Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mai 2005
Rauchblaue Kringel im Sonnenlicht
von Anne Zeisig

„Jedes Jahr sterben in Europa 650tausend Menschen an den Folgen des Rauchens!“
„Passivraucher! Wehrt euch!“
„Wir fordern das absolute Rauchverbot!“
Das waren nur drei Transparente von Demonstranten, die sich vor dem Gerichtsgebäude aufgebaut hatten, in dem die Verhandlung von Alea statt fand.

„... sich folgender Vergehen schuldig gemacht: Zum wiederholten Male Rauchen in öffentlichen Bereichen. Vor der Grundschule, im Bahnhofsareal, im Stadtpark und rauchen im Restaurant. Beweis: Videoaufzeichnungen.“
Die Angeklagte drehte sich kurz herum und sah in der hinteren Reihe ihren Mann und die siebenjährigen Zwillingstöchter sitzen. Ihre Gesichter zeigten keine Regung.
„Warum sind Sie oft den Schwimmkursen Ihrer Töchter fern geblieben?“
„Weil ich dort nicht rauchen durfte.“
„Warum haben Sie Ihre Mutter nie im Seniorenstift besucht?“
„Weil dort Rauchverbot herrscht.“
„Wie viel Therapieversuche haben Sie hinter sich?“
„Fünf.“

„... ist laut Gutachten von einer hochgradigen Nikotinsucht auszugehen. Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Die Angeklagte wird mit sofortiger Wirkung ins Raucherghetto, Unterkunft `B´, verbannt!“

***

Das riesige Stahltor fiel schwer hinter Alea ins Schloss. Sie strauchelte und fiel hart auf das Kopfsteinpflaster. Sie erhob sich mühsam und besah ihre abgeschürften Knie.
„Willkommen im Raucherparadies!“
„Raucherparadies?“, schluchzte Alea und sah durch ihre Tränen hindurch eine Alte, die ihr die Hand entgegenstreckte.
„Na ja.“ Die alte Frau zog ihre zerfurchte Hand zurück und nahm die Zigarette aus dem Mundwinkel. „Wenn man davon absieht, dass das hier kein Wohnviertel in sonniger Lage ist, so sind wir Raucher wenigstens unter uns, und müssen keine blöden Fragen oder Anfeindungen über uns ergehen lassen.“
Alea wischte sich mit dem Handrücken die Tränen fort und sah die Straße hinunter, welche gesäumt war von alten, grauen Häusern mit abgeblättertem Putz und zerfressenen Stuckelementen. „Ich bin austherapiert. Das hier ist für mich die Endstation.“
„Endstation Raucherparadies.“ Die alte Frau wand sich unter einem heftigen Hustenkrampf und würgte Schleim und Blut in den Rinnstein.
Alea verzog das Gesicht und wandte sich ab.
„Was ist!“, schrie die Alte. „Kein Grund, dass du dich ekelst! Bist nichts Besseres als ich! Du mit dieser künstlichen Kehlkopfstimme!“
Hinter dem einzigen Baum in dieser Straße, einer knorrigen Eiche, verabschiedeten sich an diesem Abend die Sonnenstrahlen. Alea lief die Straße, so schnell sie konnte, hinunter.
Schließlich klopfte sie an die Tür eines Hauses, auf dessen Emailleschild ein `B´ zu lesen war.

Eine Mitbewohnerin begrüßte Alea und zeigte ihr die Räumlichkeiten. Gemeinsame Wohnküche und Schlafraum für drei Frauen. „Holz für den Herd können wir hinten auf dem Hof hacken.“
Alea nahm auf der Holzbank platz.
Ihr wurde ein Aschenbecher über den Tisch geschoben. Die cirka Fünfzigjährige wies mit einer ausladenden Armbewegung über vergilbte Zimmerwände und Fenster, welche mit Holzresten notdürftig zugenagelt waren. „Alles nicht sehr wohnlich.“
„Man müsste renovieren“, meinte Alea und lächelte, als die Frau ihr eine Schachtel Zigaretten entgegen hielt.
Sie nahm dankbar eine heraus, zündete sie an und sog das Aroma tief ein. Dann blies Alea bläuliche Kringel in den Raum. Das hatte ihr der Nachbarsjunge beigebracht. Vor zwanzig Jahren? Damals muss sie ungefähr zwölf gewesen sein.
„Der Lohn für die Maloche in der Zigarettenfabrik ist knapp. Und wenn man pro Tag zwei Schachteln raucht, da haste locker zwanzig Euro verpafft. Bleibt nix übrig für Tapete und Farbe.“ Sie legte Holzscheite nach. „Manche rauchen noch mehr, denen fehlt sogar das Brennholz.“ Die Frau nahm den Zeigefinger hoch. „Deshalb immer schön acht geben, dass die Tür zum Holzkeller abgeschlossen ist!“ Sie zog einen größeren Schlüssel aus ihrer Flanellhose.

Knarrend wurde die Holztür aufgestoßen. Herein kam ein großer Blonder, der kurz inne hielt und dann auf Alea zu stürzte. Er riss sie hoch, nahm sie in den Arm, und hielt sie auf Armeslänge von sich weg: „Die kleine Alea ist hier! Laut Beschreibung der Alten dachte ich es mir! Und tatsächlich, du bist es!“
Alea überlegte. Das Gesicht kam ihr vage bekannt vor, und auch das volle Haar. Aber die tiefen Falten auf der Stirn und diese dunklen Ringe unter den Augen ließen sie zweifeln.
„Sie überlegt!“ Er sah lachend hinüber zu der Mitbewohnerin, ließ von Alea ab und setzte sich auf die Bank. „Ich bin doch der Schorschie!“
`Der Nachbarsjunge!´
Er griff in seine Hosentasche, legte Tabak und Zigarettenpapier auf den Tisch. Schorschie begann, eine Zigarette zu drehen. „Ist billiger. Ich muss Schulden abzahlen. Medikamente, Arzthonorare und Behandlungskosten. Unsereiner kriegt ja nichts von der Krankenkasse erstattet. Ein Wunder, dass sie uns nicht gleich in der Gosse krepieren lassen.“
Die Bewohnerin drückte ihren Stummel im Ascher aus. Sie begann, in dem Topf auf dem Herd zu rühren und meinte: „Und gebracht hat dir der ganze Medizinkram nichts! Jetzt kannste bezahlen für nix und wieder nix.“
Schorschie zuckte mit den Schultern. Er klemmte sich die Selbstgedrehte zwischen die Lippen und nuschelte: „Konnte ich ja nicht ahnen. Mein alter Herr, immer Kettenraucher gewesen, ist neunzig geworden und war nie krank! Ach ja, der Tabak ist heutzutage auch nicht mehr das, was er früher einmal war. Alles verseuchen die mit Pestiziden. Obst, Gemüse und auch den Tabak.“
Die Frau nickte zustimmend und nahm eine Kostprobe aus dem Topf. Sie wandte sich Alea zu: „Mhm, lecker. Biste auf Brei und Suppen angewiesen? Oder kriegste auch Festes runter?“ Sie zeigte auf Aleas Kehlkopf und ohne eine Antwort abzuwarten, sagte sie, „nächste Woche hast du Küchendienst.“

***

Noch vor Sonnenaufgang hatten sich Alea und der Jugendfreund auf den Weg gemacht, um aus dem Ghetto zu flüchten.
Die Beiden hatten es inzwischen geschafft, sich an den Wachleuten vorbei zu schlagen, bis auf den großen Acker am Rande des Ghettos. „Pst!“ Sie warfen sich flach hin. Die Kegel der Suchscheinwerfer erhellten den dunklen Himmel, und aus der Ferne war Hundegebell zu hören.
Aleas Atem rasselte und auch ihr Jugendfreund rang nach Luft.
„Noch ein paar Meter“, flüsterte er, „dann haben wir `s geschafft.“
„Und wenn die Alte gelogen hat?“ Alea kniff die Augen zusammen, um in der Dunkelheit sehen zu können.
„Warum sollte sie lügen?“
„An der östlichen Ackergrenze soll der Eingang zu dem Fluchttunnel sein?“, vergewisserte Alea sich.
„Hat die Alte gesagt. Ein still gelegter Abwasserkanal neben der Kläranlage.“
„Und warum flüchtet sie nicht?“
„Die hat Draußen niemanden.“
„Psst!“ Nun war Alea es, die zur Ruhe mahnte. „Das Bellen. Die kommen näher.“
Sie robbten über die Ackerfurchen hinweg. Jedes Mal, wenn der Scheinwerfer in ihre Nähe kam und den Ackerboden erhellte, kauerten sie sich in eine Furche.
„Die Köter sind schneller als wir.“ Schorschie hatte Recht. Das Kläffen und Hecheln der Hunde war direkt hinter ihnen zu hören.
Alea sah, wie neben ihr ein Schatten vorbei huschte: `Einer von den Kötern.´
„Nein!“
Der Spürhund hatte sich an Schorschies Hosenbein festgebissen und zerrte knurrend daran. Alea fuhr blitzschnell hoch und lief davon. Sie stolperte über die Furchen und blieb zwischendurch Sekunden liegen, um Luft holen zu können. Was, wenn sie den Tunneleingang verfehlen würde? Sie kroch keuchend weiter, und hörte hinter sich ein jämmerliches Heulen.
Plötzlich spürte sie, wie ihre Knöchel fest umklammert wurden.
„Verschwinde!“, schrie Alea, „ich muss zu meinen Töchtern!“
„Halt die Klappe!“
Das war Schorschie. Er warf sich neben Alea und fasste ihre Schultern. Dann drehte er sie wuchtig herum, kniete sich über sie und hielt ihre Handgelenke umklammert. „Das war nicht die feine Art, mich mit dem Köter alleine zu lassen.“
Schorschie blickte zurück. „Der Bastard kann uns nicht mehr gefährlich werden. Ich habe ihn mit meiner Beinprothese erschlagen Aber sie werden die anderen auf uns hetzen.“ Sein Atem wurde ruhiger. Er zeigte auf sein linkes Hosenbein.
Alea riss die Augen auf: „Das habe ich nicht bemerkt.“
„Raucherbein. Die Amputation hat mich ein Vermögen gekostet“, flüsterte Schorschie und lachte leise. „Auf der einen Seite kassiert der Staat Tabaksteuer und auf der anderen Seite werden wir kriminalisiert und dürfen die Glimmstängel auch noch produzieren.“ In der Ferne hallte das Bellen und Knurren der Hunde. Sie kauerten sich wieder in eine Ackerfurt. Der Schein des Suchscheinwerfers glitt über sie hinweg.

***

„Geschafft!“
Schorschie schob ächzend den Deckel des Abwasserkanals zur Seite. Nach ihm kletterte Alea hinaus. Sie hielten sich die Hände vor Augen, weil die Sonnenstrahlen blendeten.
„Wärme!“ Sie legte sich mit dem Rücken auf die Wiese, neigte den Kopf zur Seite, pflückte ein Gänseblümchen und schnupperte daran. Alea lachte, weil die Blüten an ihrer Nase kitzelten.
Er legte sich bäuchlings neben sie. „Liebst du deinen Mann?“
Alea nickte und drehte den Stängel des Blümchens zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Aber er hat nicht mehr zu dir und deiner Sucht gestanden?“
Sie zerknüllte die Blume und warf sie ins Gras. „Die Liebe und die Therapien haben mir nicht geholfen. Habe sogar während der Schwangerschaften heimlich geraucht.“
Schorschie steckte sich einen Grashalm zwischen die Lippen. „Auf mich wartet niemand. Kinder hatten wir nicht. Es sollte nicht sein.“ Er richtete sich auf. „Komm! Ich zeige dir die Ruhestätte meiner Frau. Sie liegt direkt unter einer Trauerweide. Und an einem so schönen Morgen wirft die Sonne ein besonders weiches Licht zwischen die Äste auf das Grab. Der Friedhof ist keine fünf Minuten entfernt.“
Alea erhob sich und klopfte gegen den Stoff ihrer Jeans, um den gröbsten Schmutz zu entfernen.
Schorschie erzählte: „Sie hatte Brustkrebs und später Metastasen in der Lunge. Ich wurde beschuldigt, dass das die Folgen des Passivrauchens gewesen sein sollen.“
„Das mit meinem Kehlkopfkrebs liegt zwei Jahre zurück. Meine Töchter haben sich nie mit dieser künstlichen Stimme anfreunden können. `Mama, du fauchst beim Reden wie ein Drache, der Feuer spucken wird,´ haben sie gesagt und sind ängstlich zu meinem Mann gelaufen.“, flüsterte Alea.
Er umarmte sie und rieb mit dem Handrücken an ihrer Wange: „Weißt du noch? Damals? Wir beide beim Kringel blasen?“
„Ja. Wunderschön gleichförmige, rauchblaue Kringel im Sonnenlicht.“ Sie befreite sich aus der Umarmung und öffnete den Deckel des Abwasserkanals.
„Du gehst zurück?“
Alea sah die versteinerten Minen ihrer Kinder und ihres Mannes vor sich. Sie neigte sich dem Jugendfreund zu, nickte und blinzelte in die Sonne.
Schorschie ergriff ihre Hand und spuckte den Grashalm aus. „Raucherparadies, wir kommen!“

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