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Mai 2005
Leas Schatten
von Renate Hupfeld

Es war unglaublich voll geworden im Regionalexpress. Um das laute Stimmengewirr zu dämpfen, drückte ich die Kopfhörer fester an die Ohren und drehte die Musik auf. Noch ein paar Minuten lesen, bis der vertraute Bahnsteig mich erlösen würde.
Endlich geschafft. Ich schob mich durch die Menge bis zur Treppe. Beim Hinuntergehen in die Bahnhofshalle sah ich sie schon. Sie stand vor dem gläsernen Aufzug und wartete auf ihre Chance.
„Haste mal nen Euro für mich?“
Als würde ich diese Leute anziehen wie das Licht die Motten. Ströme von Menschen hier im Bahnhof, aber ausgerechnet mir musste diese Junkiefrau ihr zerknittertes Gesicht zuwenden.
Warum immer ich?
Meine Finger nestelten am Reißverschluss der Umhängetasche, wollten die Börse öffnen und ihr ein paar Münzen zustecken. Doch in dem Moment wurde mir der Blick, mit dem sie mich ansah, unerträglich. Die Demonstration von Hilflosigkeit gepaart mit dieser vermeintlichen Sicherheit, Du hilfst mir schon, klar hilfst Du mir!
Nein!
Wozu?
Dass sie weiter ihre Drogen kaufen konnte? Dass das winzige Lächeln in ihren kleinen Pupillen noch eher erfrieren würde? Konnte ich das verantworten?
Nein!
Ich ließ sie stehen und eilte zum Ausgang, zu meiner Verabredung mit Andrea im Café Extrablatt. Ich ging durch die Fußgängerzone und kam mir verdammt mies vor. Dieser Scheiß Song von Falco ging mir die ganze Zeit durch den Kopf:
Out of the dark
Hörst Du die Stimme, die Dir sagt:
Into the light.

Am liebsten hätte ich geheult … ach, ich heulte ja schon…

Das Café Extrablatt war wie immer um diese Abendzeit gut besucht, an den Tischen wurde geredet und gelacht, fast alle waren besetzt. Als ich die Tür öffnete, drang die Musik in meine Ohren, schön swingig, das mochte ich. Da saß Andrea an einem kleinen Tisch am Fenster, sie winkte mir schon zu.
„Hi, Maria, alles in Ordnung?“
„Tut mir leid, aber ich bin mies drauf“, sagte ich.
„Was ist denn los?“
„Lass stecken, Andrea. Ich mag jetzt nicht darüber reden.“
Es ging einfach nicht. Aber wie sie mich ansah, dieses verständnisinnige Erwarten.
„Du, tut mir leid, ich halte es hier nicht aus, ich rufe Dich an.“
Heulend rannte ich hinaus, auf die Straße.
Out of the dark
Hörst Du die Stimme die dir sagt:
Into the light.
I give up and close my eyes.

Immer wieder hatte Lea diesen Song gehört.
Falco.
Warum ausgerechnet ich?

„Maria, das kannst Du doch nicht bringen, was ist denn los mit Dir?“
Sie war mir gefolgt. Wir saßen auf der Bank vor McDonalds, Andrea hatte den Arm um mich gelegt und hielt mich ganz fest. Ich wusste selbst nicht, was mich geritten hatte, aber irgendwie war alles Scheiße.
„Was ist denn passiert?“, fragte sie.
„Lea.“
„Wie kommst Du jetzt auf Lea?“
„Du weißt ja gar nicht, was da passiert ist, damals.“
„Klar weiß ich das, Überdosis, stand in der Zeitung.“
„Und am Abend vorher? Das weißt Du nicht. Da stand sie mal wieder vor meiner Tür, erbärmlich, ganz erbärmlich sah sie aus, das Gesicht fahlweiß und winzige Pupillen in ihren blauen Augen. Ich war so erschrocken, wie fremd sie da war. Und dann habe ich sie weggeschickt. Hörst zu? Weggeschickt habe ich sie! Ich sehe sie noch immer vor mir, wie sie im hellen Treppenhaus hinuntergeht, ganz langsam, als klebe sie an den Stufen fest. Und in der gleichen Nacht …“
„Maria, lass gut sein…“ Andrea nahm meine Hand und zog mich mit.
Kein Weg zurück. Das weiße Licht rückt näher, Stück für Stück …
Jedes Wort hallte nach zwischen den Häusern in der Fußgängerzone.

(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus dem Songtext „Out of the Dark“ von Falco.)

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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