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Mai 2005
Flo und der Löwe auf der Kohlenhalde
von Martina Bartels

Bereits nach dem zweiten Klingeln hielt sie den Hörer in der Hand.
„Miriam Schneider.“
„Miriam, der Arzt war da, Florian möchte dich sehen. Kannst du kommen?“ An der Stimme erkannte Miriam, dass seine Mutter weinte.
„Ich komme sofort.“

Miriams Hände zitterten, als sie einen warmen Pullover und ihre Schuhe anzog. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, aber sie hatte es verdrängt. Flo war doch erst sechzehn und hatte noch gar nicht richtig gelebt.

Sie war acht Jahre alt, als der damals dreijährige Junge aus der Nachbarschaft sie vom Fleck weg als große Schwester adoptierte. Die Freundschaft hatte all die Jahre gehalten und Miriam wusste früh über sein Schicksal Bescheid.

Mit fünf Jahren erblindete Florian und die Ärzte stellten die grausame Diagnose einer seltenen Stoffwechselkrankheit die im frühen Kinderalter auftritt und nicht nur unheilbar sondern auch nicht aufzuhalten oder zu verzögern ist. Dem frühen Tod steht man machtlos gegenüber.

Flo wusste, wie es um ihn stand. Von Anfang an hatte man ihm altersgerecht seine Krankheit erklärt. Seine Blindheit war erst der Anfang. Es folgten motorische Störungen, Gedächtnislücken, Wahrnehmungs- ebenso wie Sprachstörungen. Auch als Pflegefall wollten die Eltern ihn nicht in ein Heim geben. Miriam stand ihnen zur Seite und half, wo sie konnte. Florians Kurzzeitgedächtnis war komplett zerstört, aber sein Langzeitgedächtnis teilweise intakt. Seine Kindheit mit Miriam hatte er nie vergessen. Während seiner guten Phasen, sprach er oft über ihre Kindheitsträume. Diese Momente waren es, die immer wieder kleine Lichter in die graue Schattenwelt trugen. Hoffnungsschimmer.

Miriam wischte sich über die Augen und griff nach dem Autoschlüssel. Der Regen klatschte so stark gegen die Windschutzscheibe, dass die Wischer kaum nachkamen.

„Passender könnte das Wetter nicht sein“, ging es ihr durch den Sinn. Kurze Zeit später hielt sie vor dem Haus und eilte die Treppe hinauf. Florians Mutter öffnete die Tür. Ihre verweinten Augen sprachen Bände. Miriam drückte ihr einen Kuss auf die Wange und ging in sein Zimmer.

„Hallo Flo“, flüsterte sie und umarmte ihn zärtlich.
„Miam, ich weiß, dass es nun soweit ist, auch wenn Ma und der Arzt es mir nicht sagen wollen.“ So klar bei Verstand war er lange nicht gewesen. Miam, so hatte er sie immer als Kind genannt. Liebevoll nahm sie seine Hand in ihre.
„ Weißt du noch, unser Traum von damals?“, fragte er leise.
Miriam lächelte. „Du meinst die Löwen in Afrika?“
„Ja.“

Als Flo noch klein war, da träumte er von den Löwen in Afrika. Sein sehnlichster Wunsch war es, dorthin zu reisen und die Löwen zu sehen. Immer wenn er traurig war oder sich wehgetan hatte, versprach Miriam ihm, „wenn wir groß sind, dann fahren wir nach Afrika und bis dahin ist alles verheilt.“
Flo begann dann zu lachen und vergaß den Schmerz.

Miriam erinnerte sich an diese Gespräche und plötzlich kam ihr eine Idee. Sie trat an Florians Schrank und suchte ihm eine warme Hose einen Pullover und seine Regenjacke. Vorsichtig zog sie ihn an.
„Warum ziehst du mich an?“, wollte Flo wissen.
„Wir machen eine Reise.“
Sorgfältig knöpfte sie seine Jacke zu und wickelte ihn in eine flauschige Decke. Dann nahm sie seinen schmächtigen Körper auf den Arm und trug ihn zur Tür.
„Miriam, was …“, ängstlich sah Florians Mutter sie an.
„Vertrau mir“, unterbrach Miriam sie, „bitte hilf mir Flo zum Wagen zu tragen.“ Automatisch faste die Mutter mit an, auch wenn sie sich überrumpelt fühlte und nicht wusste, ob sie Miriams Tun gut heißen sollte.
Sie schnallte den Jungen an und drehte sich noch einmal um, ehe sie einstieg. „Ich passe gut auf ihn auf.“

Schweigend fuhren sie durch den Regen. Florian stellte keine Fragen, Miriam war bei ihm, dann war alles in Ordnung. Sie fuhren Stadtauswärts und kurze Zeit später parkte Miriam den Wagen am Fuße einer Kohlenhalde. Wieder nahm sie ihn auf den Arm und trug ihn ein paar Schritte weit. Es war ganz still, selbst der Regen hatte aufgehört.

Vorsichtig setzte Miriam ihn hin und setzte sich daneben. Seine Hände glitten über den Boden. Er fühlte Steine, Sand und kleine Kohlenstücke unter seinen Händen.
„Miam“, flüsterte er, „ Du hast mich auf die Halde gebracht, wo wir als Kinder unsere Träume gesponnen haben.“
Miriam lächelte. „Du hast Recht. Es ist die Halde, aber das ist keine Kohle unter deinen Händen, das ist Steppensand …“
Florians Gesichtzüge wurden weich und seine matten Augen begannen zu glänzen.
„Miam, hör mal.“ Er griff nach ihrer Hand.
„Pssst, still, ich habe es auch gehört, das sind die Löwen“, unterbrach Miriam ihn.
„Ich glaube sie sind dort hinter dem Hügel. Sie kommen näher.“ Florian klang aufgeregt wie ein kleines Kind.
„Da, schau hin, da sind sie!“
Florian drehte den Kopf etwas zur Seite. „Diese gewaltige Mähne und dieses Fell, hast du schon einmal so etwas Schönes gesehen?“
„Nein Flo, obwohl, sieh mal da hinten, die Löwenmutter mit ihren Jungen, ist das nicht putzig?“
„Die Löwenbabys kabbeln herum, spielerisch, wild und zärtlich, so wie wir beide.“ Plötzlich brach seine Stimme und er begann zu zittern.
Miriam sah, dass er anfing zu frieren und nahm ihn wärmend in den Arm.
„Flo, wir müssen gehen.“
Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange und nickte. Miriam sammelte ihre Kräfte, trug ihn zurück zum Auto und schnallte ihn an.

„Erzähl mir von den Löwen“, bat er.
Ihr war zum Heulen zumute, doch sie riss sich zusammen und erzählte ihm alles, was sie über die Löwen in Afrika wusste. Langsam hellte sich seine Miene wieder auf. Er hatte den Kopf etwas zur Seite geneigt und hörte ihr aufmerksam zu. Die Sonne zeigte sich zaghaft zwischen den Wolken und warf ihr Licht auf den schmalen Körper. Miriam hielt vor dem Haus und war froh, dass sie seine trüben Gedanken etwas verscheucht hatte. Sie blickte in sein entspanntes Gesicht und wusste, sie hatte das Richtige getan.

Florians Mutter hatte sie vom Fenster aus gesehen und öffnete ihr die Haustür. Gemeinsam trugen sie ihn die Treppe hinauf.
„Wir sehen uns in Afrika“, flüsterte sie und gab ihm einen Abschiedskuss. Miriam übergab ihn seiner Mutter und hörte sein leises: “Danke Miam, das vergesse ich dir nie!“
Wortlos drehte sie sich um und ging langsam die Treppe hinunter. Am Absatz blieb sie stehen und warf einen letzten Blick auf den Jungen, ehe die Tür sich hinter ihm schloss. Miriam wusste, sie würde ihn nicht wieder sehen.

Erstaunt stand Florians Mutter da mit ihrem Sohn im Arm. Er war schwarz, voller Ruß, hatte verweinte Augen und lächelte. So glücklich hatte sie ihn seit Ewigkeiten nicht lächeln sehen.
„Komm, ich bring dich ins Bett“, sagte sie zu ihm.
„Aber nicht ausziehen, ich möchte mit diesem Geruch einschlafen. Weißt du, dass ich die Löwen gesehen habe?“, fragte er aufgeregt.
„Er fantasiert“, dachte sie. Tat ihm aber den Gefallen und legte ihn so wie er war, in sein Bett.

Das Telefon weckte Miriam am nächsten Morgen.
„Miriam, er ist eingeschlafen, heute Nacht. Ich weiß nicht, was du mit ihm gemacht hast, aber ich glaube, er war glücklich. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht und er hielt schwarzen Sand in der Hand.“
„Wir waren in Afrika“, erwiderte Miriam. Dann legte sie den Hörer zurück auf die Gabel.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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