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Februar 2005
Das Meisterstück
von Andreas Petar

„Was tust du da?“
Gott war erstaunt, wie sich seine Worte in der weiträumigen Werkstatt zu einem donnernden Hall erhoben. Die steinernen Wände waren gesäumt von Regalen, die Soldaten gleich in Reih und Glied aneinander standen. In den Regalböden türmten sich die verschiedensten Utensilien: Seltsames Werkzeug, daneben Flaschen und Töpfe mit obskurem Inhalt. In der Mitte der Werkstatt schwebte eine gewaltige Kugel, die sich bläulich schimmernd langsam um ihre Längsachse drehte.
„Ich bastle ein bisschen, Vater.“ Jesus hatte sich mittlerweile von der Werkbank erhoben.
„Und was soll das sein?“, fragte Gott und kraulte seinen wallenden Bart.
„Ich habe mir was überlegt“, erklärte Jesus stolz. „Deine Erde ist ja grundsätzlich nicht schlecht, aber leider zu langweilig.“
Jesus ging zu der im Raum schwebenden Kugel.
„Da gibt es viele Kontinente, Meere, tolle Pflanzen und Tiere, aber irgendwas fehlt.“ Er gab der Kugel einen leichten Schubs, was den afrikanischen Kontinent um einige Millimeter verschob und eine Horde Zebras an der Westküste kurz straucheln ließ.
„Deshalb habe ich etwas gebaut, um mehr Leben auf die Erde zu bekommen.“ Stolz präsentierte er Gott eine kleine Figur. Auf den ersten Blick schien sie ihm und seinem Vater ähnlich, doch beim näheren Hinsehen bemerkte man, dass wesentliche Merkmale neu waren. Andere Teile wurden entfernt. Die Figur hatte keinen Bart, dafür aber zwei Ausbuchtungen im Brustbereich. Der Unterleib war komplett anders.
„Was soll denn das sein?“ fragte Gott und nahm die Figur in Augenschein. Er hielt sie unter das gleißende Licht der Arbeitslampe, er begutachtete sie im allumfassenden Licht, das er kurzerhand erschuf, er untersuchte sie im Glanz der schimmernden Sonne, welche die Erde beleuchtete. Schließlich stellte er die Figur auf die Werkbank.
„Das ist eine ‚Frau’“, sagte Jesus und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. „Habe ich selbst gebaut.“
„Nicht schlecht, mein Sohn, nicht schlecht“, sagte Gott. „Ein schönes Design, aber funktioniert sie auch?“
Jesus wurde rot. „Ich habe sie noch nicht getestet. Das wollte ich später machen.“
„Das ist äußerst wichtig“, mahnte Gott. „Das vergisst du oft, mein Sohn. Erinnere dich an die Berge, die du für die Erde gebaut hast. Ständig explodieren sie. Da hilft es auch nicht, sie statt Berge Vulkane zu taufen. Oder die tektonischen Platten, die du falsch zusammengesteckt hast. Seitdem gibt es in Kalifornien immer Erdbeben. Von dieser Insel, die gleich untergegangen ist, will ich gar nicht erst anfangen. Wie hieß sie noch mal? Einlandnis? Ardbandis?“
„Atlantis“, entgegnete Jesus gereizt. „Und das war ein Versehen. Ich hatte zuviel Sand genommen.“
„Schade war es trotzdem. Ausgerechnet dort hatte ich meine Einhörner weiden lassen. Die sind nun auf hinüber.“
„Aber meine ‚Frau’ ist doch wirklich nicht schlecht, oder?“, verteidigte sich Jesus.
„Ja, das sieht ganz gut aus.“ Gott betrachtete erneut die Figur. „Woher hast du eigentlich das Material dafür?“
„Ich habe ein Stück von dem Prototypen da hinten genommen.“
Jesus ging zu einer Glasvitrine, indem diverse Dinge auf ihren späteren Einsatz warteten.
Gottes Gesicht lief Puterrot an, eine Farbe übrigens, welche nach einem Tier benannt war, das er noch gar nicht erschaffen hatte.
„Von dem hier?“, rief er und sein Grollen ließ die Flaschen und Töpfe in den Vitrinen vibrieren.
„Äh, ja“, gab Jesus kleinlaut zurück. „War das schlimm?“
“Ob das schlimm war?“ Mittlerweile war das Puter- einem Krebsrot gewichen (ein weiteres Tier, das seiner Erschaffung harrte). „Und ob das schlimm war. Das ist mein Meisterstück. Ein Meilenstein. Meine wahrhaft göttlichste Leistung!“
„Aber ich habe doch nur ein kleines Stück genommen.“ Jesus schien kleiner und kleiner zu werden. Mit gesenktem Kopf stand er vor der Werkbank und setzte einen reumütigen Blick auf. „Tut mir leid“, flüsterte er kleinlaut.
„Das fehlende Stück war ein zentrales Objekt im Grundgerüst. Du hast eine Rippe rausgerissen!“
Wutentbrannt drosch Gott auf die gewaltige Kugel namens Erde ein. Die Wucht seiner Schläge trennte England von Europa und einige der von Jesus entworfenen Berge explodierten.
„Ich habe eine Idee“, murmelte Jesus schuldbewusst. „Wie wäre es, wenn du deinen Prototypen zu Ende baust und wir ihn zusammen mit meiner ‚Frau’ auf die Erde setzen?“
Gott ließ von der Erde ab. Um seinen Puls zu normalisieren erschuf er auf die Schnelle Neuseeland und die Kapverdischen Inseln. „So sei es, mein Sohn“, seufzte er. „Du musst mir aber dabei helfen.
Nichts wäre Jesus lieber gewesen. Das schlechte Gewissen nagte an ihm und so stand er seinem Vater tatkräftig zur Seite.
Gott begann das klaffende Loch der fehlenden Rippe wieder zu füllen. Nachdem das Grundgerüst stand, begann er die Figur mit den verschiedensten Eigenschaften zu füllen.
„Jesus, gibst du mir mal die Intelligenz?“
Jesus streckte sich, um an den Topf im obersten Fach eines Regals zu gelangen. Eilig lief er zurück zur Werkbank, an der sein Vater konzentriert seine Arbeit verrichtete. Gott nahm den Topf und füllte gewaltige Löffel der zähen Masse in die Figur.
„Ist das nicht zuviel, Vater? Ich habe da nur eine kleine Prise für meine ‚Frau’ genommen?“, fragte Jesus erstaunt.
Gott hob den Kopf und zog eine Augenbraue hoch. „Schau mir bitte genau zu. Du musst noch viel lernen, mein Sohn.“
Gott füllte die Figur mit Geschick, Charme, Eloquenz, Ehrlichkeit und weiteren Inhalten. Jesus schaute genau zu und fühlte sich immer wieder ertappt. Gab Gott einige Tropfen Redseligkeit hinzu, erinnerte er sich die halbe Flasche in seine ‚Frau’ geleert zu haben. Nahm Gott einen kräftigen Schwung Geschick für sein Werk, wurde Jesus klar, dass die Messerspitze, die er seinem Werk spendiert hatte, wohl zu wenig war.
Schließlich begann Gott mit der Ausarbeitung der Details. Er war so vertieft in seine Arbeit, dass Jesus beschloss, ihn alleine zu lassen. Er ging auf sein Zimmer.
Am nächsten Morgen schlurfte er schlaftrunken in die Werkstatt.
„Guten Morgen, Vater“ gab er müde von sich. „Wie kommst du voran?“
„Ich bin fertig!“, frohlockte Gott und hielt stolz seine Arbeit in die Luft. „Hier ist es, das Beste, was ich je geschaffen habe!“
Jesus rieb sich den Schlaf aus den Augen. Er traute seinen Augen nicht. Das war tatsächlich die brillanteste Arbeit, die er je gesehen hatte. Die Figur ähnelte seiner ‚Frau’, war aber weitaus besser in Form und Verarbeitung. Das Gesicht war filigran herausgearbeitet und benötigte keine weiteren Malarbeiten (Bitter erinnerte sich Jesus an die Stunden, die er mit Bepinseln der Wangenregion seiner ‚Frau’ verbracht hatte). Der Körper war wohlproportioniert; man erkannte auf Anhieb die perfekte Planung. Aus den Augen der Figur sprühten die herrlichen Eigenschaften, mit der Gott sie zuvor liebevoll befüllt hatte. Jesus war baff.
„Das IST ein Meisterstück, Vater! Wie willst du dieses Wesen nennen?“
Gott strahlte. „Ich habe lange hin und her überlegt um einen passenden Namen für dieses wahrhaft göttlichste aller göttlichen Geschöpfe zu finden.“
Gott machte eine, wie er fand dramaturgisch wichtige Pause.
„Und ich bin fündig geworden. Ich werde es ‚Mann’ nennen. Ein perfekter Name für ein perfektes Geschöpf.“
„‚Mann.’“ Ehrfürchtig begann Jesus mit dem Kopf zu nicken. „Ein wirklich passender Name für diese außerordentlich gelungene Schöpfung.“ Plötzlich lief er los und kramte in seiner Rumpelkiste. „Und jetzt tun wir deinen ‚Mann’ und meine ‚Frau’ auf die Erde, ja?“
Freudestrahlend hielt er seine Bastelarbeit hoch.
„Versprochen ist versprochen“, seufzte Gott und nahm mit spitzen Fingern die dilettantische Arbeit seines Sohnes, um sie zusammen mit seinem Meisterstück auf die Erde zu setzen. Er platzierte sie auf ein wunderschönes Fleckchen, welches er Paradies getauft hatte. Mit glänzenden Augen sah Jesus zu, wie sein Vater das Werk vollendete. Ein sanftes Pusten Gottes aktivierte die neuen Erdenbürger. Dabei sprach er die magischen Worte.
„ So gehet hin und mehret Euch.“
Die Figuren erwachten zu Leben.
„Und lasst die Finger von den Äpfeln!“ fügte Gott hinzu. „Die brauche ich im Herbst für meinen Apfelmost.“
Er legte seinen Arm um Jesus’ Schulter. „Puh, das war ganz schön anstrengend.“
Er hielt kurz inne und blickte seinem Sohn tief in die Augen: „Eins sag ich Dir. Wenn es wegen deiner ‚Frau’ Probleme auf der Erde gibt, schicke ich Dich höchstpersönlich runter um Ordnung zu schaffen!“
Jesus nickte beschämt.
„So und jetzt geh in die Küche und mehre ein paar Fische. Nach der ganzen Arbeit muss ich dringend etwas essen“, sagte Gott, der schon auf dem Weg zu einer dringend benötigten Dusche war. „Und mach’ noch ein bisschen Wasser zu Wein. Das habe ich jetzt bitter nötig.“

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