Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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März 2005
Die Rettung
von Birgit Erwin

Phillip grinste und trat einen Schritt von der Staffelei zurück, um sein Werk aus der Distanz zu betrachten. Er holte aus und kleckste schwungvoll ein wenig Rot auf die Leinwand, direkt über den Frauenkörper im Zentrum des Bildes, ehe er sich auf seinen Schreibtischstuhl warf und gähnend die Hände hinter dem Kopf verschränkte. Er feixte noch immer, zum Teil deshalb, weil man ihm gesagt hatte, dass das spöttische Funklen in seinen Augen seinem dunklen Gesicht den Ausdruck eines lächelnden Satans verlieh. Eine Weile musterte er aus halbgeschlossenen Augen das Telefon, schließlich begann er, mit der Fußspitze ein großes, flaches Paket zu sich heranzuziehen. Er hatte es eben durch das Chaos aus Papier und Farben in Reichweite seines Armes manövriert, als das Telefon mit ohrenbetäubender Lautstärke zu klingeln begann. Phillip zog den Fuß zurück und stieß eine volle Kaffeetasse um, deren Inhalt sich in einem kalten braunen Strom über zwei halbfertige Bilder ergoss. Phillip runzelte irritiert die Brauen, fegte die Blätter auf den Fußboden, bevor der braue See um sich greifen konnte und klemmte den Hörer zwischen Schulter und Wange.
„Eduardo della Croce.“
„Phill- oh!“
Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause.
Phillip grub die Zähne in seinen Daumen und prustete unterdrückt.
„Phillip? Bist du das? Herrgott, ich fasse es nicht, dass ich immer noch auf deinen dummen Scherze hereinfalle.“
„Ehrlich gesagt, ich auch nicht. Nicht böse sein, Sweetikins, sag mir lieber, was los ist, du klingst so aufgeregt.“
„Ach? Kannst du hellsehen? Ich hab doch noch gar nichts gesagt.“
Phillip biss sich auf die Lippe, aber die Stimme am anderen Ende der Leitung fuhr bereits fort: „Okay, Phillip, du musst mir helfen. Es ist etwas Unglaubliches passiert. Du … du weißt worum es geht?“
Phillip knurrte. „Wenn du diesen Tonfall hast, kann ich es mir denken. Und weißt du was, meine Antwort lautet nein, meine liebe Miss Aberline.“
„Phillip …“
„Nein, Sandy!“
„Hör mir doch wenigstens zu!“
„Nein!“
„Ich sags dir trotzdem. Ich hab ein ein Paket bekommen. Kein Absender, aber ein Brief. Phillip! Ich bin so kurz vor dem Durchbruch. In diesem Paket liegt der Beweis, wer Jack the Ripper war.“
Phillip gestattete sich ein langes, ausdrucksvolles Schnauben.
„Urplötzlich? Einfach so? Und irgendjemand schickt dir das, ohne seinen Namen zu nennen? Ohne die Story selber auszuschlachten? Sicher!“
„Herrgott, Phillip, es kommt doch immer wieder vor, dass Leute irgendetwas auf ihrem Dachboden finden. Und dass sie es mir schickt, ist doch wirklich nicht so abwegig. Immerhin ist mein Name seit fünf Jahren immer wieder in der Presse.“
„Als die Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Jack the Ripper zu enttarnen. Die wievielte doch gleich?
„Bei mir ist das …“
„Jajajajajajaaaaaa! Was ganz anderes. Aber bis vor fünf Jahren wusstest du noch mal, dass du die Nachfahrin von Inspector Abberline bist. Und ich verkneife mir, wie du sicher gemerkt hast, den Zusatz, angeblich.“
„Danke.“
„Bitte.“
„Du hast dir deinen Ruf als ernstzunehmende Historikerin gründlich ruiniert mit deiner Geisterjagd. Und du bist verdammt noch mal besessen! Wenn ich das mal so sagen darf.“
„Nur dass dich das nichts angeht. Also?“
„Also was?“
„Hilfst du mir?“
„Und wie? Außerdem geht es mich etwas an, bevor der Spuk begann waren wir, wenn ich mich richtig erinnere, sehr glücklich.
„Lass das Phillip! Ich würde gerne auf deine Talente … deine ursprünglichen Talente zurückgreifen. Bevor du ein geliebt-gehasstes enfant terrible der Kunstszene wurdest, galtest du mal als ernstzunehmender Sachverständiger für historische Schriften. Ich möchte wissen, ob der Schatten einer Chance besteht, dass die Dokumente in dem Umschlag echt sind. Bevor ich ...“
„Und was steht drin?“
Diesmal dauerte die Pause so lange, dass Phillip schon den Mund öffnete um nachzufragen.
„Das … das kann ich dir am Telefon nicht sagen.“ Plötzlich klang die Stimme verletztlich und sehr jung. „Hilfst du mir? Phillip, wir … es ist mir einfach sehr wichtig.“
Eine Ader in Phillips Schläfe zuckte.
„Dann komm halt rüber.“

Phillip malte wie ein Besessener. Um ein Haar hätte er Sandys Schritte auf der Treppe überhört. Er warf ein Tuch über die Staffelei und drehte sich um, als sie die Türe aufstieß.
„Hi, Sweetikins.“
Sandy blieb stehen.
„Oh mein Gott, Phillip, wie siehst du denn aus? Wenn ich nicht wüsste, dass du Maler bist, würde ich den Notarzt rufen …“
Erst jetzt warf er einen Blick auf seine rotverschmierten Finger. Das Lächeln blitzte wieder auf.
„Sieht mein Gesicht genauso aus? Dann versuche ich gar nicht erst, dich zu küssen. Auch wenn du wie immer bezaubernd aussiehst. Okay, zeig mir, was du hast. Du willst mir wirklich nicht sagen, was drinsteht.“
Sie schüttelte den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde starrte er sie durchdringend an, dann streckte er die Hand aus. Ihre großen grünen Augen folgten jeder Bewegung seiner langen Finger, als er den Brief öffnete und vorsichtig ein dünnes Buch hervorzog.
„Dann wollen wir mal. Aber ich kann nichts versprechen.“
Sie nickte.
„Sag mir einfach, ob es eine Chance gibt, dass das echt ist. Ich bin schon zu oft …“
„Verarscht worden. Ich weiß.“
Phillip legte die Beine auf den Tisch. Seine Mine verriet nichts, als er vorsichtig durch die vergilbten Seiten blätterte. Minutenlang herrschte tiefes Schweigen. Sandy wippte auf den Ballen.
„Ein neues Bild?“, fragte sie und zeigte auf die Staffelei.
„Finger weg!“
„Sorry!“
Phillip pfiff durch die Zähne.
„Wow“, sagte er leise. „Jetzt verstehe ich, warum du zu mir gekommen bist. Wow.“
„Und?“
„Naja …“
„Phillip!“, schrie sie ihn an. „Das ist kein Spiel!“
„Okay. Ich kann nichts Abschließendes sagen, ohne chemische Überprüfungen und so. Aber es könnte echt sein! Es könnte ein echtes, historisches Dokument sein.“ Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen. „Das hier könnte Inspector Abberlines Tagebuch sein. Und es könnte der Beweis sein … dass ... dass Jack the Ripper und George Abberline ein und dieselbe Person waren. Es tut mir Leid.“
Sandy schien es nicht zu merken, dass er nach ihrer Hand griff und sie sanft an die Lippen zog. Ihre Stirn war gerunzelt, während sie ihm sanft das Buch aus der Hand nahm und an die Brust drückte.
„Er war es also selber. Es gab diese Theorie ja immer, aber ich hätte nie gedacht …“
„Ist es sehr schlimm für dich?“ Für einen Augenblick stand in seinen Augen echte Angst. „Dass du von ihm abstammst? Von … Sandy?“
Sie hob die Schultern.
„Ich weiß nicht … nein. Erstaunlicherweise nicht. Nur dass ich nie an die Öffentlichkeit werde gehen können. Nicht damit.“
„Soll ich die Dokumente genauer untersuchen? Ob sie wirklich echt sind?“
Sandy zögerte, dann schüttelte sie langsam den Kopf und trat an das Fenster seines Ateliers. Die Lichter der Stadt begannen aufzuflammen.
„Nein, Phillip. Es ist vorbei. Ich bin … fast froh. Vielleicht war ich wirklich besessen. Vielleicht … vielleicht hattest du ja Recht. Danke.“
„Gern geschehen.“
„Und das Bild darf ich mir nicht ansehen?“
„Nicht dieses.“
Sie seufzte.
„Bist du böse, wenn ich jetzt gehe? Ich muss nachdenken. Ich … ruf dich morgen an, ja?“
„Das würde mich sehr freuen.“

Sandys Schritte waren lange verhallt, als Phillip sich wieder vor die Staffelei stellte und das Tuch herunterzog.
„Scheiße“, murmelte er und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Das hatte ich mir irgendwie einfacher vorgestellt … aber hey, ist ja gut gegangen. Und jetzt weg mit dir.“
Er warf einen letzten Blick auf die Leinwand. Die Frauenleiche im Zentrum des Bildes hatte ihn viel Mühe gekostet. Nur beim näheren Hinsehen konnte man erkennen, dass sie Sandys Züge trug.
Jack the Rippers letztes Opfer.
„Es ist ein verdammt gutes Bild“, murmelte er. „Aber nichts für die Öffentlichkeit, und Sandy fände es sicher nicht witzig. Den Rest auch nicht, aber sie wird es ja nie erfahren, dass ich dem Schicksal ein bisschen nachgeholfen habe.“
Ohne Bedauern faltete er die schwere, feuchte Leinwand zusammen und presste legte sie in den flachen Karton, auf dessen Grund Farben, Tinten und Papierproben lagen. Das oberste Blatt nahm er heraus und betrachtete es mit einem gewissen Stolz.
„George Abberlines Tagebuch“, seufzte er. „Die Arbeit von einem Jahr. Kreativ und von künstlerischem Standpunkt ein Meisterwerk. Schade, auch weg damit. Aber ich habe ja ein neues Projekt.“
Er verschnürte das Paket und stopfte es in einen Müllsack. Später würde er das ganze in der Themse entsorgen. Aber jetzt gab es Wichtigeres zu tun. Er stellte er eine neue Leinwand auf die Staffelei.
„Schritt Zwei der Rückeroberung. Ich nenne dieses Bild: Die Hochzeit!“
Was unter seinem Pinsel entstand, war Sandys Gesicht, und diesmal lächelte sie.

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