Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Oktober 2004
Abenteuerland
von Jana Förster

Auf dem Dachboden stand ein wackeliger Schaukelstuhl. Ein Samtkissen lag auf der Sitzfläche, die rote Farbe war verblichen und der Stoffrand ausgefranst. Das Daunenkissen bot einer ganzen Flohfamilie ein zu Hause. Die Eltern hatten bereits eine beachtliche Kinderschar. So gab es viel zu tun.
„Max, bitte hilf mir mal.“ Nur wiederstrebend verließ der kleine Floh sein Daunenbett und kletterte zu seiner Mutter.
„Was gibt´s?“, fragte er genervt.
„Hilf mir bitte mit den Kleinen.“ Sie hielt ihm Berta und Franz, die beiden Jüngsten, hin.
Max hielt die Flohbabys weit von sich: „Puh, die stinken ja bestialisch.“
„Du hast vor gar nicht allzu langer Zeit auch öfters so gerochen.“ Seine Mutter zwinkerte ihm zu, während sie die Daunen für die beiden Kleinen aufschüttelte.
„Gib her, ich wickle sie schon.“
Schnell schob Max sie in die Arme der Mutter und stürmte davon.
Er hatte es satt sich ständig um seine Geschwister zu kümmern. Und seine Mutter hatte schon wieder Eier gelegt, so dass kein Ende in Sicht rückte. Er wollte viel lieber reisen, die Welt erkunden, Abenteuer bestehen.
Max fasste einen Entschluss. Er kroch leise zu seiner Daune und packte seine wenigen Sachen zusammen. Dann schlich er davon.
Er hüpfte über Dutzende von Daunen hinweg und stand schließlich schwer atmend auf der Sitzfläche des Schaukelstuhls. Sein Mund klappte auf. Vor ihm breitete sich eine riesige Welt aus. Ein Dachboden vollgestopft mit Schränken, Stühlen, Tischen, Kisten, Truhen ...
„Juhu“, Max sprang vor Freude in die Luft. Es roch nach Abenteuer.
Flink kletterte er den Stuhl hinunter. Auf dem morschen Dielenboden angekommen, blickte er noch einmal nach oben.
„Wie groß alles ist!“
Schließlich riss er sich los und ging auf Erkundungstour. Als Erstes nahm er sich einen Stapel Kartons vor. Durch ein Loch sprang er ins Innere der unteren Kiste. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Finsternis und er tastete sich durch die Schattenwelt.
Er strich über gekräuselte Fasern - nichts als ausgefranster Stoff. Enttäuscht kämpfte er sich weiter durch die Kleidung. Irgendetwas Aufregendes musste hier doch zu finden sein!
Als Max nach langer Suche nichts entdeckt hatte, beschloss er seine Reise fortzusetzen.
Er versuchte sein Glück in einem Schrank. Im Inneren herrschte das Chaos - Gerümpel lag kreuz und quer. Der kleine Floh durchstreifte Schuhe, altes Spielzeug, Weihnachtsschmuck ...
Plötzlich hörte er eine Stimme. Max lauschte in die Dunkelheit und schließlich trieb ihn die Neugier vorwärts, direkt auf die Stimme zu. Als er um eine Kiste spähte, staunte der Floh. Eine Armee brauner Ameisen bahnte sich ihren Weg durch den Schrank.
„Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei.“ Die ganze Truppe marschierte im Gleichschritt und schleppte dabei Obststücke aus der benachbarten Vorratskammer. Max näherte sich der Ameisenstraße: „Guten Tag.“
„STOP!“, riefen alle Ameisen wie aus einem Mund und drehten sich gleichzeitig zu Max um. „Wer ist das? Wer?“, schrieen alle. Verunsichert trat Max ein paar Schritte zurück.
„Ich ... ich ...“, stotterte er.
„Ja?“ Die Geduld der Ameisen schien knapp bemessen.
„Ich bin Max“, flüsterte er.
„Max, aha. Was macht er hier?“, erklang der Chor.
„Ich ... möchte die Welt sehen.“
„Er will die Welt sehen!“ Schallendes Gelächter brach aus, hielt einige Sekunden an und verstummte mit einem Schlag.
Max war so eingeschüchtert, dass er nicht wusste, was er sagen sollte.
Wieder erklang der Chor aus Tausenden von Ameisenstimmen: „Er hat es sicher auf unsere Vorräte abgesehen! Sicher, sicher!“
Voller Panik schüttelte Max den Kopf: „Nein, nein. Ich interessiere mich nicht für eure Vorräte.“
„Er lügt. Er lügt.“, riefen die Ameisen.
„Ich lüge nicht. Ich bin doch ein Floh. Ich esse kein Obst.“
„Er ist ein Floh. Ein Floh.“
Kurz herrschte Stille, weil die Ameisen nachdachten.
Dann setzten sie ihren Marsch fort, ohne ihn weiter zu beachten - sie waren mit seiner Antwort zufrieden.
Erleichtert zog sich Max hinter eine Kiste zurück und beobachtete das einheitliche Treiben aus sicherer Entfernung. Aber schnell langweilte ihn die Eintönigkeit. So beschloss er seine Reise durch den Dachboden wieder aufzunehmen.
In einer düsteren Ecke, wohin sich kaum ein Sonnenstrahl verirrte, stapelten sich Kisten. Feine Fäden spannten sich senkrecht zwischen zwei Pappkartons. Vorsichtig berührte Max einen der glänzenden Fäden - er war klebrig. Plötzlich hing er fest und er begann hektisch zu ziehen.
Seine ruckartigen Bewegungen wurden von einem Faden zum anderen weitergegeben und kamen letztlich in einer finsteren Ecke am Rande des Netzes an. Der zuckende Faden weckte die Aufmerksamkeit einer Gestalt. Acht feucht glitzernde Augen starrten aus der Dunkelheit und richteten ihren Blick auf den kleinen Floh.
Blitzschnell schossen zwei beharrte Spinnenbeine aus dem Loch, hakten sich in die Fäden und ein schwarzer Körper kam zum Vorschein. Weitere Beine folgten geschwind – zwei, vier, sechs, acht.
Die Spinne schlich sich unbemerkt an, während Max verzweifelt versuchte sich zu befreien, dabei schimpfte er laut.
Plötzlich wurde er still, lauschte. Irgendwie fühlte er sich seltsam, irgendwie... beobachtet. Zögernd blickte er sich um. Schaute nach rechts, links und hinter sich. Nichts. Trotzdem wurde er das Gefühl nicht los. Dann wanderte sein Blick nach oben. Erschrocken hielt er die Luft an. Direkt über ihm hing die riesige Spinne, die jede seiner Bewegungen genau beobachtete. Max schluckte, instinktiv wusste er, dass diese Augen nichts Gutes bedeuteten. Heftig rüttelte er seinen Arm, ohne den Blick von der Spinne abzuwenden. Diese setzte sich langsam in Bewegung, streckte ihre langen Beine aus und umrundete Max. Panik stieg in dem kleinen Floh auf, er zerrte immer wilder. Sein Blick wechselte schnell zwischen der Spinne und seiner am Netz klebenden Hand. Das Monster kam näher und näher. Langsam, aber unaufhaltsam. Als wüsste es, dass es alle Zeit der Welt hatte.
Max begann zu schreien, während er seinen ganzen Körper gegen das klebrige Netz stemmte. Zog. Zerrte. Riss.
Die Spinne war in Reichweite, ihre Beine gebeugt, fertig für den tödlichen Sprung.
„NEIN.“ Max sammelte seine letzten Kräfte und endlich konnte er sich befreien.
Er fiel auf den Rücken. Gerettet!
Aber seine Freude hielt nicht lange an. Die Spinne hatte seine Befreiung bemerkt und sich zu einem weiteren Angriff bereit gemacht. Max stand auf und sprang davon. Er hüpfte so schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen konnten und blieb erst am Schaukelstuhl stehen.
Sein Atem ging schwer und seine Knie zitterten, so dass er sich setzen musste.
Er blickte nach oben. Da, auf dem Schaukelstuhl lag das Kissen – sein Zuhause. Sicher und behütet. Ob seine Eltern ihn vermisst hatten? Waren sie böse auf ihn?
Er kletterte den Stuhl hoch und stand direkt vor dem roten Kissen, als die schrille Stimme seiner Mutter ertönte: „Max. Max, wo bist du nur? Du musst mir mal Berta abnehmen.“
Max schaute sich noch einmal um. Die große Welt des Dachbodens breitete sich vor ihm aus. Voller Gerümpel, voller Abenteuer.
Dann zuckte er mit den Schultern: „Morgen ist auch noch ein Tag.“ Er verschwand zwischen den weißen Daunen.

Email: nudaria@web.de

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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