Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Mai 2005
Schattenspiel
von Birgit Erwin

„Und jetzt?“, fragte er.
Ich verstand es nicht. Wie konnte der Scheißkerl wagen, so gefasst zu sein? Ich holte aus und drosch ihm noch einmal meine Faust in die Fresse. Seine Lippe platzte auf wie ein überreifer Pfirsich. Er stöhnte und fiel hin, aber plötzlich war mir das nicht genug. Mit aller Kraft trat ich ihm in die Rippen. Endlich schrie er. Am liebsten hätte ich weitergemacht, immer weiter, aber ich beherrschte mich.
So einfach würde ich es ihm nicht machen.
Schwer atmend wich ich ein paar Schritte zurück, während er sich mühsam auf Hände und Knie kämpfte. Er kroch ein Stück von mir weg und wischte sich mit der Hand das Blut ab, das ihm aus Mund und Nase tropfte. Ich zog den Strick aus der Jackentasche und drehte ihn zwischen meinen Fingern. Das grelle Sonnenlicht fiel durch die Äste, und die Schatten der Zweige zerschnitten den Boden in helle und dunkle Streifen. Außer dem Gezwitscher der Vögel war nur schweres Atemholen zu hören.
„Sie sind verrückt“, sagte er und spuckte Blut auf den Boden.
Ich lachte schrill.
„Du nennst mich verrückt? Weißt du überhaupt, wer ich bin, du verdammtes Stück Dreck?“, stieß ich hervor.
„Sie sind Martin. Sandras Mann.“ Er warf mir aus seinen geschwollenen Augen einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. „Ich habe Sie auf der Beerdigung gesehen.“
„Du … du warst auf der Beerdigung? Auf ihrer …“ Ich schloss die Augen und ballte die Hände hinter dem Rücken zu Fäusten. Ich wusste, wenn ich ihn jetzt angerührt hätte, ich hätte ihn totgeschlagen.
„Steh auf!“, krächzte ich.
Als er endlich wacklig auf seinen Füßen stand, zeigte ich quer über die Lichtung auf die Eiche.
„Vorwärts!“
Quälend langsam humpelte er auf den Baum zu.
„Stopp!“
Er blieb stehen und blickte mich fragend an. Eigentlich hatte ich ihm das Herz zeigen wollen, das schiefe unbeholfene Herz mit den Buchstaben S und M, aber ich konnte nicht. Meine kostbarste Erinnerung wollte ich nicht beschmutzen, indem ich sie mit diesem Menschen teilte.
„Hinsetzen.“
Auch diese Anweisung führte er widerspruchslos aus. Aber er würde schon noch winseln. Dafür würde ich sorgen. Ich trat hinter den Baum, riss ihm die Arme nach hinten und schnürte seine Handgelenke zusammen. Dann trat ich noch einmal zu - locker aus der Hüfte, damit er nicht vergaß, was Schmerzen waren - und griff unter das T-Shirt. Beim Anblick der Pistole in meiner Hand wurden seine Augen groß.
„Sie wollen mich erschießen?“
„Gut beobachtet, Scheißkerl!“
„Warum?“, flüsterte er.
„Warum? Das wagst du, mich zu fragen? Weil du sie getötet hast, du Stück Dreck! Du hast Sandra getötet!“
Die Vögel zwitschten noch immer. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, während ich mit großen Schritten vor ihm auf und ab ging.
„Siehst du den Schatten, den die Eiche wirft? Siehst du ihn, du verdammtes Schwein? Antworte, wenn ich mit dir rede. Und sieh mich an!“
Mein Standort zwang ihn, direkt in die Sonne zu blicken. Er nickte mühsam.
„Gut! Wenn dieser Schatten den umgestürzten Baumstamm am Rand der Lichtung erreicht hat, werde ich dich erschießen. Das sind anderthalb Stunden. Ich habe die Zeit gestoppt. So lange hat sie gelitten, haben die Ärzte gesagt. So lange hat sie gebraucht, ehe sie endlich gestorben ist. Und bis es so weit ist, wirst du leiden, wie sie gelitten hat. Du wirst auf deinen Tod warten, aber für dich gibt es nicht diese trügerische Hoffnung, dass dich vielleicht doch noch jemand rettet. Du bist schon tot, du Dreckschwein.“
Mit aller Kraft hieb ich auf meinen Oberschenkel, während ich ihm die letzten Silben entgegen schrie. Speicheltröpfchen sprühten im hellen Sonnenlicht. Zum ersten Mal zeigte sein Gesicht echte Angst.
„Ich habe sie nicht umgebracht.“
Ich ballte die Faust. „Halt den Mund!“
„Ich habe sie nicht umgebracht!“
Es gab ein hässliches, knackendes Geräusch, als seine Nase brach.

Ich setzte mich auf den Baumstamm und sah zu, wie der Schatten auf meine Schuhspitzen zukroch. Sandras Mörder war wieder bei Bewusstsein. Der Schlag auf die Nase hatte ihn ausgeknockt. Auch sein Blick war auf den Boden gerichtet, wo der Schatten der Eiche wie der Zeiger einer riesigen Sonnenuhr die letzten Minuten seines Lebens anzeigte. Ich wünschte mir brennend, die Todesangst deutlicher in seinen Zügen zu sehen, aber meine Schläge hatten sein Gesicht in eine blutige Maske verwandelt. Ich ließ die Pistole um meinen Zeigefinger kreisen. Plötzlich stellte ich fest, dass er mich anstarrte. Unverwandt, mit blutunterlaufenen Augen.
„Was?“
„Ich habe sie nicht getötet. Und das wissen Sie genau.“
„Sag du mir nicht, was ich weiß, du Stück Scheiße“, zischte ich. „Sandra war auf den Weg zu dir, als sie verunglückt ist. Zu einem schmutzigen Schäferstündchen mit dir. Du verdammtes Schwein! Ohne dich würde sie noch leben!“
„Aber Sie waren die Ursache!“
Ich schnellte auf die Füße und stürzte mich auf ihn, aber ehe meine Faust sein Gesicht fand, sagte er: „Sie können mich totschlagen. Oder Sie können Ihr grausames Schattenspiel beenden und mich dann erschießen. Aber Sie können nicht mit gutem Gewissen sagen, dass Sie Sandra glücklich gemacht haben!“
Ich ließ die Hände sinken. Unsere Blicke begegneten sich. Er konnte kaum den Kopf bewegen. Seine Lippen waren so angeschwollen, dass er Mühe hatte, die Worte zu formulieren.
„Sie war einsam. Darum hat sie sich einen Liebhaber genommen, und darum war sie bei Nacht und Nebel auf einer verlassenen Landstraße. Wären Sie zu Hause gewesen, wäre sie nicht verunglückt.“ Sein Blick suchte den Boden. „Anderthalb Stunden“, sagte er heiser. „Arme Sandra.“
Meine Hände waren so fest um den Griff der Waffe gekrampft, dass es wehtat.
„Halt die Klappe!“, brüllte ich. „Du allein bist schuld. Du hast sie verführt!“
Einen Augenblick hielt er meinem Blick stand, dann lief ein Zucken um seinen grotesk geschwollenen Mund, und er ließ den Kopf auf die Brust sinken.
„Sie hat jemanden gebraucht. Irgendjemand. Und ich war da.“
„Und das ist die ganze Geschichte?“, fragte ich mit so viel Hohn, wie ich aufbringen konnte. Der Ausdruck in seinen Augen zerrte an mir. Er schüttelte den Kopf.
„Nur die Hälfte. Die andere ist die: Sie waren nicht da.“
Ich suchte nach Worten, aber ich brachte keinen Ton heraus.
Der Schatten kroch weiter. Lange konnte es nicht mehr dauern. Eine Viertelstunde noch, vielleicht zwanzig Minuten. Das Licht wurde weich und voll mit einem Schimmer von Abendfeuer. Es kam mir unbegreiflich vor, dass dieses Licht nie mehr auf Sandras Haaren tanzen würde. Der Wind kam mir plötzlich eisig vor.
Er zuckte zusammen, als ich an den Stamm der Eiche trat, aber ich beachtete den Dreckskerl nicht. Die Finger meiner linken Hand glitten über das Herz, das nach all den Jahren immer noch schwach in der Rinde zu erkennen war.
„Ich habe sie geliebt.“
„Ich auch“, sagte er leise. „Das hat es ja so schwer gemacht.“
„Was?“
„Die Trauer in ihren Augen, wenn sie kam. Und wenn sie mich angesehen hat …“
Ich konnte die Pistole kaum noch halten, so sehr bebten meine Hände. Der Schatten war nur noch einen halben Schritt von seinem Ziel entfernt.
„Was dann?“, flüsterte ich.
„Dann hat Sandra Sie gesehen. Nicht mich. Sie.“
Ich starrte den Mann an, der mir alles genommen hatte.
„Red dich nicht heraus. Du bist doch schuld!“, flüsterte ich. Eine Träne löste sich aus meinem Augenwinkel. Ich wischte sie nicht fort. „Du …“
„Vielleicht“, sagte er müde.
Eine weitere Träne folgte der ersten. Meine Beine gaben einfach nach. Mein Körper fühlte sich an wie Eis. Als ich endlich die Kraft hatte, ihn anzusehen, hatte er den Kopf zurückgelegt und schaute stumm nach oben. Ich folgte seinem Blick. Fassungslos betrachtete ich die Wolkenwand, die sich aus dem Nichts vor die Sonne geschoben hatte. Ich glaube, unsere Köpfe bewegten sich gleichzeitig. Die Schatten auf dem Boden waren ineinander geflossen.
Die Sonnenuhr war stehen geblieben.
„Und jetzt?“, flüsterte er.
Ich blickte auf die Pistole in meinen Händen und ließ sie auf den Boden fallen.
„Ich weiß es nicht. Nichts mehr. Es ist vorbei.“
Mit steifen Fingern klappte ich mein Taschenmesser auf und sägte seine Fesseln durch.
„Geh einfach. Geh!“
Er zögerte kurz, dann drehte er sich um und stolperte in den Wald. Ich folgte ihm nicht. Ich weinte nicht mehr. Ich lag einfach da und fragte mich, ob Sandra sich in den vielen einsamen Nächten so gefühlt hatte wie ich jetzt.

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