Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Februar 2005
Alter schĂŒtzt vor Torheit nicht
von Anke Michels

Herbert – oder Harry, wie ihn hier alle nannten – schmierte sich seinen wohlgeformten Körper mit Öl ein. Das brachte die Muskeln besser zur Geltung. Dann zog er sich die enge dreiviertellange schwarze Stretchhose an. Darauf kam das feuerrote Muskelshirt, das gut kontrastierte mit seiner braungebrannten Haut. Zum Schluss bĂ€ndigte er seine wallende weiße MĂ€hne in einem Pferdeschwanz und war bereit fĂŒrs Training. Ein letzter prĂŒfender Blick in den Spiegel und es konnte losgehen.
Mit stolzgeschwellter Brust schritt Harry aus der Umkleidekabine in den Trainingsraum. Das Muskelshirt und die enganliegende Sporthose rĂŒckten optimal den wohlgeformten Körper ins rechte Licht. Trotz seiner siebenundsechzig Jahre brauchte er sich nicht zu verstecken. Das bestĂ€tigten ihm die bewundernden Blicke der Frauen, die einen Moment in ihrem Training innehielten, um ihn zu betrachten. Und natĂŒrlich die neidischen Nicht-Blicke der MĂ€nner, die bewusst in eine andere Richtung schauten und sich eifrig auf ihr Training konzentrierten.
Er war einer der besttrainierten MĂ€nner im Studio. Konkurrenz in seiner Altersklasse gab es nicht. Die meisten Rentner waren in seinen Augen Schlaffis, die sich sowieso nicht in Fitness-Studios trauten. Ihre einzige sportliche Herausforderung bestand darin, mit dem Hund Gassi zu gehen und den MĂŒll vor die TĂŒr zu schleppen.
Harry war in diesem Punkt völlig anders. Er hatte den Hund abgeschafft, weil dessen Pflege ihn zu viel Zeit gekostet hatte. Zeit, die Herbert im Fitness-Studio viel sinnvoller nutzen konnte. Und wo er schon dabei war, hatte er sich gleichzeitig auch von seiner Frau getrennt. Herta hatte ihn einfach zu sehr gebremst. SpaziergĂ€nge und SonntagstanzcafĂ©, mit diesen Alte-Leute-AktivitĂ€ten konnte sie sich jetzt alleine vergnĂŒgen. Er hatte besseres zu tun. Einen solchen Waschbrettbauch bekam Mann schließlich nicht vom Faul auf der Couch sitzen und teilnehmen am SeniorenbeschĂ€ftigungsprogramm. Und je Ă€lter Mann wurde, desto mehr Energie musste er natĂŒrlich darauf verwenden, diese wohlgeformten Muskeln zu erhalten. Ganz zu schweigen von Hertas KochkĂŒnsten. Eisbein, Sauerbraten, SemmelklĂ¶ĂŸe und Ă€hnliches – damit hatte sie eindeutig seine FitnessbemĂŒhungen sabotieren wollen. Sollte sie sich doch einen anderen Rentner suchen. Die meisten wĂ€ren mit Sicherheit ĂŒberglĂŒcklich darĂŒber, sich von ihr mĂ€sten zu lassen.
Harry jedoch hatte eine Mission: Seinen Körper in Bestform zu bringen. Aus dem ihm von Gott gegebenen Material das beste herauszuholen.
Mit eisernem Training schaffte er es, mit viel jĂŒngeren Fitnessenthusiasten mitzuhalten. Nicht zu reden von den schwabbeligen Jungspunden, die ab und an auftauchten, hauptsĂ€chlich nach Sylvester, dem Tag der ĂŒbergroßen VorsĂ€tze. Sie wollten ihre schlaffen Körper wieder in Form modellieren. Allerdings hatten die wenigsten Durchhaltevermögen. Die meisten verschwanden nach wenigen Tagen wieder aus dem Studio.
Einfach nichts gewohnt, die Jugend heutzutage. Inzwischen hatte Harry einen Blick fĂŒr solche Typen entwickelt. Schon nach einer halben Stunde konnte er sagen, wer Studiomaterial war und wer nur fĂŒr kurze Zeit die GerĂ€te blockieren und dann als Karteileiche enden wĂŒrde.

Das Laufband war die erste Station seines Trainings. Zehn Kilometer laufen, natĂŒrlich mit ein bisschen eingebauter Steigung, als lockerer Einstieg in sein Programm.
Danach folgte das GerĂ€tetraining. Ein ausgeklĂŒgeltes, auf fĂŒnfundsiebzig Minuten ausgelegtes Programm, das sicher stellte, das jeder Muskel seines Körpers optimal trainiert wurde.
Zum Abschluss Training mit freien Gewichten. Nur so zum Spaß. Und natĂŒrlich, weil sie eine optimale Gelegenheit boten, den anderen zu zeigen, wie viel er stemmen konnte. WĂ€hrend des GerĂ€tetrainings fiel das ja leider nicht so auf. Aber wenn er seine einhundert Kilo stemmte, dann spĂŒrte er förmlich, wie die bewundernden Blicke der anderen auf ihm ruhten.
Als Belohnung fĂŒr das Training gönnte er sich hinterher immer einen Proteindrink an der Bar. NatĂŒrlich auch, um den jungen MĂ€dels die Gelegenheit zu geben, ein GesprĂ€ch mit ihm anzufangen. Er hatte es schon lange nicht mehr nötig, das selbst zu tun. Er war eine Institution und die Fitness-MĂ€uschen, die nicht mal halb so alt waren wie er, stritten sich förmlich um die Hocker an seiner Seite.
„Harry, darf ich mal deinen Bizeps anpacken?”
NatĂŒrlich durfte die sĂŒĂŸe Sandy das. Sie sah wieder zum Anbeißen aus. Ihre knackige Figur steckte in einem pinkfarbenen Trainingsoutfit, bei dem der Designer krĂ€ftig an Stoff gespart hatte.
„Wow, das fĂŒhlt sich klasse an. Candy wollte mir einen BĂ€ren aufbinden und hat behauptet, dass du schon dreiundsechzig bist. Aber das stimmt ja wohl nicht, oder?“
Herbert konnte sein zufriedenes Grinsen kaum unterdrĂŒcken.
„Nein, das stimmt wirklich nicht. Ich werde dieses Jahr achtundsechzig Jahre jung.“
FĂŒr einige Sekunden blieb ihr Schmollmund in stummem Erstaunen offen stehen.
„Wow, und ich hatte gedacht, du wĂ€rst erst fĂŒnfzig. Höchstens!“
Dieses Kompliment ging Herbert runter wie das Körperöl, mit dem er sich eben eingeschmiert hatte.
„Du, Herbert, die Candy hat auch gesagt, dass du ein tolles Auto hast. Du könntest mich wohl nicht nach Hause fahren, oder? Ich wĂŒrde darin nĂ€mlich sooo gerne mal mitfahren.“
„NatĂŒrlich, meine SĂŒĂŸe. Ich dusch‘ mich schnell und dann machen wir zwei eine kleine Spritztour.“

Zehn Minuten spĂ€ter kam er frisch frisiert und wohlriechend zurĂŒck und fĂŒhrte Sandy zum Auto. Sein ganzer Stolz, ein knallroter Sportflitzer – ein Cabrio. Ganz Gentleman der alten Schule öffnete er fĂŒr Sandy die TĂŒr. Dann ging er hinĂŒber zur Fahrerseite und sprang lĂ€ssig ĂŒber die geschlossene TĂŒr auf den Sitz.
Mit quietschenden Reifen fuhr er los. Auch Sandy quietschte vor VergnĂŒgen. Er wusste, wie er die MĂ€dels beeindrucken konnte.
Mit Vollgas die Straße entlang, der Wind wehte durch seine weiße MĂ€hne. Er legte den rechten Arm um Sandy und steuerte den Wagen cool mit einer Hand. Einer seiner leichtesten Übungen, auch bei hoher Geschwindigkeit. Sandy kuschelte sich an ihn.
Plötzlich spĂŒrte er, wie sich ihre Hand an seiner Hose zu schaffen machte. Sie öffnete den Reißverschluss und ...

“Herbert, deck’ doch schon mal den Tisch. Das Essen ist gleich fertig. Und danach musst du noch mit Waldi raus.”
Die Stimme seiner Ehefrau ließ ihn hochschrecken. Da war er wohl im Sessel ein wenig eingeschlafen. Der Bodybuilding-Wettbewerb, den er im Fernsehen angeschaut hatte, war inzwischen zu Ende.
“Ich komme sofort”, grummelte er.
Er strich sich die schĂŒtteren Haare zurecht und hievte sein Gewicht aus dem Sessel hoch. Frustriert klopfte er auf den runden Bauch, der leider mehr an eine Waschtrommel als an ein Waschbrett erinnerte, und sagte zu ihm: “Ab nĂ€chster Woche machen wir DiĂ€t. Und gehen ins Fitness-Studio. Mit ein bisschen Training können wir so aussehen, wie die Kerle im Fernsehen.”
Aber jetzt erst mal eine Portion von Hertas leckerem Eisbein mit Sauerkraut.

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