Der Tod aus der Teekiste
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Mai 2005
Schattenangst
von Andreas Schröter

Psychiatrische Praxis Dr. Niekamp:

„Sie müssen versuchen, sich Ihren Ängsten zu stellen.“
„NEEEEIIIN!“ Der Patient auf der Behandlungsliege zog beide Beine bis ans Kinn und blickte den Arzt aus schreckgeweiteten Augen an. Seine rechte Hand schnellte zu dem äußerst leistungsstarken Halogenscheinwerfer, der neben ihm auf einem kleinen Tischchen lag. Er hatte darauf bestanden, ihn in die Sitzung mitbringen zu dürfen.
„Nicht doch – es gibt hier keine Schatten, die Sie mit Ihrer Lampe verscheuchen müssten.“ Die Stimme des Arztes klang etwas gereizt, obwohl er sich alle Mühe gab ruhig zu bleiben. Zu lange schon dokterte er an diesem Patienten herum. Er hieß Andreas Mallmann, war 39 Jahre alt und litt an einer äußerst seltenen Psychose. Er hatte Angst vor seinem eigenen Schatten.
Panische Angst.
Todesangst.
„Aber Sie müssen doch selbst merken“, fuhr Dr. Niekamp wieder etwas gefasster fort, „dass Sie aufgrund ihrer Ängste einen Großteil Ihrer Lebensqualität einbüßen.“
Andreas Mallmann starrte störrisch in eine Ecke des Raums, widersprach aber nicht, was Dr. Niekamp bereits als kleinen Erfolg wertete.
„Ich wüsste eine wirksame Methode, Sie zu heilen. Wir gehen morgen eine Viertelstunde nach draußen in die Sonne – ohne den Scheinwerfer. Übermorgen steigern wir das, falls die Sonne scheint, auf 20 Minuten und Freitag auf eine halbe Stunde. Dann werden Sie sehen, dass Ihnen Ihr Schatten rein gar nichts antun wird.“
„NEEEEEIIIIIIIN!!!!“


Schattenreich, Lichtgefängnis, Zelle 32:

Dies war wohl einer der ungewöhnlichsten und zugleich hellsten Orte im gesamten Universum. Die Zelle bestand aus einem 4 x 4 Meter großen Raum, an dessen Wänden sowie im Boden und an der Decke jeweils 32 Hochleistungsstrahler angebracht waren. Insgesamt beleuchteten demnach 192 Strahler den Raum. Sollte einmal der Strom ausfallen, waren fünf dieselbetriebene Generatoren nachgeschaltet, die für eine sichere Energieversorgung der Lampen sorgten.
In diesen Raum sperrten die Gerichte von Schattenreich nur die allergefährlichsten und gewaltbereitesten Schattenwesen. Die Philosophie, die hinter dieser seltsamen Methode des Strafvollzugs steckte, war denkbar einfach: Durch nichts ließ sich ein Schatten so gut in Schach halten wie durch Licht. Viel Licht.
„Wir müssen hier raus“, hallte eine Stimme durch den völlig leer wirkenden Raum. „Das Licht macht mich krank.“
„Schon klar. Aber wie willst du hier rauskommen?“
„Es gibt Parallelwelten, die keiner von uns je ...“
„Oh nein, nicht wieder diese Geschichte. Gleich erzählst du mir, dass es dir gelungen ist, in eine dieser Parallelwelten einen Kumpel einzuschleusen, der nur darauf wartet, uns zu befreien.“
„Genau!“
„Weißt du, was das Problem an dieser Geschichte ist: Du erzählst sie seit ziemlich exakt zwanzig Jahren. Wann kommt dein verdammter Kumpel, um uns zu holen?“
„So sprichst du nicht über deinen Retter, klar?! Es gab da ein Problem.“
„Was für’n Problem?“
„Unser Freund auf der anderen Seite ist noch nicht stark genug, um uns zu holen. Er wird nur stärker, wenn er sich zeigen kann. Doch ihm ist vor fünfzehn Jahren ein Fehler unterlaufen. Er hat eine unbedachte Bewegung gemacht, sodass das Wesen misstrauisch wurde, das er sich als Wirtskörper ausgesucht hatte. Seither hat dieses Wesen Angst vor seinem eigenen Schatten. Es geht nicht aus dem Haus, wenn die Sonne scheint. Und wenn es das nicht vermeiden kann, leuchtet es permanent seine unmittelbare Umgebung mit einem Strahler aus – ähnlich wie hier. Keine gute Ausgangslage für meinen Kumpel, um stärker zu werden.“
„Scheiße, was für eine bescheuerte Geschichte.“
„Wenn sich das Dimensionstor hier mitten im Raum öffnet und du nur hindurchzuschlüpfen brauchst, wirst du die Geschichte nicht mehr so idiotisch finden. Und was das Beste ist: Mein Verbindungsmann hat jetzt fast genug Kraft, um uns zu holen. Wenn sich sein Wirtskörper nur noch zehn Minuten in der Sonne aufhalten würde, wäre es schon genug.“


Psychiatrische Praxis, Dr. Niekamp, sechs Wochen später:

„Erzählen Sie mir doch bitte noch einmal, bei welcher Gelegenheit Sie damals glaubten, Ihren Schatten bei einer eigenständigen Bewegung zu beobachten!“ Wenn Dr. Niekamp ehrlich war, musste er zugeben, dass er nicht mehr wusste, wie er Andreas Mallmann helfen sollte. Aber die Praxis lief nicht besonders, und die 100 Euro, die er pro Sitzung mit diesem Patienten verdiente, konnte er gut gebrauchen. Außerdem erwachte sein Patient bei dieser Frage stets aus seiner Lethargie. Warum also sollte er ihm nicht wenigstens ein paar wache Minuten verschaffen, wenn er sonst schon nichts für ihn tun konnte?
„Es war so“, antwortete Mallmann erwartungsgemäß sofort, „ich war vor fünfzehn Jahren ein begeisterter Langläufer, nahm an Wettkämpfen teil. Einmal während eines langen geraden Stücks bei einem Lauf in Paderborn kam die Sonne von hinten und ich blickte stur auf meinen Schatten. Das half mir, meinen Laufrhythmus zu finden und nicht immer die endlose Strecke vor Augen zu haben. Meine Kondition damals war nicht besonders gut, müssen Sie wissen, und es war unglaublich heiß, aber ich wollte unbedingt dranbleiben an den anderen Läufern. Also verschärfte ich mein Tempo, obwohl ich schon seit einigen Minuten ein Flirren vor den Augen hatte und die Umgebung um mich herum unscharf wahrnahm.“
‚Der Mann hat einfach nur halluziniert’, dachte Dr. Niekamp mindestens zum hundertsten Mal. ‚Und daraus entstand eine jahrzehntelange Psychose. Unglaublich!’ Er tat so, als mache er sich Notizen. In Wirklichkeit malte er Strichmännchen aufs Papier.
„Und dann passierte es“, fuhr Mallmann fort, „mein Schatten löste sich von meinen Beinen, machte mit Armen und Kopf eine Bewegung, die nicht von mir stammte - hin zu den Zuschauern am Wegesrand. Dann glitt er blitzschnell auf eine der Zuschauerinnen zu, die wie vom Blitz getroffen zusammenbrach. Aus purer Lust am Töten, nehme ich heute an. Dann war alles wieder normal. Der Schatten kopierte exakt meine Bewegungen.“
„Sie sagten ja selbst, dass es heiß war und Sie körperlich an der Grenze Ihrer Leistungsfähigkeit standen. Könnte es sein, dass Sie sich die Bewegung nur eingebildet haben?“
„Nein, verdammt noch mal, das habe ich nicht.“ Mallmann sprang auf, gestikulierte wild mit den Händen, während er dem Arzt lautstarke Flüche entgegenschleuderte.
Dr. Niekamp begriff, dass es ein Fehler gewesen war, seinen Patienten wieder mit dem Anfang seiner Psychose zu konfrontieren. Es dauerte eine ganze Weile, bis es ihm gelang, Mallmann wieder so weit zu beruhigen, dass er ihn nach Hause schicken konnte. Vom Fenster aus sah er, dass Mallmann von dem Halogenstrahler reichlich Gebrauch machte und peinlich darauf achtete, dass sein Schatten stets genauso hell wie der sonnenüberflutete Rest des Wegs ausgeleuchtet und demnach quasi nicht vorhanden war. Wenn er dieses Schauspiel nicht mit eigenen Augen sähe, würde er nicht für möglich halten, dass es so etwas auf der Welt gab.
Dr. Niekamp hatte den Fall nachrecherchiert. Bei dem Volkslauf in Paderborn vor fünfzehn Jahren war tatsächlich eine Zuschauerin zusammengebrochen und noch am Ort gestorben. Herzversagen, begünstigt durch große Hitze, wurde damals diagnostiziert.


Schattenreich, Lichtgefängnis, Zelle 32, ein paar Tage später:

„Ich habe sichere Informationen, dass mein Kumpel bald genug Kräfte gesammelt hat, um die Dimensionstür zu öffnen. Er hat endlich Mittel und Wege gefunden, seinen Einfluss auf den Wirtskörper erheblich zu vergrößern.“


Auf der Straße vor der psychiatrischen Praxis Dr. Niekamp, drei Tage später – in der Sonne:

Dr. Niekamp war stolz auf sich. In dem Fall Mallmann hatte es eine unerwartete Wende gegeben. Sein Patient war in den vergangenen Tagen viel zugänglicher als all die Jahre zuvor. Er hatte sogar eingewilligt, einen kurzen Spaziergang mit ihm zu unternehmen. Zehn Minuten – ohne den Halogenstrahler. Dr. Niekamp versuchte, seinen Patienten in ein belangloses Gespräch zu verwickeln, um ihn von seinen ewigen Gedanken an den eigenen Schatten abzulenken. So sagte er etwa: „Schauen Sie mal da oben. Sind das nicht Rotkehlchen? Meine Güte, wie lange habe ich keine Rotkehlchen mehr gesehen!“ Oder: „Oh, da drüber fährt ein alter Opel Kadett B. Das war mein erstes Auto – damals, als ich zur Bundeswehr musste.“


Schattenreich, Lichtgefängnis, Zelle 32:

Mitten in dem von 192 Strahlern gleißend hell erleuchteten Raum entstand ein mannshohes ovales Rund, das an seinen Rändern bläulich fluoreszierte.
„Los jetzt, es wird Zeit, Tschüss zu sagen“, sagte jemand, der keinen Körper besaß. Es folgte ein zweistimmiges Lachen, das andernorts als „dreckig“ bezeichnet worden wäre. Kurz danach gab es eine nur zu erahnende Bewegung, die in das Rund führte. Wenig später war die Erscheinung verschwunden und der Raum leer und hell wie zuvor.


Straße vor der Tür der psychiatrischen Praxis Dr. Niekamp:

„Ich interessiere mich nicht für Rotkehlchen oder Autos“, sagte Andreas Mallmann, „aber unsere Schatten werden länger und damit sicher stärker. Hätte ich doch nur den Strahler mitgenommen! Lassen Sie uns wieder reingehen, Doktor. Wir hätten unser Experiment in der Mittagszeit machen sollen. Da gibt es kaum Schatten.“
Das Seufzen Dr. Niekamps ging in einen Schrei über, denn völlig unvermittelt ballten die Schatten von Andreas Mallmann und dem Doktor die Fäuste und stießen sie in die Gesichter ihrer vermeintlichen Herren, wobei nicht das leiseste Geräusch entstand. Beobachter der Szene – die es allerdings nicht gab – hätten vermutlich gesehen, dass sich noch ein dritter Schatten zu Füßen Mallmanns aufhielt.
Die Schatten beließen es nicht bei den lautlosen, aber dennoch wirkungsvollen Faustschlägen, sondern malträtierten ihre Opfer, bis sie sich nicht mehr bewegten.
Als die beiden gefunden wurden, kam für Dr. Niekamp jede Hilfe zu spät. Er war längst verblutet. Andreas Mallmann dagegen konnte gerettet werden – körperlich. Geistig gab es niemanden, der etwas für ihn tun konnte. Er wurde in die geschlossene Anstalt überwiesen, wo er bis an sein Lebensende dahinvegetierte – größtenteils indem er lethargisch mit dem Oberkörper vor und zurück wippte und vor sich hin glotzte.

Die Anzahl von schweren Körperverletzungs-Delikten stieg in den folgenden Jahren in dem Maße an wie die Aufklärungsquote der Polizei sank.

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