Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Dezember 2004
Der Nebelfahrer
von Klaus Eylmann

Nebel hing wie ein nasses Tuch über der Po-Ebene, als sich Bruno im Dorf Reno am späten Abend auf den Weg zur Bar machte. Seine hagere Gestalt schob sich an Nachbargärten vorbei. Bläulich fad kam es von den Fenstern. Fernsehabend. Licht aus Straßenlaternen fraß sich durch die feuchte Luft und verwandelte Kakifrüchte in rostrote Christbaumkugeln. Eine Katze huschte über die Straße. Schlusslichter verschwanden im Dunst. Am Straßenanfang bellte ein Hund, dann wurden es mehr. Eine Kakophonie aus Hundegekläff breitete sich hinter dem Spaziergänger aus und Wellen grenzenloser Traurigkeit schwappten über ihn hinweg, als ein Mann auf einem Rennrad aus seinem Leib hervor quoll. Die Gestalt schien verschwommen, so wenig solide wie der Nebel selbst. Bruno taumelte vor Schreck. Er hatte das Rad erkannt. Ein Hund sprang über die Hecke und lief hinter dem Radler her. Bruno putzte seine Brille und setzte sie wieder auf, nur um zu sehen, dass Mann und Rad sich unter der Straßenlaterne auflösten, danach für einen flüchtigen Augenblick auftauchten, um endgültig im Nebel zu verschwinden. Hinter Bruno hatten sich die Hunde beruhigt, vor ihm schienen sie in einem Zustand der Raserei. Bremsen kreischten. Autolichter taumelten wie betrunkene Matrosen. Dann krachte es. Das Gebell wurde schwächer, um so stärker pochte das Blut in Brunos Ohren. Mittlerweile hatte er die Bar erreicht. Männer kamen heraus. Ein Auto lag umgestürzt und qualmend in einem Vorgarten. Jemand riss die Wagentür auf und Guazzalocca, der Schlachter, beugte sich ins Fahrzeug.
“Ist tot!”, rief er, und sah die Männer, die um den Wagen herum standen, der Reihe nach an. Dann ging er in die Bar zurück. Drei Männer folgten ihm. Ein paar blieben am Unfallort. Das Fenster der Bar schwang auf und Marta steckte ihren Kopf heraus.
“Die Ambulanz ist auf dem Weg.”
“Sie braucht sich nicht zu beeilen!”, rief Bruno. “Der Mann lebt nicht mehr!” Oder doch?
Bruno ging näher an den Wagen heran und öffnete die Tür. Der Kopf des Mannes war zur Seite geknickt. Bruno legte seine Hand an die Halsschlagader. Nichts. Vorbei. Tot. Hinüber. Ausgelöscht. Er ging in die Bar. Carlo saß vor einem Spielautomaten.
“Da ist einer in Benitos Vorgarten gelandet.” Mehr sagte Bruno nicht. Der Automat klackte. Carlo warf ein paar Münzen nach. Zu dem Geräusch der surrenden Räder gesellte sich die Sirene eines Krankenwagens.
“Der Mann ist tot.” Der Ton der Sirene brach ab.
“Und das ist nicht alles.” Nacheinander hielten die Räder des Automaten an.
“Wo bleibt denn der Krankenwagen!” Marta quetschte sich hinter der Theke hervor und ging zur Tür.
Bruno beugte sich vor und raunte Carlo zu: “Ich hab Ronchetti gesehen.”
“Du spinnst.” Münzen ratterten in die Ausgabe.
“Ihn und sein Rad.” Carlo drehte sich um. Wieselflinke Augen über Hamsterbacken saugten sich an Bruno fest. “Jetzt spinnst du wirklich. Wen haben wir dann vorgestern an seiner statt beerdigt?” Bruno hörte die Sirene eines Krankenwagens, eine zweite, eine dritte.
“Wo fahren die denn hin!” Marta schloss die Tür. Ein Mann kam in die Bar.
“Ein paar hundert Meter weiter liegt eine Ambulanz im Graben.”
“Ich sehe mir das an.” Carlo verließ mit Bruno das Lokal. In der Ferne heulte ein Hund, dann wurden es mehr.
Bruno packte Carlo am Ärmel. “Er ist noch unterwegs.”
“Hat er was mit den Unfällen zu tun?”
“Ronchetti ist durch mich hindurch gefahren. Wie meinst du, reagiert jemand, wenn ein Mann mit seinem Fahrrad durch sein Auto fährt?” Blaulicht flackerte im Dunst und Bruno beschleunigte seinen Schritt. Eine der Ambulanzen lag im Straßengraben, eine weitere fuhr davon, während eine dritte am Rand der Straße stand und zwei Männer einen Toten in das Fahrzeug schoben. Hunde tobten an den Zäunen entlang.
“Da ist er.” Ein dunkelgrauer Fleck raste durch den Nebel, verschwand unter den Lampen, tauchte wieder auf. Der Mann und das Fahrrad waren schwer auszumachen.
Bruno legte eine Hand auf Carlos Schulter. “Jetzt siehst du ihn. Und jetzt siehst du ihn nicht. Jetzt siehst du ihn wieder.”
“Das soll Ronchetti sein? Woher weißt du das? Ich seh ‘nen dunklen Fleck, der sich im Nebel bewegt. Das unter ihm könnte ein Fahrrad sein. Die Räder selbst kann ich kaum erkennen. Schon eher Rahmen und Lenker. Lenker?” Carlo drehte sich zu Bruno um. “Du hast Recht. Der ist nach oben gezogen. Das ist Ronchettis Rad.”
Ein Carabiniere stellte sich dem Phänomen in den Weg und sah entgeistert, wie es durch ihn hindurch fuhr.
“Ich wette”, meinte Bruno, “Ronchetti fährt die Strecke unseres letzten Rennens. Warum hat er sich nur umgebracht? Dass er sich das so zu Herzen nehmen würde. Ich hätte ihn gewinnen lassen sollen.”
Carlo lachte kurz. “Das wäre aufgefallen. Ronchetti hat noch nie ein Rennen gewonnen.”
“Diesmal hätte er es fast geschafft.” Ronchetti bog mit seinem Rad in eine Seitenstraße. “Bis ich den Endspurt hingelegt hatte.”
Die Stimmung in der Bar war gedämpft. Es hatte sich herumgesprochen, dass Ronchettis Geist im Dorf seine Runden drehte. Guazalocca sah vom Kartenspiel hoch.
“Bruno, du hättest ihn gewinnen lassen sollen.”

Der Nebel lag weiter über dem Dorf. Am nächsten Abend standen einige Männer vor der Bar, Hände in Jackentaschen vergraben und unterhielten sich gedämpft. Bruno war zu Haus geblieben und sah mit Carlo vom Fenster aus zu, als Ronchetti wie ein flackernder Derwisch die Straße Richtung Bar entlang raste. Ein Polizist stand auf der Straße und sprach in ein Funkgerät.
Carlo trat vom Fenster zurück. “Ronchetti kommt in seinem Grab nicht zur Ruhe. Die Niederlage hat ihn zu sehr mitgenommen. Ich frage mich”, fuhr Carlo fort. “Startet er am Friedhof?”

Am nächsten Tag zog die Normalität ins Dorf zurück. Der Nebel hatte sich gelichtet und Bruno traute sich wieder ins Lokal. Er nahm sich die Zeitung, las den Wetterbericht und erschrak. Für die nächsten Tage war wieder Nebel angesagt. Nebel und Ronchetti, dachte Bruno und nahm sich vor, die Tage im Haus zu verbringen.

Abends sperrte Polizei die Straße für den Verkehr. Das Reporterteam der Lokalzeitung, das einer Fernsehstation, bauten sich vor dem Pfarrhaus auf. Bruno hatte das Fenster aufgerissen und steckte seinen Kopf hinaus, als Don Alberto, der Pfarrer, sich beherzt in seiner vollen Leiblichkeit dem heran rasenden Ronchetti entgegenstellte und ihm ein mächtiges ‘Vade retro, Satana’ entgegen schleuderte, dann waren Ronchetti und sein Rad durch Don Alberto hindurch.

Einen langen nebligen Monat war das sonst so stille und beschauliche Dorf Medienereignis. Autos parkten überall. Marta klebte am Kaffee-Automaten und die Fußballergebnisse hatte es schwer, sich in der Bar gegen Ronchettis Solo-Rennen zu behaupten. Jugendliche von außerhalb machten sich einen Spaß draus, von Ronchetti durchfahren zu werden. Dann wurde es wieder still. Die Schaulustigen waren verschwunden, doch der Nebel blieb, und Ronchetti.

Eines Abends klingelte es an Brunos Tür. Vor der Gartenpforte standen Guazzalocca, Don Alberto und Marta. Guazzalocca stemmte seine dicken Arme auf die Pforte und rief: “Bruno. Du hast uns die Sache eingebrockt. Jetzt musst du uns helfen, aus Reno wieder ein normales Dorf zu machen.”
“Was heißt eingebrockt? Wenn ich ein Rennen fahre, will ich gewinnen.” Bruno sah einen nach dem anderen an. Sie erwarteten doch nicht im Ernst...
“Ronchetti startet jeden Abend um acht”, setzte Guazalocca an. “Und wir haben uns überlegt, um diese Zeit ein Rennen zu veranstalten”, fuhr Marta fort.
“Über fünf Runden”, fügte Don Alberto hinzu.
“Ein Rennen im Nebel”, wunderte sich Bruno. “Wer macht da mit?”
“Ronchetti und du”, antworteten die drei im Chor. Bruno blieb der Mund offen stehen.
“Warum?”
“Wir wollen, dass du gegen Ronchetti verlierst, damit der Mann seine Ruhe wieder findet.”
Bruno sah erwartungsvolle Gesichter und erbat sich einen Tag Bedenkzeit. Am nächsten sagte er zu.

Inzwischen wussten sie: Ronchetti startete am Friedhof. Sie kannten die Zahl der Runden, die er zurücklegte, bis er wieder dorthin verschwand.
Als Bruno am Abend in seiner Montur mit seinem Rennrad erschien, lag das Portal unter Flutlicht.
“Wir haben sie vom Fußballplatz”, rief Guazalocca. Er meinte die Flutlichter und strahlte wie sie über sein feistes Gesicht.
Bruno schüttelte verwirrt den Kopf. “Und wie willst du sehen, wer von uns gewinnt? Unter Licht ist er doch nicht zu sehen!”
Die Lampen wurden abgebaut, gerade noch zeitig, um beobachten zu können, wie Ronchetti mit seinem Rad aus dem Friedhofseingang schoss. Bruno nahm die Verfolgung auf und blieb Ronchetti dicht auf den Reifen. Das ganze Dorf war auf den Beinen, um dem Spektakel beizuwohnen. Hundegekläff malträtierte Brunos Ohren. Polizei hatte wie an jedem Nebeltag die Strecke für den Verkehr gesperrt. Brunos Füße traten heftig in die Pedalen und er sagte sich: “Sie wollen gewinnen. Ich auch.” Die Dörfler sahen entsetzt, dass Bruno als erster ins Ziel kam. Vor dem Eingang war es still, dann hielten die Dörfler nicht mehr an sich und überschütteten Bruno mit Schmährufen. Als Ronchetti eine halbe Minute später auf den Friedhof fuhr, war allen klar, dass sie mit dem Nebelfahrer würden leben müssen.

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