Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2005
Yasemins Heimgang
von Susy Clemens

"Vielleicht könntest du selber mal was dafür tun, dass es dir besser geht", sagte er ungehalten.
"Geh unter Menschen, kauf’ ein, hock’ dich mal ins Café, ruf’ deine Freundinnen an und verabrede dich! Solange du bloß ständig am Haus herumputzt und vor der Glotze hängst oder in Embryonalstellung auf deinem Bett liegst, wird sich deine Verfassung nicht bessern!" –
"Je ne peux pas", flüsterte sie. " Ich kann nicht ! "
Ihre Haut war fahl und faltig geworden, der Blick verschleiert. Sie hatte schon lange den Appetit verloren, und seit ein paar Wochen weinte sie nicht mehr, sondern starrte nur noch vor sich hin. Was sie außer den Grundnahrungsmitteln einkaufen sollte, wusste sie nie – sie hatte eigentlich das Gefühl, nichts zu brauchen – und sich mit ihren Freundinnen treffen wollte sie nicht, weil sie ihnen nichts zu erzählen hatte. Seit sie erfahren hatte, dass Tariq, ihr Lieblingsbruder, in ihrer Heimat an einer seltenen Krankheit – einer Folge der Mangelernährung – gestorben war, wanderte Yasemins Seele durchs Schattental der Depression, während ihr Körper nur auf Sparflamme die nötigsten Funktionen erfüllte.
Yasemin und der rundliche blasse Mann, der sie in seine Heimat geholt und geheiratet hatte, schliefen nicht im selben Zimmer. Er schnarchte zu laut und hatte ihr von Anfang an ein eigenes Zimmerchen unter dem seinen zugestanden. Nachts, wenn sie lesend im Bett lag, hörte sie ihn über sich auf und ablaufen und telefonieren. "Wenn es mit ihr nicht besser wird, werd’ ich sie wegbringen müssen", hörte sie ihn einmal gerade sagen, als sie aufs Klo ging.
Lauschend blieb sie im Flur stehen. Hörte sein selbstgefälliges Lachen. "Natürlich nur zur Generalüberholung, aber sicher!" Barfuss auf dem Fliesenfußboden erschauerte sie von Kopf bis Fuß. Sie hatte Sand im Getriebe der Machthabermaschinen dieser Welt sein wollen, die Ärmsten der Armen unterstützen und ihrem Volk aus der Ferne mit ihren bescheidenen Mitteln helfen wollen, und jetzt? Yasemin spürte ihr Versagen als bitteren Geschmack im Mund, das demütigende Gefühl der Nutzlosigkeit legte sich wie eine Lähmung auf ihre Glieder, die Gewissheit, dass "Generalüberholung" gleichzusetzen war mit "Gehirnwäsche " verursachte Brechreiz. "An Tariqs Tod kannst du doch nichts mehr ändern", hatte ihr Mann gesagt. "Dich nach Hause fliegen lassen kann ich nicht – dein zu Hause ist jetzt hier, die Gefahr, dass du dort getötet oder im Basar an den meistbietenden verkauft wirst, ist zu groß. Deiner Familie hilft es nicht, wenn dir auch noch etwas passiert – aber auch nicht, wenn du hier vor Kummer eingehst!"

Doch dann war der Tag gekommen, da sie jeglichen Lebenswillen verloren hatte und sich von ihrem Gatten im Auto einfach dorthin fahren ließ, wo er sie hinbringen wollte.
Die Hirnwäscherei sah aus wie ein Zuckerschlösschen auf einer Hochzeitstorte und lag an einem bewaldeten Berghang am Ende einer Sackgasse. Yasemin war inzwischen so geschwächt, dass der Mann sie stützen musste. Jeder Schritt war wie Waten durch feuchten Lehm. Nur verschwommen nahm Yasemin ihre Umgebung wahr: die unauffällige Eingangstür, die offen war, die Tür auf der "Anmeldung" stand zur Rechten, den langen weißen Tresen.
"Hätte hier eine Ehefrau abzugeben!" lärmte ihr Mann fröhlich. "Natürlich nicht für immer – nur zur Wiederaufbereitung sozusagen!" Yasemin wurde von einem sanften feingliedrigen Mann mit Glatze in ein kleines Büro geführt. Sie sollte ihm in ihrer Sprache erzählen, wie sie in diesen Zustand geraten war, und halb flüsternd, aber flüssig erzählte sie von ihrer Heimat, von Tariq, dem verstorbenen Lieblingsbrüderchen, der Einsamkeit und Langeweile bei dem blassen Mann, dem sie den Haushalt geführt hatte und dem Verlust ihrer Arbeit, der es ihr unmöglich machte, Geld nach Hause zu schicken. Ihr Mann steckte den Kopf zur Tür herein.
"Wann kann ich sie wieder abholen?", wollte er wissen. "Normalerweise sage ich: warten Sie mindestens mehr als zwei Jahre", lächelte der Kahlköpfige. "Aber in diesem Fall irgendwann zwischen 6 Wochen und 6 Monaten – rufen Sie an oder warten Sie auf ein Fax von uns. Und jetzt verabschieden Sie sich – Ihre Frau ist hier gut aufgehoben."
Yasemin wandte sich ab, als Günter sie zum Abschied auf die Wange küssen wollte.
Mehr als freundschaftliche Gefühle hatte sie für ihn nie übrig gehabt – auch damals nicht, als er sie umworben und überredet hatte, ihm in seine nasskalte zubetonierte Heimat zu folgen – doch jetzt war die Freundschaft Furcht und Fremdheit gewichen. Günters Pragmatismus erschien ihr als Kälte, seine Ratlosigkeit als Unverständnis, und eine Welle von Heimweh hatte sie überrollt und jedes positive Gefühl mit sich gerissen.

Eine freundliche Frau namens Nura zeigte Yasemin ihr Zimmerchen – ein rundes Turmzimmer mit einer runden Lagerstatt am Fenster, Schrank und Kommode, mit passenden Kleidungsstücken gefüllt, Schreibsekretär und Sessel, niedriges rundes Tischchen aus Marokko dazwischen. Sogar ein wohlgefülltes Bücherregal mit Literatur in ihrer Sprache gab es.
Nura bedeutete ihr, zu warten, sie wollte ihr sofort das Abendessen bringen. Willenlos hockte Yasemin auf dem Teppich vor dem niedrigen Tisch, als die andere Frau ein Tablett mit dampfender würziger Suppe, warmem Fladenbrot, dickflüssigem Minztee und Melonenscheiben brachte. Zum ersten Mal lächelte die Patientin. "Das ist bald wie daheim, nicht?" Nura fütterte sie achtsam, versprach fürs nächste Mal Kichererbsenpaste zum Brot und half der Erschöpften dann, sich zu entkleiden für die Nacht. Yasemin fragte sich, wo die Zeit geblieben war. War es nicht eben noch Vormittag gewesen?
Bevor sie einschlief, flüsterte jemand "Come with me" an ihr Ohr.
Dann nahm ein heißer Windstoß ihr den Atem, sie fühlte sich emporgehoben, Hufgetrappel, der warme Rücken eines Pferdes unter ihr. Eine flache warme Brust hinter ihr, und als sie sich umdrehte, blickte sie in tiefdunkle Augen, von einem Kranz feiner Fältchen umgeben, zwischen blauen Schleiern.
"Tuareg?", flüsterte sie benommen. "Ich bin dein Hamingja", erklärte der Reiter sinngemäß. "Jede Nacht bringe ich dich an den Rand des Universums, solange, bis du wieder lachen und weinen kannst." – "Wieso zum Rand des Universums?" – "Weil deine Seele in viele kleine Teile zersplittert ist, die wir nur dort suchen und einsammeln können. Aber bei Tage musst du essen und sprechen und etwas arbeiten, damit die Seelensplitter an ihren Platz zurückfinden und bei dir bleiben!" Yasemin genoss den Ritt wie sie nur früher in ihrer Kindheit etwas genießen konnte. Das warme Gefühl der Geborgenheit verließ sie nicht mehr, und der erste Splitter ihrer geborstenen Seele, den sie einsammelte, war derjenige, der ihr die Gewissheit gab, dass ihr nichts Schlimmes geschehen könnte – selbst dann nicht, wenn ihr Körper gefoltert und in Stücke gerissen werden sollte. Und so hatte sie beim Erwachen wenigstens keine Angst und überließ sich, wenn auch bedrückt und freudlos, der Routine in dem Zuckerschlösschen und den andern abgegebenen Leuten, die den Ansprüchen der sie umgebenden Gesellschaft nicht genügt hatten oder ihre heilen Seelen durch "posttraumatische Belastung" eingebüßt hatten .Da gab es John, den Vietnamveteranen, der seit zwei Jahrzehnten lächelnd und vor sich hinmurmelnd durch die Flure und den Garten streifte und alle vierzig Minuten eine Zigarette rauchen durfte. Es gab die spindeldürre Karen, die ihre Mahlzeiten allein einnahm und stundenlang mit Kopfhörern auf den Ohren und großen Augen vor sich hintanzte. Lilith, die in Schweden gefangen gehalten und auf den Strich geschickt worden war, machte sich gern in der Küche nützlich und war vom Personal kaum zu unterscheiden. Sie hatte ein offenes Ohr für jeden, der sich auf englisch verständigen konnte und übernahm für andere weibliche Neuankömmlinge die gleiche Rolle, die Nura bei Yasemin innehatte.
Einige Maler und Musiker, die für eine Weile aus der Welt der "normalen" herausgefallen und der Zeit entrückt waren, tobten sich am Klavier im Musikzimmer aus oder im Atelier, wenn sie nicht im Garten oder in ihren Zimmern finster vor sich hinbrüteten. Mit der Zeit kannte Yasemin sie alle, ging mit ihnen spazieren, sprach mit ihnen oder spielte mit ihnen Tischtennis oder Tavli. Da sie sich an allen gemeinsamen Aktivitäten beteiligte, in der Küche half und freundlich zu Personal und "Gästen" war, fragte der Grauseidene sie, als nur zwei Wochen vergangen waren, ob sie zu ihrem Mann zurückkehren wolle, aber sie wehrte erschrocken ab. Das sei nicht ihr Zuhause, sagte sie. Sie habe keine Kraft, ohne Tariq sei ihre Welt leer, und sie müsse hier schlafen, um in der Nacht mit ihrem Schutzgeist die Ränder des Universums nach ihrer in Brüche gegangenen Seele abzusuchen. Diese nächtlichen Traumreisen waren das einzige, was ihr half, die Tage zu überstehen.
So vertröstete der Grauseidene ihren Ehemann und ließ Yasemin weiter im Turmzimmer wohnen, übertrug ihr mehr Aufgaben, ließ sie schwimmen und laufen, damit sie sich kräftiger fühlte und nicht nur auf die Nacht wartete, um der diesseitigen Welt zu entfliehen.
2 Monate war Yasemin schon mit dem Hamingja unterwegs, als das Wesen ihr eröffnete: "Dein Bruder ist damals zu den Salzminen von Taoudenni verschleppt worden und dort durch die Hölle gegangen. Sein Tod war eine Erlösung, es geht ihm jetzt gut. Um ihn brauchst du nicht mehr zu trauern, sein Schicksal hat sich erfüllt."
Doch die Vorstellung, dass das Brüderchen solch entsetzliche Qualen hatte erdulden müssen und sie nicht hatte helfen können, ließ Yasemin erneut vor Kummer erstarren. Es war, als verschwände sie hinter einer gläsernen Wand. Nura war die einzige, die zu ihr durchdrang. Wenn sie überhaupt aufstand, hielt sie keine Tätigkeit länger als zehn Minuten durch, dann brach sie erschöpft zusammen. Noch hatte sie das Essen nicht wieder aufgegeben, und Nura tat alles, was in ihrer Macht stand, um die ihr Anvertraute ins Leben zurück zu holen.
"Dieser Tuareg-Hamingja ist nicht gut für dich", schimpfte sie. "Er hat nicht die richtige Medizin, du entfernst dich von dir selbst, wenn du weiter mit ihm reist!" Doch Yasemin konnte sich an ihre Traumreisen jetzt sowieso nicht mehr erinnern. "Ich will nach Hause", wimmerte sie am Morgen, wenn Nura ihr den gesüßten Tee brachte. "Will die Sonne auf meinem Scheitel spüren, den Sand zwischen den Zehen! Ich will den Ruf des Muezzin hören und das Geschrei der Kameltreiber ..." Nura erschrak. "Wenn du so denkst, Schwester, kannst du nicht gesund werden!"
Als Yasemin sich an diesem Abend zur Ruhe legte, nahm sie innerlich Abschied von ihrem weißen Ehemann, von Nura und den andern Bewohnern des Zuckerschlösschens und dem Grauseidenen, der so freundlich zu ihr gewesen war. "Hol mich zu dir – Allah U Akbar ...", betete sie inbrünstig und visualisierte mühelos das Hamingja. Der Reiter in den blauen Schleiern sprach diesmal nicht zu ihr, als er sie mit sich nahm. Sie flogen durch die Nacht, und Yasemins Leben flog an ihr vorbei wie ein Schwarm Moskitos. In einer Höhle inmitten einer Gesteinsformation in der Wüste hielten sie an, und die Reise war beendet. Ihr Bewusstsein erlosch, während sie sich unter den Schleiern vereinten und das Wesen sie in sich aufnahm, und am andern Morgen war ihr Zimmer leer. Ihre sterblichen Überreste wurden niemals gefunden.

Günter reiste nach Kuba und besorgte sich eine neue Frau. Da Yasemin nicht für tot erklärt worden war, konnte er sie nicht ehelichen, und sie führte in seiner Wohnung ein Schattendasein, bis sie, da sie sich als lebenshungrige und kompetente junge Frau mit den vielfältigen Möglichkeiten moderner Kommunikationsmittel auskannte, im Netz die Bekanntschaft eines Osteuropäers machte, der die deutsche Staatsbürgerschaft hatte und ihr die Ehe anbot. Günters Nervenkostüm erwies sich als fadenscheinig, sobald er davon erfuhr, denn er hatte sich in Lucinda wirklich verliebt. An einem nebligen Novembermorgen führten Sergej und sie einen gebeugten bleichen Mann zum Anmeldungstresen der Klinik am Waldhang und die schöne junge Frau mit der karamellfarbenen Haut, die inzwischen deutsch gelernt hatte, lächelte:" Wir möchten einen Ehemann abgeben. Er braucht sehr nötig Erholung – haben Sie vielleicht ein Turmzimmer frei?"

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