Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
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April 2005
Hinterlassenschaft
von Frank Hoese

Spohns Wagen verschwand hinter der Anhöhe. Am Telefon hatte er herumgestottert, wie traurig das alles war, und die Kollegen konnten gar nicht begreifen, dass Jörg so was getan haben sollte, aber Astrid war klar, dass er eigentlich nur sein Eisenbahnzeug zurück haben wollte. Spohn war besessen von diesem Modellbauverein, ein noch größerer Fanatiker als ihr Ehemann. Astrid hatte ihn immer gut leiden können; vielleicht war er ja ein Spinner, wie Jörg meinte. Spinner-Spöhnchen; Spohni Spinnemann. Aber Astrid war ein Spinner immer noch lieber als ein Arschloch, das Briefe schrieb wie den auf dem Küchentisch:

Mach dir nicht die Mühe, mir hinterherzutelefonieren, mein Handy ist abgemeldet.
Ich musste ein paar Dinge abmelden, um wieder so was wie ein Leben zu haben.
Dich auch, sorry.
Du kannst ja diesen Brief hier vorzeigen und dich scheiden lassen. Böswilliges Verlassen oder so. Du schaffst das schon.
Ach so: Ich bin mir sicher, dass du demnächst ein paar Herren kennenlernst, ha ha. Hoffe, sie sind nett zu dir. Du kannst sie von mir grüßen. Da wo ich jetzt bin, juckt mich das nicht mehr.


Da hatte er verdammt Recht. Dieser Brief war Jörgs letzte gute Tat gewesen. Der Beweis, dass ihr Ehemann ohne ihr Zutun verschwunden war. Gegen ihren Willen. Sie sitzen gelassen hatte. Böswillig, buhuhu.
Astrid hatte ihn überrascht, als er diesen Brief auf der Kristallvitrine drapierte, zwischen ihren beiden Amoretten aus italienischem Porzellan, um noch ein letztes Mal auf ihre Gefühle zu pissen. Ha ha. Eine der Amoretten war auf seinem Schläfenknochen zerbrochen; sie würde das schöne Stück vermissen.

Astrid rieb ihre schmerzenden Arme und spähte noch einmal durch die Gardine. Die Straße war wie ausgestorben, eine schnurgerade, von rosa und schneeweiß blühenden Bäumen gesäumte Vorortstraße. Keine Polizei in Sicht.
Sie ließ sich auf einen der Designhocker nieder und zündete sich eine Zigarette an. Eigentlich wäre es schön gewesen, wenn er das noch erlebt hätte, wie sie in der Küche – seiner Küche – saß und rauchte. Sie wünschte, sie hätte ihn für diesen Genuss aufgespart, aber alles war so furchtbar schnell gegangen.

Die kalte Dusche klärte ihre Gedanken. Die Dinge glitten langsam wieder an ihren Platz. Als sie ihre vor Kälte schmerzende Haut trocken frottierte, kam sie zu dem Schluss, dass sie eine faire Chance verdient hatte. Sie war frei, freier als jemals zuvor in ihrem Leben, und mit all dem Geld in Jörgs Aktenkoffer würde sie nie wieder irgend etwas befürchten müssen. Natürlich hatte er es seiner Firma gestohlen. Sie hatte es in einem Schließfach untergebracht. Natürlich würde die Polizei kommen und nach ihm und dem Geld fragen. Sie würde ein bisschen flennen und ihnen den Brief unter die Nase halten; bei Spohn hatte das prima funktioniert.
Astrid suchte ein frisches, nicht allzu fröhliches Kostüm aus dem Schrank, zog es an und frisierte sich sorgfältig. Ihre Arme schmerzten immer noch; es war keine leichte Sache gewesen, Jörg so – zurechtzumachen – dass er in eine der Kisten passte, in denen sein Verein ihr Spielzeug aufbewahrte. Und das Loch, das sie heute in aller Herrgottsfrühe im Wald gegraben hatte, war tief gewesen.

Das Schrillen des Telefons ließ Astrid zusammenfahren. Als sie nach dem Hörer griff, sah sie, dass ihre Hand zitterte.
"Berger."
"Astrid? Marcus Spohn hier."
"Marcus. Haben Sie etwas vergessen?"
Spohn, dem es sichtlich peinlich war, sie zu behelligen, druckste herum, bis sie es nicht mehr aushielt.
"Kommen Sie schon, raus mit der Sprache. Ich fresse Sie nicht."
"Ihr Mann besitzt eine Dampflok. Die Hilbert DL 1013." Spohn machte eine Pause, als müsse Astrid genau wissen, worauf er hinaus wollte, aber sie hatte keine Ahnung.
"Und?"
"Bei der Ausstellung am Wochenende – wir bauen Nevada auf, wissen Sie – sollte sie der Star sein."
Ach ja, die Ausstellung. Irgendein internationales Treffen von Modellbaunarren. Na, Spohns Herz hatte Jörg ganz sicher gebrochen mit seinem plötzlichen Abgang. Astrid dämmerte, dass nur die Hoffnung, Jörgs Zeug von ihr ausleihen zu können, den Mann von einem Nervenzusammenbruch trennte.
"Die DL 1013 ist so eine Art blaue Mauritius unter den Lokmodellen", fuhr Spohn fort. "Ein seitenverkehrtes Modell, eine Fehlproduktion. Es gibt auf der ganzen Welt nur noch fünfzehn Stück davon." Sein Tonfall verriet, dass er kaum glauben konnte, dass Astrid von diesem sensationellen Besitz ihres Mannes nichts wusste. Wahrscheinlich hatte Jörg ihr davon erzählt. Sie hatte ihm nie zugehört, wenn er von seiner Marotte anfing.
"Bestimmt hat er sie mitgenommen", seufzte Spohn. Astrid unterdrückte ein Kichern; ja, ganz sicher hätte Jörg sein Spielzeug mitgenommen, wenn er sich mit seinem Geldkoffer auf den Weg nach El Dorado machte. Spohn hätte das jedenfalls ganz sicher getan.
"Kommen Sie doch heute abend noch vorbei", schlug sie vor. Es klingelte an der Tür. "Ich muss die Tür aufmachen, Marcus. Bis nachher."

Die beiden Männer in Zivil hielten Astrid ihre Dienstmarken unter die Nase. Kriminalpolizei, was sonst. Der dritte, ein junger Spund, trug eine Uniform.
"Kommen Sie herein", sagte sie. "Ich habe Sie schon erwartet."
Die beiden Zivilbeamten folgten Astrid in die Küche, gefolgt von dem Uniformierten.
"Unglaublich, was er getan hat", begann Astrid. "Ich hätte das nie gedacht. Vierundzwanzig Jahre arbeitet er schon für die Firma. Niemand versteht das. Aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen." Sie nahm den Brief vom Küchentisch und hielt ihn hoch. "Er hat mir nicht gesagt, wo er hin will. Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Hier."
Die beiden Beamten tauschten einen kurzen Blick aus und starrten dann wieder Astrid an. Der Brief war ihnen vollkommen gleichgültig. Astrid begann zu ahnen, dass irgend etwas nicht so lief wie sie sich ausgemalt hatte. Der Ältere der beiden begann zu sprechen.
"Sie wissen nicht, wo Ihr Mann ist?"
"Nein. Das habe ich Ihnen doch gesagt."
"Wo waren Sie heute früh um fünf Uhr dreißig, Frau Berger?"
Da habe ich meinen Mann im Wald vergraben. Es war so schön früh, die Luft war wie Gesang, und kein Schwein auf der Straße.
"Im Bett. Wo sonst?"
"Fahren Sie einen dunkelroten Peugeot mit dem Nummernschild HH-DJ 1701?"
"Ja, das ist meiner. Er steht draußen; Sie haben ihn bestimmt gesehen."
Der Jüngere nickte dem Uniformierten zu, der daraufhin aus der Küche verschwand. Kurz darauf hörte sie die Haustür. Jetzt schnüffelte er an ihrem Auto herum. Plötzlich schien es in der Küche unerträglich heiß zu sein; Astrid hatte das ganze Haus gescheuert, aber sie hatte nicht an den Wagen gedacht. Zu müde. An ihrem Auto waren sicher jede Menge Spuren, die bewiesen, dass sie im Wald gewesen war.
"Heute Morgen um fünf Uhr fünfunddreißig", begann der Ältere, "hat ein Jogger in einem Waldstück zwischen Barmstedt und Kaltenkirchen eine blonde Frau beobachtet, die eine Kiste vergrub. Er hat ihr Autokennzeichen notiert. Waren Sie das, Frau Berger?"
"Nein", behauptete Astrid. "Natürlich nicht."
"Würden Sie uns bitte begleiten? Wir möchten Ihnen etwas zeigen."

Mit einem kleinen Bagger von der Forstverwaltung hatten sie in ein paar Minuten fertig gebracht, wofür Astrid eine Stunde gebraucht hatte. Der Haufen Erde sah mickrig aus; kaum zu glauben, dass es so unglaublich viel Mühe machte, so ein bisschen Dreck zu schaufeln.
Der Jüngere, der telefonierend ein Stück hinter ihnen zurück geblieben war, rannte mit unbeholfenen Sätzen über den Waldboden und fiel dann in Schritttempo, als er bei ihnen ankam.
"Schäfer hat angerufen", schnaufte er. "Der uniformierte Kollege von vorhin, Frau Berger. In Ihrem Kofferraum lag eine benutzte Schaufel. Die Erde daran war noch nicht mal trocken. Leugnen Sie immer noch, hier gewesen zu sein?"
Astrid schüttelte den Kopf. Ihre Beine zitterten, als sie auf die rechteckige Grube zugingen, aus der ein paar Männer in weißen Papieranzügen gerade die Kiste hievten. Was gab es jetzt noch zu leugnen?
"Bitte", sagte sie. "Kann ich eine Zigarette haben?"
Der Ältere – Cremer war sein Name – nickte verständnisvoll, hielt ihr eine Schachtel Stuyvesant hin, gab ihr Feuer. Dann gab er den Männern in den Papieranzügen einen Wink, und sie öffneten die Kiste.
Der Deckel klappte hoch. Cremer fluchte. Astrid riss die Augen auf; die Zigarette fiel ihr aus der Hand, aber sie bemerkte es nicht.
Eine behandschuhte Hand griff in die Kiste und hielt etwas in die Höhe.
Es waren Eisenbahnschienen.

Die dreckige Kiste stand in ihrem Flur wie ein Menetekel. Astrid betrachtete sie fassungslos. Cremer hatte sie nach Hause gefahren und sich bei ihr entschuldigt. Sie erinnerte sich nicht mehr daran, was sie zusammengestottert hatte, aber er musste geglaubt haben, sie habe in einer Art Nervenzusammenbruch Jörgs teuerstes Spielzeug im Wald vergraben, die verschrobene, hilflose Rache einer sitzen gelassenen Ehefrau.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis Spohn seine Kiste aufmachte. Zehn Minuten später würde der ganze Tross wieder antraben, und alle Türen in der Zukunft würden mit stählernen Riegeln verschlossen sein.
Astrid warf sich einen Mantel über und eilte zur Tür. Wenn sie es schaffte, den Koffer mit dem Geld zu holen und irgendwie über die Grenze nach Dänemark zu kommen, mit einem Fischkutter oder einem –
Sie prallte zurück, als Marcus Spohn in der Haustür stand, den Finger bereits am Klingelknopf. Seine wasserblauen Augen blickten sie aus einem müden, bleichen Gesicht an. Auf der Straße sah sie seinen Pickup stehen. Die Kiste stand auf der Ladefläche.
"Sie müssen sehr schlecht von mir denken", begann sie, aber Spohn hob nur eine Hand und schob sich an ihr vorbei in den Flur. Astrid schloss die Tür.
Spohn holte tief Luft und seufzte.
"Da war nicht Nevada drin", sagte er heiser. "Ich brauche die richtige Kiste. Ich will tauschen."
"Ich muss mich hinsetzen", antwortete Astrid.

"Es war ein Unfall", begann Astrid, als sie am Küchentisch saßen und sie sich eine Zigarette angezündet hatte. "Wir haben gestritten. Ich…"
Spohn schüttelte den Kopf. "Sie müssen mir nichts erklären", sagte er. "Er war kein freundlicher Mann."
Astrid betrachtete Spohns bekümmertes, sanftes Gesicht. Das war wohl seine Art, jemanden ein Arschloch zu nennen. Er war nicht wie Jörg, ganz und gar nicht. Sie begann zu weinen, und Spohn nahm ihre Hand und drückte sie.
"Sie gehen sicher zur Polizei", flüsterte sie.
Spohn schwieg. Dann schüttelte er wieder den Kopf.
"Ich weiß nicht", sagte er. "Warten Sie mal."
Als er zurückkehrte, trug er eine Packung Kleenex und eine flache Schachtel bei sich. Spohn und die anderen Vereinskollegen waren oft hier gewesen, um im Keller an ihrem Spielzeug herumzubosseln, und er kannte sich hier aus.
"Ihr Mann hat nicht viel von mir gehalten", begann er. "Spohni Spinnemännchen, wissen Sie?" Er lächelte schmal, als Astrid zu einer Erwiderung ansetzen wollte. "Ich glaube, jeder Mensch hat ein Talent und eine Berufung, der er folgen muss. Seine war es, unfreundlich und gedankenlos zu sein." Er strich über die Schachtel. "Meine sind diese winzigen Modelle. Wenn ich sie baue, habe ich das Gefühl, eine Welt zu bauen, in der jede Winzigkeit… vollkommen und richtig ist."
Er hob behutsam den Deckel von der Schachtel. Eine langgezogene, schwarz lackierte alte Lokomotive lag dort auf blauem Samt.
"Bin ich ein Erpresser?", flüsterte er. "Ich würde keinen Mord dafür begehen, aber ich wäre bereit, einen dummen Unfall dafür zu verschweigen."
Astrid tupfte mit einem Kleenex verschmierte Wimperntusche von ihren Augen. "Kein Geld?"
"Nein."
Astrid dachte nach. Dann seufzte sie.
"Das ist ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann", sagte sie. "Aber für einen Erpresser halte ich Sie nicht."
Spohn atmete auf. Dann blickte er aus dem Fenster, wo die entsetzliche Kiste auf der Ladefläche seines Wagens im Sonnenlicht funkelte.
"Was machen wir damit?"
Astrid stand auf und strich ihr Kostüm glatt. Langsam kam wieder so etwas wie Ordnung in die Dinge.
"Ich weiß eine Stelle im Wald", sagte sie, "da wird die Polizei so schnell nicht wieder suchen."

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