Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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September 2004
Weißenbergia elegans
von Fran Henz

Ein Kriminalfall aus dem Wien Maria Theresias


„Mir warat’n jetzt do, Eicha Gnaden.“
Diesen Worten folgte ein veritabler Hustenanfall, der Hofrat Blecherer aus seinen Gedanken riss. Eilig stieg er aus und reichte dem Kutscher ein paar Münzen. Dann wandte er sich um und musterte das imposante, in der Wiener Vorstadt Gumpendorf gelegene Bürgerhaus. Nichts verriet, dass hier zwei Nächte zuvor ein Einbrecher vom Hausherrn erschossen worden war.
Der Hausherr hieß Alexander Weißenberg und sollte noch in diesem Jahr von der Kaiserin ob seiner Verdienste im Bereich der Wissenschaft in den Ritterstand erhoben werden. Weißenberg nahm seit Jahren an botanischen Expeditionen nach Afrika und in die Neue Welt teil. Von dort brachten er und seine Begleiter überraschende Erkenntnisse sowie unbekannte Pflanzen für die Universität Wien mit. Sein Name verfügte in Fachkreisen über allerhöchste Reputation. Wie Polizeidirektor Graf Pergen bei der soeben stattgefunden Unterredung nachdrücklich klar gestellt hatte.
Deshalb war es völlig inakzeptabel, diesen Mann wie einen dahergelaufenen Verbrecher zu behandeln. Was Anton Pikall, Blecherers Adlatus, getan haben sollte. Und das wiederum hatte dazu geführt, dass Blecherer jetzt vor dem Tor der Weißenbergschen Villa stand und den Türklopfer betätigte, um persönlich Abbitte zu leisten.
Eine grauhaarige Frau mit weißer Schürze öffnete nach geraumer Weile und sah ihn unfreundlich an.
„Hofrat Blecherer, küss die Hand, ich möchte den Hausherrn sprechen“, sagte er und versuchte ein gewinnendes Lächeln, das an dem weiblichen Zerberus abglitt wie Schnee von einer heißen Herdplatte.
Mit einer Kopfbewegung bedeute ihm die Frau, ihr zu folgen. Blecherer tat wie ihm geheißen und blickte sich dabei unauffällig um. Die Einrichtung konnte als gediegen bezeichnet werden, allerdings war sie schon einige Zeit aus der Mode und auch die Farben der Seidentapeten hatten ihren Glanz längst verloren.
Ohne anzuklopfen, öffnete die Frau eine Zimmertür und bellte in den Raum: „Konrad Eckerer wünscht Sie zu sprechen, Gnä’ Herr.“
Blecherer verdrehte die Augen und seufzte unhörbar. Nicht nur griesgrämig, sondern auch schwerhörig. Sie winkte ihn näher und noch im Gehen zog er seine Visitkarte aus der Manteltasche.
Alexander Weißenberg saß hinter einem wuchtigen Schreibtisch, auf dem sich Bücher, Aktenmappen und lose Zettel stapelten. Er blickte Blecherer entgegen und auf seinem hageren Gesicht lag ein fragender Ausdruck.
„Konrad Eckerer? Nun, ich kann mich beim besten Willen nicht ...“
„Hofrat Ferdinand Blecherer von der Wiener Stadtpolizei.“
Er reichte Weißenberg seine Karte.
„Ach, Sie kommen wegen dieses unerfreulichen Vorfalls. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass bereits jemand in dieser Angelegenheit vorgesprochen hat. Ein impertinenter junger Hund namens ...“
„Pikall“, ergänzte Blecherer.
Weißenberg nickte und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, sich zu setzen. „Richtig. Stellte mir Fragen, als ob ich der Verbrecher wäre und nicht dieses Subjekt, das sich in finsterer Nacht in mein Haus geschlichen hat.“
Blecherer unterdrückte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag und sagte stattdessen: „Er ist manchmal etwas übereifrig, aber das ist einmal das Vorrecht der Jugend. Sollten Sie sich durch sein Gebaren beleidigt gefühlt haben, dann möchte ich in aller Form dafür um Entschuldigung bitten.“ Er machte eine Pause, konnte sich aber dann doch nicht einer kleinen Spitze enthalten. „Letztlich sind wir bestrebt zu verhindern, dass das Verbrechen in unserer Stadt Fuß fasst – keine leichte Aufgabe, denn natürlich zieht die Hauptstadt eines so riesigen Reiches allerlei Gesindel an.“
Er erwiderte Weißenbergs Blick unschuldig. So, als ob er nicht wüsste, dass Weißenbergs Eltern aus Mähren nach Wien gekommen waren und ihren Namen eindeutschen lassen hatten.
Weißenberg kniff den Mund zusammen, sagte aber nichts.
Blecherer begann die Fakten zu memorieren, die Pikall ihm genannt hatte. „Es passierte hier, in Ihrem Arbeitszimmer?“
„Ja“, antwortete sein Gegenüber. „Ich kam nach Mitternacht von einem Treffen befreundeter Botaniker heim und entdeckte einen Lichtschein unter der Tür dieses Zimmers. Sicherheitshalber holte ich meine Pistole, die ich auf meinen Expeditionen mitführe und betrat sodann mein Arbeitszimmer. Ein dunkelhäutiger Mann wühlte in den Unterlagen auf meinem Schreibtisch. Die Schubladen hatte er herausgezogen und den Inhalt über den Boden verstreut. Vermutlich war er auf der Suche nach Wertsachen.“
„Man hat nichts bei ihm gefunden.“
Weißenberg zuckte mit den Schultern. „Ich bin kein vermögender Mann.“
„Das wird sich ja mit Ihrer Erhebung in den Ritterstand ändern“, entgegnete Blecherer teilnahmsvoll.
„Ganz bestimmt nicht.“ Weißenberg lachte bitter. „Ein Titel ohne Wert. In jeder Beziehung. Nach wie vor werde ich auf Knien um finanziellen Beistand für Expeditionen betteln müssen und potentiellen Geldgebern Honig ums Maul schmieren, damit sie ein paar elende Münzen locker machen. Das Brot der Wissenschaft ist ein hartes, aber darum macht sich kaum einer Gedanken.“
Blecherer überging den larmoyanten Einwurf und fragte: „Die Nachforschungen ergaben, dass der Mann vom Garten aus eingedrungen ist. Er schlug die Fensterscheibe der Tür ein und drehte einfach den innensteckenden Schlüssel. Etwas leichtsinnig ...“
„Wie gesagt, ich bewahre hier keine Wertgegenstände auf.“
„Hat Ihre Haushälterin nichts gehört?“
„Sie haben selbst bemerkt, dass sie schwerhörig ist. Lina war schon bei meinen Eltern in Dienst, und obwohl das Alter nicht sanft mit ihr umspringt, will ich sie nicht entlassen. Meine Bedürfnisse sind gering ... und was hätte sie schon gegen den Einbrecher ausrichten können?“
Blecherer erschien die plötzliche Humanität seines Gesprächspartners leicht übertrieben, aber bevor er sich darüber Gedanken machen konnte, fragte Weißenberg: „Weiß man irgendetwas über diesen Zigeuner? Ich meine, wo er herkam und was er in meinem Haus suchte?“
„Es ist nicht sicher, ob er ein Zigeuner ist. Nicht jeder mit schwarzem Haar, Schnurrbart und brauner Haut ist ein Zigeuner. Aber um Ihre Frage zu beantworten, nein, wir wissen bisher nichts über ihn.“ Er runzelte die Stirn. „Haben Sie einen Verdacht?“
„Ich? Nein. Der Mann war mir völlig unbekannt. Es ist nur ...“
„Was?“
„Ich habe mir in den letzten Tage meine Gedanken gemacht, und ... vielleicht ...“, er brach ab.
„Vielleicht?“, wiederholte Blecherer mit einem Anflug von Ungeduld.
„Nun, es wäre möglich, dass ihn jemand geschickt hat.“
„Könnten Sie mir erklären, was Sie damit meinen? Gerade sagten Sie, dass es im Haus keine Wertgegenstände gibt.“
„Für einen gewöhnlichen Dieb gibt es hier nichts zu holen, aber natürlich habe ich Konkurrenten, die an den Ergebnissen meiner Arbeit interessiert sind.“ Er deutete auf den Stapel Papiere vor sich.
Das war immerhin ein Ansatzpunkt. „Können Sie mir konkrete Namen nennen?“
Weißenberg lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Natürlich nicht.“
Blecherer stand auf und trat näher an den Schreibtisch. „Ich darf doch?“
„Wenn es Ihnen weiterhilft.“
Blecherer überflog die vor ihm liegenden Dokumente. Zum Großteil handelte es sich um Beschreibungen verschiedener Pflanzen und Expeditionsberichte aus aller Herren Länder. Aufmerksam betrachtete er detailgetreue Zeichnungen, die Blüte, Blätter und Wurzeln zeigten, sowie Querschnitte durch den Kelch und vergrößerte Abbildungen der Samenkörner. Vereinfachte Land- und Seekarten mit botanischen Notizen am Rand. Durchaus interessant, aber das brachte ihn auch nicht weiter. Um herauszufinden, wer an diesen Dingen Interesse haben könnte, waren ausgedehnte Recherchen notwendig.
Er legte die Papiere wieder zurück und wollte sich schon mit einigen nichtssagenden Worten verabschieden, als eine Zeichnung seine Aufmerksamkeit erregte. Eine kleine blaue Blume mit zarten, fedrigen Blättern war darauf zu sehen. Darunter stand in der üblichen Schönschrift „Weißenbergia elegans“.
Blecherer hob die Skizze hoch und sah Weißenberg fragend an. Eine leichte Röte färbte die Wangen des Mannes und er schien einen Moment lang verlegen. Dann fing er sich. „Diese Pflanze habe ich auf meiner letzten Reise in Ostafrika entdeckt. Es ist eine neue Spezies, darum trägt sie meinen Namen.“ Er griff nach der Zeichnung und betrachtete sie versunken.
Blecherer räusperte sich. „Dann will ich nicht länger stören, Herr Weißenberg. Wenn die Recherchen etwas ergeben, melde ich mich wieder bei Ihnen.“
Weißenberg hob den Kopf und blinzelte desorientiert. „Oh ja, natürlich. Kommen Sie, ich bringe Sie zur Tür.“
Gemeinsam gingen sie den Flur entlang. Durch das Oberlicht einfallende Sonnenstrahlen beleuchteten Spinnweben, die von einem trüben Kristallluster hingen und sich im Luftzug wiegten. Weißenberg bemerkte sie nicht. Er hielt noch immer die Zeichnung in der Hand.
„Darum geht es“, sagte er statt eines Abschieds zu Blecherer und öffnete die Tür. „Geld und Titel sind nichts als schillernde Seifenblasen im Odem der Geschichte. Aber das hier überdauert Kriege und Völker und Dynastien. Noch in Hunderten von Jahren wird man meinen Namen kennen.“

Pikall erwartete Blecherer bereits gespannt. „Hast du diesem arroganten Ar...“
„Du weißt, ich lege Wert auf gepflegte Sprache“, unterbrach ihn Blecherer. „Und ja, ich habe Herrn Weißenberg ... mein Bedauern über dein unangemessenes Betragen übermittelt. Wie schaffst du es nur immer wieder, dich derart in die Nesseln zu setzen?“
Pikall grinste unbekümmert. „Bin eben von Natur aus ein fähiges Bürschchen.“
„A propos Natur, in diese Richtung werden unsere Nachforschungen wohl gehen. Weißenberg ist der Ansicht, dass es sich um einen Auftragsdiebstahl handelt, der auf die Ergebnisse seiner Arbeit abzielt. Das heißt, wir müssen uns mit der Elite der heimischen Wissenschaft herumschlagen. Und bei deiner bekannt despektierlichen Art im Umgang mit Autoritäten bleibt mir wieder die meiste Arbeit“, seufzte Blecherer. „Wenn ich nur wüsste, wo ich anfangen soll und wem ich dabei besser nicht auf die Zehen trete. Gibt es Neuigkeiten über die Identität des Einbrechers?“
Pikall schüttelte den Kopf. „Nein, und ...“
Zaghaftes Klopfen unterbrach seine Rede und die Zimmertür wurde vorsichtig geöffnet. Ein junger Mann, den seine schwarze Kleidung noch schmächtiger aussehen ließ, als er ohnehin schon war, trat zögernd ein. „Guten Tag, meine Herren“, sagte er leise, aber bestimmt. „Mein Name ist Clemens Figlmüller. Ich bin der stellvertretende Leiter der Hofgärten in Schönbrunn und der Assistent von Nikolaus von Jacquin, dem Rektor des botanischen Instituts der Universität. In dieser Eigenschaft kümmere ich mich auch um die Korrespondenz von Professor Jacquin, der sich gegenwärtig auf einer Vortragsreise in Prag und Olmütz befindet.“ Er machte eine Pause. „Man sagte mir, ein Hofrat Blecherer sei für den Einbruch bei Professor Weißenberg zuständig?“
„Das ist richtig, Herr Figlmüller. Was kann ich für Sie tun?“
Der junge Mann lächelte und rückte umständlich seine Brille zurecht. „Ich habe hier ein Dokument, das für Sie von Interesse sein könnte.“
Er zog einen Brief aus seiner Brusttasche und reichte ihn Blecherer. Das Siegel war bereits gebrochen, trug aber keinen Abdruck, der Rückschlüsse auf den Verfasser zuließ. Sorgfältig faltete Blecherer das Blatt auseinander und studierte den Inhalt. Im Raum war es so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hätte hören können.
Nach einer kleinen Ewigkeit hob Blecherer den Kopf und fragte: „Was ist Papaver rhoeas?“
Das Lächeln auf dem Gesicht des Botanikers vertiefte sich. „Klatschmohn.“

Als Blecherer und Pikall im Weißenbergschen Refugium eintrafen, saß der Hausherr gerade beim Abendessen. Jovial winkte er die beiden näher.
„So setzten Sie sich doch, meine Herren. Ah, Herr Hofrat, diesmal haben Sie Ihr Schülerlein mitgebracht. Soll wohl Ihre distinguierten Art erlernen?“
„Auch ich habe meine Verpflichtungen“, antwortete Blecherer trocken. „Eine davon ist, die Jugend zu gefälligem Umgang mit den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt anzuleiten.“
Weißenberg säbelte an seinem Fleischstück und fragte: „Ich nehme an, es sind Neuigkeiten, die Sie herführen.“
Blecherer nickte. „Bevor ich konkreter werde, möchte ich Sie bitten, mir meine mehr als vagen Vermutungen über die allgemeinen Vorgänge bei Expeditionen und Forschungsreisen zu bestätigen.“
„Wenn es meine bescheidenen Fähigkeiten erlauben, gerne.“
„Danke. So weit ich weiß, werden Expeditionen gegenwärtig unter der Schirmherrschaft zahlreicher europäischer Regenten durchgeführt, mit den unterschiedlichsten Zielen.“ Er blickte Weißenberg an, der nickte.
„Es ist also nicht ausgeschlossen, dass sich die Teilnehmer verschiedener Expeditionen in den großen Hafenstädten begegnen.“
„Richtig.“ Weißenbergs Miene verriet höfliches Desinteresse.
“Gut. Nehmen wir weiter an, ein einsamer junger Mann beweint am Tisch einer Taverne in ... sagen wir ... Alexandria den Verlust seiner Kameraden. Einer nach dem anderen war den Folgen von Fleckfieber, Ruhr oder Malaria erlegen. Als Einziger hatte er all den Unbillen getrotzt und war froh, einem interessierten Zuhörer sein Herz ausschütten zu können. Natürlich erzählt er auch von den Ergebnissen der Expedition. Von der unbekannten Pflanze, die er in den Tiefen Afrikas entdeckt hat. Und natürlich fühlt er sich geschmeichelt, als sein neuer Freund, selbst ein profunder Kenner der Botanik, das kleine Pflänzchen zu sehen wünscht.“
Eine Ader an Weißenbergs Stirn schwoll an. „Sie ...“
„Man traf sich am nächsten Morgen, und der junge Mann nahm seinen neuen Freund mit in seine Unterkunft. Dort zeigte er ihm das unbekannte, namenlose Pflänzchen, das kränkelte seit man es aus seiner gewohnten Umgebung gerissen hatte. Natürlich beunruhigte ihn der Zustand seiner Entdeckung, aber glücklicherweise hatte er auch ein Döschen voller Samenkörner und eine Zeichnung von der gesamten Pflanze. Das sollte für die Dokumentation ausreichend sein, wie ihm auch sein neuer Freund bestätigte. Dieser bot ihm sogar an, die Dinge an sich zu nehmen und sie für ihn aufzubewahren. Nun war unser Held zwar jung, aber nicht dumm. Er lehnte dankend ab. Dass er noch am gleichen Abend in einer dunklen Seitengasse niedergeschlagen und seiner wenigen Wertsachen beraubt wurde, mag Zufall sein. Als er bei seiner Rückkehr in die Pension jedoch feststellen musste, dass die Samenkörner, die Zeichnungen und Berichte über die Expedition gestohlen worden waren, relativierte sich dieser Zufall schnell. Ebenso, wie das Verschwinden seines neuen Freundes. Unser junger Mann – nennen wir ihn der Einfachheit halber Luigi – brachte schnell in Erfahrung, dass an diesem Tag nur ein Schiff den Hafen verlassen hatte und ...“
Klirrend fiel das Besteck aus Weißenbergs Händen. „Damit kommen Sie nie durch. Sie haben keine Beweise.“ Er sprang auf und zerrte an der Serviette, die er um den Hals gebunden hatte.
Blecherer betrachtete ihn nachsichtig. „Vielleicht nicht im Augenblick.“
„Lügen. Alles Lügen. Ich werde mich über Sie beschweren. Beim Polizeidirektor. Beim Minister. Und bei der Kaiserin.“ Weißenbergs Teint changierte mittlerweile ins Purpurne.
„Das steht Ihnen frei, aber ich bin noch nicht fertig. Ein älterer, abgeklärter Mann hätte vielleicht resigniert, Luigi jedoch – ungestüm und übereifrig wie die Jugend nun einmal ist - folgte den Spuren des Diebes nach Europa und fand ihn schließlich auch. Er beobachtete ihn einige Tage und überlegte, wie er vorgehen sollte. Leider kam er dabei nicht auf die naheliegendste Lösung: die Polizei einzuschalten. Er wollte die Sache persönlich regeln, an die Ehre des Botanikers appellieren und ihn überzeugen, ihm sein Eigentum zurückzugeben. Der Dieb zeigte sich verhandlungsbereit und bat Luigi eines späten Abends in sein Haus. Was genau bei dieser Unterredung passierte, wissen wir nicht. Wir wissen nur, wie sie endete: mit Luigis Tod.“
„Lügen. Unterstellungen. Rufmord“, brüllte Weißenberg. „Sie bewerfen ein renommiertes Mitglied der Universität Wien mit Schmutz. Ihre Worte werden Ihnen noch Leid tun. “
Pikalls Gesicht reflektierte eine Mischung aus Abscheu und Verachtung. „Die Identität des Einbrechers herauszufinden, wird mit den uns vorliegenden Informationen ein Leichtes sein. Ebenso wird sich eruieren lassen, ob Luigi Cavaltone der einzige Überlebende einer vom Kurfürsten von Sachsen ausgerichteten Expedition nach Ostafrika war, und ob er sich zum selben Zeitpunkt in Alexandria aufgehalten hat wie Sie, Professor Weißenberg.“
„Damit kommen Sie nicht durch“, wiederholte Weißenberg heiser. „Niemals. Dafür ist das Gebräu viel zu dünn.“
„Einen wildfremden Einbrecher auf frischer Tat zu erschießen ist eine Sache. Jedoch einen Mann zu töten, den man kennt – diese Bekanntschaft wiederholt abzustreiten – rückt den Betreffenden in mehr als nur schiefes Licht“, fuhr Pikall fort.
Weißenberg schüttelte den Kopf. „Kenne ihn nicht. Nie gesehen. Beweisen Sie mir das Gegenteil. Hunderte Europäer sind in Alexandria, Tanger, Tripolis. Das heißt gar nichts.“
Pikall öffnete den Mund, aber Blecherer brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. “Ich hatte mit mehr Einsicht gerechnet, bei einem Mann Ihres Formats. Aber gut. Nun, Luigi Cavaltone war jung und impulsiv, doch wie wir schon einmal festgestellt haben, nicht dumm. Obwohl er an das Gute im Menschen geglaubt hat, sicherte er sich vor dem alles entscheiden Gespräch mit dem Dieb ...“ Blecherer machte einen Schritt auf Weißenberg zu und nagelte ihn mit seinem Blick fest „... mit Ihnen, Herr Professor Weißenberg, in der Weise ab, dass er die Fakten in einem Brief niederschrieb und diesen Brief an die in seinen Augen oberste Instanz, Professor von Jacquin schickte, mit der Bitte, der Sache nachzugehen, falls er selbst sich nicht innerhalb einer Woche bei ihm meldete.“
Weißenberg lachte höhnisch. „Also hat er seine Lügen sogar aufgeschrieben. Und Sie glauben ihm.“
„Ja, ich glaube ihm. Einerseits ist die Geschichte für mich plausibel, andererseits war dem Brief etwas beigelegt.“ Blecherer schnippte ein Stäubchen von seinem Ärmel. „Luigi hatte keine irdischen Reichtümer, ebensowenig wie Sie, Professor Weißenberg. Er besaß nur einen Schatz, und diesen Schatz hätte er keine Minute aus den Augen gelassen: die Samenkörner jener Pflanze, die nach seinem Willen Cavaltonia caerulea hätte heißen sollen. Er trug diese Samen eingenäht in seinem Hemd bei sich. Der Dieb konnte zwar die Aufzeichnungen über die Pflanze und Expedition stehlen, aber nicht die echten Samenkörner. Im Döschen befanden sich die Samen einer anderen Pflanze, die in Nordafrika wächst.“ Er machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte zu unterstreichen. „Der Assistent von Professor Jacquin wird aus jenen Samen, die dem Brief beilagen, nach der nötigen Ruhezeit Pflänzchen ziehen. Und Sie, Herr Weißenberg, werden das natürlich auch mit den Saatkörnern tun, die Sie in Alexandria an sich gebracht haben. Schließlich müssen Sie Ihren Vortrag für die Universität Wien ja auch dokumentieren. Wenn die Sämlinge zu Weißenbergia elegans heranwachsen, sind Sie natürlich von jedem Verdacht reingewaschen und ich quittiere den Polizeidienst noch am selben Tag. Sollte daraus allerdings Papaver rhoeas, auch bekannt als gemeiner Klatschmohn werden, dann ...“
„... dann hängt Ihr Arsch in der Schlinge“, schloss Pikall übereifrig wie immer und grinste von einem Ohr bis zum anderen.


Kontakt: fran.henz@chello.at




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