Sexlibris
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Juli 2004
Beim Schnabel des Propheten
von Susy Clemens

Zu meiner kleinen Familie zählt unter anderem ein achtzig Zentimeter großer denkender Graupapagei namens Baazi, der natürlich sprechen kann.
Eines Tages beim Spazierengehen mit Pirat, dem gelben Hirtenhund, sagte Baazi, der unangeleint neben mir herstolzierte, ernst:"Mama, du musst eine Geschichte schreiben, sonst wird in der Braugasse ein Mord passieren, ich spüre das!"
Mein Herz wurde schwer. In der Braugasse wohnen wir nämlich. Vor kurzem war eine furchtbar chaotische Familie neben uns eingezogen, die uns schlaflose Nächte bereitete. Baazis Prophezeiung konnte sich eigentlich nur auf diese Leute beziehen. "Auf Kommando schreiben kann ich nicht", erwiderte ich. "Seit Jahren leide ich an einer Schreibblockade, das weißt du doch!" – "Das ist dein Problem", meinte der Vogel. "Helfen kann ich leider nicht.
Schreib wie der Teufel, und zwar ein bisschen dalli! Alte Sachen hervorzukramen gilt nicht."
Auf dem Dachboden unseres Fachwerkhäuschens stand eine Höllenmaschine, die mein Mann da gefunden hatte. Und er wusste auch, wie sie funktionierte, der Gute! Die Maschine sieht aus wie eine Kombination aus Fleischwolf und Bankautomat: oben ist ein Trichter, in den man zu Papierkugeln zusammengeknüllte Blätter mit handgeschriebenen Texten stopfen kann, unten gibt es eine Art Schlitz, wo die Texte fein sauber gedruckt herauskommen, je nachdem, ob man einen blauen oder roten Knopf drückt, der eigene oder ein fremder, drückt man aber einen gelben Knopf, wird die Geschichte weggeschickt. Dafür muss man allerdings noch einen Briefumschlag mit Absender und Adresse in den Trichter schieben.
Die hüftlangen Rastalocken meines Mannes kitzelten meinen Nacken, als er mir erklärte, welche Knöpfe ich drücken müsse. Ich griff hinter mich, hätte viel lieber was anderes getan, aber er gab mir einen Klaps auf die Hand. "Später, Mama", sagte er. "Erst wird geschrieben." Wenn es schnell gehen soll, erläuterte er weiter,
könne man sich auch mittels eines Kennwortes in Trance versetzen und konzentriert an eine Geschichte denken. "Jetzt denk mal an, sagen wir, die letzte Vollmondnacht, dann klickst du hier, schiebst da ein wenig... schon hast du eine Kurzgeschichte." – "Und dann?", fragte ich erstaunt. "Schicken wir sie an das lokale Käseblättchen ' Berg und Tal' und ich hoffe, der Spuk hört auf," antwortete er. Ich befolgte seinen Rat, und die Höllenmaschine schrieb los:

"Wenn hell das Mondlicht.....
Eine Vollmondnacht in Fuchsenhausen, Sachsen-Anhalt. Fast hat der Mond seine Bahn beendet, silbriges Licht ergießt sich in die abschüssige Braugasse. Die Bewohner, sogar Spätheimkehrer von irgendwelchen Sommernachtsfesten, schlafen längst alle friedlich in ihren Betten. Alle? Nein, weit gefehlt.
"Jetzt hör aber auf, Alte, es knallt gleich, komm rein ins Haus! Los, Schluss, es reicht, zurück!" brüllt die Stimme eines jungen Mannes durch die Gasse,
gleichzeitig ist das unterdrückte Schluchzen einer Frau zu hören. Hat sich in dieser Vollmondnacht vielleicht jemand in einen Werwolf verwandelt, einen falschen Pilz gegessen, ein Glas zuviel getrunken? Nein, wieder daneben.
"Der jagt die schon wieder rund ums Auto", flüstert ein Kind seinem Geschwisterchen zu, ein anderes fürchtet sich und will zu den Eltern ins Bett.
Ein Hund versucht, dazwischen zu gehen: "Hört ma’ uff, Leude, seid friedlich! So benehm’ wir uns ja nich' mal!"
Schon seit einigen Wochen werden die Anwohner der Braugasse in Abständen unfreiwillig Zeugen solcher Szenen – und 2 Hunde, 6 Katzen, Kaninchen, Vögel und Fische ebenso.
Ein Kind ist sogar schon zum Schutz seiner Seele ausquartiert worden.
Es kursieren Gerüchte: Der Mann schlägt die Frau! Zu jeder Tages- und Nachtzeit schallen gestammelte Vorwürfe und Gebrüll durch die offenen Fenster.
Um Weihnachten war der Vorgarten des Hauses so übertrieben geschmückt als gelte es, einen von einem bekannten Radiosender ausgeschriebenen Wettbewerb zu gewinnen. Jetzt stapelt sich neben akkurat bepflanzten Blumentrögen der Sperrmüll, und den alten Sofas und Decken entströmt ein beißender Zoogeruch. Was auch immer sich in dem Haus abspielt – man will es lieber gar nicht so genau wissen. Tolerant ist man ja, seine eigene Schmutzwäsche hat man auch noch, und gebrüllt wird schließlich "woannerscht" gelegentlich ebenso..
Also versucht man, die Ohren zu zu klappen, es wird schon wieder vorübergehen.
Und im Stillen hofft man, dass das Häuschen, das vorher lange leer stand, weil es so hässlich und baufällig ist, vielleicht bald den Besitzer wechseln wird, ehe es Mord und Totschlag gibt. Außerdem will man, verdammt noch mal, endlich wieder durchschlafen können!“
Ich drückte auf den "Abschicken" – Knopf und sandte die Geschichte an 'Berg und Tal' , wo sie einige Tage später abgedruckt wurde.

Kurze Zeit später raste Pirat an die Haustür und jaulte, Baazi flatterte aufgeregt vor der Dachluke hin und her: auf der Strasse war die Hölle los. Nein, nicht die Hölle, sondern die neue Nachbarin in ihrer seltsamen Militärkluft und Springerstiefeln. Sie stand mitten auf der Strasse und kreischte: "Ich hol gleich die Bullerei! Ich bin nicht dir bös, und ich hab’ den blöden Artikel nicht geschrieben, bitte fahr jetzt nicht weg! Die Autoschlüssel kriegst du nicht!" - Patsch, da hatte sie sich von ihrem frankensteingesichtigen Freund eine Ohrfeige eingefangen. Sie versuchte, nach ihm zu treten, verfehlte ihn aber knapp, das Monster entriss ihr den Schlüsselbund und brauste davon.
Um es kurz zu machen: er kehrte nie zurück, und seitdem ist in der Braugasse wieder Ruhe eingekehrt.
Doch das Ganze hatte Folgen: ich hatte Geschmack am Ausdenken solcher Geschichten gefunden! Außerdem wusste ich jetzt, wie man mit der Maschine umgeht: oben stopfe ich Geschichten hinein, unten kommen ganz andere wieder heraus, so dass ich immer was zu lesen habe und mich nie langweilen muss. Allerdings ist es inzwischen notwendig, die Geschichten, die ich
oben einfülle, zuvor mit der Hand zu schreiben – nur an sie zu denken, reicht nicht. Leider hatte ich bei all der Aufregung das Kennwort vergessen, mit dem ich mich selbst in Trance versetzen konnte.

Eines Morgens trat Baazi an mein Bett, wo ich in meiner Lieblingsstellung seitlich lag, den Kopf in die linke Hand gestützt, und hektisch den Füller übers Papier tanzen ließ. "Mama", sagte er, "so geht's nicht weiter. Die Kinder haben heute Morgen nach sauberen Unterhosen gesucht, Papa will die Höllenmaschine auf den Sperrmüll schmeißen, der Pirat hat in den Flur gekackt und ich muss aus der Kloschüssel trinken, weil mein Wassernapf nicht gefüllt worden ist! Wenn du mit der blöden Schreiberei nicht bald aufhörst, wird in der Braugasse ein Mord geschehen!"
Und er stolzierte ganz dicht an mein Bett heran, öffnete seinen riesigen Papageienschnabel und...

Susy Clemens


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