Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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März 2005
Fridolins Beweis
von Jan Müller

Es kam mit der Morgenpost. Ein ganz normales Paket in braunem Packpapier mit derber Schnur. Fridolin nahm es entgegen und entzifferte den Absender: “Weih-nachts-mann.” Nanu!? Von dem bekamen doch die Eltern keine Post! Jetzt las er Silbe für Silbe den Namen des Empfängers, wobei er lautlos Lippen und Zunge bewegte: “Fri-do-lin!” Er hatte ein Paket bekommen! Mit echter Briefmarke und Stempel! Zum ersten Mal, seit er lesen konnte.
Fridolin legte die Stirn in Falten wie Papa, wenn er Rechnungen bekam, lief ins Wohnzimmer und bat seinen Papa um die Schere. “Wofür brauchst du die?”
“Ich will was auspacken. Das ist verschnürt.”
Mit der Schere lief er in sein Zimmer, fegte den kunterbunten Spielzeughaufen vom Tisch und stellte seinen Schatz darauf. Er betastete ihn von allen Seiten. Da! Ein Knacken. Leise, aber deutlich ertönte eine Stimme aus dem Paket: “Und jetzt singen wir gemeinsam: ‚Süßer die Glocken nie klingen’ ...”
Gemeinsam? Das Paket und er? Seltsame Post! Aber als das Lied ertönte, sang er mit.
“... und jetzt packen wir Geschenke aus”, klang es aus dem Paket. “Vorsicht! Nur die Schnur durchschneiden, nicht die Finger!” Mit der Scherenspitze löste Fridolin behutsam den Knoten, rollte die feste Kordel säuberlich zusammen und steckte sie in die Hosentasche. Als er das Packpapier beiseite schlug, stand vor ihm ein Päckchen mit Goldschnur, eingewickelt in Geschenkpapier, auf dem Engel mit Harfen und Trompeten zu sehen waren. Wieder erklang die Stimme: “Heute sitzen wir zusammen mit den Allerkleinsten hier im Rundfunk ...”
Oh!? Seine Bestellung vom Wunschzettel! Ein eigenes Radio, mit dem er machen konnte, was er wollte! Bei dem großen Gerät von Opa durfte er immer nur zuhören. Manchmal auch an den glitzernden Knöpfen drehen, in denen sein Spiegelbild eine riesige Nase bekam, wenn er nahe heranging. Oder an dem Knopf, bei dem sich das grüne Magische Auge und die Geräusche veränderten. Aber das Wichtigste, das Allerwichtigste bei einem Radio, durfte er nie!
Schnipp-schnapp! Im Nu war die Goldschnur durchgeschnitten, das Engelspapier aufgerissen, der Pappkarton umgestülpt, und schon lag das Radio auf dem Bauch. Ein länglicher Gegenstand in Geschenkpapier rollte über die Tischplatte. Fridolin packte ihn aus und war völlig aus dem Häuschen: ein Kreuzschlitzschraubenzieher, der genau zu den Schrauben am Gehäuse passte!
Bei Opas Radio hatte er durch die Löcher der Rückwand eine ganze Stadt entdeckt, mit silbernen Häusern und Türmen aus Glas, in denen gelbe und rötliche Lichter brannten. Wenn jemand Geige spielte, versuchte er herauszufinden, aus welchem Turm sie kam. Im linken Türmchen oben hing die Triangel, im rechten unten stand das Xylophon. Die silbern verzierten Glastürme hatten runde Dächer mit Blitzableitern. Warmer Dunst, der eigenartig roch, kam aus dem Radio. Nur die Spieler hatte er bisher nirgends entdecken können. Das mussten winzige Wichtel sein, nicht größer als Marienkäfer oder Bienen. Aber Papa glaubte ihm nicht. “Im Radio sitzen keine Wichtel”, sagte er immer. “Die Musik kommt aus einem großen Saal.”
Endlich war die Rückwand abgeschraubt. Huch?! Keine Türme aus Glas mit Triangel und Xylophon! Alles war viel kleiner als in Opas Radio und aus Metall oder Plastik.
“Na, hast du deine Wichtel schon entdeckt?” Papa war leise ins Zimmer getreten. “Wo sitzen sie denn?”
Fridolin schaute in den Kasten und zeigte auf den großen runden Bau mit schrägem Dach. “Hier!”
“Komisch. Ich sehe keine Wichtel. Hab wohl die falsche Brille auf.”
“Die kannst du nicht sehen. Die sitzen doch innen drin.”
“Und wieso gerade dort?”
“Weil da die Musik rauskommt. Du hast doch selbst gesagt: Die kommt aus dem großen Saal.”
“Für mich ist das ein Lautsprecher. Die Musiker sitzen ganz woanders.”
“Wo sollen die denn sein?”
“In einem richtigen Orchestersaal. Der Flügel, den du gerade hörst, ist größer als unser Klavier.”
“Und wie kommt die Musik ins Radio?”
“Der Ton wird mit Mikrofonen aufgenommen und über Radiowellen gesendet, die von der Antenne empfangen werden. Das ist diese große Drahtspule hier. Die Wellen werden verstärkt und kommen als Ton aus dem Lautsprecher.”
Fridolin beäugte erst die Drahtspule, dann den Lautsprecher. Konnte das Radio wirklich ohne Wichtel Musik machen? “Aber wenn im Radio keine Wichtel wohnen, Papa, wozu brauchen sie dann hier die ganze Stadt?” Er zeigte auf die grüne Platte mit den vielen Türmen, Würfeln und Flachbauten. “Hier wohnen die Wichtel, hier sind die Fabriken und die Lagerhallen, und das hier sind die Öltanks und die Wassertürme.”
Papa schaute in den aufgeschraubten Kasten. “Ich sehe nur Aluminiumkästen mit elektronischen Bauteilen. Das Schwarze sind integrierte Schaltkreise und deine Öltanks und Wassertürme sind Kondensatoren und Spulen, Widerstände und Transistoren. Siehst du dieses runde Ding mit den vielen silbernen Scheiben? Das ist der Drehkondensator. Damit stellst du den Sender ein. Pass auf!”
Papa drehte an einem Knopf, und plötzlich war keine Wichtelmusik mehr zu hören, sondern eine Stimme: “Nun die Meldungen zur Verkehrslage ...” Verdutzt schaute Fridolin in den Kasten. Da entdeckte er einen zweiten Rundbau mit schrägem Dach. Von dort kam die Stimme: “... zwischen Bad Homburg und Frankfurter Kreuz zwei Kilometer Stau.”
Fridolin überlegte. “Papa! Wenn im Radio keine Wichtel wohnen, wozu sind dann überall die Straßen?”
“Das sind Bahnen, auf denen der Strom fließt.”
“Ich sehe aber kein Wasser!”
“Ich meine elektrischen Strom, den siehst du nicht.”
Fridolin drehte an demselben Knopf, an dem Papa gedreht hatte, und sah, wie sich die Metallscheiben bewegten. Jetzt waren wieder die Weihnachtslieder zu hören. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er die silbernen Bahnen. “Papa? Du hast doch gesagt, es gibt im Radio keine Wichtel, weil du sie nicht sehen kannst.”
“Genau.”
“Also gibt ’s auch keinen Strom und keine Radiowellen.”
“Warum nicht?”
“Weil du sie nicht sehen kannst.”
“Nee, nee, so einfach ist das nicht. Du siehst zwar nicht die Radiowellen, aber du hörst die Musik.”
“Die machen doch die Wichtel. Vorhin haben sie selber gesagt, sie sitzen hier drin. Da: jetzt reden sie wieder.”
“... Sie hörten: Wichtel machen Musik. Unser Wichtelchor und das Rundfunkorchester brachten Weihnachtslieder von den Kleinsten für die Kleinsten. Und jetzt wünschen alle, die heute hier im Rundfunk versammelt sind, unseren großen und kleinen Hörern da draußen: FRÖHLICHE WEIHNACHTEN!”

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