Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Januar 2005
Schließfach C-H-B
von Anne Zeisig

Herbert sah vom Fernseher auf die Uhr, als er hörte, wie ein Schlüssel im Türschloss gedreht wurde. Er stieß seine Frau an, die auf dem Sofa eingeschlafen war: „Halb eins! Deine Tochter ist wieder unpünktlich! Möchte nur wissen, mit welchem Pack die sich nächtelang rumtreibt!“ Er schlug mit der Faust auf den Couchtisch und wollte aufstehen. Gerda hielt ihn zurück: „Bitte! Mach nicht wieder eine Szene. Sie ist in der Pubertät und lotet ihre Grenzen aus, das ist alles.“
„Grenzen ausloten?“, schrie Herbert. Er stand auf und schlurfte in den Flur, „dann werde ich dem Fräulein zeigen, dass sie ihre Grenzen schon lange übertreten hat!“ Gerda folgte ihm.
Dort stand die 17- jährige Katja und hatte sich schützend die Arme vor das Gesicht gehalten. Ihr Vater zerrte an ihren langen Haaren und schlug auf den Kopf seiner Tochter ein.
Gerda zog ihn mit aller Kraft zurück ins Wohnzimmer und wuchtete ihren Mann in den Sessel.
„Das ist alles, was er kann!“, rief die Tochter, „schlagen und schreien! Außerdem wühlt er in meinen Sachen rum!“ Sie knallte die Tür ihres Zimmers zu.
Gerda seufzte und wischte sich einige Haarstränen aus dem Gesicht.
Herbert nahm einen Schluck aus der Bierflasche und rülpste. „Nimm endlich deine rosarote Brille von der Nase. Deine Tochter tickt nicht mehr richtig! Schau sie dir an. Ist in der letzten Zeit auseinander gegangen wie ein Hefekuchen. Kein Wunder. Nimmt ja hier an keiner Mahlzeit teil. Aber Pommes und Hamburger vom Imbiss in sich reinfressen!“ Er trank wieder einen Schluck. „Fresssüchtig ist die! Ein Fall für die Klapsmühle!“
„Quatsch! Katja hat nicht zugenommen. Das sieht nur so aus, weil sie sich unvorteilhaft kleidet.“
„Katja hat nicht zugenommen!“, äffte er seine Frau nach, „dich kann sie ja verarschen, mich aber nicht. Außerdem vermute ich, dass sie Drogen nimmt. Womöglich muss sie dafür anschaffen gehen. Schleppt Aids ins Haus. Man kennt das ja aus Filmberichten.“
Gerda sah ihn mit aufgerissenen Augen an: „Du glaubst doch wohl nicht, dass... “
Ihr Mann deutete auf den Fernseher: „Ich muss gar nichts glauben, ich sehe jeden Tag in der Flimmerkiste, was los ist bei den Jugendlichen.“
Herbert stand schwerfällig auf. Er reckte sich gähnend, steckte sein T-Shirt in den Bund seiner Jogginghose und schlurfte ins Schlafzimmer. Gerda sah auf den Bildschirm. Eine junge Nachrichtensprecherin verlas die Spätmeldungen:

„... wurde am Abend auf dem Hauptbahnhof in einem Gepäckschließfach ein Säugling gefunden. Es handelt sich um ein Neugeborenes. Passanten hatten die Polizei alarmiert, als sie ... “

Gerda schaltete den Apparat aus, löschte das Licht und ging ins Bad. Sie besah sich im Spiegel, als sie ihr Haar kämmte. So sah eine Frau im mittleren Alter aus, die sich vernachlässigte. Wie lange war sie nicht mehr beim Friseur gewesen? Wann hatte sie ihrer welken Haut eine Creme gegönnt? Sie sah an sich hinunter und zog das ohnehin ausgeleierte Shirt noch mehr in die Weite. War es verwunderlich, dass auch Katja nur noch diese viel zu großen Sweater trug? Mit dieser Mutter als Vorbild?
Gerda schüttelte den Kopf: `Quatsch! Die jungen Mädels haben ihre eigene Mode. Und da ist Unförmigkeit derzeit angesagt.´
Sie fuhr mit den Händen unter ihr Shirt und streifte kurz über ihren Busen. Wie lange war es her, seit Herbert sie begehrt hatte?
„Willst du da drin Wurzeln schlagen? Ich muss dringend pinkeln!“
So war er nur im Suff. Und er trank, seit sie ihm gekündigt hatten - vor Monaten.

. . .

Katja kippte eilig einen Kaffee hinunter: „Wie gut, dass er neuerdings erst um acht aufsteht, wenn ich längst weg bin.“
Gerda nahm das Toastbrot aus dem Röster und betrachtete ihre Tochter.
Wie blass das Kind war. Dunkle Ringe unter den Augen. Katjas Hand zitterte, als sie die Tasse in die Spüle stellte. Gerda hielt ihre Tochter an den Schultern fest und sah ihr in die Augen: „Kind. Gibt es irgendetwas, das ich wissen sollte? Du würdest doch mit mir reden? Immer dieses späte Heimkommen. Ich mache mir doch auch Sorgen.“
Katja griff um die Handgelenke ihrer Mutter und befreite sich mit einem Ruck: „Kriegst du auch schon solche Hirngespinste wie er?“ Sie deutete Richtung Schlafzimmer. „Der ist reif für die Klapse, wenn er mit seiner Arbeitslosigkeit und der Sauferei nicht klarkommt! Soll mich in Ruhe lassen!“ Sie nahm ihren Rucksack und ging in den Flur.
Kurz darauf wurde die Tür zugeworfen.

„Sag dem Rotzblag endlich, dass hier keine Türen zugeknallt werden!“
Gerda nahm das Brot aus dem Toaster und legte es ihrem Mann auf den Teller: „Ich mag nicht, wenn du so redest.“ Sie wandte sich ab, um den üblen Geruch aus seinem Mund nicht riechen zu müssen, und schaltete das Radio ein.
Herbert griff in die Tasche seiner Jogginghose und warf einen Schlüssel auf den Küchentisch: „Und ich mag es nicht, wenn unsere Tochter ein Schließfach im Bahnhof hat, weil sie dort Drogen deponiert.“

„... ist gesund und wird laut Jugendamtsleiter vorübergehend in einer Pflegefamilie untergebracht. Die Schwestern im Krankenhaus hatten ihm den Namen ... Sachdienliche Hinweise nimmt... “

„Raffiniert ist deine Tochter auch noch. Hat über die eingravierte Nummer eine Metallplakette mit der Buchstabenkombination `C-H-B´ aufgebracht“. Er steckte den Schlüssel wieder ein. „Sowas lernen die ja heutzutage in der Schule. Schweißen, Umgang mit Komponentenklebern und womöglich auch noch, wie man den nächsten Banksafe aufbohrt.“ Er stand auf. „Macht nichts, dann werde ich halt alle Schlösser ausprobieren. In eines wird der Schlüssel passen. Wenn die Göre meint, sie sei schlau, dann hat sie sich ge... “
Gerda starrte auf die Hosentasche, in der dieser Schlüssel gerade verschwunden war. Ein Frösteln zog sich langsam von ihren Zehenspitzen aufwärts bis unter die Kopfhaut.
„Geht ´s dir nicht gut? Bist so blass.“ Herbert tätschelte ihre Wange. Gerda wehrte seine Hand ab und neigte den Kopf zur Seite: „Sogar morgens stinkst du nach Bier.“
Ihr Mann drehte sich um und zog seine Jacke an: „Ich werde das passende Fach zum Schlüssel finden. Dann muss unsere Kleine sich warm anziehen. Von wegen dann lange Therapien in der Klapse bei Psychoheinis! Drogen prügelt man raus! Schmerzhaft, kurz und bündig!“
Sie hörte, wie seine Schritte im Treppenhaus verhallten.
Gerda setzte sich auf den Küchestuhl: „Hatte Katja etwa mit der weiten Kleidung eine Schwangerschaft kaschiert? Und wusste keinen anderen Ausweg, als... Mein Gott!“
`C-H-B?´ ,überlegte Gerda, `Katja hatte doch als Kind immer so eine Art Geheimkode. Für Ziffern hatte sie Buchstaben eingesetzt und anders herum. Zum Beispiel für die Ziffer „Eins“ das „A“, für eine „Zwei“ das „B“ und so weiter.´
Sie stand auf und goss Kaffee in ihre Tasse: `382 – das war die Nummer des Schließfaches.`
„Welches die Polizei längst geöffnet hat“, flüsterte Gerda und rieb sich über die Unterarme, um die Kälte zu vertreiben. Sie atmete tief durch und warf sich ihren Mantel über: „Das Baby lebt.“, sagte sie zu der abgehärmten Frau im Garderobenspiegel.
Gerda musste zur Schule. Mit Katja sprechen.

. . .

Herbert verließ die Schließfachanlage des Hauptbahnhofes. Dieser Schlüssel gehörte nicht zu den Fächern. Er probierte es auch nebenan bei der Bank. Ohne Erfolg. In der Postfiliale gegenüber gab ihm eine Angestellte den Tipp, dass es sich um einen Spindschlüssel handeln könnte.
`Haben sie in der Schule Spinde?´, überlegte Herbert und machte sich auf den Weg dorthin.
Er überquerte gerade die Hauptstraße, als ihm Frau und Tochter entgegenkamen: „Papa! Bleib stehen!“ Katja riss ihrem Vater den Schlüssel aus der Hand: „Lass endlich das Rumschnüffeln in meinem Zimmer sein!“ Sie drehte sich um und rannte davon.
Herberts Gesicht lief rot an: „Was erlaubt das Gör sich? Ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, ... “
„Du bist nun still.“ Gerda legte ihre flache Hand vor den Mund ihres Mannes, „der Schlüssel gehört zum `Cafè Hellen Berger´, zischte sie, „dort arbeitet unsere Tochter seit einiger Zeit von zwanzig Uhr bis gegen Mitternacht.“ Sie nahm ihre Hand hinunter.
„Was tut Katja dort?“
„Arbeiten. Herbert. Nichts Unanständiges. Sie bedient dort. Der Schlüssel gehört zu einem Schrank, wo die Angestellten ihre Sachen rein legen können.“
Herbert lehnte sich gegen den Zeitungsständer am Kiosk, wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und flüsterte: „Sie muss neben der Schule noch arbeiten, weil ich nicht mehr in der Lage bin, ihr ein ordentliches Taschengeld zu geben. Scheiß Arbeitslosigkeit.“
Gerda hakte ihren Mann unter und überflog im Weggehen den Zeitungstitel: Mutter des Findelkindes gefunden. Sechzehnjährige bereut sehr, dass sie ...

„Ist das wenigstens ein seriöses Cafè? Wenn da was mit Drogen läuft, Gerda, da garantiere ich dir, dann nehme ich den Laden eigenhändig auseinander! Heutzutage, da kann man doch nie sicher sein, dass ... “

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