'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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November 2004
Das Überqueren der Eselsbrücke
von Jan Müller

Gesa schlug die Zeitschrift mit den Kurzgeschichten zu, verstaute sie im Handschuhfach und sah auf die Uhr: 11.58. Um diese Zeit lief in Hügliswil der ICE aus Paris ein. Während sie die Schwingtür zum Bahnhof im Auge behielt, trommelte sie mit den Fingern aufs Lenkrad und grübelte über der Frage: „Wozu lebe ich überhaupt?“
Taxifahrerin war sie geworden, weiter nichts. Statt kostümiert auf der Bühne zu stehen, saß sie täglich acht Stunden am Steuer und fuhr eitle Wichtigtuer, Besoffene und alte Omas durch die Gegend. Kein gemütliches Zuhause mit Kinderlachen wartete auf sie, nur eine sterile Neubauwohnung mit Kater Max und Fernsehkrimis. Selbst die Geschichte mit Achim war sang- und klanglos im Sande verlaufen. Die Erkenntnis ihrer Mittelmäßigkeit brach mit lähmender Macht über sie herein und raubte ihr jeglichen Ansporn.
Ein Platzregen prasselte aufs Taxidach, verwandelte das Pflaster vor dem Bahnhof in eine Spiegelfläche und ließ Tropfenmännchen aus dem Boden wachsen. Reisende mit und ohne Schirm strebten durch die Schwingtür Richtung Fußgängerampel, Bushaltestelle und Parkplatz. Keiner suchte ein Taxi.
Fünf nach zwölf. Der Regen ließ nach. In zehn Minuten hielt der Zug aus Mailand. Bis dahin war Flaute. Sie stieg aus, um sich beim Türkenkiosk einen Döner-Kebab zu holen, und blieb wie angewurzelt stehen: Die Schwingtür hatte sich zaghaft geöffnet und eine Figur auf den Platz geweht – wie aus dem Geschichtsbuch entsprungen. Auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Eingang stand ein weißgelockter Greis mit Pergamentgesicht, stützte sich auf einen Stock mit Silberknauf und betrachtete staunend das Straßenbild. Er trug einen Mantel aus schwarzem Samt, ein seidenes Halstuch, Bundhosen, Kniestrümpfe, spitze Schnallenschuhe und als Kopfbedeckung einen Dreispitz mit Federbusch. Seine Aufmachung passte so wenig in den grauen Novembertag wie seine großen blauen Kinderaugen zum Greisengesicht.
Reglos starrte er auf den Verkehr, der im Rot-Gelb-Grün-Rhythmus der Ampel stockte und weiterströmte. Er blickte zum Himmel empor, streckte die Hand aus, fing ein paar verspätete Regentropfen auf, zerrieb sie zwischen den Fingern und schmunzelte. Gesa konnte ihren Blick nicht von ihm wenden.
Er sah Gesa am Taxi stehen lächelte sie an. Sie lächelte zurück. Gemessenes Schrittes kam er auf sie zu. Trotz seiner seltsamen Aufmachung wirkte sein Gang elegant. Er muss Franzose sein, dachte sie, und lief ums Heck, um ihm die Tür zu öffnen. „Kann ich Ihnen helfen, Monsieur?“
„Bonjour Madame. Sehr freundlisch von Ihnen. Isch suche eine Droschke.“
„Droschke?“ Sie schmunzelte über den altmodischen Ausdruck. „Da sind Sie bei mir richtig. Bitte steigen Sie ein.“ Sie öffnete die Wagentür, er zögerte.
„Isch verstehe nischt. Wo sind die Pferde?“
Köstliches Schauspiel, dachte sie. „Monsieur, wir sind nicht mehr im Achtzehnten Jahrhundert“, erwiderte sie schlagfertig. „Im Dritten Jahrtausend werden die Droschken von unsichtbaren Pferden gezogen.“ Während sie ihm beim Einsteigen half, malte sie sich aus, wie es wäre, wenn er beim Bezahlen einen Lederbeutel voll Dukaten aus der Tasche zöge. „Aus welchem Jahrhundert kommen Sie denn gerade?“
„O, là, là! Wo denken Sie hin, Madame? Isch komme frisch aus Paris. Drittes Jahrtausend? Wirklisch? Kennen Sie sisch aus in dieser ... äh ... Gegend?“
Sie lief um die Kühlerhaube und setzte sich ans Steuer. „Seit vierzehn Jahren fahre ich Taxi, Monsieur. Den Taxischein bekommt man nur, wenn man die Gegend wie seine Westentasche kennt. Wo wollen Sie denn hin?“
„Zum Ring.“
„Zum äußeren oder zum inneren?“
„Isch meine die Reiseroute um den Wiler See.“
„Die Uferstraße? Die heißt nicht Ring. Wohin müssen Sie denn genau?“
„Einmal ringsum, und zwar gegen den Uhrzeigersinn.“
„Ganz um den See? Im Taxi? Wissen Sie, was das kostet? Nehmen Sie sich lieber einen Mietwagen.“
„Einen was?
„Ein Auto, das Sie selber fahren können. Wenn Sie wollen, bring ich Sie zum Stand.“
„Nein, nein. Isch ... ähm ... brauche eine Chauffeuse, die sisch auskennt. Wie lange fährt man bis zur Uferstraße?“
„Das sind nur zwei Minuten. Aber eine Rundfahrt um den See ist eine gute halbe Tagesreise. Der See liegt im Dreiländereck. Wir müssen mehrmals über die Grenze.“
„Ja, das dachte isch mir.“ Er nickte zufrieden. „Bitte eine volle Runde.“
Gesa fuhr los, zögerte aber, den Taxameter anzustellen. „Das kostet Sie mit Zähler mindestens 400 Franken. Ohne Zähler mach ich ‘s Ihnen für 350. Wollen Sie das?“
„Ja, gerne. Wie viele Louisdor wären das?“
„Louisdor? Haben Sie keine Franken?“
„Isch ... ähm ... ‘atte noch keine Möglischkeit, Münzen zu tauschen.“
Gesa schmunzelte. Er spielte seine Rolle überzeugend. Wenn er tatsächlich mit echten Goldmünzen zahlte, sollte es ihr recht sein. Im Laufe des Nachmittags hatte sie bestimmt Gelegenheit, den aktuellen Münzwert eines Louisdors herauszufinden. Und sie würde auch dahinter kommen, warum er diese Show abzog. Straßentheater war auf jeden Fall amüsanter als ein Schauspiel auf der Bühne.
Als sie am See rechts in die Uferstraße einbog, fühlte sie sich seit Wochen zum erstenmal wieder pudelwohl. Eine Überlandfahrt mit einem charmanten Schauspieler der alten Schule! Das war doch was!

* * *

Sie ließen die letzten Häuser von Hügliswil hinter sich und näherten sich der Grenze. Gesa bremste an der Autoschlange: „Zollkontrolle, Monsieur. Halten Sie Ihre Papiere bereit. Ich heiße übrigens Gesa. Gesa Wohlrath.“
„Angenehm, Madame Wolrât. Ich bin Professor Temperdue von der Académie française. Welche Papiere meinen Sie? Mein Traktat über die Zeitgeschichte?“
„Ihren Pass, Herr Professor.“
Jetzt erst wurde ihr bewusst, wie gewagt dieser Ausflug war. Der Professor war für die Zollbeamten ein gefundenes Fressen. Ihr scharfes Zöllnerauge registrierte jede Kleinigkeit, die nicht zusammen passte. Wenn sie Verdacht schöpften, nahmen sie den Wagen stundenlang auseinander. Dabei wusste sie so gut wie nichts über ihren seltsamen Fahrgast. Stand er auf der Fahndungsliste? War die Maskerade ein freches Ablenkungsmanöver? War er dem Irrenhaus entsprungen? Was war gespielt und was echt?
„Madame Wolrât, darf ich Sie etwas fragen?“ Der Professor suchte nach Worten. „Gibt es eine Möglichkeit, der Kontrolle zu entwischen? Den Wegezoll entrichte ich gerne, aber ich wusste nicht, dass wir Papiere brauchen.“
„Wie sind Sie denn von Paris über die Grenze gekommen?“
„Das ist ein Kapitel für sich, Madame Wolrâth. Und mich beunruhigt ebenfalls die Frage: Wie komme ich wieder zurück – ohne Papier? Spätestens heute abend um acht muss ich zurück sein.“
„Okay, Herr Professor, ich weiß eine Möglichkeit: Wir drehen auf der Stelle um und blasen das Ganze ab. In diesem Aufzug kommen Sie ohne Ausweis nicht durch die Kontrolle.“
„Nein, um Gottes Willen, bitte fahren Sie weiter. Es ist ganz wichtig für meine Mission. Was lässt mich denn so auffällig erscheinen?“
„Das fragen Sie noch? Dreizack, Halsband, Samtmantel mit Schulterkissen, Bundhosen, Schnallenschuhe, das haben Sie doch alles aus einem Theaterfundus geholt, um irgendeinen Schelmenstreich zu spielen.“
„Und ohne Dreizack?“ Der Professor entblößte seine weiße Lockenperücke.“
Gesa musste lachen. „Können Sie die Perücke nicht absetzen, Herr Professor?“
„Ohne Perücke? Unmöglich! Wie sieht das aus?“
„Schlichter, unauffälliger, moderner, eben kein Anachronismus.“
Temperdue schielte in die Nachbarautos und entblößte mit sichtlichem Widerwillen seinen Kahlkopf. „Es ist mir außerordentlich peinlich, Madame, aber Sie wollten es so.“
„Sehr gut, Professor. Perücke und Dreizack verstecken wir im Kofferraum, dann könnten wir ‘s wagen.“ Sie musterte ihn von der Seite. Vom Stehkragen abwärts wirkte er immer noch auffallend kostümiert. Im Kofferraum fand sie ihren Wollschal und eine Decke. Das war die Idee! „Verbergen Sie ihren Stehkragen unter dem Schal, breiten Sie die Decke über die Beine, als würden Sie frieren, und sprechen Sie bitte kein Wort, bis wir die Grenze hinter uns haben. “
Die Warteschlange setzte sich in Bewegung, das Taxi näherte sich dem Kontrollhäuschen. Zwei Grenzer musterten die Autos und ihre Insassen. Gesa kurbelte das Fenster herunter und hielt die Wagenpapiere bereit.
„Wohin?“ Ein Zöllner überflog das Wageninnere. Der Professor starrte ausdruckslos auf die Kühlerhaube. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.
„Sightseeing rund um den See.“
„Okay!“ Der Beamte winkte sie durch. Nach hundert Metern zückte der Professor sein Sacktuch und wischte sich die Stirn. „Das war der erste Hemma. Ich sehe, meine Theorie geht auf.“
„Welche Theorie?“
„Dass die Route um den Wiler See genau den Kreislauf der Schöpfung widerspiegelt. Dabei ist im Süden ein Hemma zu überwinden.“
„Was ist denn ein Hemma?“
„Eine Hemmschwelle, ein Schwellhüter, der die Reise nach innen blockiert.“
„Nach innen? Ich verstehe nur Bahnhof.“
„Wissen Sie, wir sind zu dem Schluss gekommen ...“
„Wer ist denn ‚wir‘?“
„Ähm ... Kennen Sie Michel de Notredame, den berühmten Mathematiker und Astrologen.“
„Sie meinen Nostradamus?“
„Das ist sein Gelehrtenname.“
„Verstehe. Und mit dem haben Sie heute morgen gefrühstückt und eine Zeitreise ins Dritte Jahrtausend geplant.“
„Aber Madame, wo denken Sie hin? Nostradamus ist längst tot. Wussten Sie das nicht? Er lebte zu Beginn des Sechzehnten Jahrhunderts: von 1503 bis 66. Nur in seinen Schriften lebt er weiter, und darin kündigt er für den Jahrtausendwechsel eine Katastrophe an, mit der sich die Menschheit endgültig vernichtet.“
„Panikmache! Ich kann ‘s schon nicht mehr hören. Warum sollten wir uns freiwillig vernichten?“
„Genau das haben wir uns auch gefragt.“
„Wer ist denn ‚wir‘?“
„Monsieur Verne und ich. Wir sprachen im Salon de Literature über die Voraussagen von Notredame. Monsieur Verne war überzeugt, dass die Menschheit im 21. Jahrhundert ausstirbt.“
„Da hat er sich aber verrechnet. So viele Menschen wie heute gab ‘s noch nie. Zur Zeit leben über sieben Milliarden auf der Erde, und es werden immer mehr statt weniger.“
„Aber der männliche Nachwuchs wird seine Zeugungsfähigkeit verlieren. Bereits im 19. Jahrhundert, behauptet Verne, beginnt der Mensch, Wasser, Luft und Nahrungsmittel zu vergiften. Bei Anbruch des Dritten Jahrtausends kann er kaum noch atmen, essen, trinken, ohne Gift zu schlucken. Selbst über die Kleidung dringt das Gift in seine Haut, das die Samenproduktion verkümmern lässt. Ist es nicht so? Gibt es noch echte Seide, Wolle, Leinen, Leder, Baumwolle, oder umkleidet sich der Mensch mit künstlichen Geweben? Gibt es noch ungiftige Äpfel auf den Bäumen?“
„Natürlich. Und es gibt jede Menge Biobauern.“
„Was ist das?“
„Bauern, die weder Kunstdünger noch Pestizide einsetzen.“
„Was sind Pestizide?“
„Gifte zur Schädlingsbekämpfung, mit denen die Felder gesprüht werden, auf denen die Nahrung wächst.“
„Schädlingsbekämpfung? Der Mensch bekämpft sich selbst als Schädling, damit die Erde überleben kann? Aber das ist doch Selbstmord! Warum gehen die Menschen nicht in sich und werden zum Nützling der Erde, anstatt sich selber auszurotten?“
Gesa war zu verdattert, um darauf antworten zu können. Schädlingsbekämpfung, den Menschen ausrotten, damit die Erde überlebte? „Ich glaube, das haben Sie in den falschen Hals bekommen, Herr Professor. In diesem Park zum Beispiel“, sie zeigte auf eine hügelige Parklandschaft zur Rechten, „wird alles biologisch angebaut.“
„Lassen Sie mich raten, Madame Wolrât. Gehört das Gelände zu einer Bildungsstätte, einer Akademie oder Hochschule?“
„Es wird von Yogis bewirtschaftet, die für den Frieden meditieren. Ihr Lehrgebäude steht dort oben auf dem Hügel.“
„Phantastisch.“ Der Professor rieb sich die Hände. „Das bestätigt meine Theorie. Nach der Matrix müsste hier das Heim des Wissens sein. Halten Sie bitte an.“
„Mitten auf der Straße?“
„Ich brauche sofort meine Perücke, meinen Hut und einen Spiegel. Anschließend bringen Sie mich bitte zum Gebäude.“
Gesa hielt am Straßenrand und half dem Professor, sich fein zu machen. Dann bog sie in den Park und hielt beim Haupteingang. „Warten Sie bitte 180 Sekunden, Madame Wolrât. In drei Minuten bin ich zurück. Und hören Sie auf, mich zu belügen.“
„Wann habe ich denn gelogen?“
„Als wir den Hemma passierten, ist Ihre Drochke so nahe an den Vorderwagen aufgefahren, dass davor unmöglich Platz für Pferde war. Ihre Droschke wird nicht von unsichtbaren Pferden gezogen, sondern von einer anderen Kraft. Ich werde herausfinden, mit welcher Zauberkraft sie sich verbündet haben! Darauf können Sie sich verlassen!“

* * *

Gesa blieb im Wagen sitzen und begann von neuem, mit den Fingern aufs Lenkrad zu trommeln. Sie sah auf die Uhr: Viertel nach Eins. Kaum eine Stunde waren sie unterwegs, und ein ganzes Universum hatte sich ihr aufgetan. Sie ertappte sich bereits bei dem Gedanken, dass der Professor vielleicht wirklich aus dem Achtzehnten Jahrhundert kam. Aber wie konnte das sein? So was gab es nur in Geschichten. Eigentlich war ihr Beruf gar nicht so schlecht. Sie erlebte ständig etwas Neues. Sie schaute zum Eingang hinüber und betrachtete die gemeisselte Inschrift über dem Hauptportal: MATHEMÁ TI IK! – ERKENNE DICH SELBST! Seltsam. Hatte Sie das nicht schon irgendwo gelesen? Richtig: In der Zeitschrift vom Bahnhofskiosk. In der Kurzgeschichte vom mathematischen Trommelklang. Den gab es also wirklich. Bevor sie wieder in trübe Gedanken versinken konnte, kam der Professor zurück. Er strahlte übers ganze Gesicht. Sein federnder Gang ließ ihn zehn Jahre jünger erscheinen. In der Hand hielt er die Zeitschrift mit der Kurzgeschichte.
„Madame Wolrât, ich bitte um Vergebung.“ Er stieg ins Taxi, schlug die Tür zu und rief: „Das Geräusch Ihrer Droschke hatte mich beunruhigt. Jetzt weiß ich: Ihr Wagen hat einen Motor, der Erdöl trinkt und verbrennt. Der Mahâtma hat mich aufgeklärt. Und er hat mir auch den Trick verraten, wie ich wieder in meine Heimatzeit zurückfinden kann. Auf geht ‘s, beeilen wir uns, fahren Sie in den Tunnel, der uns ins Innere des Berges führt. Anschließend über die Alte Eselsbrücke zum nördlichen Ufer.“
„Über die Eselsbrücke? Die ist doch seit Jahren gesperrt. Die darf man nicht mal zu Fuß betreten.“
„Ich weiß, Madame Wolrât. Aber der Mahâtma hat mir erklärt, dass die Sperrung wieder aufgehoben ist. Die Leute von Mathema-Attic überqueren die Brücke täglich. Und zwar mir ihren Fahrzeugen.“
„Welche Leute?“
„Die Yogis, die hier wohnen. Sie haben mir die Matrix mit der Alten Eselsbrücke ausgehändigt. Bitte, sehen Sie selbst.“
Der Professor schlug die Zeitschrift mit der Kurzgeschichte über den mathematischen Trommelklang auf, die sie heute morgen gelesen hatte, und zeigte ihr die Endlosschleife mit dem seltsamen Spiegel-K.

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„Sehen Sie, das ist die Matrix für den Schöpfungskreislauf, die genau der Route um den Wiler See entspricht. Unten im Süden finden Sie das Wort HEMMA – die Hemmschwelle. Das war die Grenzkontrolle, die uns den Schweiß auf die Stirn getrieben hat. Der gesamte südliche Halbkreis zeigt die Lautformel MATHEMATIK. Das ist das Anfangswort, von dem die Bibel sagt: Am Anfang war das Wort. Daraus leitet sich der Name der Akademie ab, in der wir eben waren: Mathema-Attic – der Speicher des Wissens. Selbst den Titel des Mahâtma finden Sie hier, wenn Sie den Lautwandel beachten und das A behauchen: Mahâthema.“
Gesa schielte auf die Zeitschrift. „Das ist ja alles schön und gut. Aber die Eselsbrücke ist seit Jahrzehnten baufällig und soll abgerissen werden. Zu viele Menschen sind schon abgestürzt. Deswegen hat man doch den Tunnel ausgebaut. Er führt direkt zum Nordufer. Ich fahre durch den Tunnel. Einverstanden?“
„Fahren Sie, Madame. Hauptsache, wir schaffen bis 20 Uhr die ganze Runde. Aber meine Mission ist dann gescheitert. Sehen Sie, der rechte Halbkreis heißt im Trommelklang MATIKITAM. Das ist der Osthalbkreis, die Formel für das Innenleben.“
„Für mein Innenleben gibt es keine Formel. Da geht alles drunter und drüber."
„Sicher. Jeder Mensch hat andere Gefühle. Aber jeder hat ein Herz und einen Geist. MATIK heißt Geist, KITAM heißt Kraft. Was in diesem Geist geschieht, das erleben wir jetzt bei der Tunnelfahrt.“
Gesa schaltete das Licht an und fuhr in den schwarzen Schlund. Der Tunnel bis zum Nordufer des Wiler Sees war einer der modernsten und längsten der Schweiz. Der Bau hatte Milliarden verschlungen. Die Alte Eselsbrücke lag fast tausend Meter höher. Ende November war sie sicher eingeschneit. Gesa hatte keine Schneeketten dabei. Die Fahrt über den Pass war völlig aussichtslos. Sie schaltete das Radio an, um die Verkehrsmeldungen abzuhören.
„Erst kommt der kurze Tunnel, dann der lange“, sagte sie.
„Ich weiß. Das kann ich an der Formel sehen: MATI – der Intellekt. Er unterscheidet zwischen ma und ti. Sobald wir die Strecke MA abgefahren haben, müsste wir an den Scheideweg kommen, wo sich die Wege trennen.“
„Eine Abzweigung gibt es tatsächlich, aber anders entscheiden werde ich mich nicht. Der Weg über die Eselsbrücke ist völlig außer Diskussion.“
Kaum hatte sie das gesagt, sah sie im Tunnel vor sich rote Lichter. Auch das noch: Stau. Aus dem Radio war im Tunnel nichts zu hören. Als sie aufgerückt war, fuhr die Warteschlange langsam weiter und erreichte das Tunnelende. Ein Glück. Sie waren wieder an der frischen Luft. Jetzt hörte sie die Meldung: „Tunnel Wiler See zwischen Süd- und Nordufer wegen Steinschlag gesperrt. Letzte Wendemöglichkeit an der Ausfahrt Alte Eselsbrücke.“
Auch der Professor hatte aufmerksam gelauscht. „Sehen Sie, uns bleibt nichts anderes übrig ...“
„... als zu wenden und zurückzufahren. Damit ist die Reise endgültig gestorben.“ Sie folgte der Autoschlange in die Wendeschlaufe.
„Halt!“ Der Professor wurde krebsrot und fing heftig an zu zittern. „Was erlauben Sie sich, Madame. Ich wage mein Leben für diese abenteuerliche Reise in die Zukunft, um die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren, und Sie ... Sie ... Sie ... lassen sich von dummen Reden in die Irre führen. Der Mahâtma hat mir versichert, dass die Yogis die Brücke täglich mit dem Fahrzeug überqueren. Das Absperren ist ein politisches Manöver, Propaganda, um die Menschen dumm und abhängig zu halten. Fahren Sie sofort zur Brücke! Wenn sie wirklich nicht befahrbar ist, wenden wir dort oben und fahren zurück.“
So erregt hatte sie noch keinen Fahrgast erlebt. Sie hörte ihr eigenes Herz klopfen und spürte die geballte Atmosphäre im Wagen. Wortlos drehte sie die Scheibe herunter, um die Spannung aus dem Fenster zu lassen, und bog die schmale Bergstraße zur Eselsbrücke ein.
„Ich danke Ihnen, Madame Wolrât. Das ist Mati – die Entscheidungsinstanz, die jeder Mensch in seinem Innenleben hat. Wie Sie sehen, kann er ebenfalls ein Hemma sein, ein Hindernis, das den Weg nach innen bremst. Der nächste Hemma ist die Klippe. Aber auch diese werden wir gemeinsam überwinden.“
Gesa drehte die Scheibe wieder hoch. Es wurde merklich kälter und frischer. Zum Glück lag nirgends Schnee. Seit ewigen Zeiten war sie diese Strecke nicht gefahren. Als Kind war sie mit ihren Eltern hier gewandert. Im Osten floss die Reuse in den Wiler See. Zu beiden Seiten des Flussbetts stiegen die Berge fast senkrecht in die Höhe und bildeten eine tiefe, jetzt mit Wolkennebel erfüllte Schlucht. Sie hielt an der Brückenauffahrt und wunderte sich, dass es tatsächlich keine Sperre gab.
„Steigen wir aus, Madame. Ich möchte Ihnen erklären, warum das Überqueren dieser Brücke völlig ungefährlich ist, im Gegenteil, sogar sehr nützlich.“
Sie stellten sich an das Geländer und schauten in die Tiefe. Der Professor schlug die Zeitung mit der Endlosschlaufe auf.

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„Madame, Sie sehen hier das Spiegel-K mit dem Strich in der Mitte. Das ist der Zufluss zum See, die tiefe Schlucht. Wir befinden uns genau am Eck: am Ick. In jedem Menschen lebt ein Ego, das sich gegen seine Umwelt abgrenzt. Wenn wir das nicht hätten, wären wir kein Individuum. Aber dieses Ick hat eine zauberhafte Fähigkeit: Es kann sich ausdehnen, vergrößern, mit dem großen Selbst verschmelzen, dem Ik, dem Ich-Erzähler, der aus jedem von uns spricht, der sich in tausend Rollen kleidet und die Geschichte, die wir leben, ständig neu erfindet.“
„Welche Geschichte meinen Sie?“
„Die Weltgeschichte. Irgend jemand muss sie doch erzählen. Wir beide kommen darin als Figuren vor. Aber im Inneren von uns lebt der Erzähler. Wir sind seine Hülle, aus uns spricht sein Geist. Das müssen wir begreifen. Er gab uns einen Namen, eine Form, damit er die Geschichte klar erzählen kann. Dennoch sind wir nur ein Rollenspiel von ihm.“
„Und wie stellen Sie sich diesen Ich-Erzähler vor? Ein Mann mit Bart? Dass ich nicht lache. Das ist tiefstes Mittelalter. An den lieben Gott glaubt heute keiner mehr.“
„Sie brauchen nicht zu glauben, Madame Wolrât. Ich möchte nur, dass wir einsteigen und weiterfahren – ohne Angst. Die Eselsbrücke hat Jahrhunderte gehalten und wird auch heute wieder täglich überquert. Sie sehen vor dem Spiegel-K das Wörtchen ati. Das heißt hinüber. Und ati-i heißt geh hinüber, überquere! Wollen Sie das tun? Ich bitte Sie.“
Gesa stieg ein und startete die Zündung. „Und wenn der Wagen viel zu schwer ist? Wenn wir stürzen?“
„Wir stürzen nicht. Wenn Sie wollen, schieben wir den Wagen.“
„Ja, das wär mir lieb.“
Sie schoben das Taxi mit offenen Türen über die holprige Brücke. Nichts geschah. Die Brücke hielt. Aber innerlich geschah etwas in Gesa. Ein dicker Stein fiel ihr vom Herzen. Als sie das Nordufer erreicht hatte, zitterten ihr die Knie. Sie musste sich erst einmal setzen. „Das wir diese Fahrt heil überstehen, hätte ich nicht gedacht. Was hat denn der Mahâtma noch erzählt? Sie sagten, er hätte Ihnen den Trick verraten, wie Sie in Ihre Heimatzeit zurückfinden. Wie funktioniert die Zeitreise denn überhaupt?“
„Ganz einfach: Zeitreisen finden nur im Äther statt. Wir beide laufen als Figuren durch die Weltgeschichte, aber die Weltgeschichte besteht aus vielen kleinen Kurzgeschichten. Alles, was wir erleben, ist erzählt. Wir beide haben einen Namen, eine ausgedachte Form, sonst nichts. Wir sind nicht wirklich. Nichts ist wirklich in der Schöpfung. Alles ist erdacht, erträumt, erfunden vom großen Geschichtenerzähler. Er atmet in uns, er spricht aus Ihnen und er spricht aus mir.“
„Das macht mir Angst. Hören Sie auf. Ich werde schwindlig und stürzte gleich ins Nichts.“
„Keine Angst, Madame. Wir sind am anderen Ufer. Jetzt beginnt die schöpferische Phase. Dazu brauchen Sie mich nicht. Wenn Sie weiterfahren, kommen sie zur Nordstadt in die Künstlerkolonie. In unserer Matrix heißt sie Città-Amehtam – die Stätte der Gestaltung. Dort wird man Ihnen Met zu trinken geben, der sie zum schöpferischen Tun beschwingt. Und ganz im Westen finden Sie Êhta-Mathê, den Ätherstoff, den Klang der Gedanken, aus dem jede erzählte Geschichte gemacht ist.“
„Aber wir selber sind doch nicht erzählt. Wir leben doch wirklich.“
„Genau. Das glauben wir. Auch das steht in der Matrix, die der Mahâtma mir verraten hat: Er ist der Trick.“
„Wer ist der Trick?“
„Das R. Wenn sie den Trommelklang verrollen und mit R durchsetzen, wird aus Êhta-Mathê wieder Erta-Matre – die Mutter Erde, in die wir jetzt zurückkehren werden. Die Matrix sagt, das ist ma Trick. Darf ich Ihnen diesen Beutel reichen. Ich danke Ihnen für die Droschkenfahrt mit unsichtbaren Pferden. Kollege Verne wird staunen. Au revoir!“
Professor Temperdue lief auf die Eselsbrücke, schwang sich mit kühnem Schwung übers Geländer und verschwand im weißen Nebel.
Gesa öffnete den Beutel und begann, die Louisdor zu zählen.

© janmueller.tm@web.de

Glossar
ati – skr. hinüber
ati-i – geh hinüber, überquere, überschreite!
attic – engl. Speicher
Città-Amehtam – it.mat. die Stätte der Gestaltung
Êhta-Mathê – Ätherstoff, der Klang der Gedanken
Erta-Matre – Mutter Erde
Hemma – Hemmschwelle, Schwellhüter
i – skr.-lat. geh!
Ick – Ego
Ik – das Ich, das kosmische Selbst
kitam – Kraft
ma – mein
Mahâtma (Mahâthema) – skr. große Seele, Ehrentitel eines Gelehrten
mathemá – mat.gr. erkenne!
máthema – gr. Wissen
Mathema-Attic – Speicher des Wissens
máti – Intellekt, Entscheidungsinstanz
matík – skr.-mat. Geist
Matikitam – mat. Innenwelt
Matrix – lat. Mutterformel
Meht – Met
ti – dein
trick – Trick, Kunstgriff

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