch nicht ganz wach. Das muss ich unbedingt meinem Therapeuten erzählen. angeblich sind das Mangelerscheinungen. Vielleicht sollte ich die masturbation für einige zeit absetzen und es statt dessen doch einmal mit der kopulationsvermittlung versuchen. das hilft am besten über die schuldgefühle vor dem einschlafen hinweg, hat mir elsbeth erzählt.
ich schnalle mir, noch immer in gedanken versunken, meinen strahler um und verlasse meine wohnzelle in richtung verwaltungsblock.
Auf dem weg dorthin erspähe ich eine „familie“, die gerade ihre habseligkeiten zusammenrafft und verschwinden will. Ich bin schneller und erschiesse sie. Der tag fängt gut an, gleich mit vier extra-bonuspunkten. Die verwaltung sollte wirklich drastischer gegen diese konservativen anarchisten vorgehen. Jetzt wagen sie sich schon bis in bewohntes gebiet vor.
Als ich endlich im gesundungszentrum ankomme, ist es wie immer uebervoll. Gestern nacht war eine regenperiode vorgesehen – da ist wohl wieder etwas mit der genauen zusammensetzung schief gegangen. Ich behandle einen schrecklich entstellten kunden nach dem anderen und freue mich mit ihnen, wenn sich die zerstoerten gewebeteile unter dem e/m-konverter wieder nachbilden.
um neunzehnhundert stolpere ich voellich erschoepft hinaus und der wunsch nach einem snif wird uebermaechtig. ich beherrsche mich noch solange bis ich aus dem lift der nachrichtenzentrale aussteige und im freien bin – ausserhalb der reichweite der kameras. vorsichtig hole ich die kleine ampule aus der tasche meiner kluft und nehme einen tifen zug. der heimweg wird dadurch ertraeglicher, denn ich kann den entsetzlichen anblick ausblenden und in einem angenemen vakum dahingleiten bis ich an der aufnahmestele bin, wo ich meine wochenration abhole. heute habe ich gluek, denn es ist ein bon fuer einen GV-partner dabei – vileicht hat es der zentralcomputer dismal richtig erwischt und es ist ein hetero-man one abartige vorliben. Ach egal, ales ist beser als eine lere schlafnische.
ich neme meinen korb auf di schulter und gehe langsam di strase hinauf. warum ist nimand unterwegs um dise zeit? dan se ich den grund dafur. eine kaboki is los. ich lauf weg aber ich denk nur ans esen. hat jon genug erlegt? wirt davon di ganz sipe sat? vor der
hutte hoer ich in bruelen. ich lauf inni kuech damit ich schnel `s esen fertich hab. dan sin ale vol un i wil auch esen. aber da komt jon un holt mi auf syn lager un er slegt mi un es tut so we un i ...

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