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Oktober 2004
Das Versteck
von Silvia Both

Mittags lag der Brief auf dem Esstisch. Hanno sah ihn neben seinem Suppenteller liegen. „Öffne ihn“, sagte Mutters Blick. Hanno fischte nach seinem Taschenmesser in der Hosentasche und schlitzte den Umschlag auf. „Morgen früh“, las er vor, „um 8 Uhr am Bahnhof.“ Sein Herz klopfte. Etwas Großes griff mit seinen Tentakeln nach ihm, wollte ihn an sich ziehen. „Du gehst zu Heinrich. Jetzt sofort.“ Mutters strengster Ton. Hanno nickte. „Hol deinen Rucksack, ich pack dir etwas Wäsche ein, die Dauerwurst bekommst du auch mit.“ Hanno starrte auf den Abreißkalender an der Wand. 4. April 1945. Wie lange würde er wegbleiben? Wie lange dauerte der Krieg noch? Wann kamen die Amis?
„Tach, Hanno.“ Heinrich, entfernter Verwandter der Mutter, machte nie viele Worte. Er kaute auf seinem Tabak herum. „Ist es soweit?“ „Ja, die Einberufung lag heute auf dem Tisch. Morgen früh, acht Uhr am Bahnhof.“ Heinrich musterte den schmalen Sechzehnjährigen. Kein nennenswerter Bartwuchs. Breite Schultern von der Arbeit auf dem Hof. Aber das Gesicht noch ganz kindlich unter dem kurzgeschnittenen blonden Haar. „Den Eid kannst du dir sparen. Unser Herr Führer kommt viel besser ohne dich klar.“ Heinrich spuckte aus. Brauner Saft versickerte zwischen den Pflastersteinen. „Komm rein, mein Junge, ich zeig dir mal unseren Speicher.“
Hanno stapfte hinter dem Älteren her in den zweiten Stock des Gutshauses. Heinrich stoppte vor einer weißgestrichenen Holztür. Er drückte auf die schmale Metallklinke, wandte sich aber mit ernstem Gesicht zu dem Jungen um. „Johann Ernst.“ Hanno zuckte zusammen, so selten wurde er mit seinen beiden Taufnamen angeredet. „Johann Ernst, das ist kein Kinderspiel. Ich will nicht wissen, wer auf dem Speicher ist. Keinen Mucks. Tina stellt jeden Morgen das Katzenfutter auf die Speichertreppe, das kannst du nehmen. Meine Frau weiß nichts, die Kinder wissen nichts. Ab und zu kommt der Gauleiter auf einen Klönsnack unter Nachbarn vorbei. Seine Magd holt jeden Tag Milch und Eier.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf Hannos Brust. „Du bist dafür verantwortlich, dass an unseren Kastanienbäumen niemand baumeln muss, so wie beim Roten Pitter, als sie dort letzten Sommer die Juden gefunden haben. Ich rechne auf dich, Junge.“ Kräftiger Schlag auf die Schulter.
Hanno schloss die Tür hinter sich und stieg vorsichtig die steilen, ausgetretenen Holzstufen hinauf. Durch die Ritzen zwischen den Dachziegeln schimmerte noch etwas Sonnenlicht. Oben blickte er auf eine Unmenge von altem Hausrat und ausrangierten Geräten. In Jahrzehnten oder vielleicht Jahrhunderten, denn das Haus stammte aus dem sechzehnten Jahrhundert, hatte sie sich hier oben aufgetürmt. Ideal für Menschen, die nichts wegwarfen. Ideal für ein Versteck.
Hanno wählte zuerst die Ecke für sich aus, die am weitesten von der Treppe entfernt war. Dort stand ein breiter Schrank, der sich als Sichtschutz eignete. Alte Küchenstühle türmte er zu beiden Seiten auf, verhängte sie mit Wolldecken und stapelte noch verrostete Milchkannen davor. Dort, wo die Dachschräge begann, ließ er einen kleinen Zugang frei. In der anderen Ecke fand er Matratzenteile, staubig, muffig, aber als Unterlage erwünscht. Einen heiklen Moment lang hielt er inne, weil ein schwarzer Emailletopf zu Boden polterte. Doch niemand kam nachsehen. Wolldecken auf die Matratzen. Ein paar Gucklöcher ließ er zwischen den Stühlen, denn er wollte die Treppe im Auge behalten. Er suchte nach einem Ausblick in den Innenhof. Tatsächlich fand er ein kleines Fenster, das vom Efeu fast zugewuchert war. Nur die linke obere Ecke war noch freigeblieben. Vorsichtig hob er einen Tisch unter das Fenster und stellte sich darauf. Perfekt. Er konnte den Innenhof und schräg unter ihm die Treppe zur Haustür überblicken, ohne dass ihn einer zwischen den Ranken entdeckte.
Es wurde dunkel. Doch bevor er sich hinlegen konnte, tauchte ein Problem vor ihm auf. Die Notdurft. Nachts ins Haus hinunterzusteigen kam nicht in Frage. Zu gefährlich. Er musste hier oben einen geeigneten Ort finden. Eine alte Zinkbadewanne war die Lösung. Hanno stellte sie so weit wie möglich von seinem Lager entfernt auf und legte zwei alte Pferdedecken darüber. Hoffentlich brauchte er nur diese eine Wanne.
Zufriedengestellt begab er sich zu seinem Matratzenlager und tastete im Dunkeln nach der Dauerwurst, von der er sich ein dickes Stück abschnitt. Er schlief unruhig in der ersten Nacht. Mehrmals wachte er von trippelnden Schritten und von Nagegeräuschen auf. Mäuse. Eine Katze miaute. Die Pappeln hinter dem Haus rauschten im Wind, der durchs Dach pfiff.
Hanno erwachte. „Miez, Miez.“ Die Dachbodentür schlug kräftig zu.Das Katzenfutter! Er tastete sich vorsichtig aus seinem Versteck hervor und schlich zur Treppe. Altes Brot in Milch eingeweicht. Eine Schüssel Wasser. Wählerisch durfte er nicht sein. Und die Katzen bekamen gar nichts mehr außer Mäusen.
Ein langer Tag lag vor ihm. Viele lange Tage. Quälender als die Gefahr des Entdecktwerdens fand er das Nichtstun. Er langweilte sich. Oft stand er auf dem Tisch am Fenster und beobachtete den Innenhof. Er sah die beiden Kinder Hannelore und Karl, die häufig rein und rausrannten und unter den großen Kastanien spielten. Die Magd trug die Küchenabfälle zum Misthaufen. Der Franzose, der manchmal Liedchen vor sich hinpfiff, fegte den Hof oder führte einen Ochsen zum Feld.
Wenn nichts Interessantes zu sehen war, legte Hanno mit einem Kartenspiel, das er in einer Schublade gefunden hatte, Patiencen. Er sortierte Schrauben und Muttern und baute daraus kleine Häuser. Er saß auf den Matratzen und träumte vor sich hin. Verreisen wollte er. Zum Onkel nach Berlin. An die Ostsee. Oder nach Amerika. Er sagte sich alle Länder auf, die er kannte und deren Hauptstädte. Übte Prozentrechnen. Englische Wörter. Good morning, Sir. How do you do? Für jeden Tag, den er auf dem Speicher verbrachte, ritzte er eine Kerbe in die Schrankkante. Zwei, drei, fünf, zehn, fünfzehn Kerben. Am 19. April hörte Hanno nachts Geschützdonner. Klang nicht allzu weit.
Am 20. April knatterte das Automobil des Gauleiters auf den Hof. Hanno lugte aus seiner Fensterecke. Beobachtete die herzliche Begrüßung der Nachbarn vor der Eingangstür. Heinrichs Frau erschien mit einer Flasche und Schnapsgläsern. Gegenseitiges Zuprosten. Tätscheln von Heinrichs Kindern. Der Gauleiter bückte sich und nahm Hannelore auf den Arm, kitzelte sie unterm Kinn. Die Zöpfchen flogen. Hanno schüttelte sich. Dann setzte der Gauleiter das Kind wieder ab und verschwand mit den Erwachsenen im Haus. Hannelore bestieg ihr Dreirad, Karl ließ sich auf dem Holländer nieder. Mit schnellen Armbewegungen nahm er Geschwindigkeit auf und sauste davon. „Warte“, rief seine kleine Schwester und strampelte mühsam hinterher. Hanno wäre am liebsten mitgelaufen.
Plötzlich Schritte im Haus, die sich näherten. Männerstimmen. Hanno erschrak, kletterte leise vom Tisch, schlich auf sein Versteck zu. Doch schon öffnete sich die Dachbodentür und lederknarrende Stiefel stampften herauf. Das Versteck blieb unerreichbar. Hanno glitt unter einen Tisch, versteckte sich hinter einem Kinderwagen ohne Räder. „Und er hat noch gesagt, mich ziehen Sie nicht mehr, ich bin zu alt dafür. Als ob man jemals zu alt sein könnte, um sein Volk und seine Heimat zu verteidigen. Dem hab ich meine Meinung gegeigt. Familie? Der Sohn vermisst? Gerade darum wird er gebraucht für den Endsieg. So klein mit Hut ist er davongezogen.“ Heinrich murmelte etwas. „Ich weiß“, antwortete der andere zackig, „dein Betrieb ist kriegwichtig. Das habe ich auch immer nach Berlin weitergegeben. Nachbarn müssen zusammenhalten, nicht wahr?“ Der Dachboden hallte von dem dröhnenden Lachen wider, in das Heinrich etwas zögernd einstimmte. Der Gauleiter näherte sich der Mitte des Dachbodens. Hanno lag keine zwei Meter entfernt. Schrecklich kitzelte ihn der Staub in der Nase. Wenn er jetzt niesen musste! Er vergrub sein Gesicht im Ärmel, kniff die Augen zu. „ ... und da dachte ich, frag Heinrich, der hat bestimmt noch einen guten Räucherschinken im Schrank. Stimmts oder hab ich recht?“ Wieder dröhnendes Lachen. „Du kannst ihn haben, Kurt, ist vielleicht das letzte Mal.“ „Ist vielleicht das letzte Mal.“ Diesmal lachte der Gauleiter nicht.
Heinrich machte sich am Schrank von Hannos Versteck zu schaffen. Er rüttelte so heftig an der klemmenden Tür, dass sich ein alter Stuhl selbständig machte und krachend auf dem Boden aufschlug. Der Gauleiter stellte ihn kopfschüttelnd wieder hin. „Du könntest hier auch mal aufräumen, Heinrich, was für Berge an Gerümpel hier herumliegen.“ Er schnupperte. „Riecht ´n bisschen komisch, findest du nicht?“ „Nach dem Krieg, Kurt, geht ´s ans große Aufräumen.“ Heinrich reichte seinem Nachbarn ein eingewickeltes Paket.“Komm, wir trinken unten noch einen auf den Endsieg, dann muss ich aber wieder aufs Feld.“ Salutierendes Inempfangnehmen des Schinkens, knallende Schritte auf der Treppe. Tür zu. Stille.
Hanno hielt es keine Sekunde länger aus, nieste mehrmals in den Ärmel. Tat das gut. Mit der Hand wischte er sich die Spinnenfäden aus dem Gesicht. Erleichtert schlenderte er über den Dachboden. Nickte dem Schrank zu. Gutes Versteck. Good luck. „I am lucky“, übte er, „Lucky Strikes. Lucky heißt glücklich.“



© Silvia Both

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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