Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2005
Der Umzug
von Anke Michels

Vera überreichte Klara mehrere Blätter.
"Hier steht drauf, was du erledigen und beachten musst.”
Klara studierte die Liste kurz, dann sagte sie überrascht: "Das kann ja Monate dauern, bis ich damit fertig bin.”
"Keine Angst. Mit gutem Willen und Engagement schaffst du das in einem Monat. Und wenn du die Punkte vollständig abarbeitest, kannst du dir sicher sein, dass es keine Pannen gibt.”
"Ja, du hast Recht. Nach sechsundzwanzig Jahren kommt es auf einen Monat mehr oder weniger auch nicht mehr an.”

Als sie am Abend allein vor dem Fernseher saß, ging sie noch einmal die Liste durch. Für einen Moment fühlte sie sich völlig überwältigt und war in Versuchung, den Plan einfach zu vergessen. Dann rief sie sich innerlich zur Ordnung. Jahrelang hatte sie ihre Familie, drei Töchter, einen Sohn, einen Hund, und ein Aquarium mit Goldfischen, fast ohne die Hilfe von Kurt gemanagt, der immer unterwegs war. Warum sollte sie also nicht in der Lage sein, auch diesen Umzug allein zu planen.

Um elf Uhr ging sie ins Bett und schlief sofort ein. Kurt war, wie so oft, noch nicht zu Hause.
Erst am nächsten Morgen beim Frühstück sah sie ihren Mann.
"Guten Morgen, Klärchen. Hast du gut geschlafen? Ich hoffe, ich habe dich gestern Abend nicht geweckt. Es ist mal wieder spät geworden. Ein wichtiges Angebot, das kurzfristig noch raus musste – du weißt ja, wie das ist.”
Klara nickte – sie wusste genau wie das war.
"Kein Problem. Ich habe so tief geschlafen, dass ich dich gar nicht gehört habe.”
Kurt blätterte schnell die Zeitung durch und fuhr dann, wie jeden Morgen, pünktlich um halb acht los zur Arbeit.

Als er aus dem Haus war, räumte Klara noch ein wenig die Küche auf und begann dann, ihre Liste zu bearbeiten.
Zuerst rief sie Klaus Helmke an.
"Guten Tag, Herr Helmke. Hier spricht Klara Meinert.”
"Ah, hallo Frau Meinert. Vera hat Ihren Anruf schon angekündigt. Ich soll für Sie also ein paar Aufnahmen machen?”
"Genau.”
"Gut, dann benötige ich nur noch die Adresse. Alles andere habe ich mit Vera ja bereits besprochen.”
"Die Adresse ist Liliengasse fünfundneunzig. Und wann bekomme ich die Fotos?”
"In ein paar Tagen. Ich rufe an und sage bescheid, wenn sie fertig sind.”
"Sehr gut. Und vielen Dank.”

Weil sie gerade so schön in Schwung war, beschloss Klara, auch noch bei der Bank vorbeizufahren.
Um sich Bank- und Behördenangelegenheiten vom Hals zu halten, hatte Kurt ihr schon vor Jahren eine Generalvollmacht erteilt. Das war für Klara jetzt sehr hilfreich. Ohne Probleme konnte sie alle Änderungen und Umbuchungen bei der Bank veranlassen.

Vier Tage später rief endlich Herr Helmke an. Sie verabredeten sich für den Nachmittag.
Ungeduldig wie sie war, saß Klara eine halbe Stunde vor der vereinbarten Zeit im Café. Als Herr Helmke pünktlich um drei hereinkam, riss sie ihm den großen, braunen Umschlag förmlich aus den Händen.
Klaus Helmke lächelte sie an: "Na, Sie können es ja kaum erwarten.”
Klara erwiderte: "Geduldig war ich viel zu lange."
Sie sah sich die Bilder an. Sie waren genau so, wie sie gehofft hatte. Kurt würde Augen machen.
Klara bedankte sich bei Herrn Helmke und überreichte ihm einen Scheck. Dann ging sie zu Vera, die ihr Büro ganz in der Nähe hatte.
"Gut, dann kannst du ja jetzt den Termin festlegen und die Umzugsfirma bestellen. Ich werde alle notwendigen Unterlagen vorbereiten. Am Tag des Umzugs müsst ihr dann nur noch in meinem Büro vorbeikommen und unterschreiben.”
"Wie wäre es nächsten Freitag um fünf?”
Vera überprüfte ihren Kalender.
"Wunderbar. Ich trage euch sofort ein.”

In den nächsten Tagen wurde es für Klara hektisch. Sie bestellte die Umzugsfirma. Bei der Bank musste sie die Adresse ändern, bei der Post einen Nachsendeantrag stellen, außerdem Telefon, Elektrizität, Wasser und Müll ummelden. Versicherungen und die Autozulassung mussten geändert werden. Es war ihr sehr wichtig, dass keine Briefe oder Anrufe bei der falschen Adresse landeten.

Am Tag des Umzugs war Klara beim Frühstück so nervös, dass sie stolperte und Kurt eine Tasse Kaffee überschüttete. Die braune Flüssigkeit hinterließ häßliche Flecken auf seinem hellgrauen Anzug.
"Kannst du denn nicht aufpassen?”, fuhr er sie wütend an. "Jetzt muss ich mich noch mal umziehen.”
Grummelnd verschwand er nach oben.
Klara fluchte innerlich. Kurt brauchte immer ewig, bis er sich für eine Kombination entschieden hatte. Und gerade heute war es so wichtig, dass er pünktlich das Haus verließ. Für acht Uhr hatte sie nämlich schon den Möbelwagen bestellt.
Mit fast einer halben Stunde Verspätung verließ er das Haus und fuhr eilig davon. Klara sah ihm vom Küchenfenster aus hinterher und atmete auf. Er war kaum aus ihrem Blickfeld verschwunden, als der Umzugslaster vorfuhr.

Klara öffnete die Tür und ließ die Möbelpacker herein. Die Männer sahen sich irritiert im Haus um.
"Die Chefin hat gesagt, dass wäre nur ein kleiner Umzug. Für die ganzen Möbel hier haben wir gar nicht genug Platz in unserem Wagen. Also, das passt auf keinen Fall, junge Frau, glauben Se mir”, sagte der Älteste, der sich ihr als Kalle vorgestellt hatte.
"Keine Sorge. Sie sollen nur einen Teil der Möbel transportieren. Ich zeige Ihnen mal schnell die Sachen, die mitkommen.”
Klara führte sie zuerst ins Büro: "Dieses Zimmer wird komplett ausgeräumt."
Sie beobachtete die Männer dabei, wie sie die Schränke ausräumten und alle Ordner in Kisten verstauten. Danach wurden die massiven Eichenmöbel abgeschlagen und mit den Kisten im Umzugswagen verstaut. Zuletzt kam der schwere Schreibtischstuhl aus schwarzem Leder.
Es folgten einzelne Stücke aus den anderen Räumen. Der klobige Fernsehsessel, den sie schon immer gehasst hatte und der auch überhaupt nicht zur restlichen, liebevoll ausgewählten Wohnzimmereinrichtung passte. Es folgten der stumme Diener, ein Trimmrad und ein Rennrad – beide ziemlich angerostet, mehrere Koffer voll Kleider und schließlich der Sack mit dreckiger Wäsche, die sie schon seit zwei Wochen gesammelt hatte. Der Umzugswagen war nun bis ins letzte Eck gefüllt.
‚Hat ja genau gepaßt‘, dachte Klara zufrieden.

Sie drückte Kalle, der die ganze Zeit das Kommando geführt hatte, fünfzig Euro in die Hand.
"Für Ihre Mühe.”
Dann nahm sie einen weiteren Fünfzig-Euro-Schein aus ihrem Geldbeutel.
"Die Möbel sollen in die Liliengasse fünfundneunzig gebracht werden. Wäre es vielleicht möglich, dass Sie jetzt in Ruhe Mittagspause machen und die Möbel erst danach ausliefern, so gegen zwei? Und diesen Brief für mich abgeben?”, frage Klara und hielt ihm den Schein und einen Umschlag entgegen.
Für eine Sekunde bekam Kalle kugelrunde Augen vor Überraschung. Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass er gebeten wurde, extra langsam zu machen. Er erholte sich jedoch blitzschnell und schnappte das Geld und den Umschlag, als ob er Angst hätte, sie konnte es sich anders überlegen.
"Kein Problem, wir müssen sowieso langsam Pause machen, nicht wahr, Jungs?”
Die "Jungs” nickten begeistert. Lange Mittagspause und extra Trinkgeld, dazu musste sie niemand überreden.

Kurz darauf kam auch der Mann vom Schlüsseldienst, den Klara schon gestern bestellt hatte. Er brauchte nur eine knappe halbe Stunde, um die Schlösser der Haustür, Kellertür und des Garagentores auszutauschen. Sobald er weg war, fuhr Klara zu Veras Büro, lieh sich das Auto von deren Sekretärin und fuhr zur Liliengasse fünfundneunzig. Klara parkte auf der gegenüberliegenden Straßenseite, von wo sie einen guten Blick auf die Eingangstür des Hauses hatte.
Es war erst halb zwei. Langsam wurde sie ein wenig nervös, sie brauchte dringend etwas Süßes. Im Handschuhfach fand sie eine Tüte Gummibärchen, die sie gierig aufriss. Als der Möbelwagen vorfuhr, verschlang sie gerade die letzten Bärchen.
Klara beobachtete, wie Kalle an der Tür klingelte. Eine junge, blonde Frau öffnete. Klara schätzte, dass sie ungefähr so alt wie ihre Tochter Kerstin war. Das war also Viola Klein. Sie sah genau aus wie auf den Fotos, die Klaus Helmke gemacht hatte. Außer, dass sie nun angezogen war.
Klara beobachtete, wie sie mit Kalle diskutierte und er ihr den Umschlag hinhielt. Mit einer ungeduldigen Geste nahm Viola Klein ihn entgegen und riss ihn auf. Der Inhalt, eine kleine Karte und ein weiterer Umschlag, fielen auf den Boden. Sie hob sie auf und las die Karte.
In Gedanken ging Klara den Text noch einmal durch:

Sehr geehrte Frau Klein,

nach den Fotos zu urteilen, die ich gesehen habe, scheint Ihnen mein Mann viel mehr zu bedeuten als mir. Deshalb möchte ich, dass Sie ihn ganz haben. Anbei seine Sachen.

Hochachtungsvoll,
Klara Meinert

Viola holte ihr Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer. Nach einem kurzen, aufgeregten Gespräch legte sie auf, sagte etwas zu den Möbelpackern und ging ins Haus. Kalle und seine Männer machten es sich vor der Tür bequem und warteten.

Wenige Minuten später hielt Kurts Mercedes mit quietschenden Reifen vor dem Haus. Kurt sprang aus dem Wagen und lief zu Viola, die ihm Klaras Nachricht überreichte.
Klara beobachtete, wie sein Gesicht sich während des Lesens rötete und er dann losschrie. Sie öffnete das Autofenster ein wenig und konnte nun auch verstehen, was er sagte: "Ist die denn völlig durchgedreht? Sich von mir zu trennen? Mich aus meinem eigenen Haus herauszuschmeißen. Und dann noch sozusagen vorzuladen. Und das alles per Brief. Die mache ich fertig.”

Klara startete den Motor an und fuhr los. Sie hatte genug gehört. Außerdem wollte sie nicht riskieren, dass Kurt sie entdeckte. Sie würde ihn um fünf in Veras Büro sehen. Und bis dahin hatte er sich hoffentlich ein wenig beruhigt.
Vera tat ihr Leid, weil der wütende Kurt bestimmt bald dort auftauchen würde. Wahrscheinlich kurz nachdem er festgestellt hatte, dass sie selbst nicht zu Hause war und sein Schlüssel nicht mehr passte. Aber Vera hatte als Scheidungsanwältin natürlich Erfahrung im Umgang mit wütenden Ehemännern.

Während sie durch die Gegend fuhr, hing Klara ihren Gedanken nach.Es war ein seltsames Gefühl, eine von Kurts Geliebten gesehen zu haben. Von den anderen, denen vor Viola Klein, hatte Klara nicht mal die Namen gekannt. Sie existierten für Klara nur als der Geruch eines Parfüms, Lippenstiftflecken auf seinem Hemdkragen oder auch nur ein verträumtes Lächeln auf dem Gesicht ihres Mannes. Und all die Jahre hatte sie sich nicht gewagt, ihn darauf anzusprechen. Und sich eingeredet, dass sie sich alles nur einbildete. Schließlich hatte er sich auch immer mal wieder liebevoll um sie und vor allem um die Kinder bemüht.

Um kurz vor fünf betrat Klara die Anwaltspraxis. Vera erwartete sie schon im Vorzimmer.
"Er sitzt schon seit fast zwei Stunden hier”, flüsterte sie.
"War es schlimm?”, fragte Klara mitleidig.
"Kein Problem. Ich bin schon mit ganz anderen Typen fertig geworden. Er hat rumgeschrien. Da habe ich ihn in mein Büro gesetzt und ihm gesagt, dass ich erst mit ihm spreche, wenn er aufhört zu brüllen. Inzwischen hat er sich halbwegs beruhigt und beschäftigt sich gerade mit den Unterlagen."

Als Klara das Büro betrat, sah es für einen Moment so aus, als würde Kurt einen weiteren Wutanfall bekommen.
"Klara, wie kannst du ...”
Vera fiel ihm ins Wort: "Wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass wir das ganze wie unter Erwachsenen besprechen. Hast du dir in zwischen die Vereinbarungen zur Trennung und den Scheidungsantrag durchgelesen?”
"Selbstverständlich. Die Forderungen sind natürlich unannehmbar. Außerdem möchte ich mich nicht trennen. Klara, was soll denn das überhaupt?”
"Wir sind sechsundzwanzig Jahre verheiratet und zwanzig davon hast du mich betrogen - mindestens. Und ich habe es immer hingenommen. Aber jetzt habe ich genug. Es gibt kein Zurück mehr.”
"Aber Klärchen, du bist doch die Einzige, die mir wirklich was bedeutet. Schließlich bin ich all die Jahre immer bei dir geblieben.”
"Nenn mich nicht Klärchen. Das habe ich noch nie leiden können. Und bei mir geblieben bist du auch nur, weil es für dich bequem war. Und natürlich, um deinen Geschäftspartnern ein heiles Familienleben vorgaukeln zu können.”
Kurt sah ein wenig betroffen, aber vor allem sehr beleidigt aus: "Wenn du das so siehst. Aber warum sollte ich dir das Haus überlassen und zusätzlich noch monatliche Alimente zahlen?”
"Weil es mir gesetzlich zusteht. Wir können diese Diskussion natürlich auch vor Gericht weiterführen – aber dann würde ich diese Fotos als Beweise vorlegen. Und die Kinder würden auch davon erfahren. Ganz zu schweigen von deinen Geschäftspartnern, die sich bestimmt köstlich darüber amüsieren würden, dass ich dich vor die Tür gesetzt habe. Wenn wir uns gütlich einigen, können wir einfach sagen, dass wir uns auseinandergelebt haben und uns scheiden lassen.”
Klara schob Kurt den Umschlag zu, den sie von Klaus Helmke bekommen hatte. Er nahm die Fotos heraus, schob sie aber sofort zurück, als er erkannte, was darauf war.
Kurt sah sie wütend an. Klara erkannte, dass er innerlich kochte.
"Nennt man sowas nicht gemeinhin Erpressung?”, stieß er schließlich hervor.
Nun griff Vera ein: "Wir fordern lediglich dass, was Klara zusteht. Und geben dir die Chance, vor deinen Kindern dein Gesicht zu wahren. Möchtest du vielleicht für ein paar Minuten darüber nachdenken?”
Kurt schnaubte nur verächtlich, zog die Unterlagen zu sich heran und unterschrieb. Dann verließ er mit schnellen Schritten den Raum und knallte die Tür hinter sich zu.
Klara und Vera fielen sich jubelnd in die Arme. Sie hatten es geschafft.
Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen fuhr Klara nach Hause und kochte das Abendessen. Für sieben Uhr hatte sie ihre Kinder mit Anhang eingeladen. Klara musste schließlich noch den letzten Punkt auf ihrer Liste erledigen: Ihre Kinder darüber informieren, dass Kurt und sie sich einvernehmlich getrennt hatten.

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