Der Tod aus der Teekiste
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Oktober 2004
Ordnung muss sein
von Birgit Erwin

Sie kam zu zweit, und ich wusste sofort, dass ihr Auftauchen nichts Gutes bedeuten konnte. Ich sollte Recht behalten.
„Er hat sich umgebracht“, sagte Frau Jaschke mit leiser, aber klar akzentuierter Stimme, während sie mir einen irgendwie anklagenden Blick zuwarf. „Herbert hat sich in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten.“
In dem Augenblick, in dem sie es aussprach, stellte ich fest, dass ich nicht überrascht war. Nicht wirklich.
Ich dachte an den kleinen verhuschten Herrn Jaschke und seufzte. Wieder einer weniger. Aber das erklärte noch nicht die Anwesenheit der Finnin.
„Ich war dabei, als Helga ihn gefunden hat“, sagte die Finnin, als habe sie meine Gedanken gelesen. Wahrscheinlich verfügt sie wirklich über diese Fähigkeit. Der Gedanke jagte mir einen Schauer über den Rücken. Sie fixierte mich mit einem stechenden Blick ihrer tiefblauen Augen. „Stellen Sie sich vor, in der Badewanne! Zwei Stunden haben wir geputzt, nur weil er rücksichtslos genug war, sich in der Badewanne umzubringen. In Finnland wäre das nicht passiert.“
Sie setzte sich. Ich nahm das als Zeichen, dass auch ich Platz nehmen durfte.
„Ich spreche Ihnen mein tiefstes Beileid aus, Frau Jeschke. Wir alle haben Herbert sehr gemocht.“ Ich vermied es, der Finnin bei diesem Worten in die Augen zu sehen. „Aber was erwarten Sie jetzt von mir?“
Es war die Finnin, die antwortete.
„Sie sind doch der Bürgermeister?“
„Ja. Schon.“
Manchmal hatte ich daran meine Zweifel.
„Wir wollen, dass Sie etwas unternehmen. Wir alle wollen ist.“ Die bedachte mich wieder mit einem ihrer langen Blicke. „Die Frauen im Ort wollen es.“
Ehe ich Zeit zu einer Entgegnung fand, zog sie eine Liste aus ihrer Handtasche und wedelte damit unter meiner Nase herum.
„Das war jetzt der vierte. Hermann Schlatz hat sich in der Garage mit Abgasen getötet. Uwe Richter hat sich hinter dem Haus erschossen. Und dieser widerliche kleine Gemüsehändler Werner hatte sogar die Unverschämtheit, in der neuen Küche seiner Frau den Kopf in den Backofen zu stecken. Können Sie sich auch nur vorstellen, welche Wirkungen das auf die Frauen hat. Sie kommen erschöpft vom Einkaufen heim und was erwartet sie? Mehr Hausarbeit. Das Blut, die Leichen … und wollen Sie etwa einen Kuchen essen, der aus diesem Backofen kommt? Wie Sie wahrscheinlich wissen, war Tomi Makkikolinna, mein Vater, Finne. Nun sind die Finnen das Volk mit der höchsten Selbstmordrate, und sie wissen, wie man sich anständig umbringt. Man schreibt einen Abschiedsbrief, den die Frau beim Heimkommen auf dem Küchentisch vorfindet, und dann hängt man sich sauber und ordentlich auf dem Dachboden auf. Das spart Ärger und das Geld für diese endlosen polizeilichen Ermittlungen. Ich meine, was kann deutlicher sein, als der klare Satz. „Ich habe mich umgebracht.“ Sie können sogar ein Formblatt hier im Rathaus auslegen. So macht es jeder anständige Finne. So hat es auch mein Vater gemacht. Ordnung muss sein!“
„Dann hat Ihr Vater sich …“
„Natürlich.“ Sie sagte es in dem Tonfall, in dem andere Frauen von der Beförderung ihres Mannes sprechen: Stolz, doch nicht zu stolz, damit niemand auf den Gedanken kommt, die Beförderung sei etwas anderes gewesen als eine Selbstverständlichkeit.
„Aber was soll ich tun? Es ist doch jedem selbst überlassen, wie und wo er sich umbringt“, sagte ich mit einem hilflosen kleinen Lachen. Jetzt starrten mich beide Frauen an.
„Nicht wenn sie ein Gesetz erlassen“, sagte Frau Makkikolinna-Schmidt mit Nachdruck. „Herr Bürgermeister, die Frauen des Dorfes erwarten Resultate!“

Manchmal treffen wir uns noch im „Roten Löwen“, obwohl unsere Frauen das nicht gerne sehen. Aber wenn die Finnin ihr „Damenkränzchen“ abhält, schleichen wir uns doch noch aus dem Haus, meistens, wenn wieder einer von uns dem Verlangen nachgegeben hat. Die Finnin hatte richtig gezählt: Jeschke war der vierte, der es nicht mehr aushielt.
Als ich die Türe unserer ehemaligen Stammkneipe öffnete, waren sie schon da. Der Doktor, der Pfarrer, der Hauptkommissar und der Rest der ehemaligen „Fröhlichen Kegelbrüder Rot-Weiß“.
Jeschkes graues Dackelgesicht fehlte.
Ich nickte Wolf, dem Wirt, zu.
„Ein Bier.“
„Geht aufs Haus.“
„Danke.“
„Auf Herbert.“
Wir tranken schweigend. Niemand sah Schmidt in die Augen. Wir haben es ihm nie zum Vorwurf gemacht, dass er vor drei Jahren Heidrun Makkikolinna geheiratet hat. Damals haben wir ihn sogar alle beneidet um diese blonde Wuchtbrumme aus dem hohen Norden mit ihren blauen Augen und blonden Haaren. Aber dann fingen sich die Dinge im Dorf an zu verändern. Das Damenkränzchen wurde gegründet. Das war der Anfang. In Augenblicken wie diesem war es schwer, das zu verzeihen.
„Siegmar, willst du nicht endlich etwas unternehmen?“, fragte der Doktor. Er hatte Jeschke aus der Wanne gefischt und spülte die Erinnerung jetzt mit Korn weg.
Ich zuckte hilflos die Achseln. „Was soll ich denn tun? Die Finnin war heute bei mir.“
Wir schauderten unisono.
„Und? Hat sie wieder von ihrem Vater erzählt?“
„Hat sie. Er hat sich umgebracht.“
„Kein Wunder! Wenn alle Frauen da so sind …“
„Aber er hat es richtig gemacht!“
„Hä? Wie richtig?“
„Richtig eben. Sagt sie. Er hat sich auf dem Dachboden erhängt. Und jetzt soll ich ein Gesetz machen, dass man sich nur noch nach Hinterlassen eines Abschiedsbriefes auf dem Dachboden erhängen darf. Das spart Ärger und Steuergelder. Sagt sie. Wolf, noch ein Bier. Ein Großes.“
„Kommt sofort.“
Ich trank, während meine Kegelbrüder ihrem Unmut Luft machten. Es war beinahe wie in alten Zeiten, als plötzlich der Pfarrer die Hand hob. Er sieht immer noch aus wie das blühende Leben. Das liegt an der Ehelosigkeit. Als die Frauen die Herrschaft bei uns im Dorf übernahmen, hat er seine Haushälterin entlassen. Aus Gewissensgründen.
„Warum eigentlich nicht?“, fragte er mit seinem berufsmäßig milden Lächeln.
Wir starrten ihn an.
„Bist du jetzt auch wahnsinnig geworden, Hochwürden?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich finde, Frau Makkikolinna-Schmidt hat da einen wichtigen Punkt angesprochen. Denkt an die Steuergelder. Und den Wegfall der polizeilichen Untersuchungen.“
Er trank sein helles Hefeweizen mit sichtlichem Genuss. Danach sah er einem nach dem anderen tief in die Augen.
„Keine polizeilichen Untersuchungen, wenn ein Abschiedsbrief da ist“, murmelte der Doktor.
„Warum eigentlich nicht?“
Der Hauptkommissar begann, über das ganze Gesicht zu grinsen. Da er immer noch viel Gesicht hat, war es ein eindrucksvolles Grinsen. Ich schaute von einem zum anderen.
„Seid ihr denn auch verrückt geworden, wir können doch nicht …“
„Weißt du was, ich glaube wir können.“
Der Doktor klopfte mir von rechts auf die Schulter, der Pfarrer von links. „Bring das Gesetz einfach ein. Es wird schon alles gut.“
Ich zuckte die Achseln. Ich verstand zwar nicht, was sie meinten, aber es tat gut, meine Freunde wieder so glücklich zu sehen.

Das Gesetz kam durch.
Das ist jetzt zwei Monate her, und langsam wird es Frühling. Um ganz ehrlich zu sein, als Frau Hansen vom Dachbalken geschnitten wurde, habe ich noch keinen Verdacht geschöpft. Meine Frau, Gott hab sie selig, hat immer gesagt, dass ich schwer von Begriff sei. Vielleicht hatte sie Recht. Aber dann fand ich den Entwurf in Schmidts Skatblock, der mir die Augen öffnete.
„In stiller Trauer gedenke ich meiner verstorbenen Frau Heidrun Makkikolinna-Schmidt. Möge die Erde ihr leicht werden.“

Wir erwarten jeden Tag die freudige Nachricht. Gestern hat Schmidt das Formblatt auf dem Rathaus geholt. Es wird Zeit, die Finnin ahnt etwas. Nach Gerdis Tod hat sie eine Untersuchung gefordert, aber Gesetz ist Gesetz. Wir wollen doch keine Steuergelder verschwenden.

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