Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Dezember 2004
Im freien Fall
von Jan Müller

Sie springt.
In einer Höhe von viertausend Metern tritt sie aus dem sicheren Rumpf der Cessna in den freien Luftraum, ohne zu ahnen, was ihr dieser Absprung bringen wird.
Achthundert Skydives hat Lucie bereits hinter sich. Achthundert Mal hat sie aus lichter Höhe die Zwergenlandschaft unter sich erblickt, grüne und gelbe Schachbrettfelder, Wasserflächen, Waldflecken und Siedlungen, dazwischen den winzigen Sprungplatz, auf dem sie Minuten später landen wird. Die Menschen auf der Erde sind so winzig, dass man sie gar nicht erkennt. Hier oben, kilometerhoch über der Landschaft, ist ihr Zuhause. Umhüllt von jener Kraft, die das ganze All durchdringt, fühlt sie sich eins mit der Weite des Raums, erhaben über die Erdenschwere des Menschen. Keine irdischen Gedanken stören sie.
Frei wie ein Vogel spürt sie den Fallwind von zweihundert Kilometern pro Stunde als tragendes Luftkissen unter sich. Mit angelegten Armen gleitet sie auf dem Bauch nach vorn, macht einen Salto rückwärts, einen vorwärts, rollt sich einmal linksherum, einmal rechtsherum und breitet dann ihre Arme wie Schwingen aus.

Mit einem Film im Space Museum von Washington hat alles begonnen: Der Erdball aus der Sicht des Alls, langsames Zoomen auf die Menschenwelt. Damals hat sie zum ersten Mal gespürt, wie befreiend dieser Abstand ist. Die Stimme des Sprechers klang ihr wie die Stimme Gottes, der die gesamte Schöpfung überblickt, behütet und versteht. Das Gedränge auf der Erde kam ihr vor wie Ameisengewimmel. Dieses Entrücktsein hat sie mit einer Macht erfasst, dass sie immer wieder auf viertausend Meter Höhe aus der Flugzeugtür ins Freie tritt. Beine nach hinten, Hohlkreuz, Kopf im Nacken.
Eine Minute hellster Wachheit, in der sie völlig mit dem Augenblick verschmilzt. Die Luft als Federbett, als Mantel. ... Gedankenstille ... Reine Poesie ...
Nur Skydiver wissen, warum Vögel singen!
Frei ist sie. Unendlich frei und sicher. Besonders seit sie Cypres hat, das neue Sicherheitssystem, das ihr Harald zu finanzieren half, der sich im Flugzeug neben sie gesetzt hat. Wenn sich der Fallschirm 225 Meter über der Erde noch nicht geöffnet hat, leitet Cypres selbsttätig die Öffnung ein. Harald hat darauf bestanden, dass sie es installierten lässt, während ihr Kuno davon abgeraten hat: Es koste ein Vermögen, meinte er, und sei reiner Luxus, weil man es in Wirklichkeit nie brauche.
In der Minute des Skydiving sinkt sie in jeder Sekunde um etwa fünfzig Meter. Nach vierundsechzig Sekunden ist sie von viertausend Metern bereits auf tausend gefallen. Dann piepst der Höhenwarner im Helm und sie muss am Griff ziehen, um den Fallschirm zu öffnen. Der Skydive, der Rausch des freien Falls, ist dann zu Ende, sie wird am offenen Schirm gemütlich durch die Luft gleiten, an den Steuerleinen ziehen und schließlich auf dem Sprungplatz landen, genau beim Windsack.

Jetzt!

Sie zieht am Griff, stellt sich schon auf das Drosseln der Geschwindigkeit ein, dann weiten sich ihre Augen: Der Griff gibt nach! Kein Ruck, kein Widerstand – der Fallschirm bleibt geschlossen! Adrenalinstoß pur. Sie hält die Bridle, das Nylonband, von dem ihr Leben abhängt, lose in der Hand! Abgerissen!
Blick auf den Höhenmesser: achthundert Meter bis zum Boden. Noch sechzehn Sekunden freier Fall. Sie zieht den Griff zum Öffnen des Reserveschirms. Oft geübt, doch nie im Ernstfall angewandt. Jetzt merkt sie, wie wichtig dieser Schirm ist: Wenn sich der Hauptschirm nicht öffnet, verheddert, verhakt, kann nur der Reserveschirm sie retten.
Ihr stockt der Atem. Auch dieser Griff gibt nach! Ohne Ruck, ohne Widerstand, ohne Schirmöffnung hält sie den Griff in der Hand. Hat jemand das Stahlseil durchgesägt, um sie zu ermorden? Hat ihr Mörder auch das Sicherheitssystem entdeckt und demoliert?

Der Höhenmesser zeigt fünfhundert Meter ... noch zehn ... neun ... acht Sekunden. Als ihr klar wird, dass nichts mehr zu retten ist, schließt sie die Augen und spürt, wie ihre Seele aus dem Körper schlüpft. Von oben aus betrachtet sie ihren Körper, der sich wie ein Embryo im Mutterleib zusammenkrümmt, die Arme umklammern die Knie, der Kopf senkt sich nach unten und wird als erster auf den Boden prallen. Die Zeit scheint stillzustehen. Ihre Seele fliegt in die Weite, nimmt Abschied von ihrem Körper, vom Erdball, von diesem winzigen Sonnensystem im unendlichen Meer der Galaxien. Abschied von dem Traum, Harald näherzukommen und seine Frau zu werden. Zu spät. Das nächste Mal vielleicht.
Im Zeitraffertempo spulen die Szenen ihres Lebens rückwärts. Der Sprung aus der Cessna. Das Orten aus der offenen Flugzeugtür, um den Piloten zu dirigieren. Das Anlegen von Schutzhelm, Brille, Handschuhen. Das Straffziehen der Gurte. Das Lachen mit den Mitspringern, die wie Ölsardinen dicht an dicht in der Maschine sitzen. Das Einsteigen in die Cessna. Prüfen und Anschnallen der Schirme. Das Aufschließen des Spinds, wo ihr Fallschirm die Woche über eingeschlossen war.
Das Wochenende davor. Kuno holt den Schirm aus dem Kofferraum seines Wagens und legt ihn in den Spind. Kuno, der sie heimlich verehrt und von einem Sprungplatz zum anderen fährt. Von Saarluis nach Marl, von Marl nach Rheine, von Rheine nach Damme ... Sie dagegen liebt an ihm nur, dass er ein Auto hat und sie chauffiert.
Kunos zusammengepresste Lippen beim Verstauen des Schirms.
“Also dann viel Vergnügen beim nächsten Sprung!”
Sie achtet nicht auf seinen verkniffenen Mund.
Sie kennt das schon. Trotzig, aber gefügig.
So hat er auch seine Lippen verkniffen,
als sie in Marl zum Sportwart sagte,
er sei keineswegs ihr Partner,
sondern nur ihr Chauffeur.
Jetzt weiß sie sein
Lippenkneifen zu
deuten. Im
freien
Fall
.

Ein dumpfer Knall ruft ihre Seele zurück in den Körper, ihr Bewusstsein in die Gegenwart. Sie reißt die Augen auf, blickt auf den Höhenmesser am Handgelenk: zweihundert Meter, noch vier Sekunden freier Fall. Verzweifelt wirbelt sie herum, greift nach dem Schirm auf dem Rücken, will ihn mit der Hand aufreißen. Da füllt er sich bereits mit Luft und bremst.
Kuno hat Cypres übersehen! Der Schirm geht auf. Sie reißt an den Steuerleinen, lenkt den senkrechten Fall mit hartem Knick in schnelle Vorwärtsfahrt. Ihre Füße berühren den Boden, sie läuft vorwärts, stolpert und fällt ...

Neben dem Windsack liegt ein winzigkleiner Punkt. Vom Himmel aus betrachtet ist er kleiner als eine Ameise. Ein zweiter Punkte stürzt auf ihn zu, verschmilzt mit ihm. Der Punkt am Windsack regt sich wieder.
Doch nicht zu spät! Es war kein Unglücksfall – ein Glücksunfall.

© janmueller.tm@web.de

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