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Januar 2005
Niemand
von Chris Stone

Im Treppenhaus der großen Mietskaserne an der Hauptstraße treffen sich die Rentnerin Charlotte Altmann und die junge Verkäuferin Sonja Müller. Obwohl sie nur selten ein Wort wechseln, lassen sie sich diesmal auf ein längeres Gespräch ein.
“Kennen Sie die Leute aus 2C?”, fragt die Rentnerin, “Die sind vor ein paar Wochen eingezogen. Tag und Nacht schreit das Kind. Ich kann schon gar nicht mehr richtig schlafen!”
“Das tut mir leid.”, antwortet die Verkäuferin. “Aber nein, kennen tue ich sie nicht. Vor ein paar Tagen bin ich allerdings der Mutter begegnet. Eine spindeldürre Person. Sonderlich gesund sah sie nicht aus. Das muss von den Zigaretten kommen. Stellen Sie sich vor, sie raucht! Dabei hat sie doch das Baby!”
“Manche Menschen sind unmöglich.”, entgegnet Frau Altmann und schüttelt den Kopf. “Wie kann man seinen Kindern bloß so etwas antun?”
Während sie gemeinsam nach oben gehen, hören sie Kindergeschrei.
“Die Gören von ganz oben geben heute auch wieder keine Ruhe!”, schimpft die Rentnerin und verabschiedet sich von der Verkäuferin. Diese trifft im vierten Stock auf ihren direkten Nachbarn, den Nachtwächter Robert Hase. Sie begrüßt ihn freundlich und fragt ihn, warum er denn schon so früh auf wäre. Dieser antwortet ärgerlich: “Na, Sie hören’s doch! Die Kinder von oben waren doch schon laut genug, aber jetzt, die Neue! Da geht das ja Tag und Nacht drunter und drüber. Für die arbeitende Bevölkerung hat die doch keinen Sinn!”
“Ach, ist sie etwa arbeitslos?”
“Na, was denken Sie denn, so wie die aussieht!”

Eine Woche später trifft Charlotte Altmann auf den Pensionär Hubert Weiss. Dieser lädt Frau Altmann zu einem Kaffee in seine Wohnung ein. Sie unterhalten sich über Gott und die Welt und die neue Nachbarin.
“Mein Gott, haben sie diese Frau schon mal gesehen?”, empört sich Herr Weiss, “Wie die herumläuft! Die Kleidung, die sie trägt, ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Die sieht aus, als ob sie sie aus dem Müllcontainer geholt hat!”
“Wirklich?”, hakt Frau Altmann nach, “Ob das Kind genauso verwahrlost ist? Ich habe es ja noch nie gesehen, man hört es immer nur schreien.”
“Das Kind kann einem leidtun.”, meint Hubert Weiss und nimmt noch einen Schluck Kaffee.
“Das arme Ding kann doch nichts dafür.”, meint auch die Rentnerin, während sie einen Keks in ihre Kaffeetasse taucht. “Und wie ist das mit dem Vater, haben sie den auch gesehen?”
Der Pensionär verneint und das Gespräch wendet sich anderen Themen zu.

Wiederum ein paar Tage später trifft Nachtwächter Hase, der gerade von der Arbeit kommt, im Flur auf Hans Klausner, der auf dem Weg in die Fabrik ist.
“Dann wünsche ich Ihnen einen ruhigen Schlaf.”, sagt Herr Klausner zu Robert Hase.
“Na, im Moment ist’s ja noch ruhig!”, meint dieser, “in den letzten Tagen ging es ja.”
“Zum Glück!”

In der Mittagszeit betritt Hans Klausner zeitgleich mit dem Bankangestellten Martin Schwanke das Haus. Beide sind auf dem Weg zum Mittagessen bei ihren Familien.
“Tag.”, sagt Herr Klausner, “Wie geht’s?”
“Ganz passabel.”, antwortet Herr Schwanke, “Jetzt ist es ja zum Glück wieder etwas ruhiger im Haus. Vor drei Tagen habe ich mal fürchterlich an die Wand getrommelt. Dieses Geschrei hielt ja kein Mensch mehr aus!”
“Sie Ärmster wohnen auch noch direkt neben ihr!”, bedauert ihn der Fabrikarbeiter.
“Also mein Sohn hat nie so geschrien, als er noch ein Baby war. Die Frau muss ihr Kind total verziehen. Die sollte mal zur Elternberatung gehen!”, schimpft der Bankangestellte.
Hans Klausner erkundigt sich nach Schwankes Sohn. Dieser hat gerade mit seiner Fußballmannschaft einen Pokal gewonnen.
In Schwankes Wohnung wartet Ehefrau Gesine mit dem Mittagessen. Es gibt Lasagne. Sohn Thomas ist nicht zu Hause, er ist bei Freunden eingeladen.
Martin Schwanke erwähnt beim Nachtisch das Gespräch mit Nachbar Klausner.

Nachmittags, als die Hausfrau wieder allein in der Wohnung ist, nimmt sie ein Glas aus dem Küchenschrank, hält es an die Wand und lauscht. Sie hört ein Kind wimmern. Dann stellt sie das Glas zurück in den Schrank und schaltet den Fernseher ein, um ihre Lieblings-Gerichtsshow zu sehen.

Am Morgen des 16. März holt sich die Rentnerin Charlotte Weiss die Zeitung aus dem Postkasten. Bei ihrem Frühstückstee liest sie die Schlagzeilen:
Grausiger Fund in Schließfach 382
Gestern wurde am Hauptbahnhof unter Aufsicht der Polizei ein Schließfach gewaltsam geöffnet. Mitarbeiter der Reinigungskolonne der Bahn hatten sich zuvor über einen ungewöhnlich strengen Geruch beklagt.
Alle Beteiligten waren schockiert, als man die Sporttasche, die in dem Schließfach gefunden wurde, öffnete. Hierin befand sich die Leiche eines etwa vier Monate alten Säuglings.
Die spätere Obduktion ergab, daß das Kind an einem Schütteltrauma gestorben war. Der Körper des Kindes wies außerdem Spuren von älteren Mißhandlungen, sowie eine akute Unterernährung auf.
Nach der Mutter des Kindes wird derzeit gefahndet.
Wer Hinweise zur Aufklärung dieses Verbrechens geben kann, wendet sich bitte an die örtliche Polizeidienststelle.

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