Ganz schön bissig ...
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November 2004
Der Kommissar
von Birgit Erwin

Frührente ist für die wenigsten Männer ein Grund zum Feiern, auch wenn sie noch so sehr damit angeben, was sie jetzt alles tun werden. Auch ich gab die üblichen Floskeln von mir und nach drei oder vier Bier glaubte ich beinahe selber daran. Jedenfalls so lange, bis sich die Kollegen zerstreuten und ich allein vor der Kneipe stand, den Kopf gesenkt, die geballten Fäuste in den Manteltaschen vergraben. Ein pensionierter Polizist, geschieden, der nicht einmal einen Garten besaß, um darin Rosen zu züchten. Ich war fünfzig und mein Leben schien vorbei zu sein. In diesem Augenblick hielt das Taxi neben mir.
„Spring rein, Süßer!“
Ich ging innerlich sofort auf Distanz. Heutzutage hat man für weniger eine Anzeige wegen sexueller Belästigung am Hals. Ich habe es in meiner eigenen Einheit erlebt. Die Taxifahrerin lachte spöttisch.
„Oh Verzeihung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Wollen Sie bitte einsteigen.“
„Ich hatte kein Taxi bestellt.“
„Nicht? Sie sehen aber so aus, als ob Sie eins brauchen könnten. Ich mach Ihnen einen Freundschaftspreis. Ist meine letzte Fahrt heute Nacht.“
„Und was ist mit Ihrem anderen Fahrgast? Dem, der das Taxi bestellt hat?“
„Wenn das Arschloch nicht da ist, hat es Pech gehabt. Hey, Sie haben keine Ahnung, wie viel ich für diese Konzession hingeblättert habe. Das muss ich irgendwie wieder reinfahren. Also, wie sieht’s aus?“
Das Licht der Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht. Sie kam mir jung vor, mit ihren blonden Stoppelhaaren und dem Nasenring. Und sie hatte ein Veilchen. Ich merkte erst, dass ich sie anstarrte, als sie wieder zu lachen begann. Sie hatte die gelben Zähne einer Kettenraucherin.
„Jetzt kommen Sie schon, dann erzähle ich Ihnen auch die Geschichte hierzu.“ Sie deutete auf ihr Auge. „Wo soll’s denn hingehen?“
Ich nannte ihr meine Adresse.
„Schicke Gegend. Okay. Also, das blaue Auge …“
„Hören Sie, Sie müssen nicht …“
„Das war das Arschloch. Mein Ex. Jedenfalls ist er jetzt mein Ex. Ein Arschloch war Achim schon immer. Trinkt. Und bezahlen tut er am liebsten mit meinem Geld. Ich hab ihm gesagt, er soll seinen faulen Hintern gefälligst zum Arbeitsamt bewegen, da hat er mir eine gelangt. Ich hab zurückgeschlagen, aber der Kerl ist ein Baum von einem Mann.“ Sie kicherte. „Mann, das muss eine Szene gewesen sein! Die Nachbarn hingen an den Fenstern wie Blutegel, und das war mein Glück, da hat er sich nicht getraut, mich richtig fertig zu machen. Also ist er raus. Morgen lass ich das Schloss austauschen. Ich bin echt froh, dass der weg ist.“
„Sie hätten uns … die Polizei rufen müssen!“, sagte ich. Der Gedanke, dass ich nicht mehr dazugehörte, stimmte mich trübsinnig. Sie zuckte die Achseln.
„Nicht der Mühe wert. Fort mit Schaden, sag ich immer. Und Sie?“
„Vorruhestand.“
Ich lächelte gequält. Draußen hingen Fliederdolden dicht an dicht in gepflegten Vorgärten und verströmten ihren Duft. Meine Hände zitterten.
„Echt? Und was waren Sie von Beruf?“
„Ich war bei der Polizei, Hauptkommissar.“
„Oh mein Gott!“ Der Wagen geriet ins Schlingern. Und dann fing sie an zu reden. Ich glaube, sie kannte jede Tatort-Folge, die je gedreht worden war. Ob es so sei wie in der Serie. Ob ich schon einmal einen Mörder verhaftet hätte? Ob …? Ob …? Ob …?
Sonst sehe ich nur gelangweilte Gesichter, wenn ich mit den alten Geschichten anfange, aber bei ihr war das anders. Als wir vor meinem Haus standen, waren da noch so viele Geschichten, die darauf warteten, erzählt zu werden. Ich bezahlte, aber als ich neben dem Auto stand und durch das Fenster in ihre glänzenden braunen Augen blickte, konnte ich nicht einfach gehen. Plötzlich fiel mir auf, dass ich nicht einmal ihren Namen kannte. Und dass ich nicht wusste, wie ich danach fragen sollte. Also streckte ich meine Hand durch das offene Fenster und sagte: „Max Winter. Das ist mein Name. Falls Sie es interessiert.“
Sie lachte mir mit ihren Raucherzähnen zu und zwinkerte.
„Gesa Wohlrath. 35. Single. Seit heute. Sie heißen übrigens wie mein Kater. Tja, dann, Mäxchen …“
„Wollen Sie vielleicht…“
Ich brach ab. Fünfunddreißig - die Frau war fünfzehn Jahre jünger als ich! Sie grinste und löste den Gurt.
„Und ich dachte schon, Sie würden nie fragen!“

Als sie ging, stand ich lange in der Türe und sah ihr nach. Der Morgen war wunderschön, frisch und golden. Gesa winkte, während sie den Motor aufheulen ließ, dann war sie fort. Ich rechnete nicht damit, sie wieder zu sehen.
Zwei Tage später klingelte es an meiner Wohnungstür.

„Gesa!“
Ich zog sie hastig in die Wohnung. An den Fenstern gegenüber standen bereits die Nachbarn, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Der alte Bulle und die junge Frau: Ich konnte ihr Tuscheln förmlich hören.
„Oh mein Gott, was ist mit Ihnen passiert?“
Hinter Gesas zierlicher Gestalt drängte sich eine große fette Frau mit schreiend roten Haaren in die Wohnung. Sie sah sich prüfend um und nickte. Dann stellte sie eine sperrige Reisetasche und einen Katzenkorb auf den Boden und verkündete: „Okay!“
„Das ist Caro, sie hat mich hergefahren“, murmelte Gesa und zog die Nase hoch. „Und Mäxchen.“
Ich blickte auf den Katzenkorb, sah aber nur zwei grünlich schillernde boshafte Augen. Dann musterte ich Gesa. Sie war übel zugerichtet.
Und immer noch schön.
„Achim?“, fragte ich.
Sie nickte stumm, während sie sich auf mein Sofa fallen ließ und die Füße auf die Glasplatte des Couchtisches legte. Ihre rechte Gesichtshälfte war geschwollen, die Lippe blutig.
„Wie ist das passiert?“, fragte ich. „Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen oder sonst was?“
„Haste auch was Stärkeres?“, tönte die fette Rothaarige dazwischen.
„Nein. Gesa, was möchten Sie?“
„Geht schon, Mäxchen, danke. Aber sag mal, waren wir nicht schon beim Du?“
Bei ihrem Lächeln wurde mir warm ums Herz. Ich setzte mich neben sie und wiederholte meine Frage.
„Also, wie ist das passiert?“
„Ach, das Übliche. Er war betrunken, und dann haben wir wieder Streit gekriegt. Und dann … naja, den Rest kannst du dir denken.“
„Aber Sie … aber du wolltest doch das Schloss austauschen.“
Sie zuckte nur die Achseln, und ich fragte nicht weiter.
„Und jetzt?“
Nacheinander blickte ich auf den Katzenkorb, die Reisetasche und die unsägliche Caro, die durch das Wohnzimmer latschte und meine Wertgegenstände antatschte.
„Hey!“, trompetete sie, als sie meinen Blick bemerkte. „Geile Wohnung. Da kann man echt gut den Nachbarn in die Fenster gucken. Coole Freizeitbeschäftigung für einen wie dich.“
„Und was meinen Sie damit, wenn ich fragen darf?“, erkundigte ich mich steif.
„Naja, die haben dich doch mit der goldenen Uhr in den Ruhestand geschickt. Gesa hat gesagt, du hättest nen Nervenzusammenbruch gehabt. Stimmt das? Ich mein, ein Bulle mit schwachen Nerven, das ist doch zum Piepen!“
Ich starrte Gesa an. Sie war rot geworden und erwiderte meinen Blick mit einem Achselzucken.
„Ich hab gedacht, ich kann vielleicht ein, zwei Nächte hier bleiben“, murmelte sie. „Bis dahin hab ich sicher was Neues gefunden. Aber ich kann echt nicht zurück.“
„Natürlich“, sagte ich. Eigentlich wollte ich ihr beruhigend zulächeln, aber der Vertrauensbruch schmerzte. Außerdem beschäftigte mich die Frage, was sie dieser ordinären Person noch erzählt hatte. Über mich. Über uns.
„Ehrlich?“, fragte Gesa.
Ich nickte.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie mir um den Hals fallen würde. Die Haut ihrer unversehrten Wange an meiner weckten die Erinnerungen, die ich seit Tagen zu verdrängen versuchte. Aber dann sah ich, dass Caro uns interessiert beobachtete und machte mich los.
„Verschwinde schon, Caro. Mir geht’s hier gut“, murmelte Gesa, ohne die Hand von meinem Knie zu nehmen.
Das grässliche Weib grunzte, aber sie ging tatsächlich. Wir waren allein.
Bei einer Flasche Rotwein sahen wir uns den Tatort an, und während Gesas Augen am Bildschirm klebten und sie eine Zigarette nach der anderen qualmte, versuchte ich, mich mit meinem Namensvetter anzufreunden. Schließlich schlossen wir Waffenstillstand, und als Gesa beim Abspann auf meinen Schoß rutschte, verzog er sich mit einem leisen Fauchen unter das Sofa.
Sie gähnte herzhaft, aber ihre Augen wirkten alles andere als müde.
„Ich … ich hab ein Gästebett“, sagte ich rasch. Gesa lächelte.
„Ja und?“

Am nächsten Morgen wurde ich von ungewohnten Klängen geweckt. Entsetzlichen Klängen. Ich tastete mit der Hand über das Laken und stellte fest, dass der Platz neben mir kalt und leer war. Stattdessen roch es nach Kaffee. Ich folgte dem Duft und fand Gesa, die mit angezogenen Beinen am Küchentisch hockte. Sie schlürfte Kaffee aus meinem Lieblingsbecher.
„Morgen, Mäxchen. Gefällt dir die Musik? Dire Straits. Ist doch besser als der Klassik-Scheiß, den du im Regal hast, nicht?“
Ich stürzte zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Gesa war splitternackt. Hinter mir erklang ihr spöttisches Kichern.
„Bist du ein Spaßverderber. Ich bin sicher, der Alte von gegenüber weiß jetzt endlich, was eine Morgenlatte ist. Und seine Frau …“
„Gesa, das geht doch nicht!“, unterbrach ich sie und griff nach der Kaffeekanne. Sie war leer. „Wolltest du auch welchen? Aber ich wusste ja nicht, wann du aufstehst. Nach einem Nervenzusammenbruch braucht man viel Schlaf.“
Sie grinste entwaffnend.
„Hör zu, Gesa“, sagte ich und verfluchte meine Hände und ihr dummes Zittern. „Du magst mich für einen Schwächling halten, aber das bin ich nicht. Es kommt oft vor, dass die Beteiligten einer Schießerei ein Trauma erleiden. Das heißt nicht, dass…“
„Hey, reg dich nicht auf.“ Sie schenkte mir ein Lächeln und lehnte sich zurück. Heiße Röte stieg mir in den Kopf, und ich fragte hastig: „Musst du zur Arbeit?“
„Später.“
Davon, dass sie sich eine Wohnung suchen wollte, war nicht mehr die Rede.

Sie erzählte wenig von sich. Vielleicht war das der Grund, warum ich Gesas Personalausweis überprüfte. Er lag lose in ihrer Handtasche. Gisela Wohlrath, las ich. Dann ihr Geburtsdatum. Es dauerte eine Weile, ehe ich begriff, dass in zwei Tagen ihr vierzigster Geburtstag war.
Was hatte sie doch gleich gesagt? Gesa? 35 Jahre alt?
Ich grinste noch immer, als ich den zweistöckigen Schokoladenkuchen und die Girlanden in großen Plastiktüten die Treppen hinaufschleppte. Gesas Taxi war nirgends zu sehen. Obwohl es mich nicht wunderte, verspürte ich einen leichten Stich in der Herzgegend. In den letzten Tagen war sie immer häufiger unterwegs, und selbst wenn wir zusammen waren, schien sie mit ihren Gedanken weit fort. Ich sprach sie nicht darauf an. Überhaupt vermied ich Auseinandersetzungen seit jenem Streit, der damit geendet hatte, dass ich am ganzen Körper zitternd zusammengebrochen war, während sie aus der Wohnung rauschte. Weichei, hatte sie mir zugezischt.
Ich verdrängte die Erinnerung und stieß unbeholfen die Türe auf.
„Hallo, Mäxchen, ich bin wieder da.“
Ich trug die Einkäufe in die Küche, während ich mich nach dem Kater umschaute.
„Mäxchen! Maxi! Ich hab was Feines für dich. Lachs. Komm, ich tu ihn dir in dein …“
Ich brach ab. Mäxchens Fressnapf stand nicht wie sonst neben dem Kühlschrank.
„Mäxchen?“
Meine Hände begannen zu zittern. So leise ich konnte schlich ich in den Flur. Hinter der geschlossenen Türe erklang gedämpfte Musik. Ich dachte noch, dass Gesa sicher beeindruckt gewesen wäre, wenn sie mich so gesehen hätte. Auch ohne Waffe und Dienstausweis gab ich immer noch eine gute Figur ab.
Ich stieß die Türe zum Wohnzimmer auf. Es war leer.
Zu leer.
Wo der Fernseher gestanden hatte, klaffte eine Lücke. Mein Blick huschte zur Kommode. Ich blinzelte. Meine geliebten Meißen-Figuren waren fort. Dann sah ich den Zettel unter dem überquellenden Aschenbecher. Den hatte ich für sie gekauft. In Blau. Ihrer Lieblingsfarbe. Und während die Buchstaben vor meinen Augen tanzten, nahm ich zum ersten Mal die Musik wahr. Es waren die Dire Straits, und auch das Lied kannte ich. Es war Gesas Lieblingslied gewesen: „Money for Nothing.“
Ich sackte auf einen Stuhl und begann zu lesen.

„Hi Mäxchen,
bin zu Achim zurück. Sorry aber mit uns wär das sowieso nichts geworden. Ich hoffe du bist nicht böse das ich ein paar Kleinigkeiten mitgenommen hab. Siehs als Bezahlung. Oder als Gütertrennung. Achim hat Schulden gemacht. Aber er trinkt nicht mehr. Das hat er mir versprochen.
Bis dann, man sieht sich.
Gesa“

Ich habe keine Anzeige erstattet. Das hat nichts mit Schwäche oder Feigheit zu tun, ich will einfach nicht, dass Gesa meinetwegen ins Gefängnis kommt. Dass meine ehemaligen Kollegen mich für einen alten Trottel halten könnten, wenn sie von der Geschichte erführen, spielte für meine Entscheidung keine Rolle. Wirklich nicht.







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