Ganz schön bissig ...
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September 2004
Dunstead
von Klaus Eylmann

Ein Zug hat seine eigene Melodie, der sich kein Fahrgast entziehen kann. Die beiden Männer auf dem Weg nach Dunstead lauschten dem Schnauben, dem Pfeifen der Lokomotive, dem Rattern der Waggons, blickten sich an und nahmen keine Notiz von einander. Jeder von ihnen war mit seinen Gedanken auf einer anderen Reise.
Die Zeit verlangsamte sich, je weiter sie sich von London entfernten. So schien es Geoffrey Farnsworth, einem jungen Mann mit blassem Gesicht und melancholischem Blick, der seinen Ländereien vor Jahr und Tag den Rücken gekehrt hatte, um in London als Poet sein Glück zu versuchen. Heute war er der Einladung seines Freundes George Pommeroy gefolgt, eine Woche auf dessen Landsitz zu verbringen.

“Nun schläft das rote Blütenblatt, nun das weiße;
Weder bewegt sich die Zypresse im Palastgang;
Noch blinkt die goldene Flosse an dem Taufbecken;
Das Glühwürmchen erwacht: Erwache du mit mir.”

“Keats?”
Farnsworth zog eine Augenbraue nach oben und sah auf Pommeroy, einen korpulenten Mann in den Vierzigern mit roter Nase, Tränensäcken und Sommersprossen.
“George, Ihr bleibt besser bei Eurem Getreidehandel. Es ist Tennyson und ich wünschte, es wäre von mir.” Farnsworth legte den Gedichtband neben sich und sah zum Fenster, hinter dem sich unter einer schwachen Abendsonne die Heidelandschaft ausdehnte.
Pommeroy zog eine Taschenuhr hervor.
“Eine halbe Stunde noch.”
Das Rattern der Waggons legte sich über ihre Gedanken. Der Schaffner steckte seinen Kopf durch die Tür: “Nächste Station ist Dunstead.”
“Nun gut”, setzte Pommeroy an, als ein Ruck durch den Zug ging. Bremsen kreischten. Der klagende Ton der Dampfpfeife verklang über der Heide. Der Zug stand auf freiem Feld.
Der Schaffner fluchte im Gang. Jemand polterte an ihrem Abteil vorbei. Die beiden Männer tauschten Blicke und erhoben sich. Farnsworth zog ein Fenster herunter und lehnte sich hinaus. Dampffetzen hingen über Heidekraut. Zwei Männer mit Eisenbahnermützen standen neben der Lokomotive. Der Schaffner eilte hinzu.
“Wer sind die anderen? Lokführer, Heizer? Ich sehe zu wenig”, murrte Farnsworth, öffnete die Waggontür und sprang heraus. Ein Eisenbahner kroch zwischen die Räder der Lok und zog etwas von den Gleisen.
“Um Himmelswillen, ein Mensch!”, rief Pommeroy, “oder ein Teil davon. Der Unglückliche!” Dann kam der Mann mit dem Kopf der Leiche unter der Lokomotive hervor und rief: “Glatt wie eine Billardkugel. Das ist schon der Zweite.”
“Legen wir sie in den Gepäckwagen.” Als der Schaffner Farnsworth und Pommeroy bemerkte, rief er: “Steigen Sie ein, wir fahren weiter.”

Der Zug setzte sich in Bewegung. Pommeroys Gesicht hatte eine kränkliche Färbung angenommen. Die beiden Männer versuchten ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken und unterhielten sich über die neuen Paraffinkerzen, über Theodore Poesches Idee eines fliegenden dampfgetriebenes Schiffes, über den Einzug der Nähmaschine in die Haushalte und kamen doch immer wieder auf die tote Person zu sprechen.
“Eines wundert mich”, sinnierte Farnsworth. “Der Schaffner sagte: ‘Legen wir sie in den Gepäckwagen.’ War es eine Frau?”
“Ich nehme an, er meinte die Leichenteile.” Pommeroy fuhr mit einem Tuch über seine Stirn und verkroch sich hinter die Zeitung.
Farnsworth zog seinen Gedichtband hervor, dann legte er ihn zur Seite. Oft hatte er sich auf dem Londoner Friedhof ‘Highgate’ um Inspiration bemüht, doch einen Toten zu sehen, wenn auch nur von Weitem... . Konnte das seiner Dichtkunst neue Impulse verleihen? Inspiration von einem Toten! Das schändliche Glücksgefühl machte ihn unbehaglich. Hatte sich die Person vom Zug überfahren lassen? Welche Tragik lag der Tat zugrunde? Es war der Zweite. DER Zweite. Ein Mann. War hingegen der zweite Kopf gemeint, konnte es ebenso gut eine Frau sein. Wieso legten sich zwei Personen auf die Schienen? In kurzem Zeitabstand? Auf der gleichen Strecke? Hatte der Erste dem Zweiten durch seine Tat diesen Gedanken ins Hirn gelegt? Oder war es Mord? Absurd. Die Person war nicht gefesselt gewesen. Sie hätte sich von den Gleisen entfernen können.

Eine halbe Stunde später standen Farnsworth und Pommeroy auf dem Perron. Der Bahnhof kauerte unter dem Sternenhimmel. Gleise funkelten unter einem bleichen Mond. Eine rote Laterne bewegte sich an den Waggons entlang. “Dunstead!, Dunstead!” Der Ruf des Schaffners wehte über den Bahnsteig. Farnsworth fröstelte. Der Schaffner stieg auf die Stufe eines Waggons und schwenkte seine Lampe. Schnaubend fuhr die Lokomotive an.
“Mister Pommeroy?” Eine Gestalt löste sich aus dem Schatten des Gebäudes und kam auf sie zu. Ein Mann von kräftigem Wuchs. Er war alt. Unter dem Mond glänzten seine Augen in einem verwitterten Gesicht.
“John, gut dass Sie da sind!”, rief Pommeroy. “Verstauen Sie unser Gepäck.”
Die Kutsche fuhr durch den Ort. Dunkle Häuser mit überhängenden Dächern blickten auf sie herab. Der Schein von Öllampen drang durch die Spalten der Vorhänge. Pommeroy steckte seinen Kopf durch das Fenster der Kutsche. “Halten Sie vor dem ‘Red Bull’!”
In der Inn saß ein alter Mann vor seinem Bier und redete vor sich hin. Sein Gesicht versteckte sich unter einem grauen Bart. Lange Haare fielen ihm in die Stirn. Der Wirt, ein dünner Mann mit rötlichem Gesicht, stand hinter der Theke und putzte Gläser. Pommeroy erzählte von ihrem Erlebnis. Der Alte erhob sich und strebte dem Ausgang zu. Er hörte nicht auf zu reden. Worte ohne Sinn. “Kohlköpfe, sie sind überall!” Verwirrt sah Farnsworth dem Mann hinterher.
Als sie das Lokal verließen, kam ihnen unter den Gaslaternen der Straße eine Gruppe alter Menschen entgegen. Sie hatten ihre Hüte und Mützen tief über die Köpfe gezogen. Pommeroy blieb stehen. “McFadden, Johnson!”, rief er. “Ich hätte nicht geglaubt, Euch wieder zu sehen.” Zwei der Personen drehten um, dann setzten sie ihren Weg fort und verschwanden mit den anderen in einer Seitengasse.
“Ich habe sie wiedererkannt und sie mich auch!”, rief Pommeroy aufgebracht. “Da bin ich sicher. Wieso haben sie mich nicht begrüßt, und überhaupt, was haben die Alten des Nachts auf der Straße zu suchen? Vielleicht kann John uns aufklären?” Der schüttelte den Kopf und sagte, er wisse nichts.
Während John neben der Kutsche wartete, folgten Farnsworth und Pommeroy der Gruppe. Ein Hund heulte, dann hörten sie wieder das schlurfende Geräusch von Füßen. Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ende der plumpe Turm einer Kirche in den nächtlichen Himmel ragte. Schwaches Licht drang durch die geöffnete Tür.
“Sie halten einen Gottesdienst ab”, raunte Pommeroy. “Um diese Zeit, das ist ungewöhnlich.” Wie ein lebender Organismus sog die Kirche die Alten in sich hinein. Die beiden Männer warteten, bis der Letzte im Bauch des Gebäudes verschwunden war, dann gingen sie zur Kutsche zurück.

Pommeroys Landhaus lag ein paar Meilen außerhalb des Ortes. Sie fuhren über eine gewundene Straße. Das Licht vereinzelter Häuser flackerte in der Dunkelheit.
“Eigenartig.” Pommeroy zeigte auf eines, das auf einer Anhöhe schien. “Seit fünf Jahren hat in diesem Haus kein Mensch gewohnt. Leroy, dem es gehörte, ein Getreidehändler wie ich, wollte sich dorthin zurückziehen, doch ist er stets in London geblieben.”

Sie fuhren mit der Kutsche auf Pommeroys Hof. Eine Frau half John, das Gepäck ins Haus zu schaffen. Später, als Farnsworth und Pommeroy ihr Abendessen einnahmen, hörten sie das Rumpeln eines Pferdewagens, das sich in der Ferne verlor.
“John und seine Frau”, erklärte Pommeroy. “Sie wohnen ein paar Meilen entfernt. Während meiner Abwesenheit kümmern sie sich um mein Haus und die Tiere.”

Nebel lag über den Feldern. Ein Dampfpflug quälte sich über einen Acker. Dahinter weiße Punkte auf brauner Krume, Möwen, die nach Würmern suchten. Es war früh am Morgen, als Farnsworth und Pommeroy zu Reverend Thompson in die Stadt ritten. Die Straße wand sich um zwei Hügel, auf denen dürre nackte Bäume wuchsen. Krähen stoben aus ihnen hervor. Der Kirchturm tauchte vor den Männern auf. Ziegeldächer durchbrachen die bleierne Monotonie des Himmels. Der Pfarrer wohnte zwischen der Kirche und dem Friedhof. Eine Ulme beugte sich mit ihren Ästen wie schützend über das Haus. Der Garten war von einem Holzzaun umgrenzt. Efeu rankte sich die Mauern empor.
Ein kleiner, schmächtiger Mann öffnete ihnen die Tür und ließ sie ins Haus. Das Wohnzimmer Reverend Thompsons war mit Plüschmöbeln vollgestellt. Flammen loderten im Kamin. Über einer langen Anrichte hingen Bilder mit Enten, Hunden und Füchsen. Der Pfarrer, mit einem festgezurrten Lächeln in seinem schmalen Gesicht, saß den beiden Männern gegenüber, als Pommeroy von dem Ereignis während der Zugfahrt berichtete.
“Wie seltsam. Nur eine halbe Stunde von hier? Der Tote ist nicht aus dem Ort. Wir hätten ihn vermisst. Lasst uns beten, dass unsere kleine Stadt von Übeln dieser Art verschont bleibt.”
Eine Frau tauchte in der Tür auf und verschwand so schnell wie sie gekommen war. Sie war älter als Thompson, trug ein Häubchen, hatte ein rundes Gesicht und war von robuster Statur. Ihr dunkelgraues hochgeschlossenes Kleid reichte bis zum Boden.
“Ja, ich komme”, rief ihr Thompson hinterher.
“Emma, meine Frau.” Thompsons Lippen verzogen sich. “Sie überwacht meinen Tagesablauf. Ich muss mich auf meinen Sermon vorbereiten.”
Der Pfarrer stellte sich an die Tür.
“Noch eines”, fragte Pommeroy, bevor sie das Haus verließen.
“Wir haben Licht in Leroys Haus gesehen. Wer hat es gekauft?”
“Ein Wissenschaftler.”
Farnsworth drehte sich im Garten um. Thompson und seine Frau standen am Fenster. Unbeweglich.

Raben krächzten auf den Feldern. Ein Fischreiher flog über sie hinweg. Pommeroy nahm die Hand vom Zügel und schob sich den Hut zurecht.
“Mir wollen die Alten nicht aus dem Kopf.”
Farnsworth schloss zu Pommeroy auf. “Die wir gestern Abend gesehen haben?”
“Ist es nicht eigenartig, dass eine geschlossene Gruppe von alten Menschen nachts in die Kirche geht? Was mich noch mehr verblüfft: McFadden und Johnson waren sterbenskrank, als ich sie das letzte Jahr sah. Gestern hingegen... .”
Sie hatten den ersten Hügel hinter sich gebracht. Ein leichter Nordwind kam auf.
“Geoffrey, am Nachmittag gehe ich mit John auf die Jagd.”
“Lass mir das Pferd”, bat Farnsworth. “Ich will mir die Gegend anschauen, die Natur mit meinen Sinnen erfassen, Gedanken horten.”

“Leroys Haus.” Es stand auf einer Anhöhe, von einem Garten umgeben, vor dem ein paar Pferdefuhrwerke mit Baumaterial warteten. Männer arbeiteten auf dem Dach. Zerbrochene Ziegel fielen zu Boden, während ein Mann mit einer Winde neue nach oben beförderte. Zimmerleute montierten Fensterläden. Ein alter Mann kam mit einer jungen Frau hinter dem Gebäude hervor, den Blick auf den Boden gerichtet. Er benutzte einen Stock beim Gehen. Sder Kopf des Greises glich einem Totenschädel, bis auf die Nase, die wie ein Geierschnabel aus dem Gesicht ragte. Ein dunkelgrauer Gehrock schlotterte um seine Gestalt. Zögernd setzte er einen Fuß vor den anderen. Fürsorglich stützte ihn die Frau. Kastanienbraunes Haar fiel über ihre mit einem Tuch bedeckten Schultern. Ein weites Kleid verbarg ihre Figur. Narben überzogen eine Seite des Gesichtes. Eine absurdes Gefühl kroch in Farnsworth hoch, eine Mischung aus Mitleid gepaart mit Furcht, stärker als jenes Unbehagen, das er im Zug gespürt hatte. Stumm zog das Paar an ihnen vorbei, wie Figuren, die zur vollen Stunde unter einer Kirchturmuhr hervorkommen, und stumm verschwanden sie hinter dem Haus.
Eine Kutsche fuhr heran. Reverend Thompson stieg aus dem Einspänner und unterhielt sich mit den Zimmerleuten am Fenster. Farnsworth sah Pommeroy an und zog die Augenbraue hoch: “Vorbereitung auf den Sermon?” Sie setzten ihren Weg fort.

Farnsworth machte sich am Nachmittag auf den Weg nach Dunstead. Das Blau des Himmels kam hinter einigen Wolken hervor. Die Luft war schneidend kalt. Ein Fasan flog über den Weg. Landarbeiter schnitten das Korn auf den Feldern. Einsam stand Leroys Haus auf dem kleinen Hügel. Wo am Vormittag Treiben herrschte, ließ die Stille das Blut in Farnsworth Ohren pochen. Einige hundert Meter weiter scheute sein Pferd. Zwei Beine ragten aus einem Busch. Farnsworth sprang vom Pferd und bog die Äste zur Seite. Der alte Mann aus dem ‘Red Bull’! Er lag auf dem Boden. Leblose Augen starrten zum Himmel empor. Sein Haar war verkohlt, die Kopfhaut verbrannt.

Die Stadt schien wie ausgestorben. Das Klappern der Hufe brach sich an den Mauern. Ein Hund lief vor dem Pferd her und verzog sich in eine Seitengasse. Vorhänge wurden zur Seite gezogen. Einen flüchtigen Augenblick war das fahle Weiß von Gesichtern zu sehen. Farnsworth fand die Polizeistation zwischen einer Schmiede und einer Holzhandlung.
Eine Petroleumlampe blakte. Hinter dem Schreibtisch saß ein schwergewichtiger Polizist. In der Ecke bullerte ein Kachelofen. Auf dem Tisch lagen Formulare, stand ein Halter mit Stempeln und ein Schild, auf dem Farnsworth mit Mühe den Namen Edmond Bright lesen konnte. Farnsworth stellte sich vor die Tonbank und meldete den Toten.
“Ein Toter? In Dunstead? In der Nähe von Doktor Jussufs Haus? Mit Brandwunden auf dem Kopf? Unmöglich. Wenn überhaupt, dann werden die doch außerhalb der Stadt... .” Der Mann hielt inne. “Sie wohnen bei Pommeroy, nicht wahr? Verlassen Sie den Ort nicht, bis ich noch einmal mit Ihnen gesprochen habe. Um den Toten werde ich mich kümmern.”

Farnsworth ritt weiter in die Stadt hinein und lenkte sein Pferd auf den Marktplatz. Baldachine der Stände flatterten im Wind. Vermummte Händler vertraten sich die Beine. Im Hintergrund wurden Stimmen laut. Eine Gruppe Menschen näherte sich den Ständen. ‘Die Alten!’. Waren sie in der vergangenen Nacht bedächtig aber stetig die Straße zur Kirche hoch gegangen, so konnten sie sich jetzt kaum auf den Beinen halten. Sie husteten, keuchten, schwankten, stützten sich. Farnsworth zügelte sein Pferd. Reverend Thompson führte die Gruppe an. Hinter ihm ging seine Frau. Tief lagen ihre Augen in dem eingefallenen Gesicht. Die Alten griffen nach Äpfeln, Kohl, Tomaten, Broten und steckten sie in ihre Manteltaschen.
Ein Händler stellte sich ihnen entgegen und stemmte seine Hände in die Hüften.
“Treibt uns nicht ins Verderben! Ihr könnte nicht nehmen, was euch nicht gehört.”
Thompson blieb stehen und deutete auf die Alten, die ihren Weg an den Ständen fortsetzten. Der Wind trug seine Stimme über den Platz. “Wir haben Verantwortung übernommen, der Ihr Euch nicht entziehen könnt. Daher überlegt Euch, was Ihr sagt.” Ein mächtiger Windstoß fegte einer Frau den lindgrünen Hut vom Kopf. Sie trug ihr Haar kurzgeschoren. Thompson lief der Kopfbedeckung nach und brachte sie zurück. Die Alten zogen weiter. Am Ende des Marktes halfen sie sich auf einen Pferdewagen und verschwanden in nördlicher Richtung.
Farnsworth stieg vom Pferd und näherte sich dem Händler, der seinen Unmut so lautstark zum Ausdruck gebracht hatte.
“Ich kann Ihren Zorn verstehen, mein Herr. Schließlich hat Ihr Obst einen Wert. Warum geht Ihr nicht zur Polizei?”
“Polizei.” Der Mann ordnete die restlichen Früchte auf seinem Tisch, sah hoch und zog die Mundwinkel nach unten. “Ich sehe, Ihr seid nicht aus Dunstead.”

Wäre es nicht ratsam gewesen, Pommeroy auf der Jagd zu begleiten? Dunstead, seltsame Stadt! Wo sich alte Menschen kostenlos auf dem Markt versorgten, mit einem Priester, der dies zuließ, einem Toten am Wegesrand, einem Polizisten, von dem gesagt wurde, er unternähme nichts, mit einer fast kahlgeschorene Frau. In Farnsworth klang die Stimme des Alten nach: “Kohlköpfe, sie sind überall!” Kohlköpfe oder Kahlköpfe? Gab es eine Verbindung zu den Personen, die der Zug überfahren hatte?
Farnsworth wendete sein Pferd und ließ es in einen Trab fallen. Zwei Straßen führten aus dem Ort: Die südliche in Richtung London an den Bahngleisen entlang, die nördliche an Leroys und Pommeroys Anwesen vorbei. Farnsworth ritt nach Norden.
Die Sonne verbarg sich hinter schieferfarbenen Wolken. Ein heftiger Wind fuhr durch eine Gruppe verkrüppelter Bäume. Hinter dem ersten Hügel machte Farnsworth Leroys Haus aus. Leroys Haus? “Doktor Jussuf” hatte der Polizist gesagt. Farnsworth suchte die Büsche neben dem Weg ab. Der Tote war verschwunden. Der Pferdewagen stand vor dem Haus. Reverend Thompson und die Frau, die Farnsworth an Jussufs Seite gesehen hatte, halfen den Alten vom Gefährt. Farnsworth lenkte sein Pferd hinter eine Scheune und beobachtete, wie die Menschen in dem Haus verschwanden.
Farnsworth verharrte an seinem Platz. Ihm war, als ließe ihn die Natur mit diesem Haus allein. Die Neugier zerrte an ihm mit tausend Tentakeln. Er stieg vom Pferd, band es hinter der Scheune an und näherte sich dem Haus. Mit dem Rücken an der Mauer schob er sich auf ein Fenster zu und schaute hinein. Ein Auge starrte ihn an. Die marmorne Blässe des Gesichtes, die das Auge umgab, ging jäh in eine verkraterte und von Brandnarben durchzogene Fläche über. Die Frau deutete mit dem Kopf zum Eingang. Zögernd ging Farnsworth darauf zu.
“Kommen Sie.” Er wusste nicht, auf was er sich einließ, doch spürte er einen unwiderstehlichen Drang das Haus zu betreten. Die Frau und ein Mann kamen ihm zuvor. Sie zogen ihn in das Haus. Sie schleiften ihn durch den Saal. Sie fesselten ihn an einen Stuhl. Farnsworth zitterte vor Schreck und Kälte. Verlebte, verfallene Gesichter. Augen über Tränensäcken, tief in Höhlen liegende, hervorstehende. Gebisslose Münder, tropfender Speichel. Die Alten saßen in ihren Paletots, mit ihren Mützen und Joppen, kauten und verschlangen, was sie auf dem Markt entwendet hatten.
“Um Himmelswillen. Was macht Ihr hier?” Farnsworth wand sich unter den Stricken. Der Saal nahm das Untergeschoss des Hauses ein. Fenstergitter warfen schwache Schatten inr grauem Dämmerlicht. Ein Bild hing an der Wand. Jemand hatte es umgedreht. In der Mitte des Raumes saß Jussuf, wie Farnsworth an einen Stuhl gebunden. Neben ihm befand sich ein Waschständer mit Wasser, Schere und Rasierzeug. Daneben stand ein Schwungrad. Mannshoch, aus mattem Eisen, war es mit einer Drahtspule verbunden, die sich um Blöcke aus Metall wand. Auf Jussufs Kopf saß ein eiserner Gitterhelm. Farnsworth schluckte und spürte, wie das Grauen in ihm hoch kroch.
“Clarissa. Dein Vater wartet!” Reverend Thomson stand neben dem gigantischen Rad. Die Frau stellte sich an seine Seite. Gemeinsam fingen sie an, das Rad zu drehen. Langsam erst, dann schneller, bis es seine Eigengeschwindigkeit erreichte und das holpernde Geräusch in ein gleichmäßiges Surren überging. Irisierende Farben liefen über Jussufs kahlen Kopf, während sich sein Körper unter den Gurten krümmte. Die Frau blieb neben ihrem Vater stehen und sah zu Farnsworth hinüber, der wie hypnotisiert auf den Tanz der Schatten starrte, den die Speichen des Rades auf ihrem Gesicht vollführten. Kaum hörte er ihre Stimme.
“Mein Vater hat sich die Elektrizität zunutze gemacht, um Leben zu verlängern. Den Schenkel eines Frosches oder eine Leiche zu Konvulsionen zu stimulieren, ist Professor Galvanis fragwürdiges Verdienst. Erst mein Vater, Doktor Romulus Jussuf, hat den wahren Segen der Elektrizität entdeckt: Die Revitalisierung sterbender Körperzellen.
Sehen Sie mein Gesicht?” Dass die Frau ruhig blieb, machte Farnsworth nervös.
“Bei dem ersten Experiment meines Vaters hat der Helm meine Haare und mein Gesicht verbrannt.”
Die Frau lief zur Wand und drehte das Bild um. Es zeigte ihr Porträt. Die alabasterfarbene Haut, der blutrote Mund, Stirn, Wangen, Nase, Augen fügten sich zu einem Gesicht, in das Farnsworth sich hätte verlieben können. Sein mitleidiger Blick streifte die Frau neben dem Bild. Dann überwältigte ihn wieder das Grauen.
Die Frau mit dem lindgrünen Hut humpelte klagend zum Eingang, rüttelte an der verschlossenen Tür, blickte ängstlich auf das schwirrende Rad, auf den Mann, der sich unter dem Metallhelm wand, auf die entstellte Frau. Thompsons Frau führte sie zu ihrem Sitz zurück. Langsam ging sie die Stuhlreihe auf und ab und redete mit den Verängstigten.
“Der Behandelte bleibt einen Tag bewusstlos”, fuhr Jussufs Tochter fort, “Er kann sich an die Prozedur nicht erinnern.” Thompson zog den Stuhl mit Jussuf unter dem Helm hervor. Dann packte er Farnsworths Schultern und schleifte ihn neben das Gerät. Farnsworth fühlte die Hände des Mannes an seinem Kopf, die Schere der Frau an seinen Haaren.
“Jeden Monat fangen wir mit meinem Vater an, um ihn wie die anderen Alten am Leben zu erhalten.”
Farnsworth zweifelte an seinem Verstand. Die Seife, der Schaum, das Rasiermesser! Oder war es ein Traum? Warum wachte er dann nicht auf? Wo war Pommeroy? Das Schwungrad holperte, drehte sich langsamer. Thompson fesselte die Alten an ihre Stühle. Sein gütiges Lächeln wirkte zu obszön, um die Angst der Menschen zu mindern.
Unter Mühen zwang Farnsworth seine Gedanken in geordnete Bahnen. “Welche Gegenleistung wird euch erbracht?”
“Die Dankbarkeit der Söhne und Töchter ist uns Lohn genug. Der Tod hatte seine Hand nach ihren Eltern ausgestreckt, doch nun wissen sie: Dunstead und seine Menschen werden ewig leben.”
“Was ist mit den Undankbaren und mit Menschen, die sterben wollen? Und denjenigen, die Fremden von der Prozedur erzählen?”
Die Frau blieb stumm. Ihr Auge schien durch Farnsworth hindurch zu sehen.
“Ich liege nicht im Sterben, ich bin nicht alt!”, schrie Farnsworth. “Warum sitze ich hier?”
Thompson beugte sich zu ihm herab. Sein Lächeln schien ihm abhanden gekommen zu sein. “Ihr seid nicht von Dunstead. Neugier ist ein schlechter Ratgeber. Das haben schon Andere erfahren. Ihr hättet mit Pommeroy auf die Jagd gehen sollen. Wenn unsere Arbeit hier getan ist, werden wir Euch aus dem Ort schaffen.” Thompson und die junge Frau schoben den Helm über Farnsworth Kopf und fingen an das Rad zu drehen...


Drei Eisenbahner und ein Polizist sahen auf ihn herab. “Könnt Ihr Euch bewegen?”
Farnsworth erkannte den Schaffner. Sein Rücken schmerzte. Er sah zur Seite und fand sich auf den Bahngleisen. Mühsam richtete er sich auf und fuhr mit der Hand über seinen Kopf. Sein Gesicht wurde rot.
“Wie komme ich hierher?”
“Das wollten wir von Ihnen wissen.” Der Polizist, der sich als Inspektor McEwan vorstellte, zwirbelte seinen Schnauzbart.
“Wir sollten einsteigen”, drängte der Schaffner.

Farnsworth versuchte sich zu erinnern. Ohne Erfolg. Es war, als habe der Tag nie existiert.
“Sie haben Glück gehabt, dass wir auf diesem Abschnitt langsamer gefahren sind. Aber nachdem schon zwei Menschen hier zu Tode gekommen waren... So konnten wir den Zug rechtzeitig stoppen.” Der Schaffner ließ Farnsworth mit dem Polizisten allein.
“In Dunstead verlassen wir den Zug”, meinte dieser und sah aus dem Fenster. Farnsworth vermied es. Kahl wie eine Billardkugel. Dahin seine Poetenlocken. Was für eine Schmach! Welch ein Horror! Warum hatte ihn die Lok nicht in den Tod gerissen?
Farnsworth und McEwan waren die einzigen, die in Dunstead ausstiegen. Der Mond verbarg sich hinter den Wolken, als sie die Bahngleise überquerten und neben dem Bahnhofsgebäude eine Pferdedroschke fanden.
Pommeroy stürzte aus dem Haus, als sie auf seinen Hof fuhren.
“Geoffrey, wo um Himmelswillen habt Ihr gesteckt und wie seht Ihr aus?”
“Ich wünschte, ich könnte in den Boden versinken.” Farnsworth fuhr mit der Hand über den kahlen Schädel. “Ich lag auf den Gleisen, wie der Mann am Tag zuvor. Diesmal jedoch kam der Zug rechtzeitig zum Stehen.”
“Ihm ist jede Erinnerung an den heutigen Tag abhanden gekommen”, fügte McEwan hinzu.
“Geoffrey hat mehr als zweihundert Gedichte im Kopf und kann sich nicht daran erinnern, wie er auf die Gleise gekommen ist? Er ist schon der dritte. Ich hätte mich nicht mehr im Spiegel ansehen können, wenn ihm etwas zugestoßen wäre.”
“Redet nicht von Spiegeln”, entsetzte sich Farnsworth.
“Ich fahre zum Gasthof. Seid morgen um zehn Uhr zur Protokollaufnahme auf der Polizeistation.” Mit diesen Worten ließ McEwan die beiden Männer allein.

Sie sahen McEwan am nächsten Morgen auf der Wache. Am Schreibtisch saß ein schwergewichtiger Polizist. Er nahm Farnsworth Angaben zu Protokoll.
“Seid Ihr depressiv veranlagt?”
“Hin und wieder etwas melancholisch.”
“Und Ihr habt Euch nicht umbringen wollen?
“Ich weiß es nicht. Mir fehlt jede Erinnerung. Doch habe ich keinen Grund dazu.”
“Es ist doch ungewöhnlich”, warf Pommeroy ein, “dass sich drei Menschen so kurz hintereinander auf den Gleisen das Leben nehmen wollten. Ich bin davon überzeugt, dass sie jemand bewusstlos gemacht und auf die Schienen gelegt hat.”
“Dann muss es einer von außerhalb sein”, brummte der Polizist. Der Gänsekiel fuhr über das Papier.
Pommeroy griff nach seinem Hut. “Da wir nichts weiter zur Aufklärung beitragen können, werden wir gehen. Es ist wohl besser, wir fahren heute Abend nach London zurück.”
Eine alte Frau kam auf die Wache, stellte eine Tasche auf die Tonbank, öffnete sie und zog eine Schale mit Plätzchen hervor, die sie dem Polizisten auf den Schreibtisch stellte.
“Bedienen Sie sich”, forderte sie die drei anderen auf. “Ich habe sie für meinen Sohn gebacken.” Kokett zupfte sie ihren lindgrünen Hut zurecht.
“Der Hut!”, rief Farnsworth.
McEwan sah zu ihm hin. “Was ist mit ihm?”
“Ach nichts. George, könntet Ihr mir Euren leihen?”
Die Frau lächelte freundlich, ergriff ihre Tasche und verließ mit energischen Schritten den Raum.

Ein Zug hat seine eigene Melodie, der sich kein Fahrgast entziehen kann. Die beiden Männer auf dem Weg nach London lauschten dem Schnauben, dem Pfeifen der Lokomotive, dem Rattern der Waggons, blickten sich an und sahen sich nicht.
Jeder von ihnen war mit seinen Gedanken auf einer anderen Reise.
Farnsworth legte den Gedichtband zur Seite und sah verstohlen zum Fenster. Ein breitkrempiger Hut bedeckte seinen Kopf. Auf dem Weg zum Bahnhof hatten sie bei einem Hutmacher in der Stadt Halt gemacht.
“Gedichte.” Farnsworth legte sein Buch zur Seite. “Wo sind meine Inspirationen? Wüsste ich doch nur, was mir heute widerfahren ist.”

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