Bitte lächeln!
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Juli 2004
Wie ich verdoppelt wurde
von Jan Müller

“Aus Brüssel sind Sie?” Der Portier des Wolkenkratzers gab mir den Zimmerschlüssel für mein Apartment. “Was machen Sie in New York?”
“Ich halte ein Referat. Auf der Tagung für Spitzenköche.”
“Worüber?”
“Über den Nutzen des ayurvedischen Würzens in der französischen Küche.”
“Oho! Dann kennen Sie bestimmt das Twins?”
“Was ist das?”
“Ein Nobelrestaurant. Ein ganz besonderes. Dort können Sie sich duplizieren lassen.”
“Wie bitte!?”
“Sie bekommen eine lebende Dublette. Letztes Jahr war ich mit meinem Double Windsurfen in Florida. Sagenhaft! Natürlich, so ein Double nervt auch manchmal. Es zeigt einem hautnah, welche Nervensäge man ist. Auf der anderen Seite: dieses tröstliche Gefühl, jemanden zu haben, der einen ganz und gar versteht. Ohne Worte. Blick genügt ... Einfach fantastisch.”
“Sie sollten Geschichten schreiben.”
“Wieso?”
“Weil Sie mir so was auftischen, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber bitte, reden Sie weiter. Wo ist Ihr Double jetzt?”
“Recycled. Ich hatte es nur für ‘ne Woche. Mehr konnte ich mir nicht leisten – als Student. Portier bin ich nur nebenher.”
“Double für eine Woche?” Ich musste schmunzeln. “Sie haben Talent.”
“Sie glauben wohl, ich sauge mir das alles aus den Fingern? Wetten, dass Sie anders denken, sobald Sie Ihrem Double gegenüberstehen?”
“Ich sage Ihnen Eines: Machen Sie mit so was keine Scherze. Heute wird genug geklont, gepfuscht, an Genen rumgeschnippelt. Jedes Wesen hat doch sein eigenes Schicksal, seine Seele, seine ganz persönlichen Aufgaben und Wünsche.”
“Genau so hab ich auch gedacht. Bis ich selber ...” Er stockte, sah mir ins Gesicht und schaute dann neben mich, als stünde dort noch jemand. “Stellen Sie sich vor, Sie stehen doppelt da. So was können Sie im Twins erleben. Heute Abend um acht. Okay? Bitte kommen Sie mit. Ich wette eine große Flasche Bourbon, es wird der tollste Abend Ihres Lebens.” Er schob meinen Koffer in den Aufzug, drückte Stockwerk 54 und reichte mir die Hand. “Ich heiße Arthur.”
“Angenehm. Hendrik mein Name.” Ich schlug ein. “Ich lass mich überraschen.”
Nach dem Duschen lag ich auf der Couch, um den Jetlag auszuschlafen, da klingelte das Telefon. “Hendrik, hier ist Arthur, der Portier. Hätten Sie was dagegen, wenn noch zwei Gäste mitkämen? Linda und Robert Brown. Sind gerade aus Neuseeland eingeflogen.”
“Meinetwegen.”

Das Paar aus Neuseeland gefiel mir auf Anhieb: Robert, ein kleiner, drahtiger Anwalt mit graumeliertem Schnauzer, Linda, seine üppige junge Frau mit wallendem, kastanienbraunem Haar. Und das Ambiente des Twins erinnerte tatsächlich an ein Nobelrestaurant. “Austern und Weinbergschnecken sind hier der Hit”, meinte Arthur, als uns der Ober die Karte brachte. “Bis das Zeug fertig ist, können wir nebenan zuschauen.”
Gespannt schlug ich die Karte auf. Aber noch vor Salaten und Vorspeisen blieb mein Blick an folgender Preisliste hängen.

Ihr lebendes Duplikat
5 Minuten 1000 Dollar
30 Minuten 2000 Dollar
1 Stunde 3000 Dollar
1 Tag 5000 Dollar
1 Woche 10000 Dollar
1 Monat 20000 Dollar
Auf Lebenszeit 1 Million Dollar
Kinder unter 12 die Hälfte
Drittkopie 30 Prozent Rabatt

Linda und Robert starrten genauso wie ich. “Wie ist das zu verstehen?”, fragte Linda.
“Die Technik ist neu”, erklärte Arthur. “Der Rohstoff ist wahnsinnig teuer und zerfällt sehr schnell. Wir gehen gleich mal nach drüben und schauen zu.”
Nachdem wir bestellt hatten, führte uns Arthur in einen Warteraum, in dem Kunden saßen und gebannt nach vorne schauten. In einer Art Telefonzelle saß eine zittrige, weiß gepuderte Dame, zog ihre Ringe ab und legte sie in ein Schälchen. Die Nebenzelle war leer. Der Bereich vor den beiden Zellen war durch eine Trennwand aus getöntem Glas in zwei Hälften unterteilt. Videokameras filmten das Geschehen. Eine Kamera schwenkte zu uns. Ich sah mein Gesicht auf dem Bildschirm.
Eine Assistentin nahm der Dame die Schale ab. “Sonst noch Metall am Körper, Mrs. Watson? Halskette, Uhr, Schlüssel, Münzen?”
“Mein Oberschenkelbruch wurde genagelt.”
“Das ist in Ordnung. Nur was Sie ablegen können.”
“Und mir kann wirklich nichts passieren?”
“Keine Bange, Mrs. Watson. Sie müssen nur stillsitzen, während der 3D-Scanner läuft. Würden Sie bitte Ihr Kinn hier auflegen.” Die Assistentin klappte eine Kinnstütze nach vorn und stellte sie ein, bis die Kundin aufrecht saß. “Solange das rote Lämpchen blinkt, bitte nicht bewegen.”
Sie schloss die Kabine von außen, bat uns, an der Wand Platz zu nehmen, und griff zu einer Armatur, die an einem dicken Kabel von der Decke hing. In den Zellen ging das Licht aus. Nur das rote Lämpchen blinkte.
Alle starrten auf die beiden Zellen. Anfangs dachte ich, es geschähe überhaupt nichts. Bis ich merkte, dass in Zelle zwei unmerklich die Beleuchtung zunahm und das Ebenbild der Dame immer deutlicher sichtbar wurde. Das rote Licht erlosch, die Assistentin öffnete die Zellen, schob die Kinnstütze zur Seite und reichte das Schälchen zurück. “Das war ’s schon, Mrs. Watson. Wenn Sie fertig sind, kommen Sie bitte heraus.”
Während die Kundin ihren Schmuck anlegte, bewegte sich ihr Double wie ihr Spiegelbild. Es griff in ein unsichtbares Schälchen und legte sich nicht vorhandenen Schmuck an. Dann standen beide auf, traten vor die Zelle und betrachteten sich durch die Scheibe.
“Der Augenblick der Selbstbegegnung ist für viele ein Schock”, flüsterte Arthur. “Ihr Spiegelbild hinter der Scheibe dagegen sind Sie gewohnt. Erst wenn Sie gefasst genug sind, schreiten Sie um die Trennwand und reichen Ihrem Double die Hand. So war ’s jedenfalls bei mir.”
“Und wie fühlt man sich dabei?”
“Als träte Ihr Spiegelbild leibhaftig aus der Scheibe.”
Die beiden Damen standen sich wie angewurzelt gegenüber. Eine Ewigkeit verging. Dann gaben sie sich einen Ruck und schritten zitternd zum Ende der Trennwand. Dort blieben sie nochmals stehen, zögerten, machten einen Schritt nach vorn und lagen sich in den Armen. Die Assistentin gab dem Original, das den Schmuck trug, ein Kärtchen. “Achten Sie bitte auf den Rückgabetermin, Mrs. Watson. Kommen Sie lieber etwas früher als zu spät. Nach dem Verfallsdatum übernehmen wir keine Garantie. Das Video vom Augenblick Ihrer Selbstbegegnung erhalten Sie an der Kasse. Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne Zeit zu zweit. – Mr. Barley, bitte in Kabine eins.”
Der Ober kam auf uns zu und meldete, das Menu sei angerichtet.

“Wie funktioniert das?” Robert pulte seine Weinbergschnecken aus dem Gehäuse.
“Ich bin kein Ingenieur”, erwiderte Arthur. “Ich weiß nur: Das Gefühl ist sagenhaft.”
“Ich dachte”, warf ich ein und stocherte in meiner Vorspeise, “ein Klon wächst langsam wie ein Embryo.”
“Das Duplizieren hat nichts mit Klonen zu tun. Es beruht auf Sensormodulationen. Das dauert nicht länger als eine Kernspin-Tomografie.” Arthur fischte sich vom Nebentisch ein Faltblatt und las. “Durch reflexive Photosynthese, atmosphärische Überdruckkompression und projizierte Ätherfeldanregung wird die Kopie sichtbar, greifbar und hörbar.” Er legte das Faltblatt beiseite und machte sich über seine Salatplatte her. “Vor zwei Jahren fing der Erfinder an, mit dieser Methode Freunde und Kollegen zu verdoppeln. Dabei stellte er fest, dass es mit gebürtigen New Yorkern am leichtesten ging. Vielleicht, weil Double und Original den gleichen Geburtsort hatten.”
Linda löffelte ihre Schildkrötensuppe. “In Neuseeland haben wir noch nie davon gehört.”
“Der Erfinder will erst testen, ob es weltweit funktioniert. Sobald er weiß, dass sich Menschen aller Kontinente problemlos duplizieren lassen, beginnt die Serienproduktion für den internationalen Markt.”
Der Gedanke, dass so ein Apparat bald schon in Brüssel stehen sollte, gefiel mir gar nicht. “Sofern sich Europäer darauf einlassen.”
“Sie sagen es. Genau das ist der Knackpunkt. Bisher wurden nur Amerikaner verdoppelt. Wie wär ‘s? Wollen Sie der erste Europäer sein?”
“Nein danke. Was geschieht, wenn ich bei der Rückgabe in der falschen Zelle lande? Lacht sich dann mein Duplikat ins Fäustchen? Lebt es weiter? Übernimmt es meine Aufgaben im Leben? Oder sind wir beide – ausgelöscht?”
“Europäer nehmen so was viel zu ernst. Wir Amerikaner sind da lockerer.”
“Sie sagten, Sie hatten letztes Jahr ein Double auf Zeit.” Ich legte die Gabel beiseite. “Sind Sie sicher, dass Sie nicht Ihr eigener Doppelgänger sind?”
Er überhörte meine Frage, denn der Ober brachte das bestellte Steak mit gebackenen Kartoffeln. Arthur schlang es hinunter, als hätte er seit Jahren nichts gegessen. “Und wie steht ’s mit Ihnen, Linda?”
“Reizen würde mich das schon. Aber die Preise!”
“Kein Problem. Ich kenne den Geschäftsführer. Da ich als Portier ständig Ausländer kennen lerne, bat er mich um Hilfe. Sie wären ja nicht nur Kunde, sondern gleichzeitig Versuchsperson. Ein Fünf-Minuten-Duplikat reicht völlig aus, um festzustellen, ob Neuseeländer kopierbar sind. Mit 200 Dollar sind Sie dabei.”
“Fünf Minuten? Unsinn! Mindestens eine Stunde. Robert, was meinst du?”
Robert strich sich den Schnauzer. “Ich ähm ... ich glaube, ich würde das nicht aushalten. Zwei Lindas – nichts gegen dich, meine Liebe – aber wenn ich mir vorstelle, beide reden unaufhörlich auf mich ein. Ähm ... Hättest du was gegen zwei Roberts mit zwei Brieftaschen?”
“O ja, zwei Roberts mit Brieftasche und zwei Lindas.”
Arthur grinste. “Und dann Partnertausch!”
“Ob sich das Double genauso anfühlt wie das Original?”, überlegte Linda. “Was würde das kosten, Arthur?”
“Ich frage mal den Geschäftsführer.” Arthur verließ den Raum.
“Hendrik”, Linda faltete die Hände. “Lassen Sie sich diese Chance nicht entgehen. Ich sehe schon die Schlagzeilen: das doppelte Geburtstagskind ... mehr Urlaub durch Dublette ...Hochzeitsnacht zu dritt ... Robert, wir sollten die Generalvertretung für Neuseeland übernehmen.”
“Abwarten.” Robert war einsilbig. “Mit uns geht ’s todsicher schief.”
“Wieso?”
“Neuseeländer sind Originale. Die lassen sich nicht kopieren.”
“Aber schau dich doch mal um! Die Duplikate sehen genauso aus wie die Originale.”
Linda wies auf die Tische ringsum. Überall saßen Kunden mit ihrem Double, das ihnen ähnelte wie ein Ei dem anderen. Arthur kam in Begleitung eines rundlichen Herrn mit Glatze und abstehenden Ohren zurück. “Darf ich vorstellen. Mr. McDole.”
“Zwei Stundendubletten für 400 Dollar”, sagte McDole.
“Wenn Sie mir 400 Dollar draufzahlen”, meinte Robert, ““würde ich ’s mir überlegen.”
“Wo denken Sie hin!? Versuchspersonen werden nicht bezahlt.”
“In Neuseeland werden Personen, die sich freiwillig für derart riskante Tests zur Verfügung stellen, entschädigt.”
“Aber Mr. Brown! Sie neigen zu Nostalgie.” McDole breitete die Hände aus. “Seit Jahren sind solche Tests in Branchen wie dieser weder freiwillig noch kostenlos.”
Ich nickte. “Man denke nur an Gentech-Nahrung, Klonen, an In-vitro-Fertilisation menschlicher Eizellen ...”
Robert wischte sich den Mund ab. “Neuseeländer sind keine Versuchskaninchen!”
“Also gut”, meinte McDole. “Ein Neuseeländer für eine Stunde – gratis!”
Robert zwinkerte uns zu. “Meinetwegen.” Er schien mit seinem Deal zufrieden.
“Eines wüsste ich noch gerne, Mr. Brown”, sagte McDole. “Glauben Sie, dass es bei Ihnen funktioniert?”
“Auf keinen Fall.”
“Danke, das genügt. Wir wollen testen, ob die innere Einstellung dabei eine Rolle spielt.” Lächelnd verschwand McDole im Nebenraum.
“Wenn wir drüben sind, Linda,” Robert lehnte sich zurück, “werfen wir einen Quarter, wer von uns beiden in die Zelle steigt. Zahl oder Adler?”
Lindas Hände zitterten leicht, während sie ihr Omelette mit Spargelspitzen aß. “Adler”, sagte sie.

Im Nebenraum stand eine junge Frau mit zwei gleich aussehenden Mädchen. Die Assistentin führte die Mädchen zu den Kabinen. “Das Original bitte hier rein.” Sofort liefen beide zu Zelle eins. Die Assistentin lachte. “Keine Angst. Ihr bleibt doch beide am Leben. Nach der Fusion seid ihr beide nur im selben Körper.” Dennoch wollte keines der Mädchen in Kabine zwei. “Das Duplikat hält sich höchstens bis morgen. Es ist besser, eine von euch geht freiwillig in Zelle zwei. Schon wegen der Wiederverwertung der Rohstoffe. Das Haltbarkeitsdatum darf auf keinen Fall überschritten werden. Nun kommt, Kinder, der Nächste wartet.”
Die Zwillinge umarmten sich, küssten sich auf die Wange und schlichen, während sie sich umschauten und winkten, in die Zellen links und rechts der Trennwand. Die Assistentin schob die Kinnstützen zurecht, bat die Mädchen stillzuhalten, schloss die Türen und bediente ihre Armatur. Langsam, fast unmerklich, wurde es in den Zellen dunkler, bis nichts mehr zu sehen war. Als das Licht wieder an ging und die Kleine den leeren Stuhl in Zelle zwei sah, fing sie bitterlich an zu schluchzen. Ihre Mutter kam und nahm sie in den Arm. “Komm, Sheila. Länger als ein Monat war nicht drin. Wenn du gute Noten kriegst, fragen wir Papa, ob du zum Geburtstag nächstes Jahr wieder in die Zelle gehen darfst.”
“Oh ja!”

“Zahl!”, rief Robert, während Arthur mit der Assistentin sprach. “Tut mir leid, Linda, für die nächste Stunde musst du zwei Roberts ertragen. Ich meine, falls es klappen sollte. Das kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen.”
“Mr. Brown!” Als Robert ohne Portemonnaie, Schlüsselbund und Armbanduhr in Zelle eins saß und das Licht erlosch, starrten wir gebannt auf Zelle zwei. Robert war nüchtern, skeptisch, ein kerniger Typ. Ich war mir sicher, der Stuhl würde leer bleiben.
Ich muss genauso große Augen gemacht haben wie Linda, als in Zelle zwei immer deutlicher ein zweiter Robert sichtbar wurde. Spiegelsymmetrisch verließen beide ihre Zelle und schritten die Trennwand ab. “Hallo, Robert, how are you?”
Zwei Roberts kamen auf uns zu. “Seltsam”, meinten beide im Chor. “Darauf müssen wir anstoßen. Linda, schau auf die Uhr. Wir haben genau eine Stunde.”
“Robert, bist du ’s? Lass dich umarmen.” Linda trat zaghaft an Robert zwei, der lediglich durch die fehlende Armbanduhr vom Original zu unterscheiden war. Er umarmte sie, als wäre er der Echte.
“He”, meinte Robert. “Nimm die Finger weg von meiner Frau!”
“Aber Robert! Das bist doch du!”
“Ich glaube, Linda, da verwechselst du was. Das bin nicht ich, das ist mein Abklatsch.”
Robert zwei lief puterrot an. “Ich bin Neuseeländer”, sagte er in Roberts knappem Tonfall. “Ich hasse Abklatsch.”
“Neuseeländer? New Yorker! Keine fünf Minuten alt. Ein Baby!”
“Hört auf, hört auf!” Linda stellte sich zwischen Robert und Robert. “Kannst du ... könnt ihr denn nie aus eurer Haut ... wenigstens für eine Stunde! Lasst uns den feierlichen Augenblick lieber begießen.”
Sichtlich verstimmt setzten sich die beiden Roberts an den Tisch und stießen mit uns an.
“Kalifornischer Weißwein.” Linda beäugte Robert zwei wie ein Wunder. “Schmeckt er dir?”
“Hm”, Robert zwei zuckte die Schultern. “Was heißt denn schmecken?”
“Oh, ich muss euch was erklären. “Arthur sprach zu Linda und mir, als wollte er etwas sagen, was nicht für alle bestimmt war. “Das Duplizieren klappt noch nicht für alle Sinne. Nur Sehen, Hören und Tasten werden kopiert. Das Double sieht genauso aus, fühlt sich genauso an und hat dieselbe Stimme. Zum Schmecken und Riechen aber müsste man das Erd- und Wasserelement kopieren. Wenn das so einfach wäre, gäbe es längst Kinofilme mit Geruch.”
“Typisch Amerika.” Robert eins verzog die Mundwinkel.
“Kein Geschmack”, entfuhr es mir. Sofort bereute ich meine Bemerkung, als ich sah, wie Robert zwei erbleichte und jeden Gesichtsausdruck verlor. Linda berührte seine Hand. “Bitte nimm das nicht persönlich, Robert zwei.”
“Wie?!” Robert zwei riss plötzlich Mund und Augen auf, griff sich an die Brust und klappte zusammen. Arthur sprang ihm zur Seite und fing ihn auf. Auch Robert eins wurde kreidebleich und kippte mir in die Arme. Arthur gab mir ein Zeichen mit dem Kopf. “Schnell in die Kabinen.” Wir schleiften sie in die Zellen. Sofort ging die Assistentin an die Arbeit. Linda und ich verfolgten gespannt, wie sich Robert zwei wieder in Nichts auflöste, während Robert eins langsam zu Kräften kam. Die Zellentür sprang auf, und Robert trat aufatmend neben Linda. “Was hab ich gesagt? Neuseeländer sind eben Originale. Und wie steht ’s mit Europäern?” Er sah mich herausfordernd an.
“Danke, ich werde mich hüten. Sie haben ja selbst erlebt, was dabei rauskommt.”
“Hendrik, Sie enttäuschen mich. Ich hab mich auch getraut.”
“Ja”, meinte Arthur. “Sie könnten auch gratis ...”
“Keine zehn Pferde bringen mich in die Zelle!”
Als Arthur merkte, dass ich standhaft blieb, holte er McDole herbei, der gerade mit dem Ober sprach. “Eigenartig”, sagte McDole. “Kein Europäer will sich testen lassen. Dabei sind Europäer nicht schwächer als Amerikaner. Ich sehe da überhaupt keinen Grund. Auch in mir fließt europäisches Blut. Meine Vorfahren stammen aus Irland.”
“Warum testen Sie sich dann nicht selber?”
“Das bringt nichts. Ich bin gebürtiger New Yorker. Ich wäre sogar bereit, Ihnen eine Entschädigung zu zahlen, damit ich endlich etwas testen kann, was mir schon seit Jahren in den Fingern juckt.”
“Warum ausgerechnet mit mir?”
“Weil Sie nicht nur Europäer, sondern auch Spitzenkoch sind. Einer der besten der Welt. Ich habe von Ihnen gehört, Hendrik. Ich bewundere Ihre Kochkunst. Dürfte ich Sie für einen Augenblick unter vier Augen sprechen?”
Ich hatte keine Ahnung, was der Test mit meinem Beruf zu tun haben sollte. Das begriff ich erst, als er mir persönlich eine Platte mit bestem belgischem Käse servierte. “Es ist Ihr Geschmack, Hendrik, der Sie einmalig macht. Ich möchte testen, ob Ihre Dublette vielleicht doch etwas schmecken kann. Wenigstens zehn Prozent der Geschmacksempfindung ihres Originals. Das würde schon reichen. Dann könnte ich in dieser Richtung weiter forschen. Menschen wie Sie findet man nicht alle Tage.”
Ich kam ins Schwanken. “Wer garantiert mir, dass es keine Nebenwirkungen hat?”
“Dafür lege ich meine Hand ins Feuer, Hendrik.”

Mein Widerstand war gebrochen. Als das Licht in den Zellen nach dem Erlöschen langsam wieder aufblendete, sah ich mein Ebenbild durchs dunkle Glas. Die Zellentür sprang auf, und langsam, Schritt für Schritt, näherten wir uns dem Ende der gläsernen Wand. Hinter meinem Double sah ich die Kameras, die meine Selbstbegegnung auf Video bannten. Ich gab mir einen Ruck und schritt zum Rand der Trennwand. Der Schatten meines Ebenbilds erschien am Boden. Meine Arme zitterten, meine Knie wurden weich ... Dann wusste ich nichts mehr ...
Als ich die Augen aufschlug, saß ich auf dem Stuhl in Zelle eins. Robert stand neben mir und drückte mir die Hand. “Bravo! Ich hab ’s gewusst. Ein Europäer lässt sich nicht kopieren!”
Er stützte mich und half mir aus der Zelle. Benommen steuerte ich den nächsten Stuhl an. Alle umringten mich. Robert, Arthur, Linda, die Assistentin und sogar die Kameramänner. McDole kam mit dem Ober, Sektgläser wurden herumgereicht, alle hoben die Gläser und strahlten mich an. “Applaus für Hendrik”, prostete Robert, “das nicht zu kopierende Original.”
Alle klatschten. Plötzlich sah ich in der Runde Robert zwei. Mir wurde übel. “Darf ich vorstellen”, sagte Robert, “mein Zwillingsbruder Ronald.”
McDole hielt mir ein Klemmbrett mit Stift hin. “Hendrik, als Europäer haben Sie doch sicher Sinn für Humor. Würden Sie mir bitte unterschreiben, dass Sie nichts dagegen haben, wenn wir den Ulk am Samstag Abend senden. In unserer Serie VORSICHT KAMERA.”
Ich unterschrieb, ohne meine Brille aufzusetzen. Man drückte mir ein Glas Champagner in die Hand. Ich trank. Alle starrten mich an, als wäre ich der erste Mensch.
“Kalifornischer Sekt,” sagte Linda. “Schmeckt er Ihnen?”
“Hm”, ich zuckte die Schultern. “Was heißt denn schmecken?”

Alle lachten – außer mir.

© janmueller.tm@freenet.de

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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