Der Tod aus der Teekiste
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November 2004
Der Rubin des Thiaminus
von Sylvia Schulz

„Zum Adlon“, ein Mann stieg ins Taxi und ließ sich auf den Rücksitz fallen.
„Können Sie nicht etwas schneller fahren?“ seine Stimme klang gehetzt.
„Tut mir leid, aber auch ich muss mich an die Verkehrsregeln halten.“ Gesa hasste diese Sorte Fahrgäste, denen es nie schnell genug gehen konnte.
Während der Fahrt schweiften ihre Gedanken immer wieder zu Achim, ihrem Ex-Freund ab. Zehn Jahre ihres Lebens hatte sie mit ihm verbracht und dann hatte er sich ganz plötzlich von ihr getrennt. Er würde sie nicht mehr lieben, hatte er gesagt. Sie hatte es nicht fassen können. Noch eine Woche zuvor hatten sie darüber gesprochen zu heiraten. Wie konnte er sie dann plötzlich nicht mehr lieben?
Sie hielt an einer Ampel. Während sie auf Grün wartete, beobachtete Gesa ihren Fahrgast im Rückspiegel. In seinen Augen spiegelte sich Angst. Immer wieder sah er sich nach allen Seiten um, fast so als würde er befürchten verfolgt zu werden.
„Geht es Ihnen nicht gut?“ erkundigte sie sich.
„Was? Doch, doch. Gut, sehr gut.“ Wieder dieser gehetzte Blick.
Dann ging alles sehr schnell. Die Tür wurde aufgerissen und zwei Männer zerrten ihn aus dem Auto. Gesa sah wie sie ihn in einen Kleintransporter stießen und davon fuhren.
Nach der ersten Schreckensphase, ärgerte sich Gesa über sich selbst. Sie wusste weder wie die Kidnapper aussahen, noch hatte sie auf das Nummernschild des Transporters geachtet. Dabei hätte sie als Krimi-Expertin doch sofort daran denken müssen. Aber jetzt, wo es wirklich einmal darauf ankam, hatte sie versagt. Nun konnte sie endlich einmal eine Aussage bei der Polizei machen und dann das. Es würde schrecklich peinlich werden. Sie würde kein Stück zur Lösung des Falles beitragen können.
„Verdammt!“, sagte sie laut und schlug auf das Lenkrad. Vielleicht sollte sie gar nicht zur Polizei gehen und sich diese Peinlichkeit ersparen?
Da vernahm Gesa ein Maunzen von hinten. Erstaunt drehte sie sich um und fand nach einigem Suchen eine graue Perserkatze unter ihrem Sitz.
„Ja, wo kommst du denn her, meine Süße?“ Wahrscheinlich gehörte sie dem gekidnappten Fahrgast und hatte sich unter den Sitz geflüchtet als die Tür aufgerissen worden war.
Sie befand, dass dies ein guter Grund war, ihre Aussage bei der Polizei noch etwas hinaus zu schieben. Schließlich musste sie sich erst einmal um dieses verschreckte Geschöpf kümmern.
„Warum nur wollte dein Herrchen dich mit zum Hotel nehmen?“ Gesa sah die Katze an, als würde sie tatsächlich erwarten, eine Antwort zu erhalten.
„Merkwürdig. Wirklich sehr merkwürdig.“ Gesa begann ein dunkles Geheimnis um die Katze zu vermuten. Ihr kriminalistischer Spürsinn war geweckt.
Sie meldete sich wegen starker Migräne bei der Zentrale ab. Dann fuhr sie direkt zu ihrer besten Freundin Carolin. Sie musste ihr unbedingt von diesem seltsamen Vorfall berichten.

Carolin starrte überrascht auf die Perserkatze in Gesas Arm und lauschte dem Bericht ihrer Freundin.
„Warst du denn schon bei der Polizei?“ Carolin sah die Sache wie immer pragmatisch und hatte für Gesas kriminalistische Ader nicht viel übrig.
„Mein Gott, du musst die Polizei alarmieren. Wer weiß, was die mit dem armen Kerl machen!“ Carolin war entsetzt.
„Und die Katze bringst du am besten in ein Tierheim“.
„Mäxchen? Nein, der bleibt hier“, Gesa hatte inzwischen festgestellt, dass die vermeintliche Katze ein Kater war.
„Woher weißt du denn, dass er Max heißt?“ fragte Carolin verwundert.
„Ich habe ihn einfach so genannt. Irgendwie muss ich ihn ja nennen.“
Carolin stieß einen Seufzer aus und schaltete den Fernseher an. Es war acht Uhr. Die Erkennungsmelodie der Tagesschau erklang. Carolin legte viel Wert darauf immer genauestens über das aktuelle Geschehen informiert zu sein und versäumte die Nachrichten nur in äußersten Notfällen.
Selbstvergessen kraulte Gesa Mäxchen am Hals. Sie bemerkte, dass sich das Halsband an einer Stelle merkwürdig anfühlte. Doch noch ehe sie nachschauen konnte, wurde sie von einer Meldung abgelenkt.
„Am frühen Morgen des gestrigen Tages wurde aus dem Alten Museum in Berlin der berühmte Rubin des Thiaminus gestohlen. Der Rubin wurde im Rahmen einer Sonderausstellung gezeigt. Die Diebe konnten unerkannt entkommen und wurden bisher nicht gefasst. Der einzige mutmaßliche Augenzeuge ist bislang verschwunden. Es handelt sich dabei um den zum Zeitpunkt des Diebstahls diensthabenden Museumswärter. Ob dieser selbst in den Diebstahl verwickelt ist, ist noch nicht bekannt.“ Das Foto eines Mannes wurde eingeblendet.
„Oh, mein Gott!“, Gesa schlug die Hände vor den Mund. „Das ist er! Carolin, das ist der Mann“, Gesa war wie gelähmt.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, Gesa“, Carolin sah ihre Freundin ungläubig an.
„Doch, mein voller Ernst.“ Aufgeregt sprang Gesa auf und lief im Zimmer hin und her.
„Ob dieser Museumswärter den Rubin bei sich hatte und sie ihn deshalb entführt haben? Wahrscheinlich wollten sie ihm nur den Rubin wegnehmen“, überlegte Gesa aufgeregt.
„Du musst sofort zur Polizei gehen. Wenn du willst, kann ich dich begleiten“, schlug Carolin vor. „Und den Kater nehmen wir am besten gleich mit.“
Gesas Blick fiel auf Mäxchen. Er hatte sich zufrieden auf dem Sofa zusammengerollt.
„Du hast ja recht“, gab sie sich geschlagen. Etwas enttäuscht war sie schon. Da wartete eine so große Geschichte darauf von ihr enträtselt zu werden und sie sollte nun zur Polizei gehen? Aber wenn sie ehrlich war, gab es nicht viel, was sie tun konnte. Sie hatte keinerlei Hinweise, die zur Lösung des Falles führen könnten.
„Also, dann lass uns gehen.“ Gesa nahm Mäxchen auf den Arm, worüber dieser nicht allzu sehr erfreut schien, denn er versuchte sich frei zu strampeln. Um ihn zu beruhigen, kraulte sie ihn. Dabei erinnerte sich Gesa wieder daran, dass sie an dem Halsband irgendetwas komisch gefunden hatte. Ohne lange nachzudenken, nahm sie es Mäxchen ab und betrachtete es. Jemand hatte mit Klebeband einen Schlüssel an dem Halsband befestigt. Sie entfernte das Klebeband und betrachtete den Schlüssel genauer.
„Sieht aus wie ein Schlüssel für ein Schließfach am Bahnhof. Steht eine Nummer drauf?“ fragte Carolin.
„Ja, tatsächlich. 218“, sagte Gesa. „Ganz schön gewieft, so einen Schlüssel am Halsband einer Perserkatze zu befestigen. Durch die langen Haare ist es unmöglich den Schlüssel zu sehen.“
„Gesa, mir wird die Sache langsam zu heiß.“ Carolin war ganz blass und bestand darauf, die Polizei einzuschalten.
„Zur Polizei gehen?“ Gesa dachte nicht im Traum daran. Von so einer Gelegenheit hatte sie schon immer geträumt. Sie hatte es in der Hand einen kriminalistischen Fall zu lösen. Ihre Wangen färbten sich rot vor Aufregung. Die einzige Möglichkeit ihren kriminalistischen Hang ausleben zu können, hatte bisher darin bestanden, von ihrem Fenster aus andere Leute zu beobachten.
„Ich will erst wissen, was in diesem Schließfach ist“, Gesa war Feuer und Flamme.
„Gesa, das ist Sache der Polizei! Wer weiß, mit wem du dich da anlegst“, Carolin versuchte verzweifelt, Gesa von ihrem Vorhaben abzubringen. Sie kannte Gesas Abenteuerlust und wusste, dass es schwer, wenn nicht sogar unmöglich war, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.
„Kommst du mit?“ Gesa hatte bereits ihre Jacke an.
„Du ziehst das echt durch, oder?“ Carolin resignierte. Gesa nickte als Antwort.
„Also, was ist jetzt? Kommst du mit oder nicht?“
„Also schön, irgendwer muss ja aufpassen, dass du nicht noch mehr Dummheiten machst. Aber nur unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“
„Wir gehen direkt im Anschluss daran zur Polizei. Und wir fahren mit meinem Auto“, auf diese Weise hoffte Carolin, zumindest etwas Kontrolle darüber behalten zu können, was Gesa tat.
„Ja, ja, schon gut. Machen wir.“

Carolin ließ den Motor an.
„Zu welchem Bahnhof fahren wir eigentlich?“
Darüber hatte Gesa noch nicht nachgedacht.
„Bahnhof Zoo“, entschied sie. Die Wahrscheinlichkeit, das Schließfach dort zu finden, war wohl am größten.
Zwanzig Minuten später betraten sie den Bahnhof.
„Wir müssen uns erst vergewissern, dass wir nicht beobachtet werden“, erklärte Gesa und sah sich möglichst unauffällig um.
„Wer soll uns denn beobachten?“ fragte Carolin genervt. Sie wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen.
Zusammen gingen sie zu den Schließfächern. Gesa steckte den Schlüssel in Schließfach 218 und öffnete es.
Enttäuscht betrachtete sie den Inhalt. Aus irgendeinem Grund hatte sie fest angenommen, dass sich in Schließfach 218 das Diebesgut befand. Doch stattdessen lag dort nur ein Ordner. Gesa nahm ihn heraus und begann darin herum zu blättern.
Kurz darauf hatten sie die Gewissheit, dass ihr gekidnappter Fahrgast etwas mit dem Museumsdiebstahl zu tun haben musste.
Im Ordner befanden sich Kopien detaillierter Pläne des Museums, der Dienstplan der Museumswärter, sowie Tonbänder und einige Notizen.
Zusammen sahen die beiden die Papiere durch.
„Also, aus dem was hier steht, geht hervor, dass der Museumsdirektor in die Sache verwickelt ist. Dein Fahrgast scheint ihm irgendwie auf die Schliche gekommen zu sein und Beweise gesammelt zu haben“, stellte Carolin fest.
„Wahnsinn“, sagte Gesa. Das war ja noch besser als das Diebesgut zu finden. Jetzt hatte sie die Chance den ganzen Fall selbst aufzulösen.
„Komm, lass uns hier abhauen“, Carolin begann die Papiere wieder in den Ordner zu legen.
Bisher war es sehr ruhig gewesen, doch jetzt hörten sie eilige Schritte näher kommen. Carolin legte den Ordner in das Schließfach zurück, doch noch bevor Gesa abschließen konnte, war die Person um die Ecke gebogen.

„Was macht ihr denn hier?“ vor ihnen stand Achim, Gesas Ex-Freund. Der Anblick Achims fiel Gesa noch immer schwer. Tatsächlich hatte sie ihn seit der Trennung vor einem Monat nur einmal gesehen. Sie versuchte sich ihre Erregung nicht anmerken zu lassen.
Achims Blick fiel auf das Schließfach. Gesa glaubte für einen kurzen Moment Panik in seinen Augen zu sehen. Schnell schloss sie das Fach.
„Das gleiche könnten wir dich fragen.“
„Was macht ihr da an diesem Schließfach?“ fragte er.
„Warum fragst du?“
„Woher habt ihr den Schlüssel zu diesem Schließfach?“ Achims Stimme klang schrill.
Gesa starrte Achim sprachlos an.
„Willst du damit sagen, dass das dein Schließfach ist?“ fragte Carolin.
„Gib mir den Schlüssel“, er trat auf Gesa zu. Diese wich erschrocken zurück. Achim versuchte nach dem Schlüssel zu greifen. Doch sie zog ihre Hand schnell zurück und versteckte ihn hinter ihrem Rücken.
„Gib mir den Schlüssel“, wiederholte Achim. Sein linkes Augenlid zuckte.
„Gib mir den Schlüssel“ Achims Stimme ging in ein Schluchzen über. Erschrocken sah Gesa wie Achim an die Wand gelehnt zusammen sackte. Sein Atem wurde immer schneller und er begann zu hyperventilieren. Gesa zerrte eine Plastiktüte aus ihrer Tasche und reichte sie ihm. Nach einiger Zeit hatte sich Achim wieder beruhigt.
„Was hast du damit zu tun?“ fragte Gesa tonlos. Achim schwieg.
„Ich habe dich gefragt, was du damit zu tun hast.“
„Ich werde es euch erklären, wenn das hier alles vorbei ist“, Achims Stimme klang wieder fester. „Aber ich muss erst noch etwas erledigen. Bitte gib mir jetzt den Schlüssel, Gesa.“
„Ich will es jetzt wissen. Was hast du damit zu tun?“ Gesa kniff ihre Augen zusammen, so dass sie zu schmalen Schlitzen wurden.
„Gesa, bitte…“, flehte Achim.
„Du hast gehört, was ich gesagt habe. Du bekommst den Schlüssel erst, wenn du uns alles erzählt hast.“
Achim blickte nervös auf seine Armbanduhr.
„Okay, lasst uns kurz in ein Café gehen. Dort erzähle ich euch alles.“

Direkt im Bahnhof fanden sie ein ruhiges Café.
„Bevor ich euch alles erzähle, möchte ich wissen, wie ihr an den Schlüssel gekommen seid.“
Gesa erzählte ihm kurz, was ihr am heutigen Tag widerfahren war.
„Jetzt bist du dran“, forderte sie Achim auf.
„Also schön“, seufzte Achim. „Franz, dein gekidnappter Fahrgast, ist ein alter Freund von mir. Er arbeitet als Museumswärter. Vor einigen Monaten hat er zufällig ein Telefongespräch des Museumsdirektors mitbekommen. Der Direktor sprach über einen Sarkophag, der zu dieser Zeit im Museum ausgestellt wurde. Und er erwähnte den vierten August. Und weißt du, was am vierten August geschah?“
Gesa schüttelte den Kopf.
„Genau dieser Sarkophag wurde gestohlen. Die Sache konnte nicht aufgeklärt werden, und das Museum kassierte eine riesige Versicherungssumme. Nun konnte Franz natürlich eins und eins zusammen zählen. Aber Beweise dafür, dass der Direktor den Coup in Auftrag gegeben hatte, hatte er nicht. Er beschloss, nach Beweisen zu suchen. Aber dazu brauchte er Hilfe. Die technischen Geräte fehlten ihm. Er erinnerte sich daran, dass ich mich früher beruflich mit Abhörgeräten beschäftigt habe, und er wusste, dass er mir vertrauen konnte. Also bat er mich ihm zu helfen.
Wir fanden heraus, dass ein neuer Coup geplant war. In einer Sonderausstellung werden zurzeit einige berühmte Edelsteine ausgestellt. Unter anderem auch der Rubin des Thiaminus. Und genau diesen wollte der Direktor stehlen lassen. Da allein der Plan eines Verbrechens nicht strafbar ist, sondern erst die Ausführung, beschlossen wir zu warten, bis der Rubin gestohlen wurde. Danach wollten wir der Polizei unsere Beweise vorlegen. Als Franz zu dir ins Taxi stieg, war er auf dem Weg zum Hotel Adlon. Dort wollte er sich mit einem Kriminalbeamten treffen und mit ihm zusammen zum Bahnhof Zoo fahren, wo er ihm die Beweise übergeben wollte. Wir hatten zu große Angst, alleine mit den Unterlagen durch die Gegend zu fahren. Der Direktor hatte inzwischen herausgefunden, dass wir ihm auf die Schliche gekommen sind. Wir rechneten damit überfallen zu werden, wenn wir die Unterlagen bei uns hätten. Wie ihr seht, eine nicht ganz unbegründete Befürchtung.
Vor einem Monat haben wir eine Drohung erhalten, dass uns etwas zustoßen würde, wenn wir unsere Nase weiter in diese Sache reinstecken würden. Einige Tage später wurde in unsere Wohnungen eingebrochen. Sie haben alles durchwühlt. Aber die Unterlagen konnten sie natürlich nicht finden. Die lagen ja sicher hier im Schließfach“, Achim grinste schadenfroh. „Und den Schlüssel haben sie auch nicht gefunden. Unser Versteck war wirklich genial, findet ihr nicht? Wer kommt schon darauf, am Halsband einer Perserkatze nach einem Schlüssel zu suchen?“
„Woher habt ihr die Katze eigentlich?“ fragte Carolin.
„Ein Freund von mir hatte sie abzugeben. Er kam nicht mit ihr klar.“
„Warum hast du mir von alledem nichts erzählt?“ Gesa war wütend.
„Ich wollte dich da nicht mit rein ziehen. Ich hatte wahnsinnige Angst, dass dir etwas zustoßen könnte. Und als ich dann auch noch diese Drohung erhielt, dachte ich, es wäre besser, wenn ich mich von dir trenne“, antwortete Achim.
„Aber du hättest mich einweihen können. Stattdessen trennst du dich von mir“, Gesa fühlte Wut und Schmerz in sich aufstiegen. Warum hatte Achim kein Vertrauen zu ihr gehabt?
„Es tut mir leid“, sagte Achim sanft. „Aber diese Leute gehen über Leichen. Sie haben extra die Nacht für den Diebstahl gewählt, in der Franz Dienst hatte. Sie haben versucht, ihn zu erschießen. Zum Glück ist es ihnen nicht gelungen. Darum ist Franz auch direkt nach dem Diebstahl abgetaucht. Er hatte solche Angst, dass sie ihn finden würden.“
Nun wurde Gesa klar, warum Franz sich ständig nach Verfolgern umgeschaut hatte. Und ihr wurde bewusst, welche Angst Achim gerade ausstand. Kein Wunder, dass er vorhin zusammen gebrochen war.
„Sie erpressen uns. Sie wollen Franz gegen die Unterlagen eintauschen. Vor einer Stunde haben sie angerufen. Die Übergabe soll noch heute Nacht über die Bühne gehen.“
„Das ist doch viel zu gefährlich“, Gesa war entsetzt.
Achim stand auf.
„Sie werden euch beide umbringen!“
„Ich muss jetzt los“, sagte Achim, ohne auf Gesas Einwand einzugehen. „Die Übergabe ist in einer Stunde. Bitte gib mir jetzt den Schlüssel zu dem Schließfach.“
„Ich komme mit“, bestimmte Gesa.
„Nein, du fährst nach Hause. Es bringt nichts, wenn wir uns beide in Gefahr begeben. Wenn ich bis morgen früh nichts von mir habe hören lassen, benachrichtigst du die Polizei.“
„Wie hättest du denn eigentlich das Schließfach ohne Schlüssel öffnen wollen? Schließlich konntest du nicht wissen, dass du uns hier treffen würdest“, fragte Gesa. Achim grinste, griff in seine Jackentasche und holte verschiedene Werkzeuge heraus.
„Mit einem davon hätte es schon funktioniert. Es blieb mir ja nichts anderes übrig. Aber mit dem Schlüssel geht es natürlich schneller.“ Achim streckte die Hand aus.
Gesa trat einen Schritt auf ihn zu und legte den Schlüssel in seine Hand. Dann umarmte sie ihn.
„Pass auf dich auf, ja?“ Gesas Kehle war vor Angst um Achim wie zugeschnürt.
Achim strich ihr sanft über das Haar und ging.

„Gib mir deinen Autoschlüssel.“
„Was?“ fragte Carolin verdattert.
„Deinen Autoschlüssel. Ich fahre ihm hinterher.“
„Auf keinen Fall.“ Carolin würde nicht zulassen, dass Gesa sich in eine solche Gefahr begab.
„Dann klaue ich mir ein Auto. Willst du das?“ Gesa sah in diesem Druckmittel die einzige Möglichkeit, Carolin zu überreden, ihr den Autoschlüssel zu geben. Für lange Überredungsarbeit blieb ihr schließlich keine Zeit.

Kaum saß sie in Carolins Wagen, sah Gesa Achim auch schon aus dem Bahnhofsgebäude heraus kommen. In einigem Abstand fuhr sie hinter ihm her. Gesa war froh, dass sie Carolins Auto hatte. Ein Taxi würde Achim sicher sofort bemerken.
Auf einem abgeschieden gelegenen Parkplatz hielt Achim an. Gesa parkte ihren Wagen an der Straße und schlich hinter Achim hinterher. Sie befanden sich auf einem Industriegelände. Gesa versteckte sich hinter einem der Container. Es verging einige Zeit, bis etwas geschah.
Ein schwarz gekleideter Mann tauchte auf. Er ging zielstrebig auf Achim zu und blieb kurz vor ihm stehen. Er sagte etwas, das Gesa nicht verstehen konnte. Achim trat einen Schritt zurück, und dann ging alles sehr schnell. Der Mann stürzte sich auf Achim, entriss ihm den Koffer. Gleichzeitig kam ein Lieferwagen angefahren. Drei Männer sprangen heraus. Achim hatte keine Chance. Innerhalb weniger Sekunden hatten die Männer ihn in den Transporter gestoßen.
Später wunderte sich Gesa, wie sie so ruhig hatte bleiben können. Sie lief zu Carolins Auto und fuhr dem Lieferwagen hinterher. Außerhalb des Stadtgebietes bogen die Entführer auf einen schmalen Waldweg ein.
Gesa stellte den Wagen etwas abseits an der Straße ab, so dass man ihn vom Waldweg her nicht sehen konnte. Dann lief sie den Waldweg zu Fuß entlang. Kurz darauf entdeckte sie eine kleine Hütte. Der Lieferwagen stand davor. Gesa zögerte nicht lange. Sie wählte die Nummer der Polizei.

„Auf unsere Retterin!“ Achim und Franz prosteten Gesa zu.
„Ach, nun hört schon auf“, winkte Gesa ab. Insgeheim freute sie sich aber doch über die Anerkennung.
„Und was ist jetzt mit euch beiden?“ Franz sah Gesa und Achim fragend an.
„Auch, wenn es viele Dinge gibt, an denen wir arbeiten müssen, wollen wir auf jeden Fall versuchen, unsere Beziehung wieder zu aufzubauen“, sagte Gesa.
„Na, das ist doch etwas!“ Franz grinste.

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