Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Juli 2004
SCHOCK
von Roland Henschke

Schon am Morgen des ersten Urlaubstages gab es einen Krach zwischen mir und Sophia, die mich überredet hatte, drei Wochen lang mit ihr in den Süden ans Meer zu fahren.
Sie wollte sofort an den Strand gehen und schwimmen. Sie wollte sich Kirchen anschauen und die Innenhöfe von privaten Palästen fotografieren. Sie wollte am Abend auf dem Markplatz Eis essen und sich mit den Einheimischen unterhalten. Sie wollte in ihrer Vorfreude alles auf einmal und dies natürlich gemeinsam mit mir.
Aber ich mag so etwas nicht und hatte mich geweigert, mit ihr zu gehen. So kam es zu diesem Krach zwischen uns. Natürlich konnte ich ihre Enttäuschung verstehen. Wir kannten uns noch nicht allzu lange und sie wusste nicht, was mir im Einzelnen widerstrebt und was meine Vorlieben sind.
Um die Wogen zu glätten, sagte ich ihr, ich müsse mich erst einmal akklimatisieren. Einen Tag lang oder auch zwei allein für mich am Hafen sitzen. Die fremden Gerüche aufnehmen und den Geräuschen des Meeres zuhören und den Möwen zuschauen, wie sie über den heimkehrenden Fischkuttern schweben und sich im Sturzflug über den Gammel hermachen, wenn er von Bord geworfen wird.
Sophia sah mich entgeistert an und fragte mich, was ich da für einen Scheiß über Kutter und Möwen erzählen würde. Ein Spinner! Der würde ihr in ihrer Sammlung gerade noch fehlen. Und sie hätte sich schon so große Hoffnungen gemacht, dass wir beide gut zusammen passen!
Sie stellte sich an das offene Hotelfenster und weinte. Sie tat mir wirklich leid. Ich gab ihr ein paar größere Scheine aus meinem Budget und sagte, sie solle erst einmal etwas Schönes für sich einkaufen gehen. Das wäre doch schon mal einen halben Urlaubstag wert.
Sophia steckte das Geld ein, schneuzte sich und meinte im Hinausgehen, das letzte Wort über unsere gemeinsame Urlaubsgestaltung wäre noch längst nicht gesprochen.
*
In Wahrheit war die Sache komplizierter, als ich sie der Frau dargelegt hatte. Tatsächlich habe ich eine starke Abneigung, mich von einem Tag auf den anderen einem fremden Land und seinen Leuten gewissermaßen an den Hals zu schmeißen.
Aber der eigentliche Grund, weswegen ich allein sein wollte, war der, dass ich mir Arbeit von zu Hause mitgenommen hatte. Und das war übrigens auch der Grund, warum ich überhaupt mitgefahren war.
Denn ich war bei der Abfassung eines Drehbuchs derart ins Stocken geraten, dass ich mir fest einredete, in einer fremden Umgebung würde ich den Knoten in der Handlung zerschlagen können, der mir zu Hause unentwirrbar erschien.
Natürlich hatte ich meiner hoffnungsfrohen Bekanntschaft kein Wort davon erzählt. Und so hatte ich sie schon hintergangen, als ich ihr Angebot, sie hierher zu begleiten, spontan annahm.
Nun, da wir beide an unserem Reiseziel angelangt sind, sind wir schon wieder getrennt und ich fühle mich ausgesprochen unwohl bei dem Gedanken, diese Frau in ihrer freudigen Erwartung auf einen romantischen Urlaub zu betrügen. Denn sie mag mich sehr. Das hatte sie mir zu verstehen gegeben.
Und was passiert, wenn mir auch hier zu diesem verhassten Drehbuch nichts einfällt? In drei Wochen muss es fertig geschrieben sein. Wenn nicht, bin ich gefeuert und man wird sich in der Redaktion nach einem anderen Autor umschauen.
*
Ich verlasse das Hotel und gehe zu dem kleinen Fischereihafen runter. Immerhin, das hatte ich ihr angekündigt und wenn sie mich brauchte, würde sie mich finden. Ohne mein Notebook, nur mit einem Heft und einem Schreiber in der Jackentasche. Also völlig unauffällig und ohne mich zu verraten.
Auf dem Weg denke ich darüber nach, wie es gewesen wäre, wenn ich ihr gleich zu Anfang alles erzählt hätte. Immerhin möglich, sie hätte Verständnis für meine Lage gehabt oder es sogar spannend gefunden, mit mir gemeinsam an der Story zu basteln.
Sie ist trotz ihrer touristischen Allüren eine intelligente Frau und es wäre ihr vielleicht sogar etwas Brauchbares zu meinem Problem eingefallen. Es passiert immer wieder, dass Außenstehende den richtigen Tip hervorzaubern, wenn sich der Autor in eine ausweglose Situation manövriert hat.
Jetzt stehe ich unter doppeltem Druck. Da ist der Abgabetermin des Drehbuchs und da ist die Erwartungshaltung meiner Bekannten an mich. Es ist schlimm, einem Menschen seinen Urlaub zu versauen.
Ich bin ein Idiot.
*
Die Straße führt direkt vom Hotel ans Wasser. Auf eine schmale Promenade zu, an deren beiden Verlängerungen links und rechts die verwaisten Kais liegen. Die Kutter werden noch draußen auf See sein. Es ist Mittagsstunde und es ist heiß.
Ich gehe in eine Bar, setze mich an die Theke unter den kühlenden Deckenventilator und bestelle mir ein kaltes Bier vom Fass. Die Bedienung ist hübsch und von freundlicher Teilnahmslosigkeit. Ein paar Jugendliche spielen an Automaten. Ansonsten ist es leer. Aus einer Ecke dudelt leise Musik.
Ich ziehe mein Heft aus der Jacke, lege es dicht vor mich hin auf den Tresen und schlage es auf. Es ist jungfräulich. Beim Anblick der leeren Seite wird mir schlecht und ich trage Ort und Datum ein, was mich für einen Moment entspannt.
*
Nach zwei Stunden habe ich einige Gläser Bier getrunken, ich bin ein paar mal pinkeln gegangen, ich habe den Ragazzi beim Spielen an den Automaten zugeschaut und ich habe außerdem etwas geschrieben.
Es gefällt mir, was ich da geschrieben habe. Ich fühle mich wohl. So stelle ich mir die taktvolle Annäherung an eine andere Kultur vor: ein Fremder schaut in einer Bar vorbei, macht eine gute Zeche und spielt sich nicht auf mit seinen stümperhaften Kenntnissen der Landessprache.
Ein bisschen geheimnisvoll wirkt er, wie er da so sitzt und überlegt und hin und wieder etwas in sein Heft kritzelt. Vielleicht ist er ein ausländischer Autor, der sich wichtige Notizen macht und vielleicht schreibt er sogar ein Drehbuch über diesen Ort hier.
Scheiße...
Ich schaue in die Spiegelwand mir gegenüber und entdecke mich und ich erschrecke. Ich sehe einen angesoffenen Touristen mit trübem Blick, der unrasiert ist und dem die Haare in das bleiche Gesicht fallen. Mehr sehe ich nicht und ich weiß auch in diesem Augenblick, dass das, was ich da geschrieben habe, hohles Geschwafel ist.
*
Wenn ich etwas getrunken habe, dann torkele ich nicht herum und bin meistens auch bei bester Laune. Ich kann mich locker unter den Menschen bewegen ohne dabei unangenehm aufzufallen.
Heute ist alles anders. Als ich die Bar verlasse, trifft mich die Hitze wie ein Schlag ins Gesicht. Ich fühle mich wie ein Schauspieler, der seinen Text nicht gelernt hat, der seine Gänge nicht weiß und in das grelle Scheinwerferlicht der Bühne gestolpert ist aus eigener Dummheit.
Ich fühle mich deprimiert und von mir selbst angewidert.
Wie wird dieser Tag enden?
Ich flüchte in eine der schmalen Gassen, die zu den Bootswerften führen. Auf der Suche nach einer frischen Brise stolpere ich am Kai entlang im Schatten der Werftschuppen.
Ich stoße auf einen heruntergekommenen Typ, der draußen neben der Tür einer Osteria hockt. Ich bleibe stehen und spreche ihn an. Ein Landsmann, wie sich herausstellt. So um die dreißig. Einer, der hier anscheinend mal als Tourist hängen geblieben ist.
Er hat kein Gepäck bei sich. Er ist dürr und braun gebrannt. Ich frage ihn, ob ich ihn einladen darf. Er nickt, bequemt sich aus seiner Hocke hoch und wir setzen uns an den einzigen Tisch vor der Osteria.
Wir bestellen etwas zu essen und Wein. Gewöhnlich höre ich mir ganz gern irgendwelche Lebensgeschichten an. Und ich vermute, dass mein Gast nach dem ersten Schluck anfängt, mir sein verkorkstes Schicksal zu erzählen.
Aber danach ist mir heute nicht zumute. Ich habe meine eigenen Sorgen. Vielleicht fällt ja dem Tramp etwas zu dem Drehbuch ein. Also bitte ich ihn, mir zu helfen und skizziere ihm in aller Kürze die Story und schildere ihm das Problem.
Während ich erzähle, schlingt er sein Essen runter. Aber er hört mir aufmerksam zu. Sein konzentrierter Blick geht keine Sekunde von mir ab.
Plötzlich unterbricht er mich. Genau an dem Punkt, wo die Story hakt, wo meine Schwierigkeiten beginnen, und ich bin verblüfft, wie es ihm mit wenigen Worten gelingt, das Problem darzustellen und er mir gleichzeitig eine perfekte und elegante Lösung anbietet. Dabei grinst er selbstgefällig. Er trinkt einen Schluck, lehnt sich zurück und rülpst ungeniert:
„So einfach ist das.“
*
Eigentlich sollte mich freuen, dass mir der Fremde geholfen hat. Aber ich bin deprimiert, weil mir das Naheliegende nicht selbst eingefallen ist. Und als er mir beiläufig den Schluss der Story erzählt, wobei er seine Korrekturen intelligent einfließen lässt, beginnt er mir Angst zu machen. Denn ich habe ihm bisher kein Wort davon erzählt, wie ich meine Geschichte enden lasse.
Ich greife nach allen abrufbaren Erinnerungen. Kennt er mich? Ist er mir schon einmal in einer durchzechten Nacht über den Weg gelaufen und habe ich ihm bei der Gelegenheit von diesem Manuskript erzählt? Unmöglich. Ich habe es mir seit langem zur Gewohnheit gemacht, niemandem etwas von meinen Projekten zu erzählen.
Irrtum. Eben habe ich es doch gerade getan... Warum eigentlich? Warum frage ich ausgerechnet einen hergelaufenen Penner, wie man ein vernünftiges Drehbuch schreibt?
Ich muss mir eingestehen, dass meine Kreativität von Projekt zu Projekt immer mehr verödet. Ich bin wie ausgelutscht. Die Redakteure sitzen mir im Nacken und ich fürchte mich davor, dass sie mich über kurz oder lang fallen lassen, wenn mir nichts Gescheites mehr einfällt. Das ist es, was mich krank macht.
Und ausgerechnet dieser Klugscheißer muss mir Nachhilfeunterricht geben. Ich fühle mich schlecht. Ich rede mir ein, dass es die Hitze ist, die sich vor dieser nackten Hauswand staut und auch der Alkohol, der meinem Kreislauf zusetzt.
Ich muss in die Offensive gehen, um mich frei zu machen von dieser trostlosen Atmosphäre, der ich mich ausgesetzt fühle. Es wird Zeit für mich, hier zu verschwinden. Ich habe, was ich wollte. Was hält mich hier noch?
„Brauchen Sie Geld?“ frage ich mein Gegenüber. „Hier, bedienen Sie sich. Sie haben mir geholfen. Sie haben es sich verdient.“
Ich knalle hastig einen größeren Schein auf den Tisch, den sich die Wirtin im Vorbeigehen schnappt. Natürlich denkt sie, ich will zahlen. Sie bedankt sich für das großzügige Trinkgeld, von dem gar nicht die Rede war, und verschwindet trällernd in ihrem Bau.
Der Fremde lacht. Er hat Recht. Alles, was ich im Moment in Szene setze, wirkt absolut lächerlich. Er ist zwar ein heruntergekommener Streuner, der sich bei Touristen durchbettelt, aber im Moment hat er die Situation voll im Griff. Ich fühle mich ihm in einer fatalen Weise unterlegen.
Hat er mich überhaupt angebettelt? Nein. Ich habe ihn hier sitzen und vor sich hin dösen sehen. Ich habe ihn angesprochen und ihn um einen Gefallen gebeten. Er hat mir geholfen. Aber anstatt ihm dankbar zu sein, ärgere ich mich über seine Selbstgefälligkeit und zugleich fühle ich mich, als hätte ich eine vernichtende Niederlage erlitten.
„Soll ich Sie in Ihr Hotel bringen?“ fragt er mich. „Sie fühlen sich nicht wohl. Eine abscheuliche Gegend hier. Nichts für Ihresgleichen. Wie konnten Sie sich nur hierher verlaufen? Und zu allem Übel stoßen Sie dabei auch noch auf mich.“
„Reden Sie keinen Unsinn. Mir geht es hervorragend.“
Ich will aufstehen, aber sein Blick lähmt mich. Plötzlich spüre ich sehr genau, was mich wirklich elend macht. Er ist es, der mir auf unangenehme Weise immer näher rückt. Er bedrängt mich nicht körperlich. Er tastet mein Gehirn mit unsichtbaren Tentakeln ab, er drängt sich in meine Innenwelt und nistet sich bei mir ein wie ein abscheulicher Virus. Ich sehe ihm an, wie seine Mimik auf jeden meiner unausgesprochenen Gedanken ironisch reagiert.
„Wer sind Sie?“
In eben derselben Sekunde, in der ich ihm diese Frage stelle, erkenne ich mit Schrecken, dass derjenige, dem ich gegenüber sitze, sehr viel mehr mit mir zu tun hat als irgendein beliebiger Fremder. Ja, in gewisser Weise sitze ich mir selbst gegenüber.
„Wer Sind Sie?!“
„Wollen Sie das wirklich wissen?“
„Ja!“
„Nein. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Später, wenn wir uns etwas besser kennen gelernt haben. Dann sollen Sie es wissen.“
„Später?“
„Im Ihren Zustand würden Sie die Wahrheit wohl kaum verkraften.“
Diese arrogante Bemerkung steigert meine Wut. „Welche Wahrheit denn? Wie lächerlich. Spielen Sie sich nicht auf.“
„Ich kann Sie nur warnen.“
„Großmaul!“
„Ich bin Archie. Archie***. Ich bin Ihr Pseudonym.“
Ich weiß, dass es stimmt, was er sagt. In dem Augenblick, wo er es ausspricht, weiß ich, dass es die Wahrheit ist. Mein Pseudonym lebt. Es ist zu Fleisch und Blut geworden. Mein Verstand wagt nicht zu widersprechen. Ich gebe auf. Ich gebe mich dem Wahnsinn hin. Der Boden rutscht mir unter den Füßen weg. Ich falle. Ich schreie auf vor Entsetzen. Ich wünschte ich wäre tot.
Im grellen Himmel über mir kippen die Schatten der einlaufenden Fischkutter herein. Alle Konturen zerfließen. Ich presse mich in den Plastiksessel und kralle mich an den Armlehnen fest. Es ist ein Pilotensitz und mein Flieger stürzt ab. Ich fingere nach dem Knopf, der mich hinaus katapultieren könnte in die Freiheit des klaren Denkens, aber ich kann ihn nicht finden und der Sturz in die Hölle wird schneller.
Mein Golem springt auf und wuchtet mich in den Sessel zurück. „Langsam, alter Gauner. Du hast einen Schock. Mehr nicht. Reg dich ab.“ Er hält mich fest und schüttet mir Wasser über den Kopf. „Hehe, du willst doch nicht schlapp machen.“
„Archie***...“ höre ich mich hysterisch schluchzen. „Nichts als ein beschissener Name, den ich mir ausgedacht habe. Irgendwann mal. Ein Name und mehr nicht. Ein Pseudonym. Was habe ich denn Schlimmes getan, dass du mich terrorisierst?“
„Du hast mich kreiert. Du brauchst einen Namen, hinter dem du dich verstecken kannst. Einen, der die Dreckarbeit macht für dich. Die dreckigen und banalen Texte, mit denen du einen Haufen Geld verdienst. Aber deinen guten Ruf als Dichter, den hast du nie mit mir geteilt. Sieh mich an, was du aus mir gemacht hast. Du hast mich benutzt wie eine Nutte. Du hast mich versklavt. Du hast mich nie geliebt. Aber immer bin ich auch du selbst gewesen. Für dieses Nachdenken warst du zu dumm. Heute kommt die Abrechnung. Der Geist ist aus der Flasche.“
*
Archie stemmt mich auf die Beine und lehnt mich an die brennende Hauswand. Er winkt ein Taxi zu sich. Er schiebt mich in den Fond und knallt die Tür zu. Er setzt sich nach vorne neben den Fahrer und sagt ihm den Namen meines Hotels.
Ich schließe die Augen, und versuche, das Hirngespinst aus meinem berauschten Schädel zu verscheuchen. Ich rede mir ein, dass ich krank bin. Vielleicht habe ich schweres Fieber. Ja, im Fieber erscheinen einem kranken Menschen wie mir dämonischen Existenzen wie du eine bist, Archie. Vielleicht hat mich mein Stress in diese Paranoia getrieben. So ist es. Ich werde noch heute abreisen und schon morgen bin ich zu Hause und dort wird mein Arzt mich mit wohltuenden Medikamenten versorgen.
Bei diesem Gedanken werde ich ganz ruhig. Lässt der Spuk vielleicht schon etwas nach, weil ich in aller Klarheit wieder nachdenken kann? Ich warte ganz gelassen darauf, dass du wieder verschwindest aus meinem fiebrigen Gehirn, Archie.
Oder bist du vielleicht schon gar nicht mehr hier?
Ich öffne die Augen und sehe ihn vor mir sitzen. Er ist da. Es ist aus mit mir. Ich zünde mir eine Zigarette an. So ruhig sind meine Hände wieder geworden. Der Wagen bremst vor dem Hotel. Ich zahle. Wir steigen aus, durchqueren das Foyer und stellen uns in den engen Fahrstuhl.
Langsam rattert er in die oberen Stockwerke. Wir stehen uns auf engstem Raum gegenüber und sehen uns teilnahmslos in die Augen. Es gibt keine Fragen mehr zu stellen.
*
Als wir in das Zimmer kommen, höre ich Wasser rauschen. Sophia ist zurück. Sie steht unter der Dusche. Sie steckt ihren Kopf durch den Plastikvorhang und starrt missmutig auf Archie.
„Wen hast du denn da mitgebracht?“
„Einen Freund“, sage ich gleichgültig. Ich lege mich auf das Bett und schenke mir einen Drink ein. Archie reißt sich seine Fetzen vom Körper, steigt zu Sophia unter die Dusche und umarmt sie ungeniert. Sie wehrt sich, aber nach kurzer Zeit gibt sie nach.
Ich sehe, wie sich im Stehen lieben. Ich werde verrückt nach ihr. Zum ersten Mal seit wir uns kennen, bin ich scharf aus sie. Ich bin rasend eifersüchtig auf die beiden. Ich gehe auf den Balkon. Ich denke, ich sollte mich runterstürzen. Ich bin feige. Ich schäme mich.
*

„Bring uns was zu trinken.“ sagt Archie zu Sophia.
„Aber gerne“, sagt sie. Sie zieht ein weißes Kleid an und geht hinaus. Ihre Hüften schwingen. Ihre nassen Haare sind hochgesteckt. Sie sieht sehr schön aus. Ich sehe Archie, wie er herumschnüffelt bis er mein Notebook gefunden hat. Er stellt es behutsam auf den Tisch.
„Setzt dich“, sagt er zu mir. „Es geht los.“
„Was geht los?“ frage ich und meine Stimme höre ich unendlich weit entfernt von mir um meinen Kopf kreisen.
„Das Schreiben“, sagt Archie. „Ich diktiere dir meine Geschichte und du schreibst sie auf. Ab heute schreibst du für mich.“



© Roland Henschke 2004

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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