Burgturm im Nebel
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"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Januar 2005
Schließfach 382
von Ella Jung

„Verdammt, jetzt geh da rein!“ Christian Bartels gibt seiner Reisetasche einen letzten Stoß. „Na endlich.“ Müde zieht er den Schlüssel aus dem Schloss des Schließfachs und steckt ihn in die Hosentasche. Er hat das letzte freie Fach erwischt. 'Vielleicht sollte ich mich darüber freuen, wäre wenigstens etwas Gutes in meinem Leben', denkt Christian und reibt sich mit der Hand die brennenden Augen. „Schließfach drei acht zwo, Schließfach drei acht zwo, Schließfach drei acht zwo....“ murmelt er, während er sich umdreht und nach wenigen Schritten die Bahnhofskneipe betritt.

Christian nimmt an einem Tisch am Ende des Schankraumes Platz und bestellt einen Kaffee und ein Wasser. Sein Zug geht in drei Stunden. Er will einfach nur noch raus, weg aus seinem Leben.

Gedankenverloren malt Christian mit dem Zeigefinger die Zahl des Schließfachs auf den Tisch. 'Drei acht zwei. Schöne Zahlen eigentlich,', denkt er, 'kann man sicherlich eine Eselsbrücke draus bauen'.

Plötzlich stutzt Christian. Er überlegt kurz, dann stößt er ein überraschtes Lachen aus. Die Zahlen ergeben in Buchstaben umgesetzt seine Initialen: Christian Henning Bartels. Das Schließfach scheint für ihn bestimmt.

Er kramt in seiner Jacketttasche und zieht einen Stift hervor. Dann greift er nach einem Bierdeckel und notiert:

Drei acht zwei. Der dritte Monat im Jahre zweiundachtzig.
Christian verlässt kurz vor dem Abitur die Schule, will etwas von der Welt sehen. Er geht für ein halbes Jahr mit einem Kumpel nach London. Dort wohnen sie bei der Tante seines Freundes und halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Viel brauchen sie nicht. Für ihn ist es eine tolle Zeit. Wann hat er bloß diese Unbeschwertheit verloren?

Zwei Dreiundachtzig. Im Februar dieses Jahres macht er seinen Führerschein. Damit verbunden das erste Auto: ein VW Käfer. Oft fährt Christian mit seinen Freunden am Wochenende zum Campen in den Bayerischen Wald. Er hat als erster den „Lappen“ und ist der ungekrönte Held.

Achtunddreißig zwei. Vor zwei Jahren wurde er achtunddreißig. Letzte Woche nun erreichte er die vierzig und auf einer Glückwunschkarte stand: 'Die wilden Zeiten sind vorbei'. Er kann nicht darüber lachen.

Achtundzwanzig drei. Der Geburtstag seiner Frau. Sie lernen sich mit Ende zwanzig kennen. Ganz altmodisch auf der Feier eines Kumpels. Therese fällt ihm sofort auf. Ihr Haar, die Haltung, ihre schlagfertigen Antworten und dieses Lächeln. Wohin ist das eigentlich verschwunden? Früher haben sie so viel gelacht und stundenlang geredet. Heute sitzt er abends vor dem Fernseher, während Therese im Schlafzimmer liest.

Drei. Seine Frau und er erfüllten sich vor drei Jahren den Wunsch nach einem Eigenheim. Die Last der Rückzahlung ruht auf seinen Schultern und manchmal drückt sie ihn schier zu Boden.

Zwei. Seine beiden Söhne. Er ist sehr stolz auf sie. Was wohl einmal aus ihnen werden wird?

Acht. Seit so vielen Jahren ist er mit Therese verheiratet. Ihre Hochzeit war traumhaft. Ganz zu schweigen von den Flitterwochen.

Christian nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und merkt, dass er zum ersten Mal an diesem Tag lächelt. Therese ist für ihn die Frau seines Lebens. Wie hat er das nur vergessen können?

Zweiunddreißig. Das Alter, in dem er endlich die lang ersehnte Beförderung erhält. Er steigt zum Teamleiter auf. Man schätzt ihn und ihm gefällt die neue Herausforderung. Einzig sein Vorgesetzter macht ihm das Leben schwer. Es wird Zeit, sich endlich durchzusetzen.

Dreiundzwanzig acht. An diesem Datum gewinnt er die Stadtmeisterschaft im Dartspielen. Für ihn ist Dart ein ernstzunehmender Sport und im Laufe der Jahre hat er mit seinem Team an vielen Wettkämpfen teilgenommen und einige Preise gewonnen. Ihm gefällt die Konzentration, die man für einen guten Wurf benötigt. Und das Bier nach dem Spiel mit seinen Freunden. In den letzten Monaten hatte er keine Zeit für sein Hobby. Die Arbeit frisst ihn auf. Das muss sich ändern, seine Kumpels und der Sport fehlen ihm.

Drei plus acht plus zwei. Zwölf Frauen hat es vor Therese gegeben. Er hat einmal in einer Zeitschrift gelesen, dass Nummer dreizehn der Partner fürs Leben ist. Für ihn trifft das zu.

Christian winkt der Bedienung. „Ich möchte bitte zahlen.“ Während sie das Rückgeld raussucht, steckt Christian den vollgeschriebenen Bierdeckel in seine Jackentasche.

Er muss nicht auf den Schlüssel gucken, um die Nummer seines Schließfachs zu wissen. 'Wie viel Bedeutung drei kleine Zahlen für einen Menschen haben können', denkt er, als er seine Reisetasche an sich nimmt. „Kommt, ihr Klamotten, wir gehen nach Hause.“ sagt Christian laut. Dann sieht er sich um und lächelt.

Neben ihm schiebt eine alte Frau ihren Koffer in das Schließfach mit der Nummer vier sieben neun. Vielleicht Dora Gerda Ilvers ...

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