Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2004
Der Brillantring
von Ingeborg Restat

Was war das damals für ein Schreck gewesen, der Brillantring war weg! Mutters wertvoller Brillantring. Olivia wusste, wie viel er ihr bedeutet hatte, denn er war das letzte Geschenk des verstorbenen Vaters gewesen. Zu Weihnachten hatte sie ihn noch getragen, auch noch kurz danach an ihrem Hochzeitstag, aber Wochen später war er unauffindbar.
„Der findet sich bestimmt wieder an. Den hast du nur verlegt“, sagte Bernd, Olivias Mann. Sie lebten zusammen mit der Mutter in deren Haus. Darin hatten sie eine kleine Wohnung unter dem Dach.
„Denk mal genau nach. Was du an deinem Hochzeitstag alles gemacht hast?“, drängte er.
„Das weißt du doch! Als wir aus dem Restaurant vom Essen nach Hause gekommen sind, haben wir zusammen den Weihnachtsbaum abgeputzt, weil die Tanne schon so sehr genadelt hat. Dabei habe ich ihn noch gehabt. Das weiß ich genau. Da gibt es nichts zu überlegen!“ Das klang schon gereizt.
„Mama, du hast den Ring immer abgenommen, ehe du etwas getan hast! Du hast ihn bestimmt vorher in deine Schmuckkassette gelegt“, versuchte Olivia beruhigend auf sie einzureden.
„Und warum ist er dann nicht darin?“
„Vielleicht irrst du dich auch und hast ihn danach noch einmal bei irgendeinem anderen Anlass getragen“, vermutete Bernd.
„Ich bin doch nicht senil. Nein, seit jenem Tag ist der Ring weg. Da fällt mir ein, ich habe ihn abgezogen und auf den Tisch gelegt, an dem wir den Weihnachtsschmuck verpackt haben.“
„Dann ist er mit in die Kiste gekommen.“ Bernd lief sofort zum Dachboden hoch und holte sie herunter.
Stück für Stück wurde alles wieder ausgepackt, die Weihnachtskugeln und die Goldsterne herausgenommen, das Lametta durchgeschüttelt, die kleinen Weihnachtsmänner einzeln in die Hand genommen. Sogar den großen Engel, der stets die Spitze eines Weihnachtsbaumes zierte, nahm die Mutter noch einmal heraus. Sie wickelte ihn behutsam aus seinem Seidenpapier, strich ihm über sein dichtes, lockiges Engelshaar und wickelte ihn wieder vorsichtig ein. Das ließ sie nie einen andern tun. Er sei sehr zerbrechlich, meinte sie. Schon in ihrer Kindheit hatte er jeden Weihnachtbaum geschmückt, darum war er so kostbar für sie.
Als sie die Kiste wieder schlossen, hatten sie den Ring nicht gefunden.
„Seltsam, wie so ein Ring verschwinden kann“, sagte die Mutter spitz und blickte Olivia misstrauisch lauernd an.
Olivia zuckte zusammen. Was war nur mit der Mutter los? Seit einiger Zeit verlegte sie häufig etwas und immer behauptete sie dann, es hätte ihr jemand gestohlen, bis sie es irgendwo wiederfand. Dann lachte sie verlegen und sagte: „Ja, ja, man wird alt!“
Sicher würde es auch mit dem Ring so sein. Doch sollte sie diesmal sogar denken, dass die eigene Tochter ...? Das konnte doch nicht sein.
Aber als Bernd sich kurz danach überraschend ein neues Auto kaufte, da machte die Mutter keinen Hehl daraus, wie sehr sie sich wunderte, woher er das Geld dazu hatte. Und sie stand dabei vor Olivia mit einer Härte im Blick, die sie aus ihrer Kindheit nur allzu gut kannte und vor der sie sich stets gefürchtet hatte. Eigentlich war es nur Bernd und seiner ausgleichenden Art zu verdanken, dass sie hier so gut miteinander unter einem Dach leben konnten.
Doch hatte sie sich früher als Kind dann ängstlich geduckt, so begehrte sie heute auf: „Ich bin dir darüber keine Rechenschaft mehr schuldig!“
Weiter kam sie nicht! Es verschlug ihr fast die Sprache. Mit flackernden Augen, heftig gestikulierend warf die Mutter ihr vor: „Wie könntest du auch? Den Ring habt ihr dazu gebraucht. Du hast ihn genommen!. Gib es zu!“
„Aber, Mama!“, stammelte Olivia zunächst nur verstört.
„Bei euch ist das Geld doch immer knapp. Wovon also sollte sich Bernd jetzt ein Auto kaufen können? Sag mir das mal!“
„Das Angebot war günstig.“
„Willst du mich für dumm verkaufen?“
„Mama, du gehst zu weit! So glaube mir doch!“
„Dann habe ich mir den Ring wohl selbst versteckt, was?“
„Du kannst ihn verloren haben.“
„So fest wie der am Finger saß? Versuch dich nicht rauszureden!“
„Das habe ich gar nicht nötig!“
„Und ob! Nur du hattest mit an dem Tisch hantiert, auf den ich den Ring gelegt hatte. Da konntest du ihn leicht einstecken, ohne dass ich es gemerkt habe.“
„Sei doch nicht so verbohrt! Warum sollte ich das getan haben?“
„Gelegenheit macht Diebe!“
„Mama, du bist ja nicht mehr bei Sinnen!“
„Was erlaubst du dir!“ Zorngerötet blickte die Mutter Olivia an und ihre Stimme überschlug sich, als sie fast schrie: „ Verlass auf der Stelle meine Wohnung und komm erst wieder, wenn du mir den Ring bringst. Bis dahin will ich euch nicht mehr sehen.“ Dann wandte sie sich ab und ging aus dem Zimmer.
Olivia stand da wie vom Schlag getroffen und sah ihr fassungslos hinterher. Mit der Mutter war ja nicht mehr zu reden. War das noch derselbe Mensch, der neben aller Härte, wenn sie gereizt war, sonst so warmherzig und fürsorglich sein konnte? Ohnmächtige Wut kroch in ihr hoch. Sie rannte zu Bernd.
Der wollte nicht glauben, was sie ihm erzählte. Aber als die Mutter auch jeden Versuch der Verständigung mit ihm unerbittlich ablehnte, da reagierte er wütend: „Hier bleiben wir nicht länger!“
Schon bald hatten sie ihre Sachen gepackt und waren im Zorn ausgezogen. Die Mutter hatte ihnen nachgesehen, als lasse es sie ungerührt. Olivia aber hatte geweint, denn sie kannte ihre Mutter nicht mehr.

Unzählige Jahre ist das nun her. Olivia und Bernd leben seit langem in einer anderen Stadt und ihre beiden Kinder, Inga und Kai, sind längst großgeworden. Es sind Kinder, die ihre Großmutter nie gesehen haben, weil jeder Versuch, mit ihr wieder in Kontakt zu kommen, fehlgeschlagen war.
Und nun hält Olivia diese Nachricht in ihren zitternden Hände: Die Mutter ist tot!. Sie möchte weinen und sie kann es nicht. Einsam und allein hat die Mutter sterben müssen, weil sie sich verbittert in eine fixe Idee verrannt hatte, die sie sich nie ausreden ließ. Verloren und mit ihr begraben ist damit auch jede Hoffnung auf Versöhnung. Es ist vorbei! Nüchtern und amtlich wird Olivia noch mitgeteilt, dass sie jetzt als einzige Tochter die Erbin des Hauses sei.
Sie packt ihren Koffer, setzt sich ins Auto und fährt dahin, wo sie einmal zu Hause gewesen ist. Dort angekommen, betritt sie mit klopfendem Herzen das Haus, als könne die Mutter gleich kommen und sie wieder aus der Wohnung weisen. Es tut ihr noch immer weh, schuldlos verdächtigt worden zu sein.
Olivia sieht sich um. Fast alles ist noch so, wie sie es kannte, aber über allem scheint ein Hauch von Einsamkeit zu schweben. Vieles zeugt davon, hier hat ein Mensch gelebt, der sich starrsinnig nur noch in eine erträumte Vergangenheit verloren hatte und dem die Gegenwart nichts mehr zu bedeuten schien. Überall sieht Olivia Bilder vom Vater, aber kein Bild von ihr. Doch was ist das? Über die Stehlampe hatte sie eine Decke gebreitet und auf dem schweren Büffet sitzt ein Kissen. Im Schlafzimmer stapeln sich verstaubte Zeitungen und in der Küche stehen in der Brotbüchse Tassen, dafür liegt verschimmeltes Brot in einem Kochtopf auf dem Herd. War die Mutter krank gewesen und der ganze unerklärliche Streit der Beginn dieser Krankheit?
Bedrückt und nachdenklich verlässt Olivia die Räume der Mutter und steigt die Treppe hinauf zu der kleinen Wohnung unter dem Dach. Sie scheint schon lange leer zu stehen. Sie geht weiter zum Dachboden. Die Kippfenster zwischen den Ziegeln des Daches sind fast blind, lassen kaum Licht durch. Unachtsam war hier wohl alles abgestellt worden, was unten nicht mehr gebraucht wurde, wie weggeworfene unliebsam gewordene Vergangenheit. Als sich Olivias Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben, sieht sie ihren alten Puppenwagen und noch ihre Puppe darin, deren Kopf und Glieder an ausgeleierten Gummibändern hängen. Und da, was liegt da wie ein Putzlappen in der Ecke, die Tischdecke, die sie einst mit viel Mühe für die Mutter handgestickt hatte, daneben das Hochzeitsbild von ihr und Bernd, dann noch der Nähkasten, über den sich die Mutter so gefreut hatte, als sie ihn von ihr geschenkt bekam. Alles hatte sie wohl ausgeräumt, was sie irgendwie an Olivia erinnern konnte. Sie musste immer verbissener geworden sein, je älter sie wurde. Und alles um einen Ring, dessen Verbleib rätselhaft geblieben war.
Die Kiste, wo ist die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck? Ob das Geheimnis noch darin verborgen ist? Olivia hatte nie Gelegenheit gehabt, irgendwann darin noch einmal nachzusehen. Fieberhaft beginnt sie zu suchen. Hinter alten Decken, alten Kleidern, die längst auf den Müll gehört hätten, findet sie die Kiste schließlich wie versteckt. Dicker Staub, Mäusekötel und tote Fliegen liegen darauf. Seit damals musste die Mutter die Kiste wohl nie wieder angerührt haben. Olivia zieht sie unter ein Kippfenster, um es so hell zu haben wie möglich, und setzt sich daneben an die Erde. Voller Spannung packt sie Stück für Stück aus, schüttelt jeden Schnipsel Papier. Wehmütig nimmt sie jede Kugel, jeden Stern und jeden kleinen Weihnachtsmann in die Hand. Und dann packt sie zum ersten Mal in ihrem Leben diesen, von der Mutter so eifersüchtig gehüteten Engel aus. Vorsichtig holt sie ihn aus dem letzten weichen Papier. Das dichte lockige Seidenhaar klebt zerdrückt an seinem Körper. Sie schüttelt ihn, um das Haar zu lockern. Da, was ist das? Tief unter dem Haar, am Hals des Engels blitzt etwas auf. Olivia greift zu – der Ring! Olivia löst ihn aus dem Haar, in das er sich so verfangen hatte, dass er kaum zu sehen war. Sie hält den kostbaren Brillantring der Mutter in der Hand. Ach hätte ihr doch die Mutter damals wenigstens einmal diesen Engel gegeben, vielleicht hätte sie ihn gefunden. Was wäre ihnen alles erspart geblieben, der ganze Streit, ihr die Kränkung, der Mutter die Einsamkeit und die Kinder hätten eine Großmutter gehabt.
Warum nur war die Mutter so verbohrt gewesen, dass sie der eigenen Tochter nicht glauben wollte? Wieso hatte da die Härte in ihrem Wesen ihr Handeln bestimmt? Olivia kannte doch auch die liebevolle Seite der Mutter, warum hatte diese nicht siegen können? Vorbei, endgültig, nichts war mehr rückgängig zu machen. Und Olivia weinte, um die vielen unnütz verlorenen gemeinsamen Jahre.


Ingeborg Restat ©

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