Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Oktober 2004
Devastor – alles Böse kommt von oben
von R. Funke

Meine früheste Kindheitserinnerung begann mit einem Geist ... einem bösen Geist.
Es war keines der üblichen Schlossgespenster, die man erfand, um Touristen anzulocken - kein kopfloser Earl of Canterbury oder schwebendes Bettlaken. Mein Großvater nannte das Wesen Devastor, ein Geschöpf übelster Sorte. Es nistete im Gebälk unseres Dachstuhls und wenn die Nacht kam, kündigte es sich mit nervenzermürbendem Heulen an. Kurz darauf donnerte es über den Boden und bohrte sich durch Schindeln, Holz und Stein. Es kam stets von oben – in manchen Nächten so pünktlich, dass man die Uhr danach stellen konnte. Dann flüchteten die Bewohner unseres Hauses in den Keller, wo sie sich eng aneinander kauerten und beteten, dass der Devastor sie verschonen möge. Die Erwachsenen erzählten sich bei Kerzenschein, dass wir nicht die Einzigen waren, die vom Bösen heimgesucht wurden. Die Ebbing Road, die Londons Süden mit dem Werftenviertel verband, schien es dem Geist vom Dachboden besondern angetan zu haben. Einige der schmucken alten Häuser mit gepflegten Vorgärten hatte der Unhold bis auf die Fundamente abgetragen.
„Man darf ihn nicht ärgern“, flüsterte mein Großvater, „gerät er erst in Rage, dann macht er vor nichts halt. Dann haucht er dich an, und sein Atem ist pures Gift.“
Zu diesem Zwecke hatte Großvater eine Gummimaske am Bettpfosten hängen. Er meinte, das hielte den Odem des bösen Geistes fern. Auf jeder Etage standen zudem gefüllte Wassereimer. Der Devastor mochte kein Wasser.

Über die Monate trafen sich immer mehr Nachbarn in unserem Keller – immer mehr Häuser der Ebbing Road verschwanden – und eines Tages kam der Geist sogar am helllichten Tage. Diesmal gab es keine heulenden Töne, nur ein Surren und Pfeifen, das dem Geräusch eines überdrehten Motors glich. Ich spielte mit Pete und Andrew auf der Hauptstraße mit einer geflickten Lederpille, die Großvater stets für uns reparierte, wenn sie durch herumliegende Glassplitter Schaden erlitt. Manchmal gesellte sich Mr. Vanderbill zu uns und erklärte die Regeln des Spiels, welches er Fußball nannte. Er wusste Bescheid, doch leider konnte er uns nichts vorkicken – der Devastor hatte sein rechtes Bein gefressen. Eine regelkonforme Mannschaft hätten wir sowieso nicht aufstellen können – von unserem Bezirksjahrgang waren nur noch drei Jungen übrig – Pete, Andrew und ich.
Mr. Vanderbill war einer der Wenigen, die den direkten Angriff des Geistes überlebt hatten.
„Wie sieht er aus, Sir?“, fragte wir ihn.
Der Coach schaute zum Himmel. „wenn man ihn sieht, dann ist es meist auch schon zu spät. Kommt mit zum Haus der Mellings, dann zeige ich euch einen seiner dunklen Gesellen.“
Der Schrecken schoss und in die Glieder.
„Keine Angst“, versuchte er uns zu beruhigen, „jener Geist ist bereits tot. Aber berühren dürft ihr ihn trotzdem nicht. Vielleicht schläft auch nur – also nur anschauen.“
Wir kletterten über Schutt und Scherben und hielten uns immer dich hinter unserem Geisterführer.
Von der Rückfront des Mellinghauses fehlte ein großes Stück der Fassade, so als hätte jemand mit dem Messer die Torte beschnitten.
„Ihr wisst ja“, sagte Mr. Vanderbill, „es kommt stets von oben und frisst sich manchmal bis zum Keller durch.“
Am Fuße der Mauerschneise lag ein anthrazitfarbener Gegenstand. Er glich einer überdimensionalen Frucht – wie eine Avocado. Mr. Vanderbill befreite ihn vorsichtig von Schutt- und Ziegelresten, so dass wir das Objekt in voller Länge betrachten konnten.
„Das ist ein Devastor?“, fragte ich enttäuscht, „der hat ja weder Mund noch Zähne. Wie kann er da die Häuser fressen?“
„Er braucht keine Zähne, Jungs“, erwiderte Mr. Vanderbill, „das Übel befindet sich in seinem Inneren. Wenn er platzt, dann nimmt er all die armen Seelen mit, die sich in seinem Wirkungskreis befinden. So, nun lasst uns hier verschwinden. Die Männer vom Räumdienst werden bald hier sein, um dieses Ding zu entkernen. Sollte es erwachen, wäre es besser, wenn wir weit entfernt sind.“
Das Surren, das ich an diesem Tage vernommen hatte, gehörte zu einer neuen Generation von bösen Geistern und erst Jahre später begriff ich, dass der wahre Devastor keine Avocado, sondern ein wahnsinniger Österreicher mit Oberlippenbart gewesen war. Er hatte die dunklen Gesellen auf unsere Dachböden gehetzt und starb in einem Keller.


***

Sechzig Jahre später

Der Strom ist mal wieder ausgefallen , die Hilfsgeneratoren springen an und bringen das Deckenlicht zum Flackern. In drei Stunden geht die Sonne auf. Hoffentlich funktioniert die Klimaanlage. Viele werden den Sunset nicht mehr erleben.
Unser Hotel leuchtet wie ein Weihnachtsbaum in die Nacht. Die Devastoren müssen wissen, wen sie nicht treffen dürfen. Wir sind keine Feinde – zumindest die meisten von uns nicht. Unser Hotel dient der Zielorientierung modernster Hightechwaffen in einem sauberen Krieg. So sauber, dass es einem die Galle über die Zungenwurzel zieht. Ich schalte das Deckenlicht aus.
Scheinwerfer schweifen über den Himmel, doch jenes, was sie zu erspähen wünschen, bleibt im Dunkel verborgen. Irgendjemand drückte vor dreißig Minuten auf den Knopf. Am Horizont erscheinen die ersten Auswirkungen dieser Handlung. Blitze zucken durch die Nacht – der böse Geist fährt in die Dachböden und gräbt sich bis in die Fundamente der schlafenden Stadt.
Ich gehe auf den Balkon – es ist wie Sylvester – feierlich, wären da nicht die Schreie brennender, verstümmelter Menschen. Es ist die Musik des Krieges, die man in der internationalen Berichterstattung nicht zu hören bekommt. Sauberer Krieg – sauberer Journalismus –Recht und Wahrheit sind immer auf Seiten des Stärkeren.
Ich zähle fünf Treffer und Hunderte von Kolateralschäden. Einige Devastoren platzen nicht – sie verweigern sich. Nie hätte ich gedacht, eine Bombe lieben zu können.
Kurz nach Sonnenaufgang werde ich mit meinen Assistenten das Zielgebiet nach Blindgängern absuchen. Mit Stahlmaske, Schild und Asbestanzug kann ich den bösen Geistern entgegentreten und sie behutsam mit meinen Fingern betasten, die keinerlei Drogen brauchen, um das innere Zittern zu bekämpfen, weil ich mit dem Devastor aufgewachsen bin. Dann beginnt mein Krieg. Ich wünschte nur, ich wäre arbeitslos ... und hätte den Geist vom Dachboden niemals kennen gelernt.

***

Entlang der Straße nach El Assal haben fehlgeleitete Geschosse Großteile des Armenviertels dem Erdboden gleichgemacht. Offiziell heißt es, dass es sich um das Zentrum der Aufständischen handelt.
Drei Kinder spielen am Straßenrand mit einer Lederpille. Sie haben keine Ähnlichkeit mit Terroristen. Genauso wie Pete, Andrew und ich keine bösen Buben waren. Ich steige aus und spiele mit. Der Kleinste der Drei hält sich für einen internationalen Fußballstar und er dribbelt nicht schlecht. Als alter Mann habe ich keine Chance. Atemlos gebe ich mich geschlagen und verteile kleine Präsente an meine Sportskollegen. Dann frage ich sie nach den überlebenden Devastoren. Sie deuten nach Südost, in den Kern der Betonsiedlung und arbeiten weiter an ihrer Fußballerkarriere. Sie sind jung, haben keine anderen Träume mehr, und ich sollte schon längst in Rente sein.
Eine Gruppe von Frauen und alter Männern hat sich um einen Asphalttrichter versammelt. Sie diskutieren wildgestikulierend auf typisch orientalische Art. Ich gebe mich als Angehörigen des Räumkommandos zu erkennen. Sie weichen mit argwöhnischen Blicken zurück. Meine Hautfarbe und der starke Akzent verraten mich als Fremden, und ich trage keinerlei Hoheitsabzeichen am Overall, um den Argwohn zu entkräften. Während ich die Schutzkleidung in der Mittagshitze anziehe, merke ich, wie alt ich wirklich bin.
Eine Scut F-Max hatte sich im Morgengrauen in den Straßenbelag gebohrt. Nach Hunderten Meilen war der Grazie die Luft ausgegangen. Ich streichle über ihre glänzende Außenhaut – sie ist warm – wie damals die Überreste der V2-Raketen, die in den letzten Kriegstagen über meiner Heimatstadt niedergingen. Ein elegantes Wunder der zweckentfremdeten Technik – wie eine schöne, nackte Frau liegt sie vor mir. Wir sind aus dem gleichen Stoff, mein Mädchen, denke ich, sei brav, dann tue ich dir nicht weh. Und es gibt auch keinen Grund für dich, mir weh zu tun. Schließlich liebe ich alle Bomben, die sich ihrer Bestimmung verweigern. Die Wohnzimmerwände meiner Londoner Bleibe sind geschmückt mit den Metallausstanzungen jener Schätzchen, die sich über die Jahrzehnte vertrauensvoll in meine Hände begeben hatten. Ich bin der Herr und Meister aller Devastoren, denke ich ritualisiert selbstmotivierend du töte damit sämtliche Angst in meinen alten Fingern.
Das Modell ist neu, die Baupläne sind nur schemenhaft in meiner Erinnerung vorhanden. Es könnte sich um eine dieser perversen Bräute handeln, die erst platzen, wenn man sich in Sicherheit wiegt. Ich werde improvisieren müssen und weise die Mitarbeiter an, den Gefahrenbereich weiträumig abzusperren. Die Pandorra atmet noch und ihre Büchse beginnt, sich in der Mittagsglut zu öffnen. Ich mache ihr keinen Vorwurf. Menschen sind böse, nicht jedoch ihre Waffen. Nun heißt es, keine Zeit zu verlieren, sonst wird auch der Rest dieses Wohnviertels von der Landkarte verschwinden.
Mit dem Akkubit öffne ich die Trägerplatte kurz hinter dem Raketenmotor. Kühlflüssigkeit läuft aus und vermischt sich mit Resten des Kerosins. Eine brandgefährliche Mischung. Keine unbedachte Bewegung – kein Funkenschlag, sonst höre ich die Englein singen.
Auf der Navigationsplatine glimmt ein Widerstands-LED und taucht den Innenraum zum Zündmechanismus in fahles Grün. Ich leuchte mit einer UV-Lampe das Innere aus. Die Mikroprozessoren des Zündkopfes illuminieren blassgelb. Nach Entfernen der Sicherungscaps löscht das UV-Licht die E-Proms und die todbringenden Dateien verschwinden im digitalen Nirwana. Die Zielkamera ist noch aktiv. Ihre Servos rattern unkontrolliert. Kein Funkenschlag. Ich ziehe die Kamera aus der Verankerung, halte sie in meine Richtung und forme die rechte Hand zu einer obszönen Geste. Vielleicht schaut der Operator noch zu und ärgert sich nun, denke ich belustigt, doch dann holt mich die reale Gefahr dieser Entschärfung wieder ein. Ein Kühlschlau platzt und ergießt sich über die Steuerelektronik. Instinktiv reiße ich die Hände vors Gesicht – ich weiß, dass es nichts nützt. Ich befinde mich im Wirkungskreis des Devastors. Der böse Geist besitzt weder Mund noch Zähne, und dennoch frisst er Häuser und Menschen. Die Sprengkraft meines Schätzchens würde genügend Energie liefern, um das Viertel über Monate mit Strom zu versorgen. Jahrelang würden Pumpen der Wüste das kostbare Nass entziehen und Pflanzen zum Erblühen bringen, von denen diese Menschen nur träumen können. Welch fehlgeleitete Verschwendung ... welch Sinnlosigkeit, höre ich die Engel singen.
„Was machst du da?“, sagt jemand hinter mir. Langsam nehme ich die Hände vom Gesicht und drehte mich um. Es ist einer der drei Fußballer. Ich lebe noch.
„Sieh zu, dass du hier verschwindest“, harsche ich ihn an, „das ist kein Spielplatz für Kinder!“
Gleichzeitig wird mir die Farce bewusst: Es ist ein Spielplatz für Kinder. Nun fällt mir auch auf , dass ihm der linke Unterarm fehlt. „Tut mir leid“, sage ich, „ komm, du hast geschicktere Finger. Siehst du die Platine mit dem grünen Licht? Versuche mal, ob du sie erreichst und herausreißen kannst. Doch Vorsicht – der böse Geist schläft nur ...“
Der Junge krabbelt ins Innere der Rakete und erwidert selbstbewusst und stolz: „Kein Problem. Es gibt keine bösen Geister – nur böse Menschen.“

***

Am Abend bin ich wieder in im Hotel und warte auf die nächste Morgendämmerung. Ich befürchte, dass irgendwann einmal ein falscher Handgriff meinem Krieg ein Ende setzen wird. Doch bis dahin werde ich noch viele Trophäen von Devastoren sammeln. Ein Bote klopft und überreicht mir einen Honorarscheck. Neuerdings bezahlen sie mich in TNT-Einheiten. Über der Toilettenschüssel entledige ich mich von der aufgestauten Angst des Tages. Der kleine Fußballer hat Recht, denke ich, es gibt keine bösen Waffen, nur böse Menschen. Ich notiere mir seinen Namen – Ali ben Saira - später wird er vielleicht mal in meine Fußstapfen treten. Auf dem Balkon entzünde ich eine Kerze für die Opfer des vergangenen Tages und packe eine alte Reiseschreibmaschine aus. Die Vokale sind abgenutzt. Viel zu oft schrieb ich meine Gedanken und Berichte auf. Sinnlos. Es scheint keinen Konsens zwischen Tätern und Opfern zu geben. Am Horizont blitzen schon wieder die ersten Einschläge.
Ich habe etwas zu erzählen, doch wie soll ich beginnen? Vielleicht so: Meine früheste Kindheitserinnerung begann mit einem Geist ... einem bösem Geist ...
Eventuell werden es die Anderen auf diese Art verstehen ... die Gedanken eines Devastor-Jägers.



Anm. des Autors:
„Devastor“ ist eine KG-Auskopplung der Erzählung „Die Schätzchen des Mr. Boyle“.
Der Luftschutzwart Mr. Vanderbill starb kurz nach Kriegsende an einem „wandernden Splitter“.
Pete und Andrew arbeiteten in der Profiliga – Pete als Fußballer, Andrew als Platzwart.
Antony J. Boyle, der Junge mit Angst vor den Dachbodengeistern, wurde im Zweiten Weltkrieg von der Deutschen Luftwaffe und Zufallstreffern des Penemündener Raketenprogramms ausgebombt. Als Erwachsener widmete er sich über Jahrzehnte der Entschärfung von Blindgängern - mit Geschick, Verstand und Menschenliebe. Die Presse betitelte ihn als technischen Dämonenjäger der anderen Art. Er lebt noch heute und erfreut sich bester Gesundheit – mit allen Gliedmaßen ...
Der Junge mit fehlendem Unterarm heißt Ali ben Saira. Er hat Boyles Firma übernommen und entschärft Kampfmittel wo immer man ihn braucht. Den kindlichen Traum einer Fußballerkarriere hatte er einem höheren Sinn geopfert. Er ist der einzige Spezialist weltweit, der mit einer Hand operiert.
Seine beiden Freunde an der Straße nach El Assal wurden erschossen, weil eine Militärstreife sie fälschlicherweise für Selbstmordattentäter hielt - dabei wollten sie nur spielen.
Das Armenviertel, in dem die Scut F-Max niederging, ist ein karger Wüstenstrich, in dem nichts mehr daran erinnert, dass er jemals bewohnt war. Ähnlich verhält es sich mit dem Rest des Landes, das scheinbar keine Lobby vernünftiger, mitfühlender Menschen besitzt.
Soviel zum wahren Leben ...
Nun findet die Präsidentenwahl in Ami-Land statt – ob es etwas nützt oder verändert, ist jedoch eine andere Frage ... Antony J. Boyle glaubt zumindest nicht daran – und er sollte es als Experte für Devastoren eigentlich wissen.
[Devastor ist ein Kunstwort, das sich aus dem Begriff „Zerstörung“ ableitet.]

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