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August 2004
Oúgy und die Elefanten
von R. Funke

Im Sommer 92 platzte das Hirn, die Rechte spielte am Stift und die Linke mit einer Kugel Stracciatella.
Adria pur – Ölsardinen und gestrandete Walfische, die schnaufend über den Strand krochen oder in uniformgestreiften Liegebetten vor sich hin brutzelten, der Wohlstandskrankheit Hautkrebs entgegenfiebernd. Auf der gegenüberliegenden Seite des Meeres kochte damals der wahre Wahnsinn, doch ich war kein richtiger Kriegsberichterstatter ... lebendiges Fleisch war mitunter schlimm genug.
Der „Gelbe Stachel“, das Hochglanz-Organ der sich entwickelnden Spaßgesellschaft, hatte mich in eine der typischen Tourihochburgen entsandt, um hüllenlose Chicks abzulichten, die ungeniert am Meer flanierten, um dem Rest der Badegäste zu zeigen, wie richtige Menschen auszusehen hatten. Die Einzigen, die mit den bestellten Modells hätten konkurrieren können, waren die wenigen Einheimischen, die jedoch viel zu beschäftigt damit waren, die Extravaganzen der Urlauber wohlwollend zu ertragen. Die Reaktionen der Touris waren Mischungen aus geifernder Bewunderung, pseudomoralischem Gezeter und desinteressiertem Dahindösen. Im Verlaufe dieser sinnlosen Inszenierung wünsche ich mir eine Prinzessin in Flagranti zu erwischen – irgendeine Stefanie mit tiefschwarzer Sonnenbrille, blau-herausgetretenen Adern, sonnenbrandigen Brüsten und unverwechselbaren, inzestuösen Merkmalen alter Adelsgeschlechter. Sie sollte Arm in Arm mit einem Latino-Hengst an mir vorbeispazieren und der Lover müsste bereit sein, alle nur erdenklichen Intimitäten auszuplaudern, bevor der Daily Mirror ihn vor mir erwischt. Aber solche Figuren zogen es vor, sich in Monako oder Miami zu verstecken – somit wartete der kleine Pavarazzi in mir vergeblich auf einen Beweis Gottes. Stoßbetend betätigte ich den Auslöser der Kamera und bannte auftragsgemäß die krassen Gegensätze des Fleisches auf feinkörniges Kodak 100.

An der Hotelbar gab ich mir einen Cinzano mit viel Eis und weitere fünf zum Nachspülen. Im Zimmer hing eine Wäscheleine mit der getrockneten Ausbeute eines verhinderten Starfotografen. Ich dachte, wie praktisch es doch wäre, eine Kamera zu besitzen, welche Bilder digital speichern kann, anstatt Ausschuss zu produzieren. Ich hätte diesen Gedanken weiterspinnen und an die Entwicklungsabteilung von Canon schicken sollen ... dann wäre ich heute ein reicher, alter Sack – auf der Flucht vor meinen eigenen Kollegen – oder hätte mich vielleicht schon mit einer echten Prinzessin um den Pfeiler eines Pariser Tunnels gewickelt. Hauptsache grell und krass.
Das Telefon klingelte und riss mich aus was-wäre-wenn-Träumen. Die Dame der Rezeption benachrichtigte mich über den Eingang eines Faxes der Agentur. Ich hatte keine Lust, das kühle Zimmer zu verlassen und bat, den Inhalt vorzulesen.
„Ou’gy Matama’bramaha ist in der Stadt“ Die Stimme am Telefon sprach den kosmopolitanen Namen mit italienischem Akzent, ohne die indische Betonung zu berücksichtigen. Ich musste lachen und korrigierte: „Oúgy Matámabraháma“
Die Empfangschefin versuchte es noch drei Mal, bis es auch mir gefiel. Wahrscheinlich hielt sie mich für bescheuert, so wie die restlichen Billigtouris, doch dann fragte sie nach: „Wer ist das?“
„Eine Göttin“, antwortete ich spontan, bedankte mich für die Benachrichtigung und legte auf. Dann öffnete ich den Zimmerspind und betrachtete die Reisegarderobe. Armani-leger, Seidentoga, Abendkleid, Lederausrüstung oder Kampfanzug?

Ougy residierte im Intercontinental, dem einzigen Hotel am Ort, welches keine Pauschalreisenden beherbergte. Ich setzte mich an die Bar der Nobelabsteige und plauderte mit dem Mixer, ohne den wahren Grund meiner Anwesenheit zu verraten. Wir kamen zufällig auf Ougy zu sprechen.
„Ougy?“, fragte er. Seine Augen leuchteten. Sie hätte überraschend ohne Buchung eingecheckt und bewohne das Penthouse des Hotels, sprudelte er heraus. Wir fachsimpelten eine Weile über Trance und jene mystische Figur, welche die Musikwelt revolutioniert hatte. In meinem Gesprächspartner hatte ich einen Seelenverwandten gefunden und mich überkam die Lust, mir an den Stift zu fassen, um der inneren Bewunderung einen körperlichen Ausdruck zu verleihen. Ich hielt mich jedoch zurück, um mein Gegenüber nicht zu befremden.

Im zehnten Stock befand sich der Flur zum Penthouse – im doppelten Sinne. Ich war bewaffnet - in der Kamera befand sich ein 36’er Film und weitere Filme in den Taschen meiner Vietnam-Weste. Auf der Brust prangerte ein Peace-Zeichen. So wollte ich Ougy entgegentreten, wenn sie denn solch einen secondhand-Pavarazzi wie mich zu empfangen gedachte.
Ich klopfte. In schlechten Filmen hätte ich „Zimmerservice!“ gerufen. Aber hier, im Angesicht der Himmelspforte, wollte ich die Szene nicht durch ein unnötiges Klischee verderben.
Ganesha und Cosma, Ougys ständige Begleiterinnen, öffneten und baten mich, wortlos einzutreten, als hätte ich einen offiziellen Pressetermin. Ich vernahm den Klang filigraner Fingerschellen und Skalen einer Sitar, die sich von der starren, europäischen Hörgewohnheit durch atonale Befreiung abzusetzen wusste. Im Hintergrund unterstrichen Tablas die sphärische Dichte mit rhythmischen Bezugspunkten, die mich zu tänzelnden Schritten zwangen. An den Wänden hingen Bilder indischer Gottheiten, Kali und die Elefanten ... ich war ein Elefant – im Porzellanladen – der einzige mit einem echten Rüssel.
Im Hauptraum der Suite thronte Ougy Matamabrahama auf einem Berg bunter Kissen und griff in die Saiten eines Instrumentes, das über und über mit Perlmutintarsien verziert war. Ihre Finger dehnten das flexible Metall über geschwungene Bundbögen reinsten Sterlings.
Traditionell war es Frauen nicht gestattet, Melodien einer tausendjährigen Überlieferung auf heiligen Instrumenten vorzutragen – es sei denn, das Weib war selbst eine Heilige. Der Klang betörte mich und ich vergaß kurzzeitig den Grund der Anwesenheit, Job, Versicherungsnummer und sogar meinen Geburtsnamen. In diesem Moment hätte mich jeder Dschungelboy zur Wasserstelle reiten können.

Ougy lächelte. Es galt nicht mir, sondern der ganzen Welt. Ich fragte mich, ob sie mich im Zustand der Glückseligkeit überhaupt wahrnehmen konnte. Ich kniete nieder und lauschte der Musik – ihrer, seiner Musik – es machte keinen Unterschied. Ougy war eine reife Frau, doch optisch ein gepudertes, leichenblasses Androgyn, welches ein Unwissender als Heranwachsende der Gothic-Scene eingeordnet hätte. Sie war ein Wesen, das in den Hochglanzmagazinen und Vorstellungen des Mainstreams nicht existierte. Sie besaß keine Brust und auch kein Genital, für dessen Ablichtung mich die Agentur gewöhnlich bezahlte. Doch der Zauber der Musik gelangte an das weltumspannende Ohr – ein Zauber, der sich in Bildern und Worten nicht festhalten ließ ... oder doch?

Die Töne verebbten nachklinkend im Raum. Die Göttin legte das Instrument zur Seite und nahm mich wahr – mich den Elefanten, der ein Bündel Bambus nicht von einem Holzstamm unterscheiden konnte. Wenn Glücksgefühle Geräusche verursachen würden, dann landete soeben eine 747 im Zimmer.
„Wenn Du mich fotografieren möchtest, dann tue es“, sagte sie, er, es ... Ougy entkleidete sich und zeigte mir den wahren Körper, der an Schönheit mit Menschlichem nicht zu vergleichen war.
Ich betrachtete das Wesen und verband es mit dem Gesang seiner Stimme. Die Kamera zitterte in meinen Händen. Ich schaute durch den Sucher und fand einiges, was lohnenswert gewesen wäre, die Seele zu verkaufen.
Dann drehte ich die Optik des Fotoapparats in meine Richtung und lichtete den Ausdruck des reinen Verzückens für die Nachwelt ab. Niemand sollte sehen, was ich erblicken durfte – außer im Spiegel meiner Augen.

Abends an der Hotelbar zählte ich zwanzig Cinzanos und versuchte, die wichtigste aller Fragen zu ergründen: „Was zum Teufel sucht jemand wie Ougy Matamabrahama in diesem verschissenen Touri-Kaff?“, lalle ich den Ober an.
Der Barmensch zucke mit den Schultern. „Abgeschiedenheit und Erholung vom großen Weltschmerz?“, gab er grinsend zurück, „noch einen Cinzano, der Herr?“
Ich betrachtete den Filmzähler der Kamera – er stand auf 35. Dann musterte ich mit der Rechten am Stift den Ober und säuselte: „Schon mal Modell gestanden, Süßer?“
Ich hatte Glück – er kam auch vom anderen Ufer – wir trieben es, bis das Hirn explodierte.

Wenn ich heute die 92’ Augustausgabe des Penthouse aufschlage, dann finde ich auf Seite elf die Vergrößerung meiner Pupillen. Die Fotolaboranten hatten sich Mühe gegeben, um der Welt zu zeigen, was weder vor noch nach mir je ein Sterblicher zu Gesicht bekam. Ich lächle und streichle das druckfrische Onewayticket Frankfurt-Bombay. Kurz hinter der Grenze zu Burma befindet sich ein Stamm ehemaliger Kopfjäger – weder Ölsardinen noch getrocknete Walfische – nur schöne Menschen. Und mitten im Dschungel trotten Karawanen weißer Elefanten über ausgetretene Pfade zum heiligen Tempel der Ougy Matamabrahama, um ein Meer exotischer Blumen über den Altar zu streuen.
Einer dieser Elefanten werde ich sein ... und vielleicht werde ich ein zweites Mal der Stimme und Musik lauschen dürfen und die körperliche Gegenwart einer wahrhaftigen Göttin erblicken - so, wie sie sich selbst erschuf, um mich zu verzaubern.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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