Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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April 2005
Das 11. Gebot
von Christian Rautmann

(eine Hommage an Robert Gernhardt)

Viele Wochen waren vergangen, seit Gott den Teufel das letzte Mal zu sich eingeladen hatte. Damals waren sie sich wegen der Sache mit Hiob nicht ganz einig gewesen. "Das ist alles vergeben und vergessen, mein lieber Freund", sagte Gott zur Begrüßung und bedeutete dem Gast vom Schreibtisch aus, dass er sich in einen Sessel setzen und vom bereitgestellten Cognac bedienen solle. Er, Gott, habe noch einige Amtsgeschäfte zu erledigen und wolle dann zu ihm stoßen.
Der Teufel tat dies nur zu gerne, denn an solch einen guten Cognac kam man in der Hölle nicht heran. Also stellte er schleunigst ein Glas des köstlichen Getränkes sicher, ließ es sich munden, füllte es erneut, sank wohlig in den Sessel zurück und schaute Gott bei der Arbeit zu.
"Ach", stöhnte Gott, "immer ist so viel zu regeln. Dass diese Menschen aber auch nie selbständig werden." Währenddessen schrieb und heftete, lochte und stempelte er, wirkte hier ein Wunder, schickte dort eine kleine Plage und kam schließlich müde herüber zum Teufel, dessen zwischenzeitlichem Einsatz es alleine zu danken war, dass sich die Cognac-Flasche bereits zur Hälfte geleert hatte.
Müde und zusammengesunken auf dem Sofa sitzend nippte Gott an dem Glas Rotwein, das ihm ein herbeigeeilter Engel gereicht hatte. Dabei wurde seine Aufmerksamkeit offenbar vollständig von der Tischplatte vor ihm in Anspruch genommen.
Schließlich schüttelte er den Kopf und sah, dass der Teufel gebannt aus dem Fenster blickte und etwas zu beobachten schien.
"Was ist?", fragte er.
"Ich bin nicht sicher" antwortete der Teufel, während er weiter hinunter zur Erde sah.
"Da steht eine junge Frau und liest Zeitung" gab er schließlich bekannt.
Diese dramatischen Entwicklung veranlasste Gott nach einem Engel zu läuten, um einige Stücke seiner Lieblingstorte in Auftrag zu geben. Denn mit einem Male verspürte er Hunger.
Kauend, und hin und wieder einen Schluck Wein nehmend, beobachtete er den Teufel, der noch immer angestrengt aus dem Fenster blickte.
Doch schließlich kam er bester Laune zurück, wirkte ob des bereitgestellten Kuchens noch zufriedener und setze sich wieder in seinen Sessel.
"In der Zeitung steht eine Anzeige: ‚Ehemann abzugeben. Gebraucht. 500,00 € VHB’, gab er bekannt, als er beschlossen hatte, dass er Gott lange genug auf die Folter gespannt hätte. Grinsend fügte er hinzu: "Ich halte das für eine geradezu teuflisch gute Idee!".
Gott setzte sich ruckartig im Sessel auf und schüttete dabei einen Schluck Rotwein auf seinen weißen Mantel. "So etwas verstößt gegen die Gebote, die ich den Menschen einst durch Moses habe verkündigen lassen", sagte er und fuhr sich mit der linken Hand immer wieder hektisch durch den Bart.
"Ach", grinste der Teufel, den die offensichtliche Aufregung Gottes auf das Äußerste zu befriedigen schien, "lass der Frau doch den Spaß. Es ist eine gute Idee. Sie bekommt das Geld und ist ihren Mann los. Er bleibt dann bei der Frau, die ihn gekauft hat."
"Wenn es eine Frau ist", stellte Gott fest und knirschte mit den Zähnen. Dann ging er im Zimmer auf und ab und schien über etwas nachzudenken.
Der Teufel bediente sich derweil, auf das beste gelaunt, an der inzwischen wieder aufgefüllten Cognacflasche.
Er suchte gerade auf dem Etikett nach tiefgehenden Antworten auf ihm unbekannte Fragen, als Gott sich plötzlich vor ihm aufbaute und ihn mit einem lauten "Ha" zusammenzucken ließ.
"Ich weiß, was ich tun werde", gab er bekannt. "Ich werde sie strafen, indem ich ihnen 7 Jahre die Ernte auf den Feldern verderben lasse. Denn sie sollen wissen, dass sie nicht gegen meine Gebote verstoßen sollen".
"Nein, nein, nein". Der Teufel schüttelte den Kopf. "Die Menschen wohnen in der Stadt. Die merken gar nicht, wenn auf dem Feld nichts wächst. Die holen sich alles aus der Tiefkühltruhe. Du müsstest die schon kaputt gehen lassen."
"Dann eine Ungezieferplage", ließ Gott nicht locker, "das wirkt immer"
"Auch nichts. Die haben Insektenvertilgungsmittel", stellte der Teufel zwischen zwei Schlücken Cognac lakonisch fest. – "Außerdem: Gegen welches Gebot sollen sie denn überhaupt verstoßen haben?"
Fragend sah er Gott an, dem offensichtlich auch Zweifel kamen. "Das scheint mir eine hübsche kleine Sünde zu sein, gegen die du nicht mal etwas machen kannst", sagte der Teufel schließlich grinsend und stellte rasch sicher, dass der Cognac in seinem Glas nicht verdunstete.
"Hm", sagte Gott. Und eine Weile später nochmals "Hm". Schließlich hob er triumphierend den Finger und drehte sich zum Teufel um. "Das 6. Gebot! Du sollst nicht ehebrechen. Das ist es. Dagegen verstoßen sie."
Der Teufel schüttelte den Kopf. "Ich sehe da keinen Ehebruch. Die Frau verkauft ihren Mann. Na und? Mit wem bricht sie denn die Ehe? Oder er? – Nein, das ist es nicht!"
Gott schickte dem Teufel seinen missgünstigsten Blick und begann von neuem zu überlegen.
Das 7. Gebot half nicht. Schließlich sollte der Ehemann verkauft und nicht gestohlen werden. Mit einer Lüge oder dem Haus des Nächsten kam er auch nicht weiter. Das war Gott mittlerweile klar geworden. Aber was war mit dem 10. Gebot?
"Was ist mit dem 10. Gebot?", rief er, "du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder alles, was sein ist."
Der Teufel, der gerade einige der von ihm geliebten Wurstschnitten geordert hatte, winkte gelangweilt ab. "Der Mann ist kein Knecht und um das Weib geht es hier gar nicht. Gib auf. Das ist kein Verstoß gegen deine Gebote. Setzt dich lieber und trink deinen Wein".
Doch da war der Teufel an den Falschen geraten: "Nicht mit mir", rief Gott aus. "Ich werde sogleich ein 11. Gebot erlassen, auf dass die Menschen sich danach richten sollen."
Und so geschah es. Am folgenden Tage musste ein nun deutlich schlecht gelaunter Teufel mit ansehen, wie Gottes Knecht Rautmann auf den Feldberg gerufen und ihm das 11. Gebot übergeben wurde, damit er es den Menschen verkündige. Es lautete: "Du sollst nicht verkaufen oder vermieten deinen Ehegatten gegen Geld".

Eine Woche später kam Clemens Willmer von der Arbeit nach Hause. Wie immer begrüßte ihn seine Frau mit einer Umarmung und einem langen Kuss.
"Schön, dass du da bist. Schau mal da rein", sagte sie und hielt ihm die letzte Samstagszeitung hin.
"Was ist damit?", fragte er und stellte seine Aktentasche ab. "Da war unsere Anzeige drin, auf die sich niemand gemeldet hat."
Er blätterte bis zu ihrer Annonce, las sie, stockt und las sie noch einmal. Dann begann er fürchterlich zu lachen. "Jetzt verstehe ich, warum keiner angerufen hat. Die Idioten bei der Zeitung haben aus ‚Ehebett’ ‚Ehemann’ gemacht"
Noch immer lachend ging er in die Küche, aus der kurz darauf ein lauter Fluch zu hören war: "Verdammt noch mal. Jetzt ist diese dämliche Kühltruhe schon wieder kaputt. Seit einer Woche geht das jetzt schon so."

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