Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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November 2004
Das Fenster gegenüber
von Ute Fischer

„Zum Flughafen Hahn, bitte “, der Fahrgast öffnete die rechte hintere Tür des Taxis und setzte sich hinter Gesa.

Im Rückspiegel hatte sie ihn schon auf ihr Taxi zukommen sehen, nun drehte sie sich abrupt um: „Wissen sie, wie viel das kostet?“ in der Hoffnung, er überlege es sich noch. Sie musste schnell entscheiden, ob sie ihn an einen Kollegen weitergibt.
In einer Stunde wäre Feierabend und sie hatte sich schon auf einen gemütlichen Abend vorm Fernseher gefreut, mit ihrem Lieblingskrimi „Die Kommissarin“, weil darin Till Schweiger als Assistent fungierte.

“Das dauert bei dem Verkehr heute Abend sicher eine Stunde.“
Ihr letzter Versuch, den Fahrgast abzuweisen.

Ohne lange zu überlegen, wusste Gesa, dass sie diese Fahrt noch übernehmen würde. Er gefiel ihr. Gepflegte Erscheinung, dunkler Anzug, moderner Haarschnitt mit Ansatz zu Geheimratsecken, Typ Richard Gere und vor allem - verschmitzt lachende Augen. ’Mein Typ’. Und zu ihrem Fahrgast gewandt “Na gut, dann wollen wir mal.“ Sie schaltete den Taxameter ein. Gesa beobachtete ihren Fahrgast durch den Rückspiegel. ‚Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Mit mir gefahren ist er noch nicht, das wüsste ich.’ Gesa hatte ein gutes Menschengedächtnis.

Sie ließen die Lichter des Frankfurter Hauptbahnhofs hinter sich.

“Es wird schon wieder viel zu früh dunkel, die Sommerzeit gefällt mir besser“, sinnierte der Gast laut.
Bei Männern, die ihr gefielen, hatte sie neuerdings Hemmungen, lockere Sprüche zu klopfen. Sonst hatte sie jederzeit Gesprächsstoff und konnte sich schnell auf die Gedanken ihrer Fahrgäste einstellen, aber seit Achim mit ihr Schluss gemacht hatte und sie „auf Suche“ war, ging in der Hinsicht nichts mehr. Ihr steckte ein Kloß im Hals, bevor überhaupt ein Gespräch zustande kam. ‚Wenn es drauf ankommt, fällt mir nichts ein,’ Gesa verzweifelte, einen Satz zusammen zu bekommen.

Auch sie liebte die Sommerzeit. Lange Abende im Biergarten, gemütlich mit Achim auf dem Balkon sitzen, nein, das war nun vorbei, aber mit Carolin. ‚Wenn ich Carolin nicht hätte, meine beste Freundin.’ Sie kannten sich schon seit der Schulzeit. Seitdem hatten sie viel zusammen erlebt, ihre ersten Lieben überstanden und, weil Carolin schrecklich unternehmenslustig war, wunderschöne Reisen miteinander unternommen. Bei der Erinnerung daran glühten Gesas Wangen.

Sie hatten die Auffahrt zur Autobahn erreicht.

“Ist das Dire Straits, was da läuft?“ ‚Der versucht tatsächlich, mit dir ins Gespräch zu kommen; deine Chance, Gesa’ Gesa freute sich, dass sie anscheinend doch nicht so schlecht ankam, wie sie sich fühlte. „Ja, von ihrem Live-Auftritt in London. Gefällt Ihnen die Musik?“
“Klar, genau meine Richtung, Am liebsten höre ich Walk of Life.“
’Muss mein Alter sein, Ende 30. Der gefällt mir immer besser,’ Gesa spulte an die Stelle vor. „Hier extra für Sie, Walk of Life“, rief sie mit lächelndem Blick in den Rückspiegel.
’Fehlt nur noch, dass er auch Katzen mag’. Bei dem Gedanken fiel Gesa ihr Kater Mäxchen ein, der heute morgen gar nicht wie sonst auf ihrem Bett gelegen hatte, als sie aufwachte und auch danach nicht aufgetaucht war. ‚Wo steckt der wohl wieder? Wahrscheinlich auf Jagd.’ Die heimliche Angst, dass ihn ein Auto überfahren könnte, überfiel sie des öfteren. ’Bisher ist er ja noch immer zurück gekommen’, beruhigte sich Gesa.

“Was machen sie denn, wenn sie nicht Taxi fahren?“ er hatte sie die ganze Zeit von hinten beobachtet. Wenn sie in den Rückspiegel schaute, hatten sich ihre Augen getroffen. Wunderschöne lachende Augen, Gesa durchfuhr es heiss.
’Verrückt, der macht mich total an. Und ich krieg kein Wort raus, mir fällt nix ein, ich bin wie blöd.’ ‚Sonst kann ich doch reden wie´n Buch.’
“Och, ich gehe mit `ner Freundin aus oder schaue fern“ hörte sie sich sagen. ’Sehr einfallsreich, Gesa, sehr einfallsreich, was soll der jetzt von dir denken? Na ja, dass ich gerade in eine neue Wohnung gezogen bin, weil mein Freund `ne andere gefunden hat, will ich ihm ja nicht auf die Nase binden. Und dass ich am liebsten hinter der Gardine stehe, weil ich meinen Nachbarn wunderbar in die Fenster gucken kann, muss er auch nicht wissen. Wenn Carolin und ich bei einem Gläschen Rotwein am Fenster stehen und die Leute gegenüber beobachten, malen wir uns die verrücktesten Ideen aus, wer da mit wem und überhaupt und wundern uns oft über die fantastischen Geschichten, die wir daraus spinnen.’

’Am besten gefällt mir eine ältere Dame, die den ganzen Tag mit ihrem Hund redet.
Und am spannendsten ist das Fenster zu einer Wohnung im Haus direkt gegenüber in Höhe meiner Etage. Da kann ich jeden Abend zuschauen, wie ein hübscher junger Mann seine Fitnessübungen macht. Der hat einen stählernen Body! Und dann zieht er sich aus, Stück für Stück, echt scharf. Das Licht brennt hinter seinem Bett, sodass ich ihn beobachten kann, bis er sein Licht ausknipst.
Den Mann kennenlernen, das wär`s.’

“Haben Sie Haustiere?“ der Fahrgast im Taxi unterbrach jäh Gesas Träume.
’Ich bin ja wirklich nicht aufmerksam, einen Teil könnte ich ja wenigstens zum Gespräch beitragen’ fiel Gesa ein.

Inzwischen hatten sie die Ausfahrt Hahn erreicht.

“Ja, ich habe einen Kater, Mäxchen. Mögen Sie auch Tiere?“ gab sie den Ball an ihn zurück.

Flughafen Hahn, die Fahrt war fast zu Ende. ‚Ich werde in Ruhe nach Haus fahren, mich in meine Decke einwickeln und mich meinem Alleinsein-Dasein ergeben. Aber will ich das eigentlich? Achim nachheulen? Trübsal blasen?
Ein netter romantischer Abend, verführt werden von einem netten Typen wie dem hier in meinem Taxi, das wäre was, da würde sogar Carolin blass vor Neid. Leider, alles Träume.’

Gesa schaute auf den Taxameter. Der Mann holte bereits sein Portemonnaie heraus. „135 €, bitte. Ich gebe ihnen meine Karte. Falls sie mal wieder ein Taxi brauchen, freue ich mich, wenn sie mich anrufen“ Gesa lachte ihn jetzt an und war froh, dass ihr das noch rechtzeitig eingefallen war.

“Danke, Frau Wohlrath“ antwortete er mit dem Blick auf die Karte. „Übrigens, ich wohne bei ihnen gegenüber. Ich freue mich, dass ihnen meine Kraftübungen gefallen. Wenn ich von meiner Reise zurück bin, können wir ja mal zusammen üben!“

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