Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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März 2005
Das Paket
von Christian Rautmann

„Driiiing-Driiing“ - bereits zum dritten Mal läutete es an der Türe. Marie wälzte sich unwillig im Bett herum und versteckte ihren Kopf unter dem Kissen.
Wieder klingelte es. „Verdammt. Was ist das denn für ein Idiot mitten in der Nacht?“ murmelte sie, quälte sich aus dem Bett, tastete nach dem Bademantel und trottete langsam die Treppe hinunter. Ihr Kopf dröhnte, ihr Mund war trocken. Auf dem Wohnzimmerteppich lag noch die leere Whiskeyflasche von gestern Abend.
Als sie die Türe öffnete, brannte ihr die Helligkeit der Vormittagssonne in die Augen.
Marie trat einen Schritt vor und blinzelte ins Licht. Draußen war niemand zu sehen.
Ihr Fuß stieß an etwas. Auf dem Boden stand ein Paket. Sie erstarrte. Tränen traten in ihre Augen.
[M1] [M2] „Nein“ versuchte sie sich zu beruhigen, „das kann nicht sein. Das ist zu lange her“. Wie versteinert, den Blick nur auf das Paket gerichtet stand sie da. Ihre rechte Hand suchte unsicher den Türrahmen.
„Guten Tag“ sagte jemand. Eine Kinderstimme. Marie hob langsam den Kopf. Susanne, die Tochter der Nachbarn sah sie für einen Moment irritiert an und ging dann schnell weiter.
Die kurze Begegnung brachte Marie zur Besinnung. Sie[M3] wischte sich die Tränen ab und ging mit dem Paket ins Haus, um es genauer zu betrachten. Der erste Eindruck war richtig gewesen[M4] . Es sah so aus, wie das vor 10 Jahren. Wie damals war es ein mit Packpapier und Paketschnur umwickelter Schuhkarton. Kein Absender. Nur ihr Name.
Sie ging langsam in die Küche und stellte das Paket auf den Tisch.
„Jetzt brauche ich etwas zu trinken“ war der einzig halbwegs klare Gedanke, den sie fassen konnte. Im Wohnzimmerschrank war schließlich zwischen vielen leeren Flaschen eine, die noch gefüllt war. – Wodka.
Nach zwei Gläsern ging es ihr besser und sie fühlte sich stark genug, es nun [M5] mit dem Paket aufnehmen zu können. Sie goss sich ein weiteres Glas ein und setzte sich an den Küchentisch.
Doch im Angesicht des Paketes schwand all der angetrunkene Mut wieder. Ihre Hand brachte es einfach[M6] nicht fertig, das Paket zu berühren.
Ihr Magen verkrampfte sich. Übelkeit stieg in ihr auf. Sie [M7] rannte zur Toilette und übergab sich.
Danach wusch Marie sich den Mund aus. Das Gesicht mit den blutunterlaufenen Augen, den Falten und den fettigen Haaren, das ihr aus dem Spiegel entgegenstarrte erschreckte sie jeden Tag aufs Neue[M8] . Auch heute.
Erinnerungen überschlugen sich: Ihr Sohn winkend an der Gartentüre. Der Anruf. Die Lösegeldforderung. Die beruhigende Stimme des Polizisten: „Gehen Sie nicht auf die Forderungen ein. Wir regeln alles“.
„Nichts habt ihr geregelt, ihr verdammten Schweine“ schrie sie und schlug mit der Faust in den Spiegel, der in tausend Scherben zerbrach. Nein. Das Lösegeld war nicht gezahlt worden.
Trotz der Zweifel ihres Mannes hatte sie sich durchgesetzt. – Wie so oft in ihrer Beziehung.
[M9] [M10] Dann hatte es eines Morgens geklingelt. – Wie heute. Ein Paket hatte vor der Türe gestanden. – Wie heute. 10 Jahre waren nun vergangen. Eine halbe Ewigkeit. Aus ihr war eine depressive Alkoholikerin geworden. Schließlich war Ihr Mann mit seiner Geduld am Ende gewesen und gegangen.
Immer und immer wieder hatte sie sich gesagt, dass es nicht ihre Schuld gewesen sei. Dass ihr einziges Kind auch getötet worden wäre, wenn sie das Lösegeld gezahlt hätten.
Selbsthilfegruppen, Psychologen, Entziehungskuren. – Von der Schuld und den Selbstvorwürfen konnte sie nichts davon befreien.
In dem Paket war der abgeschnittene Finger eines Kindes gewesen. – Ihres Kindes. Dazu die Jacke des Jungen und sein Lieblingsauto. Er hatte es immer bei sich getragen.
Auf einen Zettel waren die Worte [M11] [M12] „Ihr habt uns betrogen.“ geschrieben gewesen.
Bald darauf war die Leiche des Kindes in einem Wald gefunden worden und[M13] Ihr Leben zerbrach.
Von ihrem Mann hatte Marie nie Vorwürfe zu hören bekommen. Doch sein Versuch, einfach wie vorher weiterzumachen, war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. So konnte es nicht funktionieren.
Für Marie war es ein Leben ohne Sinn geworden. Nur der Alkohol war noch ihr Freund.
Sie war einsam und alleine. Nur die Flasche war bei ihr geblieben. – Und die Selbstvorwürfe.
Marie betrachtete wieder das Paket, trank noch ein Glas, durchschnitt die Kordel und öffnete vorsichtig das Packpapier. Schweiß stand auf ihrer Stirn. Die Hände zitterten.
Langsam trat der Schuhkarton zu Tage: Ein einfacher weißer Karton ohne Aufdruck. „Wie damals“ dachte Marie und hob langsam den Deckel. Dabei hielt sie den Atem an und sah zur Zimmerdecke. Wieder traten ihr Tränen in die Augen.
Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und senkte vorsichtig den Blick: Schuhe, ein Pullover, eine Kindergartentasche. Dinge, die einmal ihrem Sohn gehört hatten.
Zärtlich, als könnten sie bei Berührung zu Staub zerfallen, nahm sie die Sachen heraus und betrachtete sie.
Marie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Sie brauchte alle Kraft, um weiterzumachen.
Ganz unten im Paket lag ein Umschlag, auf dem ihr Name stand. Darin befand sich ein eingerissenes Blatt Briefpapier auf das jemand etwas geschrieben hatte. Ihre Augen flogen über die Zeilen:
„Ich schicke ihnen den Krempel, weil er einmal ihrem Sohn war und bei mir in einer alten Kiste vergammelt. Irgendwie habe ich das Zeug aufgehoben. Da habe[M14] sie es. Vielleicht liegt ihnen wenigstens daran etwas. Mein Kumpel war damals ganz schön sauer, als sie uns mit dem Geld über den Tisch ziehen wollten. Ich auch. Der hat vielleicht rumgetobt. Das kann ich ihnen sagen. Dabei ist auch ihr Kleiner draufgegangen. Warum haben Sie das Lösegeld nicht gezahlt, verdammt? Die Sache wäre so einfach gewesen und keinem wäre etwas passiert.“
Mehr stand nicht im Brief. Marie saß lange auf dem Küchenstuhl und starrte auf die Zeilen ohne sie wirklich zu sehen. All ihre Zweifel und Selbstvorwürfe schienen bestätigt: Hätte sie damals das Geld gezahlt, würde ihr Sohn noch leben.
Langsam erhob sich Marie, nahm das Paket mit den Sachen ihres Jungen und betrachtete die Schere in ihrer Hand.
Dann ging sie die Treppe nach oben und schloss die Türe des Badezimmers hinter sich.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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