Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Oktober 2004
Fremdes Küken findet sein Nest oder
von Susy Clemens

The old man was the best

“Come in”, rief Joachim C., genannt Jay,, als es an der Tür unterhalb der steilen Wendeltreppe, die zu seinem Dachzimmerchen führte, pochte.
Er wusste, dass Rich der einzige von den „Jungs“ war, der um diese Zeit im Haus war – Rich, ein hochgewachsener Schwarzer in den Dreißigern, war Lehrer am Passmore College, wo er ausländischen Immigranten Deutschunterricht erteilte.
(„Come in“ war ein interner Witz – Jay hätte ebenso gut in einem halben Dutzend anderer Sprachen „herein“ rufen können und Rich hätte es verstanden - doch im Gegensatz zu Rich sprach Jay außer deutsch nur ein ganz passables Englisch).
Der attraktive Pädagoge musste den Kopf einziehen, als er Jays winzige ausgebaute Dachkammer betrat.
„Wie läuft’s, Mann?“ – fragte er besorgt, während er Jay beobachtete, der eine Libanonfahne an die Spanplatten tackerte, mit denen er die schrägen Wände verkleidet hatte.
Im Dachkämmerchen war gerade Platz für ein riesiges Bett, auf dem sich Satin- und Samtkissen stapelten; ein Ziegenfell und ein niedriges marokkanisches Tischchen nebst zwei Hockern komplettierten die Einrichtung.
„Ganz okay“, erwiderte Jay ächzend, nachdem er die unterste Ecke der Flagge festgetackert und sich wieder aufgerichtet hatte. Untersetzt von Statur, musste er sich beim Eintritt in sein neues Liebesnest kaum bücken. Er klopfte eine Senior Service aus der weißen Packung, gab sich Feuer und inhalierte gierig.
„Skorpionfete am 1. November?“, fragte Rich.
Jay nickte. „Richtig – Skorpionfete mit den üblichen Verdächtigen, Paellapfanne, Angel Dust und so weiter – Sarahs Macker weiß jetzt Bescheid, und ich hoffe, sie entscheidet sich bald. Ich will“, er räusperte sich ausgiebig, hatte einen ausgewachsenen Frosch im Hals plötzlich, „ich will nicht mehr länger warten. Bin diesen Sommer 4o geworden, weißte ja.“
Rich schüttelte mitfühlend den Kopf. „Sie müsste sich schon sehr geändert haben, wenn sie sich nicht für Dich entscheiden würde, Mann“, sagte er. „Hat sie das?“ – „Nein“, erwiderte der andere sanft, „das nicht. Aber sie ist verletzt – das wäre jede Frau. Hab manchmal Angst, sie spielt nur mit mir.“ – „Glaub ich nicht, Jay. Sie denkt an das Kind – wie alt ist die Kleine jetzt?“ – „Drei geworden“, Jay drückte die Kippe im gläsernen Ascher aus, zündete sich gedankenlos gleich die nächste an. „Sarah hat sie mir noch nicht vorgestellt, außer als sie noch ein Säugling war. Sie kommt immer allein, und immer nur für eine Nacht.“

Jay hatte sich vor sechs Jahren von seiner langjährigen Freundin getrennt, um sich „noch ein bisschen in der Welt umzusehen“. Hatte sich eine 15 Jahre jüngere Geliebte gesucht, wilde Wochenenden mit deren Clique gefeiert, mit Gin Tonics bis zum Abwinken und reichlich Gras – Schnee von gestern, dachte er, wenn er sich an die langbeinige vollbusige Jarmila erinnerte, die er auf Zypern kennen gelernt hatte. Ein kleines Apartment in Frankfurt, ein gutbezahlter Job, Reisen mit Jarmila nach Griechenland, auf die Kanaren, in die Karibik, in der Freizeit ein bisschen flippige Klamotten, das Kreuz des Südens auf der behaarten Brust, immer braungebrannt – und dann reichte das alles plötzlich nicht mehr. Jarmila hatte sich entschlossen, nach Kanada auszuwandern, wo ihn nichts hinzog.
Eines Tages sah er Sarah auf der Straße wieder, klein, zierlich, selbst mit High Heels, und neben ihr ein junger Punker mit Ohrringen, Einhorn auf den Oberarm tätowiert, wilde rabenschwarze Mähne nach oben gegelt und ein unverschämt wölfisches Grinsen mit Grübchen. Das hatte wehgetan.
Telefonisch hatte er den Kontakt zu ihr wieder aufgenommen, um sie zu kämpfen versucht, doch die Wunden, die er ihr zugefügt hatte, waren noch zu frisch. Zu ein paar Treffen in der Stammkneipe war sie bereit, aber den neuen Lover würde sie nicht so schnell wieder verlassen – auch nicht, wenn Jay jedes Wochenende aus Frankfurt kam und um sie warb. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als geduldig abzuwarten und sich von den Jungs den neuesten Klatsch erzählen zu lassen – insgeheim war er davon überzeugt, dass es nicht lange gut gehen würde mit den beiden.
Frankfurt, eine Autostunde von der kleinen Stadt entfernt, wo sich Jay jetzt bei seinen alten Kumpels unterm Dach eingenistet hatte – Frankfurt-Krankfurt war okay, das Apartment und den Job hatte er behalten. Nur andere Frauen, Koks und Seidenhemden interessierten ihn nicht mehr.
Sarah trank lieber Sekt als Gin Tonic und sah ihn am liebsten in weißen T-Shirts und abgewetzten Levis. Die schulterlangen braunen Haare mit inzwischen zahlreichen silbernen Strähnen trug er meist hinten zusammengebunden, war praktischer bei der Arbeit, ansonsten war er Bruce Willis, den er als Filmhelden am liebsten sah, nicht unähnlich, zumindest Augen und Mund; meist dachte er über sein Aussehen nicht großartig nach.
Sarah hatte mit dem damals 25jährigen Punker, einem Schrauber, der Sonnenkollektoren herstellte, eine Tochter bekommen. Jay hatte sie mal besucht, als die Kleine gerade sechs Wochen alt war. Frühstück in Weiß. Zufällig war er in weißer Levis und ebensolchem Shirt erschienen – Sarah trug einen weißen Jogginganzug, das Mädel, Nadja, einen weißen Strampler mit schwarzen Monden und Sternen.
Mike, der junge Schlosser, war auf der Arbeit.
Er hatte Sarah das Baby behutsam abgenommen und sich aufs Knie gesetzt, mit sonorer Stimme etwas aus der „Rundschau“ vorgelesen, Kaffee getrunken, und als das Baby vor Sarahs staunenden Augen eingedöst war, hatte er sie ihr weitergereicht mit den Worten, „so, kannst sie jetzt hinlegen – ist eingeschlafen.“
Im Vorgarten hatten sie einen kleinen Joint zusammen geraucht, und die erotische Spannung war so heftig zu spüren gewesen, dass Jay dachte, die Leute, die vorbeiflanierten, müssten die Vibrationen mitbekommen und stehen bleiben, aber nur Madu, der Kneipenwirt mit der Milchkaffeehaut und der wilden Frisur, war langsamer gegangen und hatte sich grüßend an die Stirn getippt.
Dann hatte Jay fast drei Jahre lang abgewartet und Sarah zu vergessen versucht.
Seit drei Monaten waren sie aber wieder ein Liebespaar – nach ein paar Restaurant- und Kinobesuchen war es nicht schwer gewesen, Sarah zu einer Liebesnacht in einem leeren Zimmer in der alten Bude zu überreden. Die Jungs waren inzwischen alle solide – Physiotherapeuten, Heilpraktiker, Ladenbesitzer und Gärtnereibetreiber – und bis auf Rich, den unsteten schwarzen Lehrer, alle in festen Händen. Wenn sie bei ihren Frauen übernachteten, war’s kein Problem, ein leeres Zimmer in der „38“ zu finden, dem alten Fachwerkhaus, in dem sie als Hausgemeinschaft ihre Wilden Jahre verbracht hatten.
Sarah war voll unerfüllter Sehnsüchte – der Punk ließ in jeder Hinsicht viel zu wünschen übrig – und so saß sie mit Nadja meist allein in einer Wohnung auf dem Lande, während Mike arbeitete oder Fortbildungskurse in Zeichnen an der VHS besuchte. Der Sex mit ihr war besser denn je.
Die zierliche Frau mit den wolkigen roten Locken nahm ihn wie ein Mann – Jay genoss es, seine femininen Anteile ausleben und sich entspannen zu können, während Sarah ihren „G“-Punkt fand und seine Laken mit ihren Orgasmen durchnässte. Dass er oft gar nicht kam, störte ihn nicht. „No se puede vivir sin amar“, lächelte er, wenn sie ihn fragte, ob ihm das nicht fehlte. Es war ein Zitat aus „Unter dem Vulkan“ von Malcolm Lowry, ihrer beider Lieblingsroman.

Und jetzt war „Skorpionfete“ angesagt. Johnny, der Ladenbesitzer – es handelte sich um einen Spieleladen mit ausgefallenen Games aller Art, von Mah Jong bis Wari – und Tomaschek, der Heilpraktiker, waren beide am 1. November geboren und bestanden auf einer gemeinsamen Fete in der „38“.
Jay hatte für 50 Mark im Monat das winzige Dachkämmerchen gemietet und ausgebaut, so gut es eben ging.
Isolierung, Felle am Fußboden und ein Bett, in dem auch zwei Erwachsene und ein Kleinkind Platz finden würden.
Durch die schrägen Fenster fiel das Licht auch am Tage nur spärlich, deshalb hatte er Kokoslampen, aus Nussschalen selbst gebastelt, aufgehängt. Unter die Dachschrägen hatte er Überseekoffer mit ein bisschen Wäsche zum Wechseln gedrückt – er hoffte, dass Sarah sich endlich für ihn entscheiden und Mike verlassen würde.

Jay hatte sich erboten, die Zutaten für die große Paellapfanne, den Mittelpunkt der Skorpionfete, zu besorgen. Die Tür ließ er offen – Sarah hatte „Ausgang“ und wollte am Spätnachmittag kommen.
In den kleinen „Onkel-Emma“-Läden in der Ahornhüttengasse hatte er gemütlich zusammengesucht, was er brauchte – Johnny und Tomaschek waren begnadete Köche und würden alle Zutaten zu einer schmackhaften Paella verarbeiten.
Steff, der schwule Gärtnereibesitzer, wollte sich um die weichen Drogen kümmern – ein paar Gramm Nasenpuder, guten Afghanen und Gras für jeden geladenen Gast.
Als Jay von seinen Einkäufen zurück in das Dachkämmerchen kam, spürte er gleich, dass Besuch da war. Der schwache Geruch von „Blütentraum“, dem ätherischen Öl, dass sich Sarah oft hinter die Ohrläppchen tupfte, war unverkennbar. Die Wendeltreppe hoch, die Stoffbeutel abgestellt, mit etwas gebeugten Schultern in die Kammer getreten – da lag Sarah in engem schwarzen Pulli und Black jeans auf dem Bett, die dunklen Augen an die Decke gerichtet, neben ihr die schlafende Dreijährige mit zerstrubbelter schwarzer Mähne und blassem Kindergesicht.
Wortlos kniete sich der Mann neben das Bett. Sarah richtete sich auf und flüsterte gepresst: „Mike ist ausgerastet, Jay. Er hat probiert, ob er auch Gin Tonics verträgt – hat er aber net – geheult hat er und rumgeschrien, dass Nadja Angst bekommen hat. Am Ende hat er sich an der Tischkante die Schneidezähne ausgeschlagen beim Abstürzen – es war ein Blutbad. Mein Gott, er wird eine Brücke oder so was brauchen, das dauert...ein Chaos, ich muss da weg!“ -
Das Kind richtete sich auf, und instinktiv verbarg sich Jay hinter einem der roten Kissen, linste dahinter hervor, blinzelte dem unschuldigen Gesichtchen zu, wenn es ihn ansah und verbarg sich dann wieder – so lang, bis er das Gefühl hatte, es könne genug von dem Spiel haben und was sagen wollen. Sarah, seine Geliebte und zukünftige Frau, hatte er aus seinem Denken verdrängt – sie beobachtete die beiden atemlos.
„Kannst du spielen?“, fragte das Kind ernst. – „Klar, alles was du möchtest, Nadja.“ – „Kannst du Mama helfen?“, fragte sie weiter. „Mama muss sich jetzt entscheiden!“ – Jay starrte seine Frau an. „Woher hat sie das, was sagt sie denn da?“, fragte er hilflos.
„Die Krabbelgruppe“, murmelte Sarah. „Es ist, weil ich in der Gruppe so oft mit den andern über all das geredet habe – ich dachte, sie würde mit Flo, Timmie und Katie spielen, aber sie hat zugehört , was ich den andern Müttern erzählt habe! Dass ich nicht weiß, was...und Mike, der...“ – „Sch“, machte Jay und strich ihr mit der flachen Hand übers Gesicht. „Nicht vor dem Kind – ich bring sie eben zu Rich runter, versuch mal, dich zu entspannen – ich bin gleich wieder da.“
Er stand auf und streckte der Dreijährigen die Hand entgegen. Viel Erfahrung mit Kindern hatte er nicht, aber dass er sie nicht einfach hoch reißen und wegtragen sollte, war ihm instinktiv klar. Nadja fixierte ihn fasziniert, stand auf und folgte ihm, als sei er der Rattenfänger von Hameln.
Die steile Treppe runter ließ sie sich widerstandslos tragen. Rich lag auf dem Bett vor der Glotze, zog sich die Sportschau rein.
„Hast du mal Zeit für eine kleine Lady?“, fragte Jay ernst und stellte das Kind auf den Boden. – Rich zeigte sein makelloses Gebiss und erhob sich vom Sofa. – „Klar, Mann“, er streckte seine langgliedrige schwarze Hand aus.
Nadja starrte ihn gebannt an, ohne die Hand zu nehmen, was Rich nicht zu irritieren schien. „Ich hab’ einen Löwen“, sagte Rich. „Keinen echten, klar, aber er ist ziemlich groß, und er kann dir was erzählen, wenn du möchtest!“
Nadja ließ Jays Hand los und tappte interessiert auf Rich zu. „Kann der Löwe Hallo machen?“, fragte sie mit schiefgelegtem Kopf. Rich sah Jay an, kniff ein Auge zu. „Ich geh’ ihn gerad’ holen“, erklärte er und verschwand im Nebenraum. Jay hockte sich vor Nadja auf die Fersen. „Du bleibst jetzt ein bisschen beim Rich, okay“, sagte er so ruhig es ging. „Der kann den Löwen Hallo machen lassen, und ich rede mit deiner Mama. Nachher komm ich dich holen, in Ordnung?“ – „Ja, klar“, erwiderte Nadja. „Und wenn ich Pipi muss, kann der Rich mir zeigen, wo das Klo ist?“ – „Ja, ich glaub, das kann er“. -
Jay erhob sich, ihm war etwas schwindlig. Rich kam mit einem welpengroßen Stofflöwen zurück und hockte sich wieder aufs Sofa. Er blinzelte Jay zu, hob eine Faust mit hochgerecktem Daumen.
„Geh ruhig“, sagte er, „ich hab neun kleinere Geschwister im Senegal, ich weiß, wie das geht – kümmere du dich um deine Frau!“

„Du hast dich also endgültig entschieden?“, fragte Jay seine fragile, noch immer tränenfeuchte Geliebte eine halbe Stunde später.
„Klar“, flüsterte Sarah an seinem Hals. - „Sowieso, schon vor 12 Jahren, das weißt du doch! Du warst es, der sich nie...“- „Sch“, machte Jay und zurrte seine Haare wieder im Nacken zusammen. „Don’t talk about it! Schnee von gestern, okay? Ich hab einen Fehler gemacht – du aber auch. Meinst du, du kannst es hier unterm Dach mit mir aushalten, bis wir was eigenes gefunden haben, Nadja, du und ich? – Ja? – Es ist nicht gerade die Hochzeitssuite des Ritz...by the way, wann heiraten wir?“ – Sarah wurde rot. „Niemals, du Spinner! – Wieso...?“
Jay ließ seine Lippen über ihren Hals gleiten bis er spürte, dass sie am ganzen Körper eine Gänsehaut bekam. „Weil heute Skorpionfete ist, Sweetheart“, grinste er. „Die Jungs sind alle da, und ich will sie dabeihaben, bei unserer Hochzeit. Und ihre Frauen, beziehungsweise Steffs neuen Lover, natürlich auch. Die diesjährige Skorpionfete wird zugleich unsere Verlobungsfete, wusstest du das schon?“ Er räusperte sich, umkreiste mit den Fingern langsam ihre kleinen festen Brüste. „Und außerdem – so langsam hätt’ ich auch gern mal wieder einen Orgasmus, aber ich glaub’, das geht nur, wenn ich weiß, dass du jetzt bei mir bleibst...“

(special thanks an „die Jungs aus der 38“)

© Susy Clemens, Oktober o4

Kontakt: susyclemens@gmx.de

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