Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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August 2004
Kein Zurück
von Jan Müller

Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, war völlig aufgedreht, übersensibel und gegen alles allergisch. Was mach ich bloß, dachte ich. Wie soll das nur weitergehen? Ich wusste einfach keinen Ausweg mehr.
Ein Leben ohne Bühne, ohne Proben, ohne Premiere ... Stattdessen Bestrahlungen zur Nachbehandlung, Wartezimmer, weiße Kittel, Krebspatienten. Jeder sprach nur über seine Krankheit. Das hatte mit mir, mit meinem Selbstverständnis, nichts mehr zu tun.
Das große Hauptbuch aus der Rumpelkammer meiner ersten Wirtin – mein Tagebuch über Jahrzehnte – war bis zur letzten Seite voll geschrieben. Dreihundertfünfundsechzig Doppelseiten mit den aufgedruckten Wörtern Soll und Haben. Briefe, Gedichte, Stimmungsbilder, manchmal in grüner Tinte, meistens in Violett. Dazwischen eingeklebte Fotos, Fahrkarten, Kritiken, Ausschnitte aus den Programmheften.
Nur der Anhang war leer. Aber der ging mich nichts an. Diese Seiten waren für dich bestimmt. Für das Gespräch danach.
Vor der Krebsoperation hatte mir eine Patientin im Krankenhaus zwei Adressen gegeben: Vereinigung für freiwillige Euthanasie und Gesellschaft für humanes Sterben. Die Prospekte waren gerade gekommen. Ich hatte alles noch frisch im Kopf. Es klang so vernünftig. Im Augenblick schien es wirklich das Sinnvollste zu sein, jetzt Schluss zu machen.
Ein paar Tage vorher hatte ich es schon mit Tabletten versucht. Aber das hat nicht geklappt. Dann dachte ich: Es muss doch irgendwie klappen. Ich brauche ein Buch. Also hab ich mir eins besorgt, in so einem Laden.
– In welchem Laden?
– In München gibt ’s viele Läden.
– Was für ein Laden war das?
– Na ja, ich kann ’s dir ja sagen: Es hat mir jemand besorgt.
– Wer hat dir das Buch besorgt?
– Den Namen sage ich nicht, sonst kriegt er noch Ärger.
– Ich behalte ihn für mich.
– Na ja, so ein junger Kerl. Der Herby. Den hab ich angerufen: “Herby, kannst du mir nicht ein Buch besorgen, wo drin steht, wie man ’s machen muss.”
“Wie daier soll ’s ’n sein?”
“Ist doch egal. Zwanzig oder dreißig Mark kann ’s ruhig kosten.”
“Is gut. Aber vorbei bringen du i ’s net.”
“Wieso?”
“Naa! Do will i nix mit z’ due ham.”
“Gut, dann hol ich mir ’s eben.”
Ich ging aus der Wohnung, traf den Herby am U-Bahnhof und hatte endlich das Buch. Ich hab ’s unter den Mantel gesteckt – und wurde auf einmal ganz ruhig. Ich drückte das Buch ans Herz und sah alles mit anderen Augen.
Die Leute ... Wie die hin und her rannten! Plötzlich hatte ich zu allem einen ganz starken Abstand. Das ging mich alles nichts mehr an. Das war für mich längst vorbei.
Als ich über die Straße ging, hätte mich fast ein Auto überfahren. Der Fahrer hupte und fing an zu schimpfen: “Bassen ’s doch auf, des wär fast daneben ganga!”
Und ich dachte: Na wenn schon. Das ist doch genau, was ich will. Wenn der wüsste, welchen Schatz ich unterm Mantel trage.
Ich bog in meine Straße ein und dachte: So. Jetzt gehst du zum letzten Mal diese Straße entlang. Und jetzt gehst du zum letzten Mal durchs Treppenhaus. Und jetzt schließt du zum letzten Mal deine Wohnung auf.
Ich sah alles wie beim Abschied nehmen. Wenn man aus einer Gegend weg zieht, in der man lange gewohnt hat und viele Erlebnisse hatte ... So vieles kommt einem dann in Erinnerung.
Die Stunden in meinem Zimmer ... Die Freunde, die ich hier hatte ... Dein Besuch ... Von all dem nahm ich innerlich Abschied. Ich war ganz ruhig und fühlte mich federleicht.
Als ich im Zimmer war, zog ich den Mantel aus und blätterte in dem Buch. Das ist mein Tor zum Licht, dachte ich. Gleich wird es hell.
Ach, furchtbar, was es alles für Todesarten gibt. Und was man alles dazu braucht. Ich hatte doch nichts. Keinen Strick. Keinen Haken an der Decke. Keinen Revolver. Da sah ich auf einmal: Hier! Mit dem Küchenmesser. Ein Messer hatte ich doch. Genau in der richtigen Größe. Und einen Hammer, einen schweren, hatte ich auch.
Dann stellte ich den Kassettenrecorder an und legte ganz stille Musik auf. Es war sehr feierlich. Eine heilige Stimmung. Und ich war unendlich froh, dass es jetzt endlich klappt. Ein Glücksgefühl wie im Orgasmus.
Ich nahm Messer und Hammer und eine scharfe Klinge und setzte mich in die Badewanne. Das Buch legte ich neben mich.
Ach und davor schrieb ich noch die Briefe für die Beerdigung. Den Brief an dich hatte ich schon vor dem ersten Versuch geschrieben. Das lag alles noch da wie vor drei Tagen.
Als ich in der Wanne saß, ging alles sehr einfach und schnell. Ich machte einfach “ssst” und “ssst” und die Pulsadern waren auf. Dann setzte ich das Messer an die Brust und nahm den Hammer in die andere Hand. In dem Buch war genau gezeigt, wo das Herz sitzt und durch welche Rippen man drankommt. Ich drückte und schlug mit dem Hammer drauf. Als der Hammer zu Boden fiel, bekam ich einen Schreck wegen dem Krach und dachte: Hoffentlich hat das keiner gehört und kommt jetzt rein. Da merkte ich, es hatte geklappt, und dachte: “Endlich erlöst.”

Dann wurde ich ohnmächtig.

Als ich wieder zu mir kam, hatte ich das Gefühl, durch eine lange, dunkle Röhre gezogen zu werden. Es war wie ein Sog durch einen runden Tunnel. Am anderen Ende wurde es hell.
Auf einmal stand jemand hinter mir. Das war Elisabeth. “Siehst du, das ist dein Körper”, sagte sie.
Da sah ich meinen Körper in der Badewanne. Der Kopf war zur Seite gekippt, die Augen offen, die Kinnlade hing schlaff herunter. Ich konnte die Zähne sehen, und das Blut floss immer noch in dünnem Rinnsal aus den Wunden.
Ich bekam einen Schreck: Mensch, es hat wirklich geklappt. Jetzt gibt es kein Zurück. Dein Körper ist tot. Und wie ich so meinen Körper betrachte, muss ich mich schütteln und denke: So was Ekliges. Gut, dass du den endlich los bist.
Ich blieb ganz lange im Bad und sah meinen Körper, bis das Blut aufhörte zu laufen und getrocknet war.
Und im Zimmer klingelte das Telefon. Aber ich konnte ja nicht mehr abheben und sagen: “Jetzt hat ’s geklappt. Ihr könnt meinen Körper holen. Er liegt in der Badewanne.”
Ewig hat es geklingelt. Und später wieder. Plötzlich riefen alle bei mir an. Tagelang.
Sonst war es im Bad und in der Wohnung völlig ruhig. Nur der stille, feierliche Gesang, den ich auf endlos gestellt hatte. Und zu bestimmten Zeiten das Klingeln des Telefons. Kein anderes Geräusch.
Im Bad brannte die ganze Zeit Licht. Und die Heizung war aufgedreht. Es war sehr stickig. Das Gesicht wurde schmaler. Die Wangen fielen ein. Die Nase wurde spitzer. Keiner kam.
“Siehst du, das ist dein Körper”, sagte Elisabeth.
“Ich habe mich selbst ermordet”, sagte ich.
“Ich weiß.” Sie nickte traurig. “Das wird dir noch Leid tun. Aber jetzt ist es zu spät ...”

– Und wo bist du jetzt?
– Ich weiß nicht. Alles ist dunkel.
– Wie geht es dir?
– Dunkel.
– Was siehst du?
– Dunkel.
– Bist du in einem Raum?
– Ja.
– Kannst du dich bewegen?
– Nein.
– Wie furchtbar! Was ist los mit dir?
– Ich weiß nicht. Ich sitze in der Klemme. In der Dunkelkammer, sagte sie.
– Wieso?
– Meine Ankunft war nicht vorgesehen. Erst Jahrzehnte später, sagte sie. Bis dahin bin ich nicht hüben, nicht drüben. Ich sitze zwischen zwei Stühlen.

© janmueller.tm@freenet.de

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