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August 2004
Monster
von Patrick Rauch

Ben hörte in der Ferne die Sirene des Polizeiwagens, der auf einem seiner un-zähligen Einsätze heulend durch die Straßen raste und die Dunkelheit mit seinem blitzenden Blaulicht durchbrach.
Die Nacht begann, und mit ihr kam das Monster zum Vorschein, das sich in den Menschen manifestierte. Ein unheimli-ches Wesen voller Selbstherrlichkeit, Hass und Gewalt. Es bemächtigte sich der Armen und Schwachen, um Unschul-dige zu richten und zu zerstören.
Heute, als Ben aus einem Einkaufsla-den gekommen war, war er diesem We-sen schon begegnet; es erschien in der Gestalt eines heruntergekommenen Jun-gen von dreizehn oder vierzehn Jahren, der nie eine Schule beendet oder eine Ausbildung genossen hatte, aber mit ei-ner Waffe umzugehen wusste. Auch wusste er, dass er Drogen brauchte um weiterzuleben. Das Geld dafür verschaff-te ihm das Monster, das immer dann zum Vorschein kam, wenn sein ge-schundener Körper nach Rauschgift lechzte und ihn vergessen ließ, was und wer er war.
Es zu bezwingen versuchen, war aus-sichtslos. Die verzehrenden Pforten der Hölle standen weit offen, und es war nur ein kleiner Schritt, dort hinab zu steigen. Der Himmel als Ziel war ein langer Weg, den zu beschreiten es mühselig war und am Ende vielleicht nicht einmal lohnte. Wie einfach war es stattdessen, sich in der Dunkelheit des Monsters zu verirren und anstelle des Himmels die Hölle zu finden. Viele Menschen nahmen ihre Möglichkeit wahr, den rechten Weg zu gehen, doch immer mehr verirrten sich, wenn das Monster leise in ihr Ohr flüs-terte und ihnen erzählte, wie leicht der andere Weg sein würde.
Ben hatte sich für den guten Weg ent-schieden. Seit vielen Jahren war er Pfar-rer und sah nur allzu oft, wie das Mons-ter Besitz über die Menschen ergriff, ob-wohl er alles daran setzte, es nicht ge-schehen zu lassen. Erfolge erzielte er jedoch nur wenige. Es war ein guter Weg, doch auch ein trauriger, und er zweifelte oft daran, ob er die Mühen wert war. Doch das würde er erst nach seinem Tod erfahren, wenn Gott ihn zu sich holte oder wenn da nur Dunkelheit war und nichts sonst.
Ben sah noch einmal über seinen Rü-cken in die regnerische Nacht, als die Sirene mit einem Knall verstummte und das Blaulicht ein letztes Mal aufblitzte und die Umgebung für einen kurzen Au-genblick in helles Licht tauchte.
Schüsse hallten aus der Ferne heran und trieben das Monster voran. Es hatte Überhand gewonnen. Wieder einmal.
Er drehte den Schlüssel in dem Schloss herum, betrat das Haus und legte die Einkaufstasche auf den Tisch neben der Tür. Er betrachtete die flackernde Lampe des Flures, während leise Musik aus ei-nem Radio längst vergangener Zeit aus dem Wohnzimmer drang. Der Geruch von Mottenkugeln und etwas Altem, Sterbendem lag in der Luft.
Was wäre, wenn er den Jungen nie-dergeschlagen hätte? Ein Kind, unwis-send, was Recht und Unrecht war. Wer würde um ihn trauern? Wer würde mit die Hand auf ihn zeigen und sagen: Ar-mer Junge?
Für einen Moment, nur einen Wim-pernschlag lang, sah er sich, wie er das Messer nahm und dem Räuber in den Leib stach; wie das Blut zu Boden tropfte und sich mit dem Staub vermengte; wie er das sicherlich schon lang währende Leiden beendete, dem Monster die Nah-rung entzog und es für seine Gier be-strafte.
Gab es jemanden, dem dieser Junge etwas bedeutete? Er hatte noch sein ganzes Leben vor sich, doch womit wür-de er es verbringen? Mit der Schule? Mit einer ehrlichen Arbeit? Würde er eine Familie gründen?
Nein, er würde weiterhin Menschen be-rauben, um sich Drogen kaufen zu kön-nen. Und irgendwann würde in der dunk-len Ecke einer Seitengasse liegen und nicht mal merken, dass er mit seinem eigenen Blut und seinen eigenen Fäka-lien besudelt war. Man würde ihn erst finden, wenn der Verwesungsprozess schon begonnen hatte und Ratten an seinem Fleisch nagten.
Auch dann würde keiner um ihn trau-ern. Die reichen Menschen nicht, weil sie ihn nicht kannten, und die Armen nicht, weil ihr Herz bereits kalt war; weil sie jeden Tag selber erlebten, wie es war, in der Gosse zu leben und sich mit Almo-sen, sofern man denn welche bekam, oder mit verschimmelten Überresten aus Mülltonnen am Leben zu erhalten. Sie konnten keine Trauer aufbringen, weil sie die für sich selber brauchten.
Ben ging ins Wohnzimmer, in dem der Geruch des Tees den der Mottenkugeln nicht überdecken konnte, legte die Schlüssel auf den Tisch und sah hinunter zu der alten Frau, die in dem Sessel saß. Ihr Mund war halb geöffnet, ein leises Schnarchen drang daraus hervor; ihr Gesicht war eingefallen, von den vielen Jahren des Lebens und Elends gezeich-net. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Teller mit Keksen, daneben stand die Kanne Tee, der bereits kalt war.
Ben kaufte für die Alte einmal in der Woche ein. Jedes Mal, wenn er sie an-sah, hatte er das Gefühl, sie das letzte Mal zu sehen.
Als er das Haus verlassen hatte und zu seinem Wagen kam, bemerkte er, dass jemand einen breiten Kratzer in den Lack gezogen hatte, der vom Kotflügel bis zur Rücktür reichte.
Er seufzte. Die Menschen in der Ge-gend waren manchmal seelenlose We-sen, die auf der Suche nach Chaos und Zerstörung umherirrten und ihre Spuren hinterließen, wo immer sie konnten. Ben war selbst wohl doppelt so alt wie man-che der jungen Menschen, die sich dem Monster verschrieben hatten, aber nach-vollziehen konnte er die Taten dennoch nicht. Auch er hatte in seinem Leben nicht immer Glück gehabt und viele schreckliche Dinge mit ansehen müssen, doch er kämpfte darum, nicht dem Monster zu verfallen. Oft war es nicht einfach. Seine Kirche wurde selten be-sucht, wenn, dann waren es Bettler, die um Almosen baten, und seinen Gottes-dienst verfolgte kaum einer. Manchmal glaubte er nicht daran, dass Gott überall war. Hier schien er jedenfalls nicht zu sein.
Er fuhr die nassen Straßen entlang und sah dunkle Gestalten in den Seitengas-sen, die bedrohlich darauf zu warten schienen, ihm das Monster zu zeigen, das in ihnen hauste. Er fürchtete sich nicht, da Gott bei ihm war. Doch würde er ihn auch beschützen?
Die Kirche befand sich auf einem ver-fallenen Grundstück am Rande der Stadt. Ein fünf Schritt hoher, mit Efeu überwucherter Zaun riegelte das Gelän-de ab. Vom Tor führte ein geschwunge-ner Kieselsteinweg auf den Parkplatz hinauf.
Als er ausstieg, hörte er das Krächzen einer Krähe vom Friedhof rechts neben der Kirche, das ihn schaurig willkommen hieß – nur für einen Moment, dann schien es ein gackerndes Lachen zu werden, und Bens Blick blieb am linken Mosaikfenster der Kirche hängen. Etwas hatte ein Loch hineingerissen, und einige Glasscherben lagen darunter am Boden.
Ben bückte sich und hob eins auf. Es war nur ein Ding, nichts Lebendes, Füh-lendes oder Denkendes, doch es war ein Teil der Kirche, jenen Ortes, der Zuflucht und Rettung bot.
Er sah zu den beiden Steindekoren hinauf, auf denen sich die Glockentürme wie stumme Riesen hoch in den Himmel erstreckten, und die von weiteren Krä-hen umkreist wurden. Darunter saß ein Rabe auf der Regenrinne des Daches, sah zu ihm hinunter und schien ihn nun ebenfalls zu verhöhnen. Ben lächelte trotzdem und ließ die Scherbe fallen, als würde sie ihm weniger tief im Herzen stecken, als er zugeben wollte.
Er drehte sich herum und sah zu dem kleinen Wäldchen, den verlotterten Blu-menbeeten und dem Kieselsteinweg. Die Steinwerfer, vermutlich kindliche füh-rungslose Rabauken, waren schon lange wieder verschwunden. Sie zerstörten nicht zum ersten Mal etwas, was mit viel Mühe aufgebaut worden war, und sie waren nicht zum ersten Mal damit durchgekommen. Die Polizei war in die-ser Stadt nicht präsent; es waren alte, müde Männer, die sich nach Ruhe sehn-ten. Sie waren glücklich mit der all-abendlichen Talkshow oder dem Fußball-spiel, einigen Flaschen Bier und einem heißen Essen. Das erfüllte ihr Leben, und nichts sollte das ändern.
Bens Stiefel knirschten auf dem Bo-den, als er an der Kirche vorbei zu dem kleinen Haus ging. Die Fenster waren schmutzig, die Veranda verwahrlost; Unkraut spross aus dem morschen Holz. Die Hollywoodschaukel schwang leicht im Wind. Er trat die Stufen hinauf und nahm einen Gestank wahr, der ihm wie eine Welle entgegenschlug; er zog ihn tiefer in sich hinein als manch anderer.
Die Eingangstüre war nicht verschlos-sen; was sollte hier auch schon gestoh-len werden. Er knipste das Licht im Flur an, legte seine Tasche auf den Schemel daneben und ging in die Küche. Fliegen pochten auf der Suche nach einem Fluchtweg unentwegt gegen die Fenster-scheibe. Einige Tote lagen bereits darun-ter auf dem Sims.
Er nahm aus dem Kühlschrank eine halb verschlossene Dose, verteilte sie auf zwei Schüsseln und stellte sie in den Flur. Der Geruch war dem ähnlich, den er beim Betreten seines Hauses einge-atmet hatte; und doch war er irgendwie anders – frischer.
Es dauerte nicht lange, bis die Katzen kamen und sich an dem Fleisch labten. Die eine wedelte nervös mit dem Schweif; die andere miaute. Er streichel-te beiden sanft über den Kopf.
Er verließ das Haus, ging zu seinem Wagen und öffnete den Kofferraum. Eine Weile betrachtete er das Bündel darin; die Leere, die dabei in seinem Kopf herrschte, überraschte ihn schon lange nicht mehr.
Er zerrte den sorgsam in einen schwarzen Plastikbeutel eingehüllte Bündel aus dem Wagen und hinter sich den Kieselsteinweg hinauf. Er ging zu-rück in die Küche, verließ sie auf der an-deren Seite wieder und ging in den Raum dahinter. Er wuchtete einen ver-schimmelten Perser beiseite und löste das Brett vom Fußboden darunter. Für einen Moment schien ihn der Ekel erre-gende Gestank zu überwältigen, doch das zufriedene Maunzen der Katzen ließ das vergessen machen.
Sie waren herangekommen, schlichen um ihn herum, bissen in das Bündel und schabten daran. Er beachtete sie nicht. Er warf das Bündel zu den vielen ande-ren im Boden, versiegelte das Loch mit dem Brett wieder und legte den Teppich darüber.
Als er später mit einem Bier in der Hand vor dem Fernseher saß und das Abendprogramm sah, da stand das Monster lachend hinter ihm. Und es lab-te sich erquickend an dem fauligen Ge-ruch der Leichen im Boden.



© 2004 Patrick Rauch
post@pe-er.net

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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