Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Juli 2004
Aufruhr im Buchstabensalat
von Albertine Sprandel

Kugelrund ruht Q auf dem Sofa. U wartet neben ihm und ihre Hand liegt liebevoll auf seiner Schulter. Sie weiß noch nicht, dass seine Ruhe vom Aufruhr kommt, den er lange geplant hat und dem sie zum Opfer fallen soll.
Alle sind gekommen. A, B, C und alle anderen. E, I und O haben sich sogar feingemacht und als er das sieht, windet Q würdevoll seinen massigen Körper unter der Hand von U heraus. Er klopft sacht mit einem Zigarrenschneider an sein Glas, er hebt seine speckigen Beine auf das Sofa und er stellt sich auf. Das Sofa wölbt sich gefährlich nach unten, U rutscht fast ab, kann sich mit einem Arm noch an seinem Fuß halten und wird von Q mit festem Druck vom Fuß am Boden gehalten. Als das Schweigen im Raum komplett ist, hebt er seine Stimme im freundlichsten Tonfall:
“Sehr verehrter Vorstand, liebe Mitglieder, vielen Dank dass ihr heute vollständig zur außerordentlichen Buchstabenvollversammlung gekommen seid. Ich möchte euch eine wichtige Mitteilung machen. Ich habe mich entschlossen, ab sofort alleine ohne U zu klingen, zu schreiben und zu lesen . A, I, E und O können sich direkt mit mir zu Qal, Qirl, Qer oder quorren zusammenschließen.“

„Oohh“ O bricht als erstes in Entsetzen aus und ruft “Das geht nicht. Das kannst du nicht machen. Jahrhunderte lang hast du einig Seite an Seite mit U die Worte geformt!“
K wölbt seine Brust und ruft energisch:
„Als einer der Vorstände frage ich dich: Welcher Laut willst du sein? Das K, das gehört mir! Ich muss mir den Laut schon mit CH teilen, mit dir erlaub ich das nicht!“
„So einfach ist das nicht! Im Q- Laut da klinge auch ich!“ unterbricht W. „Immer muss ich dich ertragen wenn qualvolle Querelen, Quaddeln und Quoten durch das Land streifen Du herrisches K!“ W will sich auf K stürzen.
A schiebt sich dazwischen, sacht erklärt sie:
“Das ist nicht so wie es scheint. Eher müsste man sagen, rein aus der Sicht der Aussprache, nach den Erkenntnissen der Sprecherziehung, die wissenschaftlich belegt sind, wenn die Menschen ihre Lippen zu weit nach vorne schieben entsteht das unschöne ‚Kuwall’ statt ‚Qual’. Sonst spricht sich das Q ohne Mühen.“
„Da haben wir es! Das U stört“ ruft C kribbelig.
Keiner achtet auf U, die halb auf dem Sofa und halb darunter sich nicht rühren kann. Sie rollt bei den letzten Worten ihre Augen und verfolgt die großen Vorstände in ihrem Gebaren.
C fährt fort:
„Auch ich muss mich immer mit anderen zusammentun um in den Worten zu klingen. Wie schön ist es da in Frankreich oder gar Italien! Ich klinge in zwei Lauten!“
“Ja, gründe doch neue Geschäfte in anderen Ländern, wenn es dir bei uns nicht reicht, Q!“
„Geh in das Land des Qobar, des äthiopischen Nebels. Aber breche unsere Regeln hier nicht. Ich kenne das Recht, ich achte unsere Regeln!“ R rollt beim Sprechen sein „R“ wie es kein Mensch und kein Wort außer ihm kann. Q bewundert ihn dafür.
„Seht her, in der Seemannsprache steht das Q allein und bedeutet: ’An Bord ist alles gesund. Ich bitte um freie Verkehrserlaubnis.’ Ist das nicht schön, ist das nicht ausreichend?“
S beschließt geschmeidig seinen Kompromiss mit einem Lächeln. Die Empörung in den Gesichtern der anderen bleibt.
H’ s scharfer Atem schneidet durch den Raum:
„Ha, was macht ihr soviel Wind! Q ist doch nur der 17. unter uns, vollkommen bedeutungslos. Wir lehnen seine Erklärung einfach ab. Alles Quatsch. Ich buchstabiere Q u a t s c h“.

Q steht immer noch auf dem roten Sofa. Er steht in der Mitte und ist größer als alle anderen und dicker und fröhlicher. Er schiebt jetzt fast liebevoll U ganz vom Sofa und sagt leise:
„Ade. Du hast so viele Möglichkeiten. Du kannst mit allen, selbst mit den Vokalen leben. Nur ich, ich werde so selten geliebt, ich möchte jetzt endlich mehr erleben.“
Niemand sonst hat ihn gehört. U steht auf und streicht ihr Kleid zurecht. Unbehagen steht ihr im Gesicht, unschlüssig zieht sie sich zurück, nicht ohne den Kopf zu heben und zu rufen:
„Na wartet! Ich habe eine Idee!“
Die Versammelten hören sie und stutzen. In diese Stille setzt Q seine wohlgewählten Worte:
„Der Buchstabenminister ist bereits informiert. Es wird eine Querreform geben. Der Wortminister hat sein Quengeln aufgegeben und ist einverstanden.“
Der Saal tobt. Aufschreie und Stampfen und Empörungsrufe:
„Das ist unverschämt über uns hinweg bereits die Minister einzuschalten!“
“Ich bin dafür! Alle unnötigen Buchstaben raus aus den Worten!“
“Wir vom Verband der Konsonanten werden uns wehren! Wir prüfen das Verbandsausschlussverfahren für dich!“
„Wir vom Vokalverband lassen nicht zu, dass eines unserer Mitglieder so entblößt wird. Wir gehen vors Gericht!“
Einige Konsonanten und Vokale schließen sich verbandsübergreifend zusammen: “Wir sind für Neuerungen. Wir wollen die Buchstaben klingen lassen. Wir wollen Musik in die Ohren bringen und keine starren Regeln.“

U kommt zurück. Vor sich her schiebt sie lauter kleine Ohren und lauter kleine Münder. Sie ruft:
“Seht her, Kinder! So sehen die Buchstaben aus, die in euren Heften rot übermalt werden, die sich nicht ordentlich zwischen zwei Linien quetschen lassen, die Euch nicht einfallen, die ihr manchmal nicht versteht!“
Es wird immer voller. Q wird schwindelig von den vielen Leuten.
Die Kinder lachen schüchtern und tuscheln „Das ist also das hochnäsige K, das gierige G und das gemütliche Q?“
„Sollen sie denken‚ Buchstaben können sich nicht benehmen?“ fragt U.
Wortkünstler und solche die sich dafür halten, haben sich hereingemogelt. Einer quiekt schon in sein Handy „Neueste Nachrichten aus der Buchstabenvollversammlung! Querulanten unterstützen den Antrag von Q sich von U zu trennen!“
Ein anderer tippt schnelle Worte in seinen Laptop „Q ruft zur Rebellion auf!“
Ein dritter malt eine dicke Überschrift in sein Notizbuch:
„So sind sie wirklich die Herren und Damen, die unsere Wörter, Laute und Sätze regieren!“
Die Buchstaben schaben unruhig mit ihren Füßen. Seufzer und Räuspern kratzen durch den Raum.
Schweißperlen laufen über die dicken Backen von Q und er atmet schwer. U zieht ihn behutsam wieder ins Sitzen und streicht ihm über die Stirn. Der Reihe nach holt sie alle Buchstaben dicht zusammen, ein schönes Gruppenbild entsteht. Q sitzt eingesackt im Hintergrund. Ein Wortkünstler macht ein Foto.
Es wird morgen erscheinen und darunter steht:
“Es ändert sich nichts im Buchstabensalat. Die kleinen Schreiberlinge werden nie verstehen, warum U immer dem quabbeligen Q folgt.“

© Albertine Sprandel

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