Sexlibris
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August 2004
Adieu und Hallo!
von Elsa Rieger

Plötzlich sehe ich ihn und es durchzuckt mich. Nichts ahnend habe ich vor ein paar Minuten diesen Interieur-Laden betreten, um Zierkissen zu erstehen. Und jetzt so was!

Er steht mitten im Verkaufsraum: Groß, krĂ€ftig, dunkelbraun, und trotz der imposanten Statur wirkt er geradezu anmutig und strahlt einen exotischen Charme aus. Ich muss ihn einfach anlĂ€cheln. So ganz anders als meiner daheim steht er da, fest und sicher. Nicht so bleich und verquollen wie der, der zu Hause auf mich wartet und sich in den letzten Jahren so massiv verĂ€ndert hat. Wenn ich diesen hier ansehe, weiß ich genau: Der Zeitpunkt der Trennung ist gekommen!
Frech mache ich einen Termin fĂŒr morgen aus. Um sechzehn Uhr wird er bei mir sein.

In meiner Euphorie vergesse ich völlig, warum ich in das GeschĂ€ft gekommen bin, und beeile mich nach Hause zu kommen, um klar Schiff zu machen. Auf dem Weg rufe ich Freunde an, damit sie sich um meinen Alten kĂŒmmern. Es wird nicht einfach sein nach so vielen Jahren des Zusammenseins, doch ich kann nicht anders, denn ich erschauere vor Wonne, wenn ich an diesen dunklen Großen denke.

Wie ich schon geahnt habe, steht meiner blass und stumm vor mir, etwas geduckt, an den falschen Stellen mager geworden, an anderen aus dem Leim gegangen. Still hört er mich an. „Ich habe dich in den letzten zwei Jahren nicht im Unklaren ĂŒber meine PlĂ€ne gelassen. Die Luft ist einfach raus. Wir wollen es kurz und schmerzlos machen.“
Mir ist, als wĂŒrde er sich noch kleiner machen als er sowieso schon ist. NatĂŒrlich schweigt er wie immer.
Heute Abend werden wir bei einem Glas Wein Abschied feiern, wie es sich gehört. Ich dekantiere den Merlot, damit er seine Blume entfalten kann.

Nach dem Abendessen tÀtschle ich freundschaftlich die Arme meines GefÀhrten so vieler Jahre.
„Nun heißt es also Abschied nehmen ... panta rhei, so ist das eben im Leben.“ Ich bin froh, dass es so einfach ist. Beim Einschlafen denke ich an ‚ihn’, den fremden Neuen, aber auch die vergangenen Zeiten kommen mir in den Sinn. Wie geduldig mein Alter mich durch die verschiedenen Lebensphasen begleitet hat ...
Als mein Sohn damals bei dem Mopedunfall knapp am Tod vorbei geschrammt ist und danach drei Tage im Koma lag, war er da, umarmte mich in den NĂ€chten der Angst und Sorge, des ohnmĂ€chtigen Wartens, ob der Junge je wieder zu sich kommen wĂŒrde. Selbst meine WutanfĂ€lle ertrug er mit stoischer Ruhe, dabei boxte und schlug ich auf ihn ein, um mich zu entlasten. Oft war es nicht leicht mit mir zurechtzukommen, meine Hochs und Tiefs so tolerant hinzunehmen. Doch er war da fĂŒr mich in guten und schlechten Zeiten. Ach, diese gemĂŒtlichen Winterabende! Ganz zusammengerollt zwischen seinen lieben Armen, das kuschelige Plaid ĂŒber uns beide gelegt, ein gutes Buch in der Hand ...
Schön war die Zeit, adieu.

Gleich in der FrĂŒh marschieren die beiden Freunde herein. Alle zusammen trinken wir Kaffee, dann nehmen sie ihn in ihre Mitte. Er lĂ€sst es geschehen. Die TĂŒr fĂ€llt ins Schloss.

Nun heißt es, alles vorbereiten. Ich fege mit Staubtuch und Sauger durch die Wohnung, bis alles blitzt und blinkt. Wundervoll! Er wird sich hier bestimmt wohl fĂŒhlen. Noch schnell einkaufen gehen. Zur Feier des Tages leiste ich mir eine Flasche Veuve Clicquot, das ist es mir wert.
ZurĂŒck vom Einkauf; jetzt heißt es warten. ZĂ€h tropft die Zeit.
PĂŒnktlich um vier lĂ€utet es an der TĂŒr. Ich springe auf und öffne - da steht er in seiner vollen Pracht. „Hallo! Nur herein.“ Seine Begleiter verabschieden sich gleich wieder.

Ich lasse den Korken knallen. „EnchantĂ©! Wie schön, dass du da bist!“ Dann schmiege ich mich an ihn. Seine dunklen Arme aus Mahagoni umfangen mich, geben Sicherheit. SitzflĂ€che und RĂŒckenlehne aus kaffeebraunem Nubukleder passen sich meinen Körperformen an, als wĂ€ren der neue Lehnstuhl und ich fĂŒreinander bestimmt. Ich trinke auf die Zukunft und viele schöne Stunden der Gemeinsamkeit.


mailto: Flugdrache@chello.at

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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