Der Tod aus der Teekiste
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August 2004
Vom Zauber der Liebe
von Susanna Naldöken

Ich war ein vollkommen glücklicher Kater. Der vollkommen glückliche Kater einer äusserst begabten Magierin.
Das hat sich jetzt gründlich geändert.
Das einzige, was wir im Übermaß haben, ist Zeit. Das ist aber auch so ziemlich alles, was wir noch haben. Ich weiss nicht einmal genau, ob wir noch „sind“ oder „leben“.
Wenn Sie Interesse haben, kann ich Ihnen erzählen, wie es zu diesem unglaublichen Fiasko kam, in dem wir beide nun – äh… stecken oder sollte ich besser sagen: stehen. Und da sind wir ja schon mittendrin. Ich, Balthasar, einziges verhätschteltes Haustier meiner einstmals mächtigen und wunderbaren Herrin Phenomena, hatte ein perfektes Leben irgendwo am Ende eines Zeitalters, das ihr jetzt Mittelalter nennt. Ein etwas baufälliges Schlösschen am Rande eines grossen Waldes, Unmengen von leckeren Mäusen und Ratten zum Jagen, viele Streicheleinheiten am Abend vor dem Kaminfeuer. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir beide jemals irgendwelche gravierenden Probleme gehabt hätten. Das kam vor allem daher, dass meine Herrin sehr klug und vorsichtig ist. War. Nun, wahrscheinlich ist sie es noch immer, sie kann es nur nicht mehr anwenden. Wir stecken nämlich zwischen zwei Stühlen. Ja, sie haben richtig verstanden. Nein, ich meine das nicht symbolisch. Es ist buchstäblich so. Meine Herrin steht mit mir, ihrem Balthasar, auf dem Arm, sozusagen festgefroren in Zeit und Raum, unbeweglich hingezaubert auf unbestimmte Zeit, zwischen zwei leidlich guterhaltenen, handgeschnitzten Stühlen aus Holz. Wenn sie jetzt nicht aufhören, zu lachen, erzähle ich nicht weiter.

Das Unheil begann, als Phenomena sich dazu hinreissen liess, doch einmal einer Einladung zu einem Treffen der Magier zu folgen. Sie, die nie darauf Wert gelegt hatte, mit anderen magiebegabten Wesen zusammenzutreffen, immer peinlich darauf geachtet hatte, ihre Existenz so geheim wie möglich zu halten, entschied plötzlich, dass es ihr vielleicht doch gefallen könnte, einen gewissen Austausch mit Gleichgesinnten zu haben. Welch ein entsetzlicher und folgenschwerer Irrtum!
Als sie mir davon erzählte (hatte ich erwähnt, dass ich so etwas wie ihr Vertrauter bin?!), hatte ich sofort ein schlechtes Gefühl dabei. Sie aber lachte und meinte, es wäre mal eine Abwechslung. So viele Jahrhunderte hätte sie jetzt alleine und ohne Verbindung zu anderen Magiern verbracht, jetzt wäre es Zeit für eine neue Herausforderung. Na gut. Die bekam sie auch.
Die Herausforderung war 1,85m, hatte grüngraue Augen mit gelben Sprenkeln, blauschwarze Locken und hiess Androgar. Sie brachte ihn mit, als sie nach dem Wochenende von dem Treffen kam. Androgar wollte ihr Schüler sein. Er war zwar ein begabter Magier, jedoch weit davon entfernt, die vollendeten Zaubertechniken meiner Herrin auch nur annähernd zu beherrschen.
Was sich in den folgenden Wochen und Monaten abspielte, kann ich nur als entwürdigend und beleidigend für meine geliebte und hochgeachtete Herrin beschreiben.
Der Anfang vom Ende war, dass sie sich in Androgar verliebte, was sie in der Folge – und mir völlig unbegreiflicherweise – anscheinend blind für seinen wachsenden Neid und Eifersucht auf ihre größeren magischen Kräfte machte. Sie missdeutete und verschönerte alle seine Gemeinheiten ihr gegenüber. Während ich von Tag zu Tag beobachten mußte, wie er ihr tausend kleine Fallen und missgünstige Intrigen vor die Füsse warf, schmolz sie unter seinem Blick dahin.
Ich war entsetzt. Ich war sprachlos. Ich war machtlos. Die Art, wie sie mich zurechtwies, wenn ich auch nur eine zarte Andeutung in der Richtung machte, liess mich sogar befürchten, dass eine Entscheidung „er oder ich“ nicht zu meinen Gunsten ausfallen könnte.
Nicht nur, dass Androgar ihr Können nicht bewunderte, nein, er begann, sie dafür zu hassen. Er hasste, was er nicht haben konnte und nie haben würde.
Nie hätte ich aber für möglich gehalten, dass er sich zu einer solchen Gemeinheit hinreissen lassen würde, die uns schliesslich in unsere Situation brachte.
Ich kann vieles nur mehr im Nachhinein vermuten, sicher ist jedoch, dass Androgar in seinem ihn zerfressenden Neid einem von Phenomenas grössten Feinden unseren Aufenthaltsort verraten hat. Mit diesem magischen Wesen verband sie eine jahrtausendealte Feindschaft, sie hatte es jedoch immer als Geheimnis gehütet. Nur ich wusste davon, weil ich immer seit Anbeginn ihrer Existenz bei ihr gewesen war. Jede Magierin und jeder Magier bekommen nämlich bei ihrer Geburt ein magisches Wesen zugeteilt, das ihr Vertrauter und Verbündeter ist und sie in- und auswendig kennt. Unglücklicherweise hatte sie sich in ihrer Liebe zu Androgar dazu hinreissen lassen, ihm dieses Geheimnis anzuvertrauen. Er hatte ihr dieses Geheimnis durch einen besonders perfiden Trick abgerungen. Nämlich, indem er vorgab, ihr eines seiner tiefsten Geheimnisse zu verraten, verführte er sie dazu, ihm dasselbe zurückzugeben. Er war ein Meister der Gemeinheit.
Dieses feindliche Wesen hatte keine bestimmte Form und viele Namen, musste aber, um magisch aktiv werden zu können, eine konkrete Gestalt annehmen.
Androgar wusste aber auch, dass er Phenomena in irgendeiner Weise schwächen musste, um sicher sein zu können, dass sie besiegbar war. Er gab also vor, eine Reise machen zu müssen und bat sie, ihm dafür ihren Beschützer-Stein zu leihen, ein magisches Medaillon, dass sie immer bei sich hatte. Unbegreiflicherweise tat sie das. Sie gab ihm das Medaillon und sie gab es ihm mit Tränen in den Augen. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre und wenn ich meine Herrin nicht so geliebt hätte, hätte ich laut losgelacht, als ich die Szene beobachtete.
Das Unheil war direkt physisch fühlbar, wir hatten nur noch keinen Namen dafür. Ich spürte es direkt herankriechen mit der Geschwindigkeit, mit der Androgar im Nebel verschwand. Spürte es unser bisher geschütztes Heim, unser verträumtes Schlösschen, unser vertrautes Zusammensein umschliessen mit seinen giftigen Tentakeln.
Einige Stunden nach Androgars Verschwinden war es da. Es kam nicht bei der Türe herein, klopfte nicht ans Fenster, rutschte nicht durch den Kamin. Es war der Herbstnebel.
Das schlimmste war, dass wir es erst bemerkten, als wir schon beinahe davon umschlossen waren. Phenomena stand, mit mir auf dem Arm, in einer kleinen erkerartigen Vertiefung ihres Hauses, in der zwei holzgeschnitzte Stühle standen. Zwischen diesen beiden Stühlen stand sie, umgewandt. Da sie ihr beschützendes Medaillon nicht mehr bei sich hatte, erkannte sie die Gefahr hinter ihrem Rücken nicht rechtzeitig. Trotzdem sagte ihr irgendetwas, sich umzuwenden. Es war fast zu spät. Alles, was sie tun konnte, war, uns in dem verbleibenden kleinen Raum mit einem möglichst wirkungsvollen starken Zauber einzuschliessen. Seitdem stecken wir hier fest, zwischen Raum und Zeit. Das Wesen bewacht uns noch immer. Es fliesst um uns herum und wartet.
Die gute Nachricht dabei ist, dass wir natürlich erlöst werden können. Phenomena hat natürlich in der Eile nicht mehr lange überlegen können, welchen Spruch sie jetzt nimmt, sie hat einfach den stärksten genommen, der uns schützt und von der Gefahr abtrennt. Wenn der Zauber aber stark ist, ist die Lösung auch schwierig. In unserem Falle wäre die Lösung, sobald 777.777 Menschen von unserer Situation erfahren und entweder laut aussprechen oder auch nur denken oder einfach wünschen, dass wir befreit werden. Das ist der Grund, warum ich versuche, zu möglichst vielen gedanklich durchzudringen.
Aber das wird wahrscheinlich lange dauern. Sehr lange.
Wenn allerdings jemand unsere Geschichte aufschreiben könnte…
















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