Ganz schön bissig ...
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April 2005
Spinnefeind
von Eva Markert

"Robert?"
Er holte tief Luft und schloss für einen Moment die Augen. "Ich komme!"
"Schnell!"
Er stieß die Wohnzimmertür auf. Kein Zweifel: An diesem Vormittag sah sie sehr krank aus. Noch viel kränker als sonst.
"Mein armer Liebling, macht dir das Herz wieder zu schaffen?"
Ihr Atem ging stoßweise. "Ich brauche meine Tabletten."
Er holte die Schachtel vom Nachttisch und drückte zwei Kapseln aus der Folie.
Hannah schluckte sie und ließ sich aufs Sofa zurücksinken. "Danke, Schatz", flüsterte sie. Sicher dachte sie nun wieder: ‚Wenn ich ihn nicht hätte!’ Ein Glück, dass sie keine Ahnung hatte, was er gerade dachte: ‚Wenn sie das Geld nicht hätte!’
Er lächelte sie an. "Bleib liegen, bis es dir besser geht. Soll ich dir eine Decke holen?"
Sie nickte und streckte die Hand nach ihm aus. "Du bist immer so lieb zu mir!"
Er berührte ihre Fingerspitzen.

Später ging er in den Keller. Ziemlich viele Spinnen hatten in dunklen Ecken ihre Netze gewebt.
‚Spinnen am Morgen Kummer und Sorgen.’ Sagte man nicht so?
‚Spinnen am Abend erquickend und labend.’ Er lachte in sich hinein. Es kam eben immer auf den Blickwinkel an.

"Robert, ich bin wach."
Nach dem Mittagsschlaf servierte er ihr immer Tee und Gebäck ans Bett. Er trug das Tablett mit der dampfenden Tasse und der verschlossenen Gebäckdose nach oben.
Hannahs Lippen waren bläulich verfärbt und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen.
"Danke", seufzte sie. "Der Tee wird mir gut tun."
Sie schloss die Augen und führte die Tasse mit beiden Händen zum Mund.
Jetzt! Er griff er nach der Spraydose auf dem Nachttisch und steckte sie in seine Jackentasche.
Dabei ließ er Hannah nicht aus den Augen.

Sie nahm einen Schluck und setzte die Tasse ab. Ihre Hände näherten sich der Plätzchendose. Sie hob den Deckel hoch und legte ihn beiseite.
Noch hatte sie nichts gemerkt.
Ihr Blick fiel in die Dose und sie erstarrte mitten in der Bewegung. Sie hatte die dicke schwarze Spinne entdeckt, die oben auf dem Gebäck hockte.
Besser konnte die Sache gar nicht laufen. Die Spinne war entkommen und krabbelte auf langen dünnen Beinen geradewegs auf Hannah zu.
Gleich würde die Alte den Mund aufreißen, schreien und sich nach hinten werfen.
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Sie würde sich ans Herz fassen und röcheln: "Mein Spray!"
Doch er würde es ihr nicht geben.

Hannah richtete sich auf. Sie lächelte. Gelassen nahm sie die Spinne, die gerade im Ärmel ihres Nachthemdes verschwinden wollte, und setzte sie zurück in die Dose.
"Aber ..."
Hannah strahlte ihn an. "Da staunst du, was?"
"Aber da war doch ... "
"Du meinst die Spinne? Das macht mir nichts mehr aus." Ein Hauch von Farbe stieg in ihr Gesicht. "Nicht umsonst habe ich dir neulich vorgeschlagen, ohne mich in Urlaub zu fahren."
Warum erwähnte sie das jetzt?
"Ich war während dieser Zeit in einer Tagesklinik", fuhr sie fort, "und dort habe ich gelernt, wie ich meine Angst vor Spinnen loswerden kann."
"Warum ... hast du mir nichts gesagt?"
Hannah stand auf, umhalste ihn und presste sich an ihn. "Ich wusste doch gar nicht, ob ich es schaffen würde. Und als ich es geschafft hatte, wollte ich auf eine gute Gelegenheit warten, um dich zu überraschen."
Eigentlich müsste er jetzt seine Arme um sie legen.
"Freust du dich denn gar nicht?"
"Doch."

Plötzlich löste Hannah ihre Umarmung und trat einen Schritt zurück.
"Wieso hast du mir eigentlich nicht geholfen, als die Spinne über meine Bettdecke lief?"
"Ich – war vor Schreck wie gelähmt."
Ihr Atem ging schwerer. Suchend sah sie sich um. "Wo ist mein Nitro-Spray?"
Er wich zurück. Zu dumm! Diese Bewegung hatte ihn verraten.
"Du hast die Dose genommen! Ich habe eben etwas Hartes in deiner Jackentasche gespürt."
Was sollte er darauf antworten?
Sie streckte die Hand aus. "Gib mir das Spray!"
Es hatte sowieso keinen Zweck mehr. Er reichte es ihr.
Mit zitternden Fingern sprühte sie sich das Medikament in den Mund. Sie schnappte ein paar Mal nach Luft, ehe sie weitersprach. "Robert! Hast du etwa auch die Spinne auf die Kekse gesetzt?"
"Natürlich nicht!"
Würde sie ihm glauben?
Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie taumelte. "Geh!", stieß sie hervor.
"Warte! Lass uns doch ... Wir müssen ...".
Hannah rang stärker nach Luft. "Halt den Mund!"
Sie ließ sich aufs Bett fallen. "Geh!", sagte sie wieder. In ihrer Stimme klang Zorn.

Das Spray wirkte wieder mal nicht. Hannah ging es zusehends schlechter. Sie keuchte, ihr Gesicht war schweißnass. Dann verlor sie das Bewusstsein. Reglos lag sie da. Er beugte sich über sie. War sie ...? Nein, sie atmete noch, aber nur ganz schwach.
Er sah bereits alles vor sich: den blumengeschmückten Sarg, sich selbst im schwarzen Anzug inmitten der Trauergäste. Ihr Testament hatte sie beim Notar hinterlegt. Er blickte durch das Fenster auf den Park hinaus. Dieser ganze Reichtum würde ihm gehören. Ihm allein. Und nie wieder müsste er sie bedienen.

Hannah stöhnte leise. Sie bewegte sich, öffnete die Augen und sah ihn an.
Mit einem Ruck zog er das Daunenkissen unter ihrem Kopf weg und presste es auf ihr Gesicht.

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