Honigfalter
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Februar 2005
Traum
von Thom Delißen

Er ging, schlenderte, die HĂ€nde lĂ€ssig in den Taschen seines weiten, KaftanĂ€hnlichen Mantels gesteckt, gemĂŒtlich mit der Menge der Menschen auf der belebten Bazarstraße mit, ließ sich treiben.
Sein sonnengebrĂ€untes, jungenhaft schmales Gesicht mit den zusammen-gekniffenen Augen schien zu lĂ€cheln, glĂŒcklich wie ein Kind an seinem Geburtstag.

Er vermeinte das sekundenschnelle Ticken der Uhr in der Innentasche des Mantelumhanges zu hören, und jede Sekunde ließ ihn euphorischer werden.
„Insch Allah!“ dachte er, und sein LĂ€cheln wurde noch eine Spur breiter.
Er hielt an einem der vielen kleinen StĂ€nde am Straßenrand und kaufte einem zahnlosen alten Greis, der ohne FĂŒĂŸe, auf einem Brett vor seiner winzigen Verkaufstheke saß, ein StĂŒck klebrigen tĂŒrkischen Honig ab.
Wortlos nahm der alte Mann die MĂŒnzen, ohne Worte gab der junge Mann sie ihm, doch ein leichter Schatten dĂŒsteren Denkens flog beim Blick auf die StĂŒmpfe ĂŒber seine GesichtszĂŒge,
Schnell war die trĂŒbe Stimmung vorbei, stand er da, hörte wie von Ferne das Rauschen des Treibens im Bazar, die Rufe der HĂ€ndler, die Hupen der Motorradrikschas.
Und die Uhr, der Sekundenzeiger, er fĂŒhlte sie.
Tick.
Tick.
Tick.
Ungewollt zuckte er unter einem Schauer zusammen, es war als ob ihn fröstelte.
Unbeschreiblich. Schön.
Er genoss es mit einem leichten Seufzer.
Er ging langsam weiter, saugte an dem Honigriegel, leckte sich die verschmierten Lippen.
Da vorne sah er das Schild der Bushaltestelle.
Dicht gedrÀngt die Menge der wartenden Menschen, Frauen, Kinder, Greise, Soldaten, Babys.
Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Schneller als die Uhr jetzt.
Pabumm. Pabumm. Pabumm. Pabumm.
Das Blut pulste in seinen Adern, in all seinen Adern.
Er war nach etwa 100 Metern wieder stehen geblieben, seine Gedanken irgendwo, zur höheren Ehre des AllmÀchtigen, was ist ein Leben wert, der heilige Krieg, Tod allen UnglÀubigen, Tod allen Juden, wie schön werden die Huris sein, die mich empfangen, Insch Allah, Allah uh akbar.

Und dann war da auf einmal die Frau, die mit ausgestrecktem Zeigefinger, wie böse, auf ihn deutete, auf seine Körpermitte, wo sich der Kaftan unter einer mÀchtigen Erektion bauschte.
Er begriff, meinte zu begreifen.
Sie kreischte, die alte Hexe, hĂŒpfte auf der Stelle.
Erkannt. Sie wussten um sein Vorhaben.
Doch was war das? Sie lachten ihn aus! Die MĂ€nner, brĂŒllend vor lachen, schlugen sich auf die Oberschenkel, die Frauen kichernd, die HĂ€nde vor dem Mund.
Jetzt erst sah er an sich hinab, wurde blass vor Scham.
UnertrÀglich. Das war unertrÀglich.
Gehetzt wie ein gejagtes Reh sah er um sich, grinsende Grimassen, weiße Zahnreihen in lachenden MĂ€ulern.
Seine Erektion schwoll noch an.
Die Uhr.
Tick.
Tick.
WidersprĂŒchliche Intentionen.
Die Pflicht.
Die Panik.
Der Prophet.
Die Kinder auf dem Schulhof.
Weg hier!
Fort aus dieser schmachvollen Situation, Insch Allah.
Der Sekundenzeiger.
Sein Skrotum tat ihm weh.
Er fing an zu laufen.
Grölend schienen die Menschen hinter ihm her zu sein, ihn zu verfolgen, der LĂ€rm des Bazars wie eine Welle, die ĂŒber ihm zusammenschlagen drohte.
Taumeln.
Laufen.
Empörte Rufe.
Alles war so verworren.
Er musste doch den Bus...
Nein.
Nicht.
Nicht hier.
Dort.
Die BrĂŒcke.
Das lehmig braune Wasser des Flusses.
Er schrie jetzt. Ein unverstÀndliches Gurgeln, doch laut.
Diese Augen alle!
Diese erstaunten MĂŒnder, die ihn verfolgten.
Und die Sekunden. Die letzten Sekunden.
Er griff an das hölzerne GelĂ€nder, verharrte einen Hauch lang und ließ sich dann vornĂŒber fallen.
Er fĂŒhlte noch das Wasser ĂŒber sich, doch die Feuchtigkeit erreichte ihn nicht mehr.
Die Bombe, die mit Klebeband an seinen Oberkörper befestigt war, zerriss nur ihn, ein paar unverdrossene Fischlein, erzeugte eine kleine FontÀne und fÀrbte das Wasser in einem etwas dunkleren Braun.
Insch Allah.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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