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Februar 2005
Meister Propper und die Schmetterlinge
von Hanne Reimler

In meinem Hausfrauenalltag hatte ich viele Abenteuer zu bestehen. Kapitän Kirk vom Raumschiff Enterprise würden die Nackenhaare zu Berge stehen. Beispielsweise rettete ich heute in der Waschmaschine eine Ladung dunkler Kleidung vor einem Tempotaschentuch. Außerdem beschützte ich mein blitzblank geputztes Ceranfeld vor überkochender Milch. Dafür hatte ich aber meine strahlend saubere Spüle versaut. Nun gut, man kann nicht alles haben.

Soviel also zu meinem Zustand, der sich auch nicht dadurch besserte, dass ich meine Kinder endlich im Bett hatte. Ich war wie vor den Kopf geschlagen, als ich auf die Uhr sah. Der Spielfilm mit Rommy Schneider, „Schicksalsjahre einer Kaiserin“, lief sicher schon seinem Gipfel entgegen. Ich hatte mich doch den ganzen Tage darauf gefreut. Das einzige, was mich nun noch am Leben hielt, war die Aussicht auf mein Geburtstagsgeschenk. Ich wollte einmal verwöhnt werden. Darum hatte ich mir von Benno ein Wochenende in einem Mittelklassehotel gewünscht. Nur er und ich.
Einmal sollte es mein Ehrentag sein. Ein einziges Mal wollte ich nicht den Bratenduft in den Haaren haben, sowie mit Fettflecken im Rock dasitzen. Einmal wollte ich nicht die Geburtstagstorte backen, den dann die grausige Verwandtschaft eilends verzehrte. Meist noch, bevor ich mit dem Kaffee am Tisch saß.

Seit einiger Zeit arbeitet mein Mann sehr viel. Benno war nicht immer so. Früher war er ein richtiger Romantiker. Manchmal wünschte ich mich in die Zeit zurück, bevor wir unsere Kinder hatten. Damals hatten wir einfach mehr Zeit.
Nun ja, zurück zu meinem Spielfilm. Als ich den Fernseher angeschaltet hatte, lief bereits der Abspann. Unzufrieden schlürfte ich meinen Wein, und aß die letzte Praline auf.

Es fing eine Reportage über schlanke, erfolgreiche,
sportlich durchtrainierte Frauen an. Frustriert schaltete ich den Fernseher ab, und schlug die Zeitschrift auf, in der gleich auf der ersten Seite ein lächelndes Mannequin die Bademode für den Sommer vorstellte. Jetzt war ich völlig frustriert. Ich muss zugeben, seit der Geburt der Kinder gab es nichts mehr an meinem Körper, was klein und fest war.

Klingelingeling, meldete sich das Telefon. Ich sah auf die Uhr, es war schon weit nach 22.00 Uhr. Das konnte nur Benno sein.
„Katholischer Hundefriedhof“, meldete ich mich keck. Ich konnte mir das Lachen nur schwer verkneifen.
„Hier auch“, sagte die müde Stimme am anderen Ende. „Quatsch“, verbesserte Benno sich genervt.
„Du weißt, dass ich solche Späße nicht für gut heiße,“ bemerkte er spießig.
„Ja, ja“, sagte ich belustigt. Ich musste so sehr lachen, dass ich mir die Tränen aus den Augen wischen musste. „War doch originell, oder?“ Schweigen war in der Leitung. Benno sagte nichts.

„Wie geht’s, wie laufen die Geschäfte?“ fragte ich seufzend.
„Geht so, Firma Bratenkamp ist noch nicht recht überzeugt von unserem Angebot.“ Benno zögerte. Ich vermutete nichts Gutes.
„Heißt das, du kommst morgen nicht zurück?“ fragte ich leicht erregt.
„Liebling, wir holen das bestimmt nach, ich garantiere es dir ...“
„Wie willst du das nachholen, mein Geburtstag ist schon morgen, falls es dich interessiert.“
„Tim und Marie sind untergebracht. Du hast mir hoch und heilig versprochen, dass du alles möglich machst, um dieses Wochenende realisierbar zu machen“.
„Meine Zeit, ob wir deinen Geburtstag nun morgen oder übermorgen feiern, dass macht wirklich keinen Unterschied. Du bist doch kein Kind mehr. Außerdem brauchst du nicht gleich grundlos aggressiv zu werden“, beschwerte sich mein Mann.
„Weißt du was? Du kannst mich mal kreuzweise. Früher wäre dir das nicht passiert, da war dir vieles wichtiger.“
„Liebes, das ist doch Quatsch, du weißt genau, dass das nicht stimmt. Ich kann hier eben nicht so schnell weg, wie ich gedacht hatte.“ Meinem Mann tat es wirklich Leid, aber ich ließ ihn mit seinem schlechten Gewissen allein. Ich weiß, ich hätte ihm sagen sollen, dass alles nicht so schlimm war. Tat ich aber nicht, statt dessen sagte ich: „Bleibe du bei deinen so wichtigen Kunden. Ich werde meinen Geburtstag auch alleine feiern können.“

„Nah siehst du“, unterbrach mich mein Mann mit Stolz auf seine vernunftbegabte Frau. „Ich wußte doch, dass du Gespür für wirklich wichtige Dinge hast.“
„Rede nicht mit mir, als wäre ich deine Tochter“, fiel ich ihm ins Wort. „Ich werde dreiundvierzig.“
Dann überkam mich die Rachsucht.
„Und Schatz?“
„Ja“, sagte Benno hoffnungsvoll.
„Glaube mir, auch mit dreiundvierzig. sind die Möglichkeiten nicht begrenzt!“ Damit knallte ich den Hörer auf.

Im ersten Moment kam mir das schlechte Gewissen hoch. Was wäre, wenn Benno nun auf der Heimfahrt einen Unfall hatte, und er nie wieder zu uns nach Hause kommen würde. Welch tragisches Ende einer sonst so ausgeglichenen Ehe.

In mir kochte immer noch der Zorn. Ich war aufgesprungen und rannte wie ein wildes Tier im Zimmer auf und ab.
Was würde ich morgen an meinem Geburtstag anstellen? Zu Hause bleiben wollte ich nicht, das war klar. Ich würde die Kinder wie verabredet zu ihren Großeltern bringen. Dann fahre ich eben allein ins Hotel, verzichten wollte ich auf keinen Fall. Benno würde ich eine Nachricht hinterlassen. Er könnte ja nachkommen.

Am nächsten Morgen brachte ich die Kinder bei meinen Schwiegereltern vorbei. Ich wünschte ihnen viel Spaß fürs Wochenende, und rannte zurück zu meinen Wagen. Auf dem Rückweg fuhr ich in den Schönheitssalon. In Anbetracht meines Geburtstages ließ ich mich dort ausgiebig verwöhnen.

Beim Friseur überlegte ich, was ich am Abend tragen könnte. In Gedanken ging ich meinen Kleiderschrank durch. Mir fiel das schwarze Kleid ein, das ich zu der Hochzeit meiner Schwester getragen hatte. Das müsste noch passen, hoffte ich jedenfalls.
Nach drei Stunden war ich wieder Zu hause. Der Friseur hatte mir kupferfarbene Strähnen in meine dunkelblonden Haare gezaubert. Ich war sehr zufrieden.

Danach fuhr ich zurück in die Sonnenallee Sieben. Ich huschte schnell die Treppe nach oben ins Schlafzimmer und suchte das Kleid aus dem Schrank. Aufgeregt probierte ich das gute Stück an. Ich kniff die Augen zusammen und hielt die Luft an. Dann öffnete ich die Augen vorsichtig. Mir blieb die Luft weg. Was hatte ich auch erwartet, dass das Kleid zaubern würde und mit wachsen könnte? Das Dekolleté war super, meine Beine konnten sich noch immer sehen lassen. Ansonsten kam ich mir vor wie „Wurst in Pelle“. Ich entschied mich um, und zog das sehr viel weniger aufregende Kostüm an.
Um 19.00 Uhr saß ich im Hotelzimmer. Ich wollte gemütlich Essen gehen. Dann klopfte es zaghaft an der Tür. Mein Herz­schlag beschleunigte sich.
Ein angenehmer Gedanke schoss mir in den Kopf. Hatte sich Benno doch beeilt und war zu unserem verabredeten Wochenende gekommen? Mit einem Ruck riss ich die Tür auf.
„Ja, bitte“, meine Stimme hörte sich aufgekratzt an, ich musste mich räuspern.
„Antje Jäger?“
Ich nickte und bemerkte gleichzeitig meine aufsteigende Röte im Gesicht. Mir wurde leicht schwindelig. Ich sah Benno mit einem riesigen Strauß dunkelroter Rosen vor der Zimmertür stehen. „Mein Name ist Benno Jäger. Haben sie dieses Wochenende schon etwas vor?“ Benno sah mich freundlich an.

„Darf ich rein kommen? Die Blumen müssen ins Wasser.“
Leute kamen auf dem Hotelflur entlang. Mir standen vor Rührung die Tränen in den Augen. Meine Beine waren ganz weich.
„Ach, Benno“, sagte ich liebevoll. „Natürlich darfst du rein kommen.“

Später gingen wir Hand in Hand in Richtung Hotelbar. Ein freundlicher Angestellter brachte uns zu unserem Tisch. Wir ließen uns zwei Gläser Champagner bringen.
„Sag mal“, fragte Benno, „was machst du eigentlich den ganzen Tag?“
„Ach es ist halt immer dasselbe. Ich putze, wasche, koche, bügle, beseitige die Unordnung anderer Leute. Schlichte Streit zwischen Tim und Marie, mache Abendbrot, bringe die Kinder ins Bett. Und wenn ich den nächsten Morgen aufstehe, tue ich genau das, was ich am Tag zuvor getan habe. Warum fragst du?“
Benno runzelte die Stirn. „Klingt wirklich aufregend. Und wo bleibst du, wo bleiben wir? Ich habe viel über uns nachgedacht. Besonders nach unserem Gespräch gestern Abend.“
„Benno“, fiel ich meinem Mann ins Wort. „Ich war enttäuscht und ärgerlich.“
„Ich habe mich in den letzten Monaten extrem in die Arbeit gestürzt. Irgendwie musste ich mir wohl etwas beweisen. Darüber habe ich euch und vor allem dich vergessen. Der Satz, dass deine Möglichkeiten nicht begrenzt, sind hat mich wach gerüttelt.“ Benno nahm meine Hände in seine. Sie fühlten sich so warm, so vertraut an.
„Antje, ich habe mir Folgendes überlegt. Als erstes werden wir eine Putzfrau einstellen, als zweites werden wir ein Kindermädchen engagieren. Dann bist du mehr entlastet und wir können wieder mehr zusammen unternehmen.“
„Aber Benno, was das alles kostet.“
„Mach dir darüber keine Sorgen. Am Montag hatte ich ein Ge­spräch mit der Geschäftsleitung. Ich habe wegen besonders guter Leistungen eine Gehaltserhöhung bekommen.
Eines ist mir klar geworden, die Kinder und du, ihr seid das Wichtigste in meinem Leben.“
„Benno, das war ja eine Liebeserklärung.“ Ich stand auf und küsste ihn. Meine Augen waren ganz feucht, und die Wimpern tusche war verschmiert.
Die ganze Nacht hatten wir zärtliche und dennoch wilde Liebes spiele. Es war nicht unbedingt der Sex, der mich aus dem Häuschen brachte. Benno hatte es noch einmal geschafft die Schmetterlinge in meinem Bauch zum Leben zu erwecken. Ich hatte geglaubt, sie wären schon längst tot, doch nun flatterten sie aufgeregter denn je. Ich genoss jeden einzelnen Flügelschlag.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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