Ganz schön bissig ...
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Februar 2005
Menü des Tages
von Sigrid Wohlgemuth

Der Gast verließ mein Büro, im Hotel Anthi. Ich griff zum Telefon.
„Heute Abend wird es später“, seufzte ich in die Muschel und spielte mit dem Kabel.
„Schon wieder, Doris?“ Vasilis Stimme klang alles andere als erfreut.
„Hochsaison! Die Touristen möchten Jeeps! Ich habe nur vier und brauche für morgen sechs. Also, muss ich sie von der Stadtstation holen.“ Das Rauschen des Meeres drang durch den Hörer. Vasilis befand sich auf Fischfang.
„Kannst du die Touristen nicht auf einen anderen Tag vertrösten? Du arbeitest zu viel!“
„Du weißt doch, Urlauber möchten alles sofort und es darf nichts kosten! Ich bereite in der Mittagspause das Essen für heute Abend vor und wärme es später auf. Einverstanden?“
„Mir bleibt ja nichts anderes übrig.“
„Hast du schon Fische gefangen?“
„Ich bin gerade erst fertig mit dem Auslegen der Köder. Der gestrige Wind hat das Meer ziemlich aufgewühlt.“
„Hängen an den Haken wieder die holländischen Makrelen?“„Lästere du ruhig, die haben uns schon so manchen Schwertfisch eingebracht.“
„Gut Fang!“
„Fahr vorsichtig!“
Ich legte den Hörer auf. Mein Blick fiel auf das Werbeplakat.
Den Tipp: „Erlebe das ursprüngliche Kreta“ hätte ich besser nicht in meiner Broschüre schreiben sollen. Eigenverschulden!
Die Hausarbeit blieb liegen. Zum Glück hatte ich für die Wäsche meine vollautomatische Bügelmaschine – den Wind von Kreta, sonst würde ich überhaupt nicht fertig werden. Das Kochen ging nicht so einfach über die Bühne. Allein schon der Gedanke grauste mir, in der Mittagshitze bei vierzig Grad im Schatten in meiner kaum überdachten Küche zu stehen und das Abendessen vorzubreiten, statt ins Meer zu springen und mich danach von der Sonne trocknen zu lassen.
Zu dem Zeitpunkt, als ich für den Job zugesagt hatte, wusste ich nicht, dass ausgerechnet in der Hochsaison unser Haus voller Besucher sein würde. Die Familie! Tagsüber lagen sie am Strand und abends wurde ein typisch griechisches Essen erwartet. Schließlich hatte sich jeder von ihnen den Urlaub verdient und wollte bedient werden.

Frauenpower! Ich verließ das Hotel und fuhr nach Hause in die Sauna-Küche. Nun gut, andere legten für einen Saunatag reichlich an Euros hin, ich jedoch genoss es in der Küche kostenlos. Der Gedanke tröstete mich nur kurz.
Es sollte „Doris Zucchini Spezialität“ geben. Ich hatte es am Vorabend angekündigt und der Familie damit den Mund wässerig gemacht. Vasilis war noch beim Fischen, als ich meine Zucchinis pries.
Schnell schlüpfte ich in luftige Kleidung, setzte das Käppchen auf, damit ich keinen Sonnenstich bekam. Und los ging es.
Meine Katzen, die im Schatten der Mauer lagen, hoben im Zeitlupentempo den Kopf und blinzelten mir aus halb geöffneten Augen zu.
Was die wohl denken?
Die Katzen! Blitzartig fiel mir ein, dass ich für sie auch etwas kochen musste. Sie bekamen selten Dosenfutter. Diese Zubereitung ging schnell vonstatten. Drei Päckchen Hähnchenleber und Reis in den Topf, ein Schuss Olivenöl - gut fürs Fell -, Wasser und auf die Herdflamme. Erledigt!
Für die Familie war das schon schwieriger. Im Kühlschrank warteten Zucchinis auf ihre Zubereitung. Schwiegerpapa hatte sie versehentlich zu groß wachsen lassen, um sie noch verkaufen zu können. Nach zwei Stunden war ich fix und fertig, mein Küchenkleid durchnässt, das Gesicht gerötet und ölig vom Frittieren. Töpfe, Pfannen und Kochbesteck lagen im Becken und benötigten ein Wasserbad. Spülen ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung. Frauenpower! Spülen, aufräumen, duschen und wieder zurück ins Büro.

Noch aalten sich die Hotelbesucher am Strand und ich hatte Ruhe, mich einem kurzen Tagtraum hinzugeben.
Wäre es nicht schön, wenn sich die Hausarbeit von ganz alleine erledigen würde? Mein heimlichster Wunsch, einen Hausmann!
Ich stellte mir vor, wie ich erschöpft von der Arbeit nach Hause komme. Der Liebste würde mich an der Haustüre erwarten, mich auf seinen starken Armen zum Rattanliegestuhl tragen, die müden Füße massieren und mir einen Vitamindrink reichen; der Tisch ist gedeckt, das Essen frisch zubereitet ...
„Haben Sie für morgen noch einen Jeep?“
Ich wäre vor Schreck bald vom Stuhl gefallen.
„Wäre es Ihnen auch übermorgen Recht?“ Ich setzte mein Verkaufslächeln auf.
„Nein! Die anderen fahren morgen und wir möchten auch zum einsamen Strand!“
„Ich frage im Hauptbüro nach.“
Könnten die nicht alle zusammen fahren? Genervt wählte ich die Nummer. Die hungrige, verwöhnte Familie würde noch länger auf mich warten müssen.

Ich trat auf die Bremse und brachte den Jeep vor meinen Besuchern zum stehen. „Wohin geht ihr?“
„Spaziergang ins Dorf, kommst du mit?“
„Habt ihr denn keinen Hunger?“
„Wir haben schon gegessen. Vasilis hat das Essen aufgewärmt. Er kümmert sich noch schnell um den Abwasch, dann kommt er nach.“
„Vasilis hat das Essen aufgewärmt und spült jetzt?“ Hatte er einen Sonnenstich?
„Ja. Aber morgen kochst du uns deine Spezialität. Wir hatten uns heute schon darauf gefreut!“

Mir blieb die Antwort im Hals stecken.
„Geht’s dir nicht gut?“
„Doch, doch. Viel Spaß im Dorf ich leg mich bald schlafen.“
Sie winkten mir zu und gingen die Straße hinunter. Ich trat aufs Gaspedal, machte nach zweihundert Metern eine Vollbremsung und sprang vom Sitz. Mit letzter Kraft rannte ich den kleinen Hügel hoch und stand atemlos in der Küche.
„Da bist du ja endlich. Komm, setz dich. Hast du Hunger?“
Ich ließ mich auf den Rattansessel fallen, streifte die Schuhe von den Füßen und starrte auf die Reste, die sich auf den Tellern befanden.
„Sweety, du siehst ziemlich erschöpft aus.“ Vasilis räumte den Tisch ab. Ich fächerte nach Luft.
„Soll ich dir einen Orangensaft pressen?“ Er gab mir einen Kuss.
„Wieso geht mein Tagtraum ausgerechnet heute in Erfüllung?“
„Wovon hast du denn geträumt?“
Ich winkte ab.
„Vasilis, hast du die Katzen gefüttert?“
„Ja!“
„Was haben die Katzen zu fressen bekommen?“
„Ich weiß nicht, so eine grün-weiß-rote Pampe.“
Ich schlug mir mit der Hand vor die Stirn und versank tiefer im Stuhl.
„War ein harter Tag für dich. Musst du morgen wieder länger arbeiten?“
„Ja, und der Familie „Doris Zucchini Spezialität“ kochen.
„Das freut mich, dass deine Familie Zucchinis mag. Ich kann dir ja morgen wieder helfen.“
Ich ließ meinen Tränen freien Lauf.
„Sind das Freudentränen, weil ich dir die Arbeit abgenommen habe? Übrigens, war wirklich lecker, was du für uns gekocht hast. Ein neues Rezept?“ Vasilis setzte sich neben mich.
Ach, Honey Bonny, wenn du wüsstest! Ich schmiegte mich an seine Brust.

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