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Januar 2005
Die Paradiesrallye
von Eva Markert

"Sieh mal, wär' das nicht was?" Birgitta reichte ihrem Mann die Zeitung.
"Paradiesrallye", las Frank. "Ein Ausflug der besonderen Art, für Einzelpersonen oder Gruppen, perfekt organisiert. Lassen Sie sich überraschen!"
"Du wolltest doch deinen Vierzigsten mit dem Skatclub nachfeiern. Ruf mal an! Mir würde es jedenfalls eine Menge Arbeit ersparen."
Birgitta hielt ihm den Apparat hin.
"Paradiesrallye, guten Tag." Die Stimme der Frau am Telefon war dunkel und leicht kratzig, der Tonfall geschäftsmäßig freundlich.
"Guten Morgen", sagte Frank, "ich möchte mit Freunden etwas unternehmen."
"Handelt es sich um eine gemischte Gruppe?"
"Nein, es sind ausschließlich Männer."
Frank hörte ein leises, etwas heiseres Lachen. Er stellte sich die Frau vor, der diese Stimme gehörte. Sie musste sinnlich sein, aufregend.
"Nur Herren, das ist unsere Spezialität."
"Ich wüsste gern Genaueres über diese Rallye."
"Tut mir Leid", sagte die Stimme, "nähere Auskünfte möchte ich Ihnen nicht geben. Es ist spannender, wenn Sie nicht wissen, was Sie erwartet. Aber weil wir neu im Geschäft sind, bieten wir Ihnen Folgendes an: Machen Sie eine Proberallye vorab – sagen wir zum halben Preis. Nächsten Freitag, ginge das? Wenn Ihnen das Programm zusagt, buchen Sie es für die ganze Gruppe."
"Ja, Freitag passt mir gut. Was muss ich noch wissen?"
"Nichts weiter. Halten Sie sich ab sechzehn Uhr bereit. Wir rufen Sie an."
Am Freitag stach die Sonne vom tiefblauen Himmel. Als um Punkt vier das Telefon klingelte, beschleunigte sich sein Herzschlag.
"Guten Tag", sagte die raue Stimme, "sind Sie bereit?"
"Ja."
"Die erste Station Ihrer Rallye ist der Gartenmarkt Blumenparadies im Zentrum. An der Kasse erhalten Sie weitere Instruktionen. Und nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen!"
Frank küsste Birgitta flüchtig auf die Wange und machte sich auf den Weg.
Die Luft im Blumenparadies war feucht und stickig. Menschen zwängten sich durch die Gänge vorbei an Topfpflanzen und Blumenkübeln. Zum Glück befand sich die Kasse gleich neben der Tür.
Er lächelte die Kassiererin an. "Ich möchte die nächsten Anweisungen für die Rallye."
"Was für eine Rallye?"
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. "Die Paradiesrallye."
Die Frau blickte ihn von oben bis unten an. "Davon weiß ich nichts."
Kunden warteten in einer langen Schlange an der Kasse. Frank spürte ihre Ungeduld. Plötzlich kam er sich lächerlich vor. "Man hat mir gesagt, dass ich hier weitere Informationen bekomme."
Die Frau zuckte die Schultern und griff nach den Geranientöpfen, die auf dem Laufband standen.
"Oder gibt es mehrere Kassen?"
"Nein."
Unschlüssig stand Frank da. Sollte er umkehren? Er beschloss noch etwas zu warten. Kurze Zeit später zupfte ihn jemand am Ärmel. Ein Kind reichte ihm eine Rose, an deren Stängel eine Karte befestigt war.
"Augenblick!", rief Frank, aber der Junge tauchte bereits im Gewühl unter.
Er schaute auf die Karte. 'Bravo! Sie haben nicht gleich aufgegeben und damit die erste Probe bestanden. Wenn es Ihnen gelingt, den Schlüssel zu erkämpfen, werden Sie den Pforten zum Paradies ganz nah sein. Bringen Sie diese Rose zum Paradiesapfel.'
Eine Adresse stand nicht dabei. Zum Glück wusste Frank Bescheid. Der Paradiesapfel war eine exklusive und sehr diskrete Bar ganz in der Nähe. Aber er bezweifelte, dass seine Skatfreunde das Lokal kannten. Auf dieses Problem musste er die Organisatorin unbedingt hinweisen.
Er dachte an Gina und seufzte. Der Paradiesapfel war ihr Treffpunkt gewesen. Er hatte sie gemocht. Sehr sogar.
Frank atmete auf, als er aus der grellen Hitze der Straße in das gedämpfte Licht der vollklimatisierten Bar trat.
"Guten Tag! Darf ich Ihnen die Rose abnehmen?"
Der Barkeeper wusste offensichtlich, worum es ging.
"Zum Wohl!" Er stellte ein hohes Glas mit einer giftgrünen Flüssigkeit vor ihn hin. Zwei Limettenscheiben verzierten den gezuckerten Rand.
"Die grüne Witwe."
Frank blickte hoch.
"So heißt dieser Longdrink. Ein Renner bei uns. Wenn Sie es schaffen, das Glas in einem Zug zu leeren, nenne ich Ihnen das nächste Ziel."
"Kein Problem." Frank setzte an. Das Zeug war süffig, angenehm kühl und säuerlich-erfrischend. Er trank in großen Schlucken.
"Geschafft", sagte er und setzte das Glas ab. Ihm wurde ein wenig schwindlig. Die grüne Witwe hatte es in sich!
"Der Barkeeper lehnte sich über den Tresen. "Hier habe ich was für Sie." Er gab ihm eine Karte: 'Hervorragend! Sie sind dem Schlüssel wieder ein Stück näher gekommen. Gehen Sie nun zum Garten Eden.'
"Garten Eden? Das kenne ich nicht."
Der Barkeeper zwinkerte ihm zu. "Es ist nicht weit, in der Kastanienallee. Sie werden nicht enttäuscht sein."
Kurze Zeit später stand Frank vor einem großen weißen Gebäude, das ein Stück abseits lag. An der Eingangstür hing ein Schild:

Garten Eden
Massagesalon und Saunaclub


Er läutete. Ein dunkelhaariges, exotisch aussehendes Mädchen öffnete ihm die Tür. "Guten Tag", sagte Frank, "ich komme von der Paradiesrallye." Sie strahlte ihn an. "Ich bin Maja. Sie sind mein Gast. Sie dürfen sich nun etwas aussuchen. Möchten Sie in die Sauna gehen oder wünschen Sie eine Spezialmassage? Aber denken Sie gut nach: Wenn Sie die falsche Entscheidung treffen, wird die Rallye hinterher für Sie beendet sein."
Frank brauchte nicht lange zu überlegen. Natürlich wünschte er eine Massage! Auch die Skatbrüder würden dazu nicht Nein sagen können. Außer vielleicht Jürgen, dieser Schlappschwanz.
Maja hielt ihr Versprechen. Ihre Massage war tatsächlich sehr speziell. Und sie machte Lust auf mehr. Er keuchte noch, als sie sich hinunterneigte und ihm ins Ohr raunte: "Sie haben richtig gewählt und sind nun gut vorbereitet auf das, was Sie noch erwartet."
Auf der Karte, die sie ihm zusteckte, stand: 'Sie stehen kurz davor, den Schlüssel zu erringen. Suchen Sie das Paradies der Lüste – die vorletzte Hürde auf Ihrem Weg.'
Frank grinste in sich hinein. Wenn die wüssten, dass er dort Stammkunde war! Eigentlich entsprach der düstere, billige Sexshop nicht seinem Stil, doch er gehörte zu den wenigen Eingeweihten, denen unter dem Ladentisch ganz spezielle Videos verkauft wurden. Keine Szene war gespielt, sogar das Ende echt. Die Kassetten versteckte er im Keller. Wenn Birgitta das Wochenende bei ihrer Freundin verbrachte, sah er die Filme an, ehe er sich ins Nachtleben stürzte. Aber die Skatbrüder durften unter gar keinen Umständen hinter sein Geheimnis kommen! Auf eine Änderung dieses Programmpunktes musste er bestehen.
Maja steckte Frank zum Abschied eine weiße Blüte ins Knopfloch. "Dein Erkennungszeichen", sagte sie, ehe sie ihm die Tür öffnete. Noch ganz benommen schlenderte er die glühend heiße Straße entlang.
Manchmal träumte er davon, Birgitta zu verlassen. Endlich könnte er leben, wie es ihm gefiel, ohne Hemmungen, ohne Heimlichkeiten. Doch eine Scheidung kam nicht in Frage. Für sie zählte nur ihr Lebenstraum. Und für ihn wäre eine Trennung viel zu gefährlich: Sie würde ihn überall bloßstellen. Und nicht zu vergessen – sie war es, die ihm damals das Alibi gegeben hatte. Nein, er durfte auf gar keinen Fall riskieren, dass seine schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit gewaschen wurde. Wenn man herausfinden würde, wie es damals zum Tod von ...
"Guten Abend!" Frank zuckte zusammen. Eine unscheinbare Frau mit fahlbraunen, sehr kurz geschnittenen Haaren, offenbar eine neue Verkäuferin, stand vor dem Geschäft. Mit tonloser Stimme wisperte sie: "Dieses Geschenk soll ich Ihnen geben." Sie drückte ihm etwas in die Hand. "Es ist eine Spezialmischung. Wirkt garantiert."
Auf dem Etikett war ein großer erigierter Penis abgebildet. Rasch wollte er die kleine Flasche in seiner Hosentasche verschwinden lassen.
"Halt", flüsterte die Frau, "nicht so schnell! Erst wenn Sie das Fläschchen vor meinen Augen leer getrunken haben, geht die Paradiesrallye weiter."
Sie beobachtete ihn, während er den Verschluss abdrehte und die leicht bittere, rote Flüssigkeit trank. Der Geschmack erinnerte an Cranberrysaft. Auf jeden Fall bewirkte die Mixtur etwas. Fast augenblicklich begann es zu pochen und zu pulsieren, da, wo er es gern hatte.
Die Frau gab ihm eine Karte. Hastig las er die Botschaft: 'Wenn Sie die nächste Prüfung bestehen, werden Sie in den Besitz des Schlüssels gelangen – im Paradies der Sinnlichkeit.'
So zügig wie möglich ging er die Straße entlang. Sonnenlicht stach ihm in die Augen. Der Asphalt atmete Hitze und die Luft stank nach Abgasen. Abgekämpfte Menschen mit schweißverklebten Haaren kamen ihm entgegen. Jeder war jedem im Weg. Gereiztheit zündelte an allen Ecken und Enden.
Den Namen Paradies der Sinnlichkeit hatte er schon mal gehört. Soweit er sich erinnerte, handelte es sich um eine Peepshow in der Nähe des Hauptbahnhofes.
Eine Frau fing ihn vor den Kabinen ab. Möglicherweise dieselbe wie vor dem Sexshop. Zumindest trug sie ihre Haare ebenfalls sehr kurz. Aber so genau hatte er nicht hingesehen. Stumm drückte sie ihm einen tickenden Küchenwecker in die Hand und einen Zettel mit der Aufschrift: 'Kommen Sie unverzüglich heraus, sobald die Zeit abgelaufen ist!'
In der schummrigen Kabine vor dem erleuchteten Fenster geriet Frank erst richtig ins Schwitzen. Auf dieser Rallye wurde zweifellos etwas geboten. Auch für seine Freunde würde es ein unvergessliches Erlebnis werden.
Das Mädchen auf dem Podest präsentierte ihren Körper in höchst aufreizenden Posen. "Wenn ich bloß an sie herankäme", dachte er, "mit ihr würde es bestimmt klappen, auch ohne Tricks und die harten Bedingungen."
Der Wecker in seiner Hand schrillte genau in dem Augenblick, als er den besten Blick hatte. Nein, jetzt konnte er nicht gehen. Noch nicht. Erst, wenn sich das Podest weiterdrehte. Sekunden verstrichen. Oder Minuten?
Endlich riss er sich los. Draußen atmete er tief durch und blickte sich um. Die Frau war fort. Seine Enttäuschung ernüchterte ihn schlagartig. Hatte er wirklich verloren, so kurz vor dem Ziel?
Auf dem Boden glänzte es silbrig. Frank hob den Schlüssel auf und betrachtete ihn von allen Seiten. Ging die Rallye doch weiter? Eine Karte fand er nicht. Schlüssel Nummer 382. Welches Schloss konnte man damit öffnen? Wie ein Haustürschlüssel sah er nicht aus. Auch nicht wie ein Briefkastenschlüssel. Natürlich! Das musste es sein! Der Hauptbahnhof war direkt um die Ecke. Wahrscheinlich gehörte der Schlüssel zu einem Schließfach.
Die Großstadtmenge schob ihn wie von selbst zum Bahnhofsgebäude. Träge wanden sich Reisende in zwei Schlangen aneinander vorbei durch die Halle. Nahe den Schließfächern verliefen sich die Menschen, und in dem Gang, der zu Nummer 382 führte, war er allein. Er fragte sich, warum seine Hände so zitterten, als er mit fahrigen Bewegungen den Schlüssel ins Schloss steckte. Ob er passte? Leicht glitt er hinein und die Tür öffnete sich geräuschlos. Das große Schließfach schien leer. Nein, ganz hinten lag eine Karte. 'Herzlichen Glückwunsch! Sie haben es geschafft! Gleich erhalten Sie einen Anruf und dann werden Sie die Pforten zum Paradies aufstoßen.'
'Die Pforten zum Paradies aufstoßen', das klang gut. Er konnte sich vorstellen, was das bedeutete. Und er war genau in der richtigen Stimmung. Eins musste man der Organisatorin mit der erotischen Stimme lassen: Die Rallye eignete sich hervorragend, um einen Mann auf solche Abenteuer vorzubereiten. Frank liebte diese Frauen, die zuließen, was Birgitta schon lange nicht mehr hinnahm. Weder auf die harte, noch auf die sanfte Tour. Sie kratzte, schlug um sich und sah ihn mit Augen an, die vor Abscheu glühten. Bei ihr hatte er sowieso nie Befriedigung gefunden. Und sie nicht bei ihm.
Frank wusste genau, warum sie dennoch bei ihm blieb. Sie wollte nicht als Ehefrau eines Mörders dastehen, dem sie obendrein ein falsches Alibi gegeben hatte. Aber das war nicht der einzige Grund. Vor allem ging es ihr um sein Geld und seine Beziehungen. Birgitta hatte ein Ziel, das ihr ganzes Leben bestimmte: Sie wollte malen und eine berühmte Künstlerin werden. Seinem Einfluss und den großzügigen Sponsorengeldern verdankte sie es, dass sich immer wieder Galerien fanden, die ihre Gemälde ausstellten. Nur mit seiner Hilfe hatte sie einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht.
Frank dachte erneut an Gina. Hätte er doch besser aufgepasst damals! Es war Glück im Unglück, dass die Umstände ihres Todes nie vollständig geklärt werden konnten.
Wie ein Echo hallte die Vergangenheit in ihm nach. Sein Atem beschleunigte sich. Er fühlte sie wieder, diese fiebrige Erregung und wie sein Körper vibrierte, wenn er mit den Fingerspitzen leicht über ihren weichen Hals strich, er spürte die Kehle und drückte zu, erst leicht, dann stärker, und sie wand sich unter ihm in ihrer Lust, er presste stärker, bis sie die Augen aufriss, ihm auf den Rücken schlug, doch er ließ nicht von ihr ab, noch nicht, sie bäumte sich auf, hatte sie einen Orgasmus?, er dehnte es aus, ein bisschen länger, es war gefährlich, einen Augenblick, nur noch einen winzigen Augenblick, bis er aufschrie und endlich, endlich die Erlö...
Das Klingeln des Mobiltelefons riss ihn aus seinen Erinnerungen. Er erkannte die Stimme sofort.
"Sind Sie so weit?" Das heisere Lachen klang an sein Ohr. "Gleich werden Sie die Pforten zum Paradies aufstoßen. Bahnhofstraße 14, dritter Stock."
Dann war die Leitung tot.
Diese Adresse kam ihm bekannt vor.
Die Nummer 14 stellte sich als schäbiges Mietshaus heraus. Im Treppenhaus roch es nach Essen.
Ein Mann kam ihm entgegen.
"Nanu, Frank! Was machst du denn hier?"
Ja, jetzt fiel es ihm ein. Bahnhofstraße 14, da wohnte dieser Schlappschwanz.
"Hallo Jürgen." Er zögerte. "Ich will jemanden besuchen. Eine Bekannte."
"Wen denn?"
"Im dritten Stock."
"Ach die! Die ist erst vor kurzem hier eingezogen."
Frank klopfte ihm auf die Schulter und stieg eilig die Stufen weiter nach oben.
Was dann geschah, wirkte zunächst wie eine kalte Dusche. Eine Frau öffnete die Wohnungstür, die so gar nicht seinen Vorstellungen entsprach. Sie trug graue Hosen, ein einfaches weißes T-Shirt, und ihr blasses Gesicht war ungeschminkt. Hätte sie nicht blonde Locken, würde er glauben, dass es diese Frau war, die ihn vor dem Sexshop und der Peepshow angesprochen hatte.
"Kommen Sie herein." Der Klang ihrer dunklen Stimme erschien ihm immer noch verheißungsvoll.
Mit wiegenden Schritten ging sie vor ihm her. "Möchten Sie vorher etwas trinken? Wasser vielleicht?"
"Ja, bitte." Die Frau ging hinaus. Frank sah sich um. Er bezweifelte, dass er in diesem dunklen, spärlich eingerichteten Raum die Pforten zum Paradies aufstoßen würde. Seufzend ließ er sich in einen Sessel fallen.
Das Wasser, das sie ihm brachte, war kalt und bitter, fast ungenießbar. Oder lag es an dem üblen Geschmack in seinem Mund? Doch er hatte Durst und stürzte es hinunter. Die Frau schenkte ihm nach.
Er gähnte. Lähmende Müdigkeit überfiel ihn mit einer Plötzlichkeit, die ihn überraschte. Es war ihm unmöglich, dagegen anzukämpfen. Er lehnte den Kopf nach hinten und schloss seine brennenden Augen.
Frank fuhr hoch. War er eingenickt?
Er wollte nach dem Glas greifen, aber es ging nicht wegen seiner gefesselten Hände. Er sprang auf und fiel in den Sessel zurück, denn seine Knöchel waren mit einer Schnur zusammengebunden.
Erst als er das kratzige Lachen hörte, bemerkte er, dass die Frau im Türrahmen lehnte.
Neben ihr stand Birgitta. "Na? Gefällt es dir, gefesselt zu sein?"
"Binde mich sofort los!"
"Immer mit der Ruhe." Die blonde Frau kam langsam auf ihn zu, bis ihre Beine seine Knie berührten. "Du wolltest doch die Pforten zum Paradies aufstoßen." Sie kicherte, spreizte ihre Beine und setzte sich rittlings auf seinen Schoß.
"Lassen Sie mich!"
Ihre kleine feste Hand legte sich auf seinen Mund. "Scht! Sei still! Das Paradies wartet."
Mit einem Mal krallten sich ihre Finger um seinen Hals und drückten zu. Er schrie, versuchte die Frau abzuwehren, aber sie hatte erstaunliche Kraft, er wand sich, trat um sich, so gut es ging, seine Augen quollen hervor, er bäumte sich auf. Doch es war sinnlos, er musste sich ihr überlassen und versank in Dunkelheit.

Die Frau lockerte ihren Griff. "Die Perlonschnur brauche ich nicht mehr", keuchte sie. "Das Schwein ist tot."
"Endlich hat der Mistkerl bekommen, was er verdient! Danke, Liebste, danke!"
Sie fielen sich in die Arme und küssten sich.
Birgittas Freundin lachte leise. "Er hat die Pforten zum Paradies aufgestoßen. Wie versprochen. Aber der Wohnungseigentümer wird über seine Leiche nicht sehr erfreut sein."
"Na und? Hauptsache, sie kommen uns nicht auf die Spur."
"Wie sollten sie? Ohne meine Kurzhaarperücke und mit Make-up wird mich niemand wiedererkennen. Und du hast ja ein gutes Alibi."
An der Wohnungstür läutete es.
Erschrocken sahen sie sich an.
Es schellte erneut, lang und anhaltend. Jemand klopfte. "Hallo? Alles in Ordnung? Hallo?"
Im Treppenhaus entfernten sich eilige Schritte.
"Was sollen wir bloß tun?"
"Ich fahre sofort zurück zur Vernissage", flüsterte Birgitta. "Und du wartest nicht, bis es dunkel geworden ist. Mach dich am besten auch gleich aus dem Staub."
Sie hörten Geräusche. Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt.
Die Frauen flohen in einen dunklen Nebenraum.
Die Wohnungstür ging auf. "Entschuldigung", rief Jürgen, "darf ich reinkommen? Ich hörte Schreie und Stampfen. Der Makler hatte mir einen Zweitschlüss..."
Sein Blick fiel auf den Sessel.
In diesem Augenblick öffnete Frank die Augen. "Hilfe", krächzte er, "Hilfe!"
Jürgen handelte sofort. Mit seinem Handy rief er die Polizei.

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