Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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November 2004
Das zweite Leben
von Monique Lhoir

In den Taschen ihres Trenchcoats ballte sie die Hände zu Fäusten, um die Fingerspitzen zu wärmen. Der kalte Wind blies von der Nordsee zu ihr herüber, während sie über den Deich marschierte. Ihr Atem bildete Nebelwölkchen und sie spürte, wie sich ihre Haut in der eisigen Luft straffte.
Auf Nordstrand stand die Welt still. Kein Autolärm, keine hetzenden Menschen, keine bösen Worte. Nichts als Ruhe. Nur das Rauschen des Meeres und das Blöken der Deichschafe, die gerade ihre Jungen zur Welt gebracht hatten.
Gesa blieb stehen und schaute auf die dunkle Nordsee. In der Ferne tauchten die Umrisse eines Tankers auf, der irgendwo hinfuhr. Sie atmete tief durch.
“Schön ist es hier, nicht wahr?”
Gesa zuckte zusammen und blickte zur Seite. Ein Stück von ihr entfernt stand ein älterer Mann und sah ebenfalls aufs Meer hinaus.
“Habe ich Sie erschreckt?” Er lachte. “Kann ich verstehen. Man erwartet niemanden bei dem Wetter in dieser Einöde. Ich wollte Sie nicht stören.” Er kam auf sie zu. “Kuddel.”
“Wie bitte?”
“Kuddel Hansen. Das ist mein Name. Ich wohne zwei Häuser von Ihnen entfernt.”
“Ach so.” Gesa zog eine Hand aus dem Trenchcoat und reichte sie ihm zu. “Gesa Wohlrath.”
“Sie wohnen noch nicht lange hier.” Er ging langsam neben ihr her.
“Ich wohne gar nicht hier. Ich mache nur Urlaub.” Sie zog den Schal über den Mund, da nun der Wind von vorne blies.
“Sie haben die Kate doch gekauft.”
“Woher wissen Sie das?” Gesa schaute ihn von der Seite an.
“Hier im Dorf weiß jeder alles. Man ist froh über kleine Abwechslungen.” Er zwinkerte mit einem Auge. Lachfältchen bildeten sich um seine Mundwinkel.
Sie bogen in die Dorfstraße ein. “Dann gehört Ihnen etwa das komische Häuschen mit den Terrakotta-Töpfen?”, entschlüpfte es ihr. “Oh, entschuldigen Sie. Ich fand es nur sehr merkwürdig, in diesem rauen Klima südländisches Flair vorzufinden.”
“Sie müssen sich nicht entschuldigen. Das sind Erinnerungen aus meinem ersten Leben.”
“Aus Ihrem ersten Leben?” Gesa blieb stehen.
Kuddel lachte. “Keine Angst, ich bin kein Geist. Kommen Sie doch auf einen steifen Grog zu mir. Bei der Kälte tut das gut. Schließlich sind wir Nachbarn.”
Sie betraten das kleine Fachwerkhaus. Kuddel führte sie in die niedrige Küche und setzte einen Kessel Wasser auf. Gesa schaute sich heimlich um.
“Sie wundern sich bestimmt, was ich hier so lagere?” Er stellte ein Gefäß mit Zuckerstücken auf den Tisch und zündete ein Stövchen an. “Alles Erinnerungsstücke aus meinem ersten Leben.” Er schüttete einen kräftigen Schuss Rum ins Glas.
“Und was ist mit Ihrem zweiten Leben?” Gesa konnte sich die Frage nicht verkneifen.
“Das zeige ich Ihnen, wenn Sie sich aufgewärmt haben.” Er goss das heiße Wasser zum Rum und setzte sich an den Tisch.
“Nun trinken Sie mal einen kräftigen Schluck. Sie sehen aus, als ob Sie es brauchen könnten.” Er nahm drei Kluntje und rührte kräftig in seinem Glas. “Was hat Sie denn nach Nordstrand verschlagen?”
“Ich brauchte frische Luft.” Gesa verschloss sich.
“Sind Sie Taxifahrerin?” Kuddel rührte weiter. “Weil vor Ihrem Haus das Taxi steht”, begründete er.
“Seit zehn Jahren. Ich arbeite in Düsseldorf.”
“Lieben sie Ihren Job?” Kuddel zündete sich eine Pfeife an.
“Nicht wirklich.”
“Warum machen Sie es dann?” Er lehnte sich im Stuhl zurück.
“Um Geld zu verdienen. Bis vor kurzem war Achim noch mit von der Partie.”
“Achim?” Er sah sie fragend an.
“Mein Partner und Freund. Heute nennt man das wohl Lebensabschnittsgefährte.” Sie trank einen kräftigen Schluck Grog und musste husten. “Der ist aber stark.”
“Stark und gut”, brummte Kuddel verschmitzt. “Und was macht Achim jetzt?”
“Nun hat er einen neuen Abschnitt gemacht und sich eine andere Gefährtin gesucht.”
“Und Sie sich diese Kate gekauft.”
Gesa nickte. “Ich hatte gespart. Für unsere Zukunft. Aber nun...”
“Nun haben Sie ihren Traum begraben.”
“Ja. Es wäre an der Zeit gewesen, ein Kind zu bekommen. Ich werde nächsten Monat vierzig. Ich wollte eine Familie. Das wird jetzt wohl nichts mehr.”
Kuddel schwieg eine Weile und sie spürte seinen Blick. Er klopfte bedächtig die Pfeife aus. “Dann ist es dringend notwendig, Ihr zweites Leben vorzubereiten.” Er stand auf. “Kommen Sie, ich möchte Ihnen etwas zeigen.”
Gesa entdeckte ein unternehmungslustiges Funkeln in seinen Augen. Er öffnete eine Tür und führte sie in den hinteren Teil des Hauses. Als sie einen Wintergarten betrat, musste Gesa zwinkern. Die Frühjahrssonne blendete sie.
“Ein Atelier!”, rutsche es ihr raus. Das hatte sie nicht erwartet. Unter Palmen und exotischen Pflanzen lehnten die verschiedensten Bilder an den Wänden. Ein Papagei flatterte kreischend von einem Baum zum anderen und ein kleines Äffchen kletterte auf Kuddels Schulter.
“Ich möchte Sie malen.” Kuddel rückte eine Staffelei zurecht.
“Mich?” Gesa war überrascht.
“Das ist eine einmalige Gelegenheit. Ich möchte einen Menschen vor der Geburt in sein zweites Lebens malen. Oder haben Sie noch etwas anderes vor?”
“Nein.” Sie stotterte.
“Ich habe eine Bitte. Würden Sie sich die Schminke vom Gesicht wischen und ihr Haar lösen?” Er lächelte sie, wie es ihr schien, verlegen an.
“Hier sind ein Spiegel und ein Tuch.” Er reichte ihr eine Packung Tempos und Creme.
Als er Gesa in Positur gebracht hatte, begann er zu malen.
“Es ist genau das richtige Licht. Die Frühjahrssonne ist kräftig und steht nicht zu hoch.” Er zeichnete weiter. “Ich bin früher zur See gefahren”, sprach er dann leise, “war Schiffsbauingenieur und für die Motoren zuständig. Ich kenne alle Häfen der Welt. Können Sie den Kopf ein wenig nach links neigen? Ja, so ist es gut. Tag und Nacht war ich unterwegs, mit dem Flugzeug von einem Hafen zum anderen geflogen. Während sich die Menschen auf den Kreuzfahrtschiffen amüsierten, lag ich tief im Bauch des Kahns und habe die Motoren repariert. Die Sonne habe ich kaum gesehen.”
Gesa straffte ein wenig die Schultern. Sie begannen zu schmerzen.
“Geht es noch?” Er schaute sie wieder mit diesem Zwinkern in den Augen an.
“Ja, ich musste mich nur kurz bewegen. Und wie ging es weiter?”
“Kurz vor meinem vierzigsten Geburtstag bekam ich eine Herzattacke. Zu viel Stress. Ich musste aussetzen. Im Krankenhaus besuchte mich mein Chef. Er forderte mich auf, recht bald wieder auf die Beine zu kommen. Aufträge über Aufträge, sonst ... Ich begriff. Mit vierzig gehörte ich zum alten Eisen. Aber was hatte ich bis dahin erreicht? Nichts. Ich hatte weder eine Frau noch Kinder, nie Zeit dafür gehabt. Kaum die Welt gesehen, kaum Freizeit, keine Hobbys – also kein Leben. Dafür wies mein Bankkonto eine beachtliche Summe auf, doch ich war am Ende. Ich hatte es verpasst, meinen Traum zu verwirklichen. Ich resignierte.”
“So, wie ich jetzt?” Gesa sah ihn gespannt an.
“Ich beschloss, mit meinem alten Leben abzuschließen. Genau an meinem vierzigsten Geburtstag feierte ich die Geburt meines zweiten Lebens.”
Gesa blickte ihn nachdenklich an. “Sie scheinen jetzt sehr zufrieden.”
“Ja, ich stehe in der Blüte meines Daseins.” Er lachte nun herzlich. “Nach meiner Zeitrechnung bin ich jetzt zwanzig.”
“Zwanzig?” Gesa betrachte seinen weißen Backenbart. Ein wenig erinnerte sie Kuddel an Käpt’n Blaubär.
“Ich habe das Leben in zwei Abschnitte eingeteilt. Das erste und das zweite. In der Regel wird ein Mensch circa achtzig Jahre, also zwei Mal vierzig. Die erste Hälfte dient dazu, Erfahrungen zu sammeln und für die zweite Hälfte zu lernen, in der das Leben erst richtig beginnt.” Er legte den Pinsel zur Seite. “Wir machen für heute Schluss. Sie bleiben doch ein paar Tage?”
Gesa stand auf und schaute sich im Atelier um.
“Und dann haben Sie sich hier eingerichtet?”
“Ich suchte nach einem ruhigen Fleckchen Erde. Anschließend löste ich mein Appartement auf, in dem ich nur sporadisch wohnte. Ich nahm nur ganz wenig aus meinem alten Leben mit. Dazu gehören die Terrakotta-Töpfe. Sie stammen aus Italien, daran hatte ich gute Erinnerungen. Ich besorgte mir Palmen aus Jamaika, Flip-Flap”, er wies auf das Äffchen, “kommt aus Brasilien und Coco aus Guadeloupe. Der alte Kessel in der Küche ist ein Erbstück meiner Großmutter. Auch an sie habe ich gute Erinnerungen. Alles andere ließ ich zurück. Das brauchte ich nicht mehr. Ein alter Maler verkaufte mir dieses Haus und so begann mein zweites Leben.”
Kuddel führte Gesa in die Küche zurück.
“Können Sie sich denn von der Malerei ernähren?”
“Das bisschen, was ich brauche, verdiene ich allemal und für den Rest sorgen das Meer und mein Garten.”
“Ich habe früher auch gemalt. Es ist schon lange her.” Gesa war mit ihren Gedanken weit weg.
“Wenn Sie wollen, können Sie mein Atelier benutzen.” Kuddel verabschiedete sie mit einem festen Händedruck. Langsam ging Gesa das kurze Stück zu ihrer Kate und öffnete die Tür. Niemand begrüßte sie. In der Wohnstube lag der alte Kater Max auf dem Sofa und schlief. Müde hob er den Kopf, als sie ihn streichelte. “Na Mäxchen, da habe ich dich heute lange allein gelassen.” Sie nahm ihn auf den Arm, ging in die Küche und füllte seinen Napf. “Du bist auch alt. Hören kannst du nicht mehr und hast niemanden zum Spielen. Wer weiß, vielleicht bekommst du auch bald ein zweites Leben.”

* * *

“Sag mal, bist du nun völlig übergeschnappt?” Carolin saß auf Gesas rotem Plüsch-Sofa und aß nervös ein Mon Chérie nach dem anderen. “Wie kannst du das hier alles so einfach weggeben?”
Gesa räumte den Kleiderschrank aus und warf ein Abendkleid in den Plastiksack. “Brauch ich nicht mehr.”
“Und was ziehst du zur nächsten Party an? Denk daran, dass wir eingeladen sind.”
“Ich komme nicht mit.”
“Wenn du ein Mann wärest, würde ich sagen, du hast einen Samenkoller.” Carolin schob sich die nächste Praline in den Mund. “Und das alles wegen diesem blöden Achim? Es gibt auch noch was anderes im Leben.”
“Eben.” Gesa ging zum CD-Ständer und sortierte ihn aus. “Willst du welche davon haben?”
“Zeig mal.” Carolin hockte sich zu ihrer Freundin. “Die Dire Straits willst du auch wegwerfen? Das war immer deine Lieblingsmusik.”
“Richtig, das war.”
“Und was ist mit deinem Taxi?”
“Habe ich schon verkauft.”
Carolin blieb der Mund offen stehen und etwas schokoladenbrauner Speichel lief ihr über das Kinn. “Aber was machst du ohne Auto?”
“Ich habe mir einen alten Golf und ein Fahrrad besorgt.”
“Du willst wirklich weg.” Carolin stellte das mit einer endgültigen Überraschung fest.
“Ja.”
“Und was wird aus unseren Krimi-Abenden? Es war doch immer so gemütlich. Gesa, du hast nur eine Midlife-Crisis, das geht vorüber.” Sie redete wie eine Krankenschwester auf Gesa ein und betrachtete sie mitleidig.
Gesa hockte sich zu ihrer Freundin. “Carolin, ich beginne ein neues Leben. Es ist keine Midlife-Crisis.”
“Hast du etwa einen Neuen?”
“Man könnte sagen, es wartet jemand auf mich.” Gesa musste an Kuddel denken, an seine gemütliche Küche, den heißen Grog und die Tage im Atelier.
“Sag ich doch. Wahrscheinlich irgend so ein alter Dorf-Knacker, der scharf auf gut aussehende Stadtfrauen ist.”
“Er ist erst zwanzig.” Gesa grinste.
“Was? Jetzt vergreifst du dich schon an Teenies? Gesa, du solltest einen Arzt aufsuchen.”
“Ich muss jetzt gehen.” Gesa schnappte den Koffer. “Es ist nett, dass du dich um die Auflösung der Wohnung kümmerst. Den Erlös darfst du behalten.”
“Und was ist morgen mit der Party zu deinem Vierzigsten? Ich habe schon alle eingeladen.”
Gesa drehte sich noch einmal um. “Ich feiere keinen Vierzigsten. Ich feiere morgen die Geburt in mein zweites Leben.”

Als Gesa am Abend die Kate betrat, machte sie rasch Feuer. Es war immer noch kühl im April und ein kräftiger Wind blies. Eilig räumte sie ihre Habseligkeiten ein, legte die Häkeldecke ihrer Großmutter über den Tisch und nagelte das Bild des Großvaters an die Wand. Kuddel hatte Mäxchen offensichtlich in der Zwischenzeit gut versorgt, denn er schlief selig auf dem Sofa und nahm kaum Notiz von ihr. Sie sah aus dem Fenster. Kuddel schien zu arbeiten, denn der Wintergarten war hell erleuchtet. Sie überlegte, ob sie auf einen Sprung zu ihm hinübergehen sollte. Nein, sie würde es nicht tun. Sie fühlte sich sauwohl und schlief auf dem Sofa ein.
Am nächsten Morgen kramte sie das Kochbuch ihrer Mutter hervor und backte einen Marmorkuchen. Zur Kaffeezeit deckte sie den Tisch. Von Kuddel hatte sie immer noch nichts gesehen. Ob er nicht mitbekommen hatte, dass sie wieder zurück war?
Sie setzte gerade den Wasserkessel auf den Herd, als sie ein Klopfen vernahm und kurz darauf Kuddel geduckt durch die Tür kam.
“Ich habe schon auf dich gewartet”, sagte sie und drehte sich zu ihm um.
Kuddel stellte einen Korb auf den Boden und lehnte ein in Geschenkpapier eingewickeltes Paket an die Wand. “Ich wollte bei der Geburt nicht stören”, lachte er. “Du weißt doch, dass Männer dabei nur stören.” Dann ging er auf sie zu und küsste sie liebevoll auf beide Wangen. “Herzlichen Glückwunsch zur Geburt in dein neuen Leben.”
Gesa hörte ein klägliches Miauen von der Tür. Kater Max sprang sofort vom Sofa und beschnupperte das Körbchen. “Der kann ja doch hören!”, rief Gesa überrascht.
“Was dachtest du denn. Der hat nur so getan, als ob er es nicht könnte.” Kuddel zog das Tuch vom Korb. Ein kleines Kätzchen blinzelte verschreckt über den Rand.
“Das ist für Mäxchen”, sagte Kuddel. “Der soll auch was von seinem neuen Leben haben. Er hat sich nämlich einfach nur gelangweilt.” Er drehte sich um, nahm vorsichtig das große Paket zur Hand und wickelte es aus. “Und das ist für dich. Ich habe das Bild Vor der Geburt genannt. Du kannst dich noch erinnern?”
“Kaum”, sagte Gesa, “das war noch in meinem ersten Leben.”

In der Tasche seines Trenchcoats suchte sie seine Hand, um sich ihre Fingerspitzen zu wärmen. Der kalte Wind blies von der Nordsee zu ihnen herüber, als sie über den Deich marschierten. Ihrer beider Atem verursachte Nebelwölkchen, die sich zu verschmelzen schienen und gemeinsam aufstiegen.
Gesa blieb stehen und schaute auf die dunkle Nordsee. In der Ferne tauchten die Umrisse eines Tankers auf, der irgendwo hinfuhr. Sie atmete tief durch.
“Schön ist es hier, nicht wahr?”

© Monique Lhoir

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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