Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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April 2005
Die Annonce
von Albertine Sprandel

Der türkisfarbene Schal war das Tüpfelchen auf dem I. Heinrich musterte sich zufrieden im Spiegel: in dem anthrazitfarbenen Dreireiher wirkte er gleichzeitig dezent und elegant. Dass der Anzug preiswert war, fiel nicht auf.
Heinrich lächelte. Er konzentrierte sich auf jede seiner Bewegungen, um seine Aufregung in Schach zu halten. "Ich muss wahnsinnig gewesen sein, mich auf diese Annonce zu melden", dachte er. Heinrich Walker, Bauingenieur im Bauleitungsteam des neuen Fußballstadions. Verantwortlich für 25 Höhenarbeiter. Er, der so einen komplizierten Job erfüllte, folgte einer Anzeige mit dem Titel 'Ehefrau abzugeben'!

Kein Parkplatz weit und breit.
An diesem strahlenden Samstagnachmittag schienen alle in Schwabing draußen unterwegs zu sein. Es roch nach Frühling. Heinrich bestaunte die entspannten Gesichter, die ausgebeulten Einkaufstüten und die überfüllten Cafes.
'Wann war ich das letzte Mal an einem Samstagnachmittag shoppen?' Der Höhenarbeiter fühlte sich, als ob er nicht dazu gehörte. Sein Leben fand seit drei Jahren nur auf den Luftkissen des Stadiondaches statt.
Jetzt wurde es Zeit über ein Leben auf dem Boden nachzudenken. Zeit eine Ehefrau zu finden. Im 'Schlauchboot', so nannte nicht nur die Presse die gigantische Arena, lernte man keine Frauen kennen. Die wenigen, die diesen Job machten, waren entweder fest mit einem Profikletterer liiert oder nach seinem Geschmack zu männlich.

Direkt vor dem Cafe wurde ein Parkplatz frei. Ein gutes Omen?
Beim Einparken ging Heinrich das Vorhaben innerlich noch einmal durch:
Fakten: 16.00 Uhr Cafe Zwiesel, Erkennungszeichen: Rotes Buch.
Ziel des Treffens: Eine Frau kennen lernen. Die Ehefrau des Mannes, den er jetzt vorfinden sollte.
Vorgehen: Er musste zu erst wissen, warum der Mann sie abgeben wollte, wieso er sich nicht einfach scheiden ließ, was diese Annonce sollte.
Heinrich zögerte. Sollte er wirklich hinein gehen?

"Walker, angenehm." Heinrich schüttelte dem dürren Mann in den Fünfzigern die Hand. Der war mindestens einen Kopf größer und hielt den Oberkörper nach vorne gebeugt. Als ob sich Herr Singer, den Namen wusste Heinrich vom Telefon, vom vielen Bücken nicht ganz aufrichten konnte. Sein Haar lichtete sich schon, der Händedruck war kräftig.
"Freut mich, dass Sie kommen konnten, Herr Walker. Oder darf ich Heinrich sagen?" Heinrich stutzte. Singer wirkte in seinem beigefarbenen Pullunder und seiner braunen Cordhose alles andere als jovial. Er hatte einen Stehtisch mit zwei Barhockern ausgesucht und schon ein Getränk vor sich stehen.
"Können wir uns nicht raus setzen? Es ist so ein herrliches Wetter heute!" Ohne auf eine Antwort zu warten schlängelte sich Heinrich durch die Tischreihen zurück zur Tür, um einem ankommenden Pärchen den letzten freien Tisch wegzuschnappen.
Herr Singer huschte hinterher, bedacht, sein Glas mit Latte Macchiato nicht überschwappen zu lassen.
"Die Annonce müsste anders lauten.", schoss es Heinrich durch den Kopf . "'Ehemann abzugeben'. Was war das für eine, die freiwillig diesen Mann heiratete?" Der Kellner räumte den Tisch ab und Heinrich bestellte einen Espresso.
Als Berufskletterer war er nicht nur schlank, er war auch extrem sportlich. Sein Job hielt ihn auf Trab. Die Höhe, die Bewegung und die Konzentration. An der Luft fühlte er sich gut.
Herr Singer setzte sich langsam, als ob er gleichzeitig nachdenken müsste. Er schob sein Glas mit Latte Macchiato direkt neben den Zuckerstreuer in die Mitte des Tisches und wollte das rote Erkennungsbuch gerade einstecken, da fingen Heinrichs Augen den Titel auf: 'Irrläufe' von Giorgio Manganelli. Sympathisch. Er hatte das Buch einmal, in seinem früheren Leben, als er noch Zeit für so etwas hatte, in der Hand gehabt. Lauter humorvolle Texte, nur eine Seite lang.
"Tja, unsere Bücherwahl bringt unser Zusammentreffen auf den Punkt," schmunzelte Heinrich und zeigte Herrn Singer sein Buch: 'Eheleben' von Sergio Pitol. "Ich habe es noch nicht gelesen. Firmengeschenk, letztes Weihnachten."
Herr Singer schien fasziniert.
"Das ist ... äh damit habe ich nicht gerechnet," stammelte er. "Entschuldigung, das muss ich mir notieren." Er kramte aus seiner Tasche ein kleines blaues Spiralheft und kritzelte schnell einige Worte an den Rand einer eng beschriebene Seite.
"Wissen sie, ich sammle Buchtipps." Heinrich war verwundert. Dieses Heftchen sah eher aus wie das Notizbuch eines Wissenschaftlers.
"Wie schon gesagt, ich freue mich, dass Sie heute kommen konnten." Herr Singers Stimme klang jetzt sicher. Ohne Zögern fuhr er fort:
"Sie werden sich fragen, warum ich meine Frau abgeben will. Sie werden sich fragen, warum ich diese unkonventionelle Annonce geschaltet habe, und Sie werden sich fragen, was ich von Ihnen wissen will, um zu entscheiden, ob Sie geeignet sind."
"Mich interessiert Ihre Frau," unterbrach Heinrich. Während der Kellner ein Tablett mit Espresso und Leitungswasser vor ihn stellte, fixierte er Singer.
"Ja natürlich, aber ich möchte mehr über Sie erfahren."
"Ich habe mich schon vorgestellt und Sie haben meinen Brief."
"Diese Antwortschreiben sind doch meistens Lüge. Und das ist gut. Lügen und Übertreibungen gehören dazu." Singer flüsterte fast, als ob er ein Geheimnis verraten würde.
"Aha", antwortete Heinrich. Er verstand nichts.
"Warum haben Sie auf meine Annonce reagiert, und nicht auf die einer Frau?"
"Und warum lassen Sie sich nicht scheiden?" Herr Singer ging nicht darauf ein.
"Sehen Sie, ein anderer Bewerber sagte mir, er hasse Blind Dates mit Frauen in irgendwelchen Cafés. Man müsse so viel Smalltalk führen, um am Ende festzustellen, dass doch nur eine verkrachte Existenz vor einem sitzt."
"Ich habe mich noch nie mit einer Frau auf diese Art getroffen."
"Schön. Suchen Sie eine Ehefrau?"
Heinrich studierte sein Gegenüber. Er fing an ihn zu interessieren. Das Gesicht schien sich wie ein Buch zu öffnen und zu schließen. Nur wurde es jedes Mal an einer anderen Seite aufgeschlagen. Jetzt sah er das Kapitel mit dem psychologischen Berater vor sich. Suchte Heinrich tatsächlich nach einer Ehefrau? Sein Projekt ging dem Ende zu. Das Luftkissendach war fast fertig. In ein paar Monaten würde das Stadion eröffnet werden. Wenn alles gut ging, könnte er im Team bleiben. Er wäre weiterhin für die Kissen zuständig. Aber es würde alles zur Routine werden. Alternativ könnte er zum nächsten Großprojekt wandern. Wieder zwei bis drei Jahre Hochspannungsjob. Und dann?
Heinrich sah das herzliche Lächeln und den ruhigen Blick seines Gegenübers. Er konnte nicht anders, er musste ehrlich sein:
"Ich suche ein Leben auf dem Boden."
"Ja, man meint, das Eheleben erdet." Herr Singer ließ seine Finger über die Tischplatte kreisen. Heinrich war sich nicht sicher, ob Singer weiterhin den psychologischer Berater spielte oder sich zurück zum Privatmann verwandelte.
"Irgendwann will man sesshaft werden. Gibt es das wirklich, das ruhige erfüllte Leben? Muss man nicht immer wieder von vorne anfangen und sich auf das Hochseil wagen?" Herr Singer sprach mit einem Anflug von Trauer. "So wie ich Forscher bin und bleibe, bleiben Sie bei den baulichen Höhenflügen, Herr Walker!"
"Wollen Sie mir Ihre Frau ausreden?"
Singer durchbohrte Heinrichs Gesicht mit einem analytischen Blick. Dann betrachtete er den Hals, den Schal und das Jackett. Heinrich griff zur Espressotasse, stellte sie ab, nahm das Wasserglas und stellte auch dieses, ohne getrunken zu haben wieder ab. Er wollte den Überblick behalten, das war schließlich seine Stärke.
"Sie sind Forscher?"
"Ich war es einmal." Nach einer Pause fügte Herr Singer leise hinzu: "Bin vor einem Jahr entlassen worden."
"Das tut mir leid." Heinrich entspannte sich ein wenig. "Erzählen Sie doch von Ihrer Frau! Haben Sie ein Foto?"
"Mein Fachgebiet sind die menschlichen Abgründe. Was veranlasst einen erfolgreichen Mann, sich auf eine Annonce zu melden? Sie sehen gut aus, haben einen sicheren Beruf, warum lernen Sie keine Frau kennen?"
"Weil ich nur arbeite!" Heinrichs Stimme wurde lauter. "Wann erzählen Sie mir endlich etwas von Ihrer Frau?"
"Ich bin nicht verheiratet."
"Zeigen Sie mir ein Foto. Was sind ihre Stärken, ist sie hübsch, wünscht sie sich Kinder? Was ist ihre Lieblingsfarbe? Ich liebe blau. Meine Hobbies sind ..."
Herr Singer lächelte. Seine Schultern waren aufgerichtet. Er schien zufrieden. Heinrich hatte das Gefühl abzustürzen.
"Das heißt ... es gibt ... sie haben keine Frau abzugeben?"
"Ich bin Forscher. Eine Art Menschenforscher. Sehen Sie, ich kann nicht untätig zuhause sitzen. Ich musste mir ein eigenes Forschungsprojekt suchen, Herr Walker. Es tut mir leid. Aber selbst wenn ich eine Frau hätte, ich würde Sie Ihnen nie überlassen. Obwohl Sie nett sind."
Herr Singer erhob sich. Der Stuhl kippte, seine Hand konnte gerade noch die Lehne greifen, um ihn wieder korrekt an den Tisch zu rücken. Heinrich hing an jeder Bewegung, als ob sie ihn auffangen könnten. Als ob sie ihm helfen könnten seine Eingeweide nach einem doppeltem Looping zu sortieren.
"Hat mich gefreut sie kennen zulernen," sagte Singer. "Sie sind natürlich mein Gast."
In diesem Moment schlug Heinrich zu. Der dürre Mann, vielleicht ein unbedeutender Soziologe ehemals in einer Marktforschungsfirma, schwankte und hielt sich die linke Wange. Auf dem Weg zum Kellner drehte er sich noch einmal um:
"Ich werde dieses Projekt aufgeben. Es ist unmoralisch. Ich wünsche Ihnen viel Glück."

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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