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Juli 2004
Khrzg! – vegetarische Blauträume
von R. Funke

[„Das wahre Wesen der Zeit erkennt man nicht durch Betrachtung einer Uhr“]

Gegen neun klingelte mich ein Schnüffler der Stadtbibliothek aus blauen Träumen – blau wie die Haut einer ... einer ... ich kam nicht mehr dazu, es zu ergründen.
Ich wies ihn an, leise zu sein – meine Freundin und ihr neuer ghanesischer Lover schliefen noch. Der Schnüffler fragte nach dem Verbleib dreier Sternenkarten aus dem Jahr 55. Ich bot ihm ein volles Glas Absinth an, er leerte es in einem Zug und stellte keine Fragen mehr. Zumindest keine klar artikulierten. Als er sich verabschiedete, stand Tina splitternackt am Türrahmen – kein Haar bedeckte ihren makellosen Körper. Der Schnüffler sabberte auf den Fußabtreter. Die gedachte Verlängerung von Tinas Knospen standen im astronomischen 45° Winkel zum Sternbild der Jungfrau ... mit höchstens zwei Bogensekunden Abweichung.
Der ebenfalls enthaarte Ghanese flehte: „Let’s do the timewarp again“, noch bevor meine sextantengeschulten Finger die Theorie der direkten Linie verifizieren konnten. Dem Schnüffler stand das Fragezeichen ins Gesicht geschrieben, und ich zuckte nur mit den Schultern und sagte: „Künstlerkommune ...“

11:15. Borderland-Café – Studenten, Arbeitslose, Künstler, Außerirdische. Ein gestrandeter Matrose der Plejaden rülpste mich dumm von der Seite an – und das in einem Dialekt, der mein Frühstück in Bewegung brachte. Ich übte mich in Gelassenheit, exakt fünf Sekunden – dann polierte ich ihm die Visage. Verschwendete Lebenszeit, dachte ich und es tat mir leid, überhaupt reagiert zu haben. Doch als der Wirt die Überreste des morgendlichen Sparrings über die Türschwelle kehren wollte, bat ich ihn kurz innezuhalten, um mir dieses Bild einzuprägen – aus solchen Szenen schöpfen Maler ihre Inspiration ... und ich war ein Maler, nicht der bekannteste, aber zumindest einer jener, die Vorlagen mitunter selbst erschufen.

12:07. In meinem Atelier stierte ich gedankenversunken auf mein neuestes Werk „Drei eineiige Grazien in musischer Haltung“. Ich umschlich die noch feuchte Leinwand und erprobte die Wirkung aus verschiedenen Betrachtungswinkeln. Ihre Augen verfolgten mich – ein eindrucksvoller Effekt – Pupillen aus thermoplastischem Lack, stets fixiert auf Wärmequellen. Ich war zufrieden.
Eine der Grazien schaute plötzlich zur Tür. Tina tänzelte in mein Studio, losgelöst, beschwingt in durchsichtigem Satin. „Hach“, stöhnte sie gespielt schwermütig, drehte Pirouetten und spagatierte mit kraftvoller Leichtigkeit wie eine Gespielin des Olymps. Tina war eine Tänzerin, nicht die bekannteste, aber zumindest eine jener, die das Handwerk mit Bravour zur Kunst erhoben. Ihr professionelles Körperbewusstsein endete jedoch nicht auf dem Parkett.
„Bringt der Ghanese neuen Schwung in dein Leben?“, fragte ich sie.
Tina lächelte, rollte mit den Augen und seufzte.
„Was hat er, was ich nicht habe?“
„Er ist schwarz und ...“ Sie zeigte mir mit Zeigefinger und Daumen den gewissen Unterschied.
Ich lachte amüsiert. Meine männliche Eitelkeit konnte es nicht verletzen, da ich keine besaß, und ich hatte immer gewusst, was es bedeutete, mit einer nymphomanischen Tänzerin liiert zu sein. Ihre Neigungen waren menschlicher Natur – was meine Neigungen betraf, war ich mir diesbezüglich nicht sicher.
Tina balancierte auf den Fußspitzen, umfasste mich von hinten und küsste meinen Nacken. Dann legte sie den Kopf auf meine Schulter und betrachtete das Bild.
„Kenn ich die Damen?“, fragte sie keck, da sie wusste, dass ich meist nach Modellen malte.
„DIE Dame“, verbesserte ich, „es ist nur eine in dreifacher Pose.“
„Warum schauen die mich an?“
„Weil du heiß bist, Tina – Thermoplastik.“
„Und hast du schon einen Käufer?“
Die Frage überraschte mich, da ich sie mir selbst noch nicht gestellt hatte. Ich öffnete eine Neuralmin-Pille und zog das weiße Pulver ins Hirn. Die Welt wurde bunter.
„Ich werde es auf Neu-Techaus Relaisknoten anbieten“, antworte ich spontan.
Tina sah mich erschrocken an. „Mein Gott! Nicht Neu-Techau. Kein Mensch ist jemals von dort zurückgekehrt.“
Ich vermied es, ihr mitzuteilen, dass ich schon oft Bilder auf Neu-Techau angeboten hatte. Zumindest war ich davon überzeugt –Neuralmin vermochte, aus Vermutungen Tatsachen zu erschaffen.

***

Nichts war mehr wie zuvor, als Außerirdische vor zehn Jahren ein Sprungtor etabliert hatten. Die gute alte Erde, Wiege der Menschheit und der einst unumstößlichen Naturgesetze, wurde über Nacht vom Computerzeitalter in die Polydimensionalität katapultiert. Unten war oben und rechts konnte links sein. Die Zeit war eine zarte, regenbogenfarbige Pflanze – sie roch nach der Unendlichkeit des Universums. Wer sie pflückte und bei sich trug, konnte sich an jeden nur erdenklichen Ort wünschen ... selbst an jene Orte, die physikalisch gar nicht existieren durften. Das Sprungtor war Segen und Fluch. Es brachte, wie jede neue Technik, nie geschaute Dinge mit in den Realkosmos – schöne, erhabene Dinge, aber auch kosmischen Schmutz und gestrandeten Abschaum längst vergangener oder zukünftiger Epochen.
An der Schwelle zur neuen Zeitrechnung wurde manipuliert und rekonstruiert – der Mensch musste sich erst an die Möglichkeiten gewöhnen. Man führte Stalin zum Galgen und rettete Ghandi ins postmoderne Indien – nicht ein oder zwei Mal, sondern wöchentlich, bis man lernte, dass es keinen Sinn ergab, Geschichte zu manipulieren. Schließlich stand die Technik allen zur Verfügung und besaß keine Unterscheidung in arm, reich oder politischen Überzeugungen. Wenn nicht alle in der Lage waren, das Sprungtor gewissenhaft zu nutzen, würde es unweigerlich zum Untergang der Spezies Mensch führen. Ich frage mich heute noch, ob es weise oder dumm von den Außerirdischen war, uns dieses Instrumentarium zu überlassen ...

***

Als ich die Dimensionsschleuse betrat und sich mein Körper und Geist in unzählige Partikel auflöste, um eins mit dem universellen Strom zu werden, entließ eine unbekannte Macht einen Metallzylinder. Er schlug auf dem Fluss meines Heimatortes auf, prallte von der Wasseroberfläche ab und grub sich in den Asphalt der Hauptstraße. Das Donnern war ohrenbetäubend und verbreitete Angst und Schrecken, wie es lange nicht mehr auf der Erde zu vernehmen gewesen war. Der Zylinder öffnete eine Klappe mit digitalem, für jeden ersichtlichen Countdown – acht Minuten ...
Acht Minuten bis zum Tod des Sonnensystems. Was der Mensch in hunderttausend Jahren nicht geschafft hatte, den total overkill, erledigte die apokalyptische Bombe während eines kosmischen Wimpernschlages. Sie zerriss den blühenden, blauen Planeten und die Ausläufer der Druckwelle pulverisierten das Zentralgestirn wie alle anderen heimischen Himmelskörper. Der äußerste Kranz taumelnder Astroiden wurde mit ungeheurer Macht in die Galaxie geschleudert und vernichtete alles zwischen Sol und den inneren Bereichen der Milchstraße. Antimaterie enormer Verdichtung fraß sich von Stern zu Stern, von System zu System. Die Galaxie geriet ins Ungleichgewicht. Die gegenüberliegenden Spiralarme kollabierten auf Grund fehlender, ausgleichender Anziehungskräfte und stürzten in das Zentrum eines Schwarzen Lochs, welches alle Materie gierig in sich aufsog. Wie ein Ertrinkender, der Wasser in seine Lungen zieht.
Dann wurde es so still, dass ich die Gesänge höchster Gravitation zu hören meinte. Es war ein sonorer Ton, ähnlich dem Rauschen des Blutes, der von tieffrequenten Impulsen unterhalb der menschlichen Hörschwelle begleitet wurde – Tetawellen einer sich ankündigenden, kosmischen Eruption. Das Black Hole hatte sich verschluckt und kotzte überschüssige Energie in Form von Gammastrahlung in die Weiten des Alls. Strahlung, die alles Restleben verbrannte und den Humanoiden die Haut vom Körper schälte. Energetische Partikel einer inhalierten Galaxie, vermischt mit gravitativen Ausläufern einer anderen Dimension, die sich wie ein schwarzer Umhang über die einstige Milchstraße wölbte.
All das vernahm ich, doch ich glaubte es anfangs nicht und dachte nur an Tina ...
***

„Siehst du die selben Bilder wie ich, wenn du deine Lider öffnest“, fragt Uriella und leert das Glas in einem Zug. Sie verschwendet keine Zeit und weiß, dass jede Minute unseres Zusammenseins meinem Konto angelastet wird.
Ich erweise ihr dennoch den Gefallen der gewissenhaften Beantwortung und schaue ihr tief in die Augen. Sie ist es wert, meine Lebenszeit zu investieren. Verwaschenes Grau auf alpinem Weiß, keine Ader durchbricht die Reinheit ihres Organs. Ein Weiß, wie eine jungfräuliche Leinwand, welche danach schreit, von mir mit Farbe gefüllt zu werden. Die Welt spiegelt sich parabolisch – dort bin ich und alles andere, was meinen räumlichen Hintergrund auszumachen scheint.
„Ich denke, ja. Dein Blick ist ungetrübt.“
„Dann sollten wir beide hier, so schnell es geht, verschwinden ...“
Ja, das sollten wir, Uriella, sagt der letzte Mensch in mir.

***

Es begann um acht in der Früh der Lokalzeit, an einem Ort außerhalb der Normalität, in der Singularität einer nicht genau zu beziffernden Dimension, an einem Zwischenstop für die Reisenden in Zeit und Raum. Der Planet, dessen Fixposition die Gesetze der Physik ad absurdum führte und keinen nächtlichen Sternenhimmel besaß, trug die sterile Bezeichnung `Relaisknoten Neu-Techau81-83`. Eine Hälfte dieser Welt verdankte ihre Existenz der Wärme einer roten Sonne, die aus irgendeiner unwichtigen Position eines namenlosen Systems herausteleportiert worden war. Die Rückseite lag in ewiger Nacht und Kälte.
Am Ausgang der Dimensionsschleuse begrüßten Hinweisschilder die Reisenden in den vierzig galaktischen Hochsprachen des Quadranten, der sich laut einer Sternenkarte in der M33-Galaxie befinden sollte. Theoretisch – in Wirklichkeit lag der Relaisknoten auf einer anderen, für das Normuniversum unsichtbaren Dimensionalinterferenz, die es den Betreibern ermöglichte, eine Umsteigestation für Pendler und Fernreisende zu etablieren. Es gab somit nur drei Wege, die aus der Unwirklichkeit dieses Himmelkörpers herausführten: Relais 81/82 in Richtung Mittelpunkt/Randbereich des Universums und 83 zur M33-Endstation in den Realkosmos – jeweils nonstop.
„ju willy nais suf’nierr?“, drängte sich ein fliegender Händler auf und fuchtelte mit hochkomprimierten Digiprints vor meiner Nase herum, „komon. pretti laig – wärie noexpens!“
„niijä“, wies ich ihn ab – das einzige Wort, das ich in seinem primitiven Universaldialekt akzentfrei aussprechen konnte.

Im Bereich der Nachtgleiche betraten Händler die Fabrikhalle und stellten Tische auf. Links von meinem Stand verkaufte ein Steinmetz Heiligenstatuen und rechts bot ein alter Mann Ledereinbände an, deren Alter ich mit der Nase schätzen konnte. Ich fühlte mich eingeengt zwischen verklärter Religiosität und Stockflecken.
Auf meinem Tisch gab es nur einen Gegenstand: Ein Ölgemälde, das drei Musikantinnen aus dem siebzehnten Jahrhundert zeigte – Flöte, Gesang und Laute. Ausdruck und Haltung der höfischen Damen erinnerten an marmorne Friedhofsglypten, und ihr seltsamer Anmut wurde durch den uniformen Anschein biologischen Eineiigkeit unterstützt. Sie musizierten nicht aus reiner Freude, sondern weil ihnen nichts anderes übrig blieb. Ich kannte ihre Gedanken und verborgensten Wünsche, da mich die Signatur des Bildes als Schöpfer auswies. Die thermoplastischen Augen folgten stets meiner Bewegung.

Die Tore öffneten sich um neun. Die Besuchermassen sahen derart abgerissen und heruntergekommen aus, als flüchteten sie vor der klirrenden Winterkälte, die außerhalb der Fabrik auf ihrer Seite der Welt herrschte. Sie suchten nach Kleidung, Nahrung und ein bisschen Wärme – fanden jedoch Kunst, Kitsch und Antiquitäten. Wenigen war die nötige Kaufkraft und der Willen anzusehen, um auch nur einen der angebotenen Artikel erwerben zu können. So mancher Händler mochte sich bei dieser Kundschaft deplaziert vorgekommen sein, doch mir war es einerlei. Ich suchte nicht den Reichen oder Starken, den Snob oder Kunstverständigen, sondern nach dem Wesen, welches ich gleich zu erkennen glaubte, wenn es sich nur in die Nähe des Standes begeben wollte. Ich sehnte ein einfaches Wesen herbei, das die Begriffe Inspiration und Wertschätzung im Namen trug.

Die Schlange drängte sich am Gemälde vorbei, zog in großen, immer wiederkehrenden Bahnen um die beheizten Stände, ohne mein Bild eines Blickes zu würdigen. Diesmal, so dachte ich, wird es schwieriger werden, die Richtige zu finden. Wer braucht in diesen Zeiten und in dieser Welt schon einen Künstler? Meine Ware besänftigt nicht die knurrenden Mägen und schützt auch nicht vor dem Schmerz des ewigen Winters.
Gegen zwölf teilten Ordnungskräfte, die mit Schnürstiefeln und langen, schwarzen Ledermänteln bekleidet waren, den Besucherstrom und kassierten von den Händlern die Standgebühren. Einer der Ordner kam an meinen Tisch, sah mir starr und emotionslos in die Augen und fragte: „Sie bieten an?“
„Ein Ölgemälde.“
„Der Wert?“
„Ein Wesen, das es zu schätzen weiß.“
„Sie sind ein Mensch“, sagte er ohne verächtlichen Unterton, „zudem ein Träumer. Ich würde Ihnen raten, diesen Ort zu verlassen, dann stelle ich ausnahmsweise keine Rechnung aus.“
Am Nebentisch führten die Ordner den alten Mann ab und konfiszierten die Bücher. Er hatte das Zeitkonto überschritten. Der Kollege zur Linken schaute weg und ordnete hektisch die Auslage.
„Nun gut, wie Sie wollen. Ich gebe Ihnen sechs Stunden“, sagte der Ordner, tippte die Standnummer in die tragbare Kasse und gab mir einen Quittungsbeleg, „das kostet Sie zwei Jahre.“
Das schien mir angemessen. Nun lag es an mir, den wahren Wert meiner Kunst zu erkennen.

Um siebzehn Uhr verließ mich die letzte Zuversicht. Ich vergrub das Gesicht in die Hände, konnte das Desinteresse der Besucher nicht mehr mit ansehen. Worauf hatte ich mich eingelassen? Zwei Jahre für meinen Wunsch nach Bestätigung und Beachtung; zwei Jahre, die ich nun vielleicht gezwungen war, mich in den Strom jener armseligen Figuren einzureihen, endlose Runden zu drehen, bis auch ich die Arbeit eines anderen zu schätzen bereit bin. Ich kramte meine Neuralmin-Notration vom tiefsten Grunde der Jackentasche, warf einen flüchtigen Blick auf das Ablaufdatum, öffnete die Kapsel mit zittrigen Fingern und zog das Pulver entlang der Nasenscheidewand ins Hirn. Wenn schon untergehen, dann bitte bunt.

Plötzlich spürte ich sie, ohne hinzuschauen. Die Gegenwart war selbst für einen Blinden greifbar. Ihr Körper schien Wärme auszustrahlen, so wie die rote Sonne der ewigen Tagseite. Sie erhob sich aus der Masse, strich mit drei vollkommenen, feingliedrigen Fingern über den Rahmen des Bildes und ihr Herzschlag übertönte das monotone Schlurfen der anderen. Ich sah zu ihr hoch. Sie war die Flötistin, die Lautenspielerin und Sängerin in Personalunion - die Personifizierung meiner Träume und bildhaften Protagonistinnen - und besaß die gleichen humanoiden Grundzüge wie die drei Edeldamen. Doch die Haut war blau, wie der wolkenlose Himmel der fernen, winterklaren Erde und die Iris glich einer schmalen, taggewandten Mondsichel, mal weiß mal gelbgrau, je nach Fokussierung und Lichteinfall.
„Für dich heiße ich Uriella“, sagte sie vorwegnehmend, „und ich möchte dein Bild erwerben.“ Ihr Lächeln entblößte ein strahlendweißes Gebiss, das weder Unebenheiten noch Schneidezähne besaß. Das Wesen gehörte einer vegetarischen Gattung an, die den Wert einer Pflanze über alles stellte und sie mochte gut zwei Meter fünfzig messen. Die drei Mägen verliehen der Figur den Anschein einer Schwangeren und in mir erstarkte das Gefühl, wahrhaft von der Muse geküsst zu werden - Uriella musste sich nur tief genug zu mir herunterbeugen. Ich hatte das große Los gezogen – an ihrer Einmaligkeit gedachte ich zu wachsen.

Ich gab dem Ordner ein Zeichen. Er kam festen Schrittes an den Stand und löste den Kassencomputer vom Gürtel. „Ist der Handel abgeschlossen“, fragte er diesmal mit freundlich-interessierter Mine. Auch er schien von der Anwesenheit der Kundin angetan.
„Ja“, erwiderte jenes Wesen, das sich Uriella nannte, „ich nehme das Bild und der Künstler nimmt mich.“ Daraufhin schob sie ihr Reiseticket mit der ID in den Kassenautomaten und nannte dem Kassierer Namen und Herkunft in einer für mich unverständlichen, vokalarmen Kehlsprache, die nach den Bewohnern der barbarischen Randgalaxien klang. Der Ordner bedankte sich mit seltsam tiefer Verbeugung, küsste Uriellas Hand und hielt sie dreimal kurz an seine Stirn. Erst nach Jahren verstand ich den Grund dieser Ehrenbezeugung – Sie war eine Princess, die Thronfolgerin des Imam von Belaguese im Sternbild der Kuh – ein System, welches sich auf jenen Karten befand, die der Bibliotheksschnüffler zurückverlangt hatte. Princess Uriella, alleinige Beherrscherin unzähliger Seelen, verantwortlich für die Entsendung der apokalyptischen Bombe, um unterentwickeltes Ungeziefer aus dem Universum zu vertilgen.
Ich bekam den Bon, Uriella das Gemälde. Ich nahm sie bei der Hand und ging mit ihr zum Hinterausgang. An einer Bar des Nebengebäudes tranken wir ein Getränk aus längst vergangenen Zeiten, Cinzano genannt, und stellten fest, dass unser Geschäft nicht perfekter hätte sein können. Auch wenn es eine moderne Form des Sklavenhandels und der gegenseitigen Prostitution war, so gab es bei unserer Transaktion keine Verlierer.

***

„Dann sollten wir beide hier, so schnell es geht, verschwinden“, sagt sie.
Ich bin vollends ihrer Meinung, öffne die Tür zur Tagseite und laufe mit ihr in die Sonne. Die Wärme und das blühende Leben umgibt uns, und ich schwöre mir, nie wieder Lebenszeit für die Selbstbestätigung in einer dunklen Zwischenwelt aufs Spiel zu setzen – ein sinnloser Schwur, den ich gegen besseres Wissen leiste.
Wir reihen uns in die Warteschlagen der Reisenden ein - Uriella mit ihrem Bild und ich mit meiner Uriella. Bevor wir in die Dimensionsschleuse eintreten, werfe ich einen letzten Blick zurück. Sie alle könnten frei sein, den Hunger vergessen und den ewigen Sommer genießen. Es ist alles nur eine Frage der richtigen Einstellung.
Erleichterung und Zuversicht kehren zurück als wir die Schwelle betreten und sich unsere Körper für einen Augenblick an jedem Ort und in jeder Zeit unzähliger Universen befinden. Uriellas Augen erstrahlen im Glanze nie geschauter Galaxien und das Blau der Haut fügt sich nahtlos in die atemberaubende Farbenpracht kosmischer Nebel. So werde ich sie malen, an diesen Ort zurückkehren und das Schicksal erneut herausfordern - denn welchen Wert hat all das Streben nach Vollkommenheit ohne den Geschmack der Verzweifelung.
Jene, die sich Uriella nennt und mir ihr Leben für zwei Jahre meines Daseins überantwortet, umschließt meine Hand bei diesem Gedanken noch fester. Diese Art und Sensibilität scheint mich auch ohne Worte zu verstehen – „khrzg“, haucht sie mir zärtlich zu, schiebt die rosa Zunge verführerisch zwischen ihre vorderen Mahlzähne - und für mich gibt es nichts zu bereuen.
Doch aus dem Augenwinkel sehe ich lange Krallen aus den Fingerspitzen wachsen und messerscharfe Zähne, die sich vor das vegetarisches Gebiss schieben. Die Hand umkrampft die meine und der weiße Augenhintergrund ist blutunterlaufen. Verdammt, ich hätte auf die thermoplastischen Pupillen der drei Edeldamen schauen und wissen müssen, dass Kaltblüter keine Körperwärme ausstrahlen.
„khrzg!“, faucht sie mich an ... und das bedeutet Fleisch!

***

Ich erwache, sitze kerzengrade, schweißgebadet auf dem Futon und taste in der Dunkelheit zum Lichtschalter. Der aufflackernde Strahler blendet mich für einen Moment, bis sich die Augen an das grelle Licht gewöhnt haben.
„Schlecht geträumt?“, fragt eine Stimme neben mir. Es ist Uriella. Ich berühre sie, schaue in ihren Mund und untersuche die Fingernägel. Sie ist so wie immer – zwei Meter fünfzig, blaue Haut, weiße Augen – eine harmlose, wiederkäuende Vegetarierin.
Ich atme erleichtert auf, nehme sie in den Arm und drücke sie fest an mich. Die acht Zitzen der Euter schwellen an und sie gibt lustvolle, vokalarme Laute von sich. Unter der Bauchdecke hat sich eine weitere Ausbuchtung entwickelt, die nicht von den drei Mägen stammt. Es wird ein Mensch werden, der vielleicht als reiner Pflanzenfresser auf die Welt kommt - fern ab der zerstörten Erde, in einem Exil für jene, die es wagten, gegen den transgenetischen Ethikparagraphen zu verstoßen. Das Blau, den Blautraum einer perfekten Frau, habe ich in Uriella gefunden. Perfektion und universelle Einzigartigkeit, eine liebevolle Verbindung zwischen einem Homo Sapiens und der höchsten Evolutionsstufe einer Kuh. Ich mute dem Blautraum einiges zu – Uriella steht seit der Befruchtung unter der Einwirkung von Medikamentencocktails, die ihren Organismus zwingen, das fremde Erbgut nicht abzustoßen. Psyche und Metabolismus erleiden mitunter Höllenqualen, doch sie lässt sich nichts anmerken.
„Erzähle mir deinen Traum“, bittet sie.
„Verworren und seltsam ... du warst dort und ich. Wir waren wieder auf Techaus Relaisknoten, wie damals vor zwei Jahren – oder war es gestern? Doch du warst nicht du selbst. Wolltest mich fressen und fauchtest ‚khrzg!’ – Fleisch!“
Ein breites Grinsen zieht sich über ihr Gesicht, dann setzt sie eine gespielt ernsthafte Miene auf und fragt mit tadelndem Unterton, wie eine Mutter, die ihren Sohn beim Naschen erwischt hat: „Hast du etwa wieder heimlich Rindfleisch vor dem Schlafengehen gegessen?“ Daraufhin schüttelt sie den Kopf, lächelt wieder und die Augen verengen sich zur Sichel des abnehmenden Mondes – jene galaktisch-einzigartigen Augen, die ich so bewundere.
„Da frage ich mich manchmal, wer von uns beiden der Barbar ist.“ Sie lacht lauthals. „Khrzg bedeutet nicht Fleisch in unserer Sprache, da wir kein Pandon für Fleisch besitzen – es bedeutet ...“
„Nun sag, spann mich nicht auf die Folter, bitte!“
Die dreifingrige Hand gleitet über meine behaarte Brust, entlang des Bauchnabels, tiefer noch und umfasst jene Stelle, die außer Tina nur Uriella kennt. Dabei schaut sie mich fordernd, verführerisch, leicht neckisch an und haucht mit gespitzten Lippen und rollenden Augen hinter halbgeschlossenen Lidern: „Wie nennt ihr das noch gleich in der Sprache eurer ausgestorbenen Spezies?“
Ausgestorben? Nein, nicht wirklich, denke ich und streichle über Uriellas Bauch, der schon erahnen lässt, welchem Geschlecht der Stammhalter meiner untergegangenen Rasse angehören wird. Und wenn das Mädchen groß und stark ist, wird es seine Mutter töten, so wie Uriella die geliebte Tina und all die Geschöpfe der menschlichen Evolution vernichtet hatte ... und dann werde ich der Princess die Augen herausschneiden, ihren Kadaver häuten und auf Neu-Techaus Relaisknoten ein weiteres Mal das Schicksal herausfordern. Titel: Vegetarischer Blautraum auf gegerbter Naturleinwand, mit der Signatur des letzten echten Menschen und somit einzigartigsten Künstlers des Universums.
Geduld ist eine Tugend – die Zeit ist ihr Gegenspieler – und die Tochter, meine Heldin, wird stellvertretend für alle toten Humanoiden grausame Rache an den Kühen üben, wenn ich ihre Zukunft täglich aufs Neue in die Gegenwart entlasse und eine Armee des polydimensionalen Zorns erschaffe.
Aus welchem anderen Grund hätten sie uns die Dimensionsschleuse überlassen sollen? Uriella scheint vergnügt – noch ahnt sie nichts von der bevorstehenden, künstlerischen Verarbeitung ... und ich schalte das Licht wieder aus ... Schlafe schön, mein Blautraum, und träume süß ... ein letztes Mal, weil morgen wachst du ohne Haut auf und wirst einen Teil des Schmerzes erfahren, den du über mich brachtest. Wer das Fell der Göttin besitzt, wird selbst zum Gott.

***

12:10.
„Hallo!“, sagt Tina und tippt mit dem Finger an meine Stirn.
„Ja, was ist?“, frage ich leicht desorientiert.
„Ich hatte dich gefragt, ob du schon einen Käufer für das Bild hast. Erinnerst du dich?“
„Wann war das?“
„Na, grade eben.“ Tina lacht amüsiert.
„Sorry, war wohl ein Neuralmin-Flash ... ich denke, das Bild ist noch nicht fertig. Die Farbe der Haut stimmt nicht.“
„Und wie sollte ihre Haut deiner Meinung nach sein, Pascal?“, fragt sie, schließt die Augen und leckt die Reste des Pulvers von meinem Nasenflügel.
„Blau“, antworte ich spontan, während Tina mir die Kleider vom Körper reißt, wir nackt über den Boden des Ateliers rollen und uns die thermoplastischen Blicke der drei Grazien verfolgen. Irgendetwas stimmt mit meiner Tänzerin nicht ... ihr Körper hinterlässt blutige Abdrücke auf dem Parkett des Studios ...
Wie mag die wahre Welt wohl sein – ohne Pulver und Dimensionsschleusen – existiert dort draußen überhaupt eine Welt, denke ich und lasse die Zunge über die inneren Schenkel der nympho-polytoximanen Liebe gleiten.

***

Die Wärter kommen. Heute ist der achte Tag - Gott erschuf sich selbst, nannte sich Pascal und war zufrieden.
„Guten morgen“, flötet der weiße Kittel - ein als Psychiater getarnter Ghanese mit blauer Haut. Ich versuche ihn zu ignorieren und schaue durch das vergitterte Fenster in den Innenhof. Sie können mich nicht ewig hier festhalten. Die Princess ist Geschichte – lang lebe Pascal, der designierte Imam von Belaguese. In erster Amtshandlung werde ich dem Kittel in den Hintern treten und dieses Gemäuer einreißen. Doch vorerst muss ich die Posse mitspielen. Ich ringe mir ein Lächeln ab.
„Wie fühlen wir uns?“
„Ich fühle mich eingesperrt – wie Sie sich fühlen, entzieht sich meiner Erkenntnis.“
Ich verspüre Lust, auf ihn einzuprügeln, aber an den beiden Wärtern komme ich nicht vorbei.
„Gut. Und wo befinden Sie sich heute?“, fragt er mit dämlichem Grinsen.
„Was möchten Sie hören, Doc? Wenn ich aus dem Fenster schaue, dann würde ich sagen Nordeuropa. Aber das ist nicht real. Diese Welt, dieses ganze Sonnensystem existiert nicht mehr. Uriellas apokalyptische Bombe hat alles vernichtet.“
„So, so ...“, murmelt der Kittel und kritzelt irgendwas ins Memo, „was ist denn Ihrer Meinung nach real?“
„Alles andere – und vor allem ich.“
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“
Im Hof machen drei Damen die Runde. Der Weg unter ihren Füßen ist ausgetreten. Die Fesseln zwingen sie zu kleinen Schritten – sie tippeln wie Geishas und gehören zur paramilitärischen Speerspitze meines polydimensionalen Feldzuges. Eine Scherenschleiferin, eine Schlachtergesellin und eine Gerbereifachkraft. Der Albtraum aller Kühe - doch zugleich drei eineiige Töchter der Zukunft, die mir halfen, Uriella zu häuten. Sie sind schön - viel schöner als ihre Leihmutter - und sie besitzen ein strahlendweißes Gebiss ... ohne Mahlzähne.
„Warum lasst ihr meine Mädchen nicht frei?“, frage ich und deute in den Hof, „sie sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich.“
Der Kittel geht zum Fenster und schaut hinaus. „Wen sollen wir freilassen?“
Das habe ich erwartet. Es gehört zur Verwirrungstaktik.
„Was ist das letzte Reale, an das Sie sich erinnern können?“
„Ich betrachtete das Bild der drei Grazien im Atelier. Dann bestieg ich die Schleuse in Richtung Neu-Techau ...“ Ich wünschte, ich wäre ein Soldat, dann müsste ich ihm nur Erkennungsnummer, Dienstrang und Einheit nennen.
„Das sind Wahnvorstellungen, Pascal, es existiert keine Schleuse.“ Er kramt in den Unterlagen und überreicht mir einige Fotos. Ein kleines Dorf mit Bauernhäusern und Kühen. „Sagen Ihnen diese Bilder etwas?“
„Ja, ein Dorf mit Bauernhäusern und Kühen. Na und?“
Der getarnte Ghanese kratzt sich hinter dem Ohr. Blaue Farbe hängt unter seinen Fingernägeln. Er kann mich nicht täuschen. „Das ist Neu-Techau“, fügt er an, „ein anderes gibt es nicht.“
Ich gehe in die Offensive: „Was bezwecken Sie eigentlich mit Ihrer Taktik? Ich weiß ganz genau, dass sich Neu-Techau in der M33-Galaxie befindet. Es ist ein künstlicher Relaisknoten, der den Mittelpunkt mit den Randbereichen des Universums verbindet.“
Er zieht weitere Bilder aus der Tasche und legt sie auf den Tisch. Sie zeigen Tina und mich. Wir schauen verliebt und küssen uns. Meine Tina ... Im Hintergrund grasen friedliche Wiederkäuer.
Die drei Grazien im Innenhof lachen hysterisch, schlagen auf ihre Wächter ein und versuchen sich zu befreien. Der Ghanese räuspert sich. Die nächsten Fotos entstammen der Pathologie.
„Kühe“, flüstert der Doc, „erinnern Sie sich, Pascal?“
Tina liegt auf dem Seziertisch. Die Haut ihres einst makellosen Körpers hängt in Fetzen.
„Sie war in der achten Woche“, sagt der Kittel, „Drillinge. Der Bauer hat das Gatter aufgelassen, die Kühe gerieten in Panik und überrannten die junge Frau ...“
Ich starre aus dem Fenster. Die drei Grazien liegen am Boden und rühren sich nicht mehr.
„... Sie hatten Urlaub in Ghana gebucht. Es sollte Ihre Hochzeitsreise werden.“
„Das ist nicht wahr!“, schreie ich und strecke ihm die Faust entgegen.
Er legt den Arm um meine Schulter. „Man hat Sie vor zwei Jahren in verwirrtem Zustand auf einer Koppel in Neu-Techau aufgegriffen. Sie waren nackt und mit Blut beschmiert. Die Kälber dampften in den blauen Winterhimmel - sie waren mit einem Nervengift gelähmt und lebendig gehäutet worden ... ihr schmerzerfülltes Brüllen drang durch den ganzen Ort.“
„Welche Jahr haben wir?“
„1985“, antwortet er beiläufig.
Er zieht eine Spritze mit Neuralmin auf und sucht meine Vene. Ich wehre mich nicht mehr.
Sie haben gewonnen – ich habe gewonnen. Haut um Haut, ein perfektes Geschäft. Doch so ganz glaube ich die Geschichte noch nicht. Irgendetwas scheint nicht zusammenzupassen. Das Datum kann unmöglich wahr sein ...
Die Droge entfaltet ihre Wirkung. Vermeintliche Realitäten lösen sich auf. Die Grazien sprengen die Fußfesseln, reißen Mauern nieder und entführen mich in eine andere Dimension. Meine Töchter! Sie existieren doch! Lachend peitschen sie den Kittel über den Hof und schneiden ihm den Balg in Streifen. Aus ihren Haarspitzen wachsen Köpfe – tausende, millionen Köpfe. Sie graben rasiermesserscharfe Zähne in die Körper der blauen Kühe und entreißen Fleisch und Gedärm. Ihr genetischer Code erinnert sich: Sie sind keine Vegetarier - nein, das sind sie beileibe nicht, meine Töchter. Von fern erklingen Fanfaren zur Krönung des neuen Imams von Belaguese. Der rote Teppich verbindet die Randbereiche mit dem Mittelpunkt des Alls. Er zieht mich empor, hoch über die Raserei, die alles Sein im Blut ertränkt. Nun besitze ich die endgültige Kontrolle und Macht über das gesamte Universum und kann jenes formen, was ich wirklich liebe. Jetzt bin ich der Beherrscher unzähliger Seelen und eines abgeschlachteten Volkes, dessen existenziellen Sinn ich zuvor nie begriff.

***

12:10.
„Hallo!“, sagt Tina und tippt mit dem Finger an meine Stirn.
„Ja, was ist?“, frage ich leicht desorientiert.
„Ich hatte dich gefragt, ob du schon einen Käufer für das Bild hast. Erinnerst du dich?“
„Wann war das?“
„Na, grade eben.“ Tina lacht amüsiert.
Ich nehme ihr Gesicht in die Hände ... sie ist wunderschön und wichtiger als der Verstand und alle Naturgesetze und Systeme, die verbrennen, um Tinas Existenz zu ermöglichen. So und nicht anders werde ich sie in Erinnerung behalten ... an einem Ort, von dem uns niemand entreißen kann.
„Einen Scheißdreck auf Kühe und getarnte Ghanesen.“
Tina schaut verwundert – nur kurz – dann drückt sie mich fest an sich. Die drei Grazien schauen zu Boden – wir besitzen keine Körperwärme mehr, um die Blicke auf uns zu lenken.
„Geh nicht nach Neu-Techau“, flüstert sie mir beschwörend zu, „erspare dir diesen Anblick. Nimm mich so, wie ich jetzt bin ...“
„Ach was“, erwidere ich und küsse die einzige Liebe, „dort draußen gibt es nichts, was uns gefährlich werden könnte. Die Lebenden und die Toten fürchten uns, weil sie den Göttern nicht gewachsen sind.“
Tinas Bewegungen scheinen steif. Sie besitzen noch nicht die perfekte Geschmeidigkeit. Ihre Haut riecht nach Patchouli und Rosenwasser mit einem leichten Ton der Riesenlilie, die nur alle Tausend Tage erblüht, um Heerscharen von Aasfressern in den Kelch zu locken. Samtweich, wie in Milch gebadet – einer Pharaonin gleich. Es erfordert höchste Konzentration und gewaltige, kosmische Energien, um die Molekularstruktur aufrecht zu erhalten und die Verwesung des Fleisches zu verhindern. Ich küsse ihre Augenbrauen. Die Narben sind fast verheilt. Nur an wenigen Stellen sickert noch Blut aus den Rissen und tropft auf das Parkett. Materie und Antimaterie ringen um die Vorherrschaft. Doch auch die Biokinese werde ich eines Tages zur Perfektion bringen und aus dem süßen Golem einen selbstbewussten, vollkommenen Menschen erschaffen – und hernach eine unvergängliche Göttin, die an meiner Seite alles Sein regiert. Ich werde sie zu dem machen, was sie einst war ... auch wenn das ganze Universum im Blut und Rausch ertrinken muss. Wahre Liebe erfordert zuweilen unmenschliche Brutalität ...
Zwischen den Sternen trudeln ehemals blaue Kadaver. Konserviert für die Ewigkeit. Ihre astralen Seelen speisen die Tänzerin und lassen Haar, Horn und Haut aus ihr ersprießen. Unzählige Seelen für unzählige Körperzellen. Auge um Auge – Haut um Haut. Khrzg bedeutet Fleisch – und nichts anderes. Nun weht ein neuer Wind in den barbarischen Randgalaxien: Niemand befiehlt dem Imam Handeln und Denken.
Und ich habe Zeit ... alle Zeit der Welt, um die Menschheit ohne Fehl zu rekonstruieren.
„Komm, olympische Gespielin, ich lehre dich das Tanzen und bringe dich an jeden Ort und jede Zeit, die du dir nur erträumen magst, sobald die letzte Kuh geschlachtet ist und auch du die Gabe des Träumens dein Eigen nennst ...“
Unendlich langsam rückt der Zeiger auf 12:11. Eine Träne fließt über Tinas Wange und vermischt sich mit dem roten Lebenssaft. In acht Minuten nähert sich das Ende – immer und immer wieder. Ich stelle die Uhr zurück. Die Zeit scheint bezwungen – der Tod allerdings noch nicht.
„Du musst mich loslassen“, sagt Tina und windet sich sanft aus meiner Umarmung.
Sie tänzelt über das Parkett, leicht wie eine Feder. Eine letzte Pirouette, ein letzter Spagat.
„Begreife es doch“, haucht sie mir zu, „du bist nicht Gott - und ich bin tot.“
„Nein, nicht!“, flehe ich und versuche, sie zu fassen, an mich zu ziehen, niemals wieder freizugeben ... doch Tinas Struktur zerfällt und das Atelier löst sich auf.
Ich habe meine Konzentration verloren.

Im Innenhof der Klinik erblüht eine riesige Lilie. Ich rieche am Kelch der Verwesung. Tausend Tage sind vergangen ... tausend Tage der Trauer und Umnachtung.
„Sie müssen loslassen, Pascal“, sagt der Psychiater. Seine Haut ist schwarz.
Ich nicke und glaube, er hat Recht ... auch wenn mir seine Welt keine Freude mehr bescheren wird.

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