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April 2005
Else
von Martina Bartels

Ächzend zerrte ich die beiden Koffer die Treppe runter und schleifte sie bis zur Haustür. Aufatmend stellte ich sie ab und wischte mir den Schweiß von der Stirn. So fühlte man sich also, wenn es endgültig zu Ende war. Langsam ging ich ins Wohnzimmer und setzte mich neben Else auf das Sofa.
"Pass gut auf ihn auf, er kann nicht anders. Er ist krank!", flüsterte ich, während ich ihr eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht strich.
Ärgerlich zwinkerte ich eine Träne aus dem Augenwinkel und erhob mich. Während ich zur Tür ging und automatisch den kleinen Knopf zur Entriegelung drückte, schweiften meine Gedanken ab …

***

Unser erstes Treffen, vor fünfzehn Jahren, auf einer Party bei Freunden. Martin, ich hatte ihn nie vorher gesehen, aber ein Blick aus seinen funkelnden Augen, seine Stimme – er gefiel mir sofort.
Ich war jung und blauäugig, glaubte an das große Glück. Es ging alles sehr schnell. Die gemeinsame Wohnung; ein Jahr später Verlobung – ganz altmodisch.
Dann die Hochzeit, in Weiß mit einer Kutsche. Traditionelle Rollenverteilung – Martin die Karriere und ich sollte ihm den Rücken frei halten. Mich um den Haushalt kümmern und um die Kinder, die wir geplant hatten.
Ich war glücklich und mit allem einverstanden. Freute mich auf unsere gemeinsame Zukunft und sah alles rosarot.
"Nun gehörst du nur noch mir!", flüsterte er in der Kirche nach dem Eheversprechen und ich lächelte ihn strahlend an.

Wir verbrachten traumhafte Flitterwochen und hofften auf Nachwuchs. Meine Rolle als Hausfrau befriedigte mich nicht, aber ich war zufrieden. Ich genoss die Zeit, die ich für mich hatte und traf mich mit Freundinnen. Sehr häufig klingelte dann das Telefon.
"Hallo Schatz, ich habe gerade an dich gedacht, was machst du so? Hast du Besuch, wer ist denn bei dir?"
Ich fühlte mich so geschmeichelt, wenn Martin mich immer anrief. Einfach so, es interessierte ihn alles. Wo ich war, mit wem, was ich machte, er war so besorgt und fürsorglich.
Und Martin liebte Überraschungen. Wenn ich Besuch von einer Freundin hatte, stand er plötzlich in der Tür. Lächelnd, mit einem Strauß Rosen in der Hand.
"Ich habe mir frei genommen extra für dich. Komm ich hol eine Vase und dann stellst du mir deine Freundin vor, ich muss doch wissen, mit wem du deine Zeit verbringst …"
Er war wirklich süß.
Dann schenkte er mir ein Handy – damit ich immer für ihn erreichbar war – falls er Sehnsucht nach mir hatte. Egal wo ich war, stündlich bekam ich jetzt liebe SMS von ihm. Leider konnte ich nicht immer antworten. Dann war Martin sehr traurig und enttäuscht.
"Engel, warum antwortest du mir denn nicht wenn ich dir schreibe, ich mache mir Sorgen und bin krank vor Sehnsucht, wenn du mir nicht antwortest. Liebst du mich denn gar nicht mehr?
Treuherzig und fast bittend sah er mich bei solchen Worten an. Er zweifelte an meiner Liebe, nur weil ich mal nicht auf eine SMS antwortete? Es gibt Situationen, in der Sauna oder beim Arzt, wo man das Handy einfach nicht zur Hand hat. Martin verstand das nicht.
Ich wurde einfach nicht schwanger und begann mich zu langweilen. Dass ich wieder arbeiten ging, das kam für Martin nicht in Frage.
"Schatz, genieß doch deine freie Zeit, was sollen denn die Leute denken, wenn ich meine Frau arbeiten schicke? Außerdem, warum willst du dich von den Kollegen begaffen lassen oder gar dass der Chef dir nachstellt?"
Seine Einstellung kam mir sehr merkwürdig vor und meine Unzufriedenheit wuchs. Seiner Meinung nach hatte doch alles. Also hoffte ich weiter auf eine Schwangerschaft und wartete ab.
Martin zeigte mir seine Liebe, indem er sich immer für mich interessierte. Ich wusste, dass er es nicht so gerne hatte, wenn ich mit meiner Freundin telefonierte, deshalb erledigte ich das meistens, wenn er nicht zu Hause war – bis ich die Kassetten im Schreibtisch fand.
Kleine Kassetten aus dem Anrufbeantworter – er zeichnete alle meine Telefonate auf! Da ich mich für die Technik nicht interessierte, hatte ich es nicht bemerkt. Kurze Zeit vorher hatte es erst Streit gegeben, über den Einzelverbindungsnachweis der Telefonrechnung, den er beantragt hatte.
"Martin, wir beide leben alleine in dieser Wohnung, wer außer uns sollte unser Telefon benutzen?", fragte ich ihn.
"So ist es doch nicht gemeint, aber man hört so viel über Fehler in der Telefonabrechnung, ich möchte einfach gerne die Kontrolle haben", versuchte er mich zu beruhigen.
Nachdenklich schob ich die Kassetten zurück in die Schublade. Ich erzählte ihm nichts von meiner Entdeckung, doch von nun an schaltete ich den Anrufbeantworter aus.
Ich wurde vorsichtiger. Es gab nichts zu verheimlichen, warum kontrollierte er mich? Ich begann ihn zu beobachten.
Ich sah, wie er regelmäßig abends mein Handy kontrollierte, wie er meine SMS las und wie er die Nummern verglich. Ich erwischte ihn, wie Martin den Kilometerstand vom Auto notierte. Ich sagte nichts. Ich war froh über mein Wissen und nutze es gegen ihn. Ich löschte alle Daten aus dem Handy und lernte wie man den Kilometerstand manipuliert. Ich musste schlauer sein als er. Dieses Spiel wurde wie eine Sucht. Was macht Martin – was kann ich dagegen tun.
Vor Langeweile surfte ich im Internet. Auch dort kontrollierte er mich. Sah sich die Seiten an, die ich besuchte; chattete ich, las er den Verlauf nach. Martin fühlte sich so sicher, ich hatte doch keine Ahnung von Technik. Alles was ich wusste, hatte ich von ihm – dachte er.
Doch mein Ziel war es, immer einen Schritt weiter zu sein als er. Ich lernte und lernte und wurde ihm langsam überlegen. Ich wusste, dass Martin meine Mails las, also änderte ich ständig die Passwörter. Er konnte ja nichts sagen – ohne etwas zuzugeben. Bei jedem Chat überprüfte ich meine Chatpartner anhand ihrer Daten, ob es nicht vielleicht Martin war mit dem ich da redete. Ich erwischte ihn mehrmals als unbekannten Chatpartner.

Ich schwieg lange, doch irgendwann wurde es mir zu bunt und ich konfrontierte ihn mit meinem Wissen.
"Na, wie hat dir der Chat mit mir gefallen?", empfing ich ihn eines Abends, als er nach Hause kam. Erstaunt sah er mich an.
"Du denkst wohl, ich merke nicht, was du mit mir machst, aber ich weiß genau, dass du mich ständig kontrollierst und beobachtest. Warum tust du das?"
"Schatz, ich kontrolliere dich nicht und möchte dich auch nicht verärgern. Es interessiert mich einfach, was du machst. Ich liebe dich und nur dich, deshalb ist es mir wichtig." Liebevoll nahm er mich in den Arm und lächelte mich an.
Ich beruhigte mich wieder und ließ die Sache ruhen. Aber ich beobachtete ihn.
Martin gab sich nun keine Mühe mehr, seine "Überwachung" vor mir zu verstecken. Er schenkte mir ein neues Auto, mit Navigationssystem , so programmiert, dass automatisch alle Fahrten gespeichert wurden. Er installierte Kameras im Haus um mich " zu sehen"! Martin versteckte Wanzen im Haus, steckte mir Peilsender in die Jackentaschen. Ich weiß nicht, wie viele Begriffe aus der Überwachungselektronik ich im Laufe der Jahre lernte. Aber ich war nicht schlechter als er und lernte mich unauffällig zu bewegen, zu schweigen und seine Systeme zu umgehen.
Ich machte mir meine Kontakte zu Nutze und ließ einen verdeckten Schalter einbauen, mit dem ich Martins gesamte Kontrollzentrale mit einem Knopfdruck lahm legen konnte. Ich manipulierte die Kamera, legte mir Rufumleitungen, lieh mir das Auto einer Freundin. Er verlor den Überblick – er hatte keine Kontrolle – nichts mehr.
Die Situation wurde immer angespannter. Ich verstand ihn nicht. Wozu das alles? Es gab nichts!
Und Martin, er bemerkte langsam, dass da etwas schief lief. Er wurde unruhig, wirkte teilweise gehetzt. Er lief auf und ab, wie ein Tiger im Käfig. Manchmal begann er zu Zittern und hatte Schweißausbrüche.
"Schatz, ich muss wissen was du tust. Du darfst es mir nicht verweigern. Ich habe schreckliche Angst dich zu verlieren, bitte hilf mir." Er flehte mich an, er bat mich, er bettelte. Ich konnte ihm nicht helfen, es gab nichts.
Martin sah überall Konkurrenz. Er vergraulte unsere Freunde und Bekannten. Ich sollte nicht mehr einkaufen gehen, er ließ die Ware liefern. Er nahm ein Postfach, damit der Briefträger nicht mehr käme.
"Martin, ich kann so nicht mit dir leben. Ich liebe dich. Es gibt keinen Grund so mit mir umzugehen. Bitte ändere dich. Du bist krank. Das einzige Problem, dass wir haben ist dein Verhalten."
Er verstand es nicht.
Er tat mir Leid, ich liebte ihn- noch immer, ja! Aber ich war nervlich fertig und konnte nicht mehr. Martin brauchte keine Frau, er brauchte eine Maschine – etwas, das programmierbar war, immer verfügbar, ohne eigene Meinung, willenlos! Ein Roboter – das war die Lösung.
Ich würde mich durch einen Roboter ersetzen. Heute war die Technik so weit. Es gab Roboter für alles, warum nicht auch einen für Martin?
Ich erkundigte mich und wurde bald fündig. Ein Roboter Typ "Else" weckte meine Aufmerksamkeit. Alleine den Namen fand ich passend - wie eine Frau eben!
Else war zierlich, beweglich und verfügte über ein Sprachmodul. Ich war fasziniert und bestellte "Else". Aufgeregt wartete ich auf die Lieferung.

Dann hatten wir Hochzeitstag. Es war unser dreizehnter. Schicksal? Martin hatte eine ganz besondere Überraschung für mich.
"Mein Engel, ich habe eine ganz besondere Überraschung für dich. Du wirst sprachlos sein." Lächelnd zwinkerte er mir zu und überreichte mir einen Umschlag.
"Das ist ein Gutschein für eine Operation. Du kannst dir einen Sender unter die Haut implantieren lassen." Strahlend sah er mich an. In diesem Moment wusste ich, dass Else die richtige Entscheidung war.

***

Ich hatte schon mehrere Bänder besprochen, so dass Else jetzt über meine Stimme verfügte. Liebevoll zog ich ihr meine Sachen an und setzte ihr die blonde Perücke auf. Dann brachte ich sie ins Wohnzimmer, schob ihr die Kissen zurecht und setzte sie aufs Sofa. Noch einmal sah ich mich um, ehe ich nach oben ging um meine Koffer zu holen.

Es fiel mir nicht leicht, doch ich wusste, eine andere Lösung gab es nicht. Gerne hätte ich ihn anders verlassen, vielleicht hätte ich eine Anzeige aufgeben sollen " Ehemann mit Zwangsneurose wegen seelischem Schaden an unterwürfige Sie umständehalber abzugeben", aber wie groß waren die Chancen, dass sich auf so ein Inserat jemand meldet und falls doch, konnte man das überhaupt jemandem zumuten?
In Else würde er die perfekte Frau haben, nun würde alles gut werden.

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